www.bikerdream.de
Albanien

Startseite Motorradtouren Albanien Albanische Riviera Krujë

Krujë | eine Stadt für den Entdeckergeist

Blick zur Burg
In Krujë

Die letzten Kilometer an der Küste entlang sind nervig. Eine breite Straße mit viel Verkehr, katastrophal umgeleiteten Baustellen - was eigentlich heißt: nichts umgeleitet, die Straße ist an der Baustelle einfach zu Ende und jeder fährt dort wo Platz ist, mitten durch die Pampa. Aber das sind wir ja schon gewöhnt.

Irgendwann sehe ich einen Jungen am Straßenrand stehen. In jeder Hand streckt er uns ein Meerschweinchen entgegen.

"Hast Du das gesehen?" frage ich Jochen."Der hatte zwei Meerschweinchen!" Jochen entgegnete: "Ja, ich habe den auch gesehen, aber das waren zwei Hasen!" "Schmarrn" meine ich darauf, "das waren ganz sicher Meerschweinchen, die hatten doch gar keine Ohren!" "Klar hatten die Ohren und die waren schwarz-weiß!" "Nein, goldgelb!" Aber so langsam schwante uns was. Jeder hatte einen anderen Jungen angeschaut, Jochen den mit den zwei Hasen am rechten Straßenrand und ich den mit den Meerschweinchen am linken.

Unser Ziel heute ist die Stadt Krujë. Krujë ist nicht zu verwechseln mit Fushë Krujë, das Krujë zehn Kilometer in Richtung der Küste vorgelagert ist. Von dieser alten, illyrischen Stadt Kruja bzw. Krujë leitet sich auch der Name Fushë-Krujas ab, der in etwa Ebene von Kruja bedeutet. Dieses Fushë Krujë ist eine gesichtslose Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern in der Ebene ohne touristische Infrastruktur. Was soll man auch anschauen? Aber wir müssen da durch. Jeder muß da durch, wer von der Küste aus nach Krujë will. Krujë dagegen liegt vor einem hohen Bergrücken einige Kilometer von der Küste entfernt und ist geschichtlich die wesentlich ältere Stadt. Als wir die Stadt erreichen, beschließen wir, wieder zwei Nächte zu bleiben.

Eine Anektode begründet oder besser versucht zu begründen, warum ein Platz in Fushe Krujë George-W.- Bush-Platz genannt wurde. Auch eine fast drei Meter hohe Statue des Ex-Präsidenten wurde mittlerweile aufgestellt. Als der George W.Bush im Jahr 2007 die Stadt besuchte und mitten in der Stadt zahlreiche Hände der hocherfreuten Einwohner schüttelte, soll ihm seine teure Armbanduhr abhanden gekommen sein.

Parken in Krujë ist nicht immer einfach (und nur was für Fahrkönner)

Die Mär von der verschwundenen Uhr wurde durch ein Video in Umlauf gebracht. Darauf ist zu sehen, wie Bush die Hände der Einwohner mit einer Armbanduhr schüttelt und wenig später ohne. Darauf hin entstand das Gerücht, ihm sei die Uhr geklaut worden.

Bush, der auf Veranlassung einer amerikanischen Hilfsorganisation in der Stadt war, wurde darauf hin, so sagte man, aus Scham zum Ehrenbürger der Stadt ernannt und auch ein Platz erhielt seinen Namen. Gerüchte halten sich bekanntlicherweise im Netz sehr hartnäckig, aber die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, Bushs Armbanduhr sei nicht gestohlen worden. Der Ex-Präsident habe sie schlicht abgenommen und danach zunächst nicht mehr gefunden.

Gleich nach dem Abpacken machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Heute sind wir mutig: wir essen Eis und zwar keines das abgepackt in einer Tiefkühltruhe liegt, sondern loses Eis in einem Café. Normalerweise achten wir darauf, nur industriell abgepacktes Eis zu essen, weil loses ja immer etwas zweifelhaft und gefährlich ist. Na, wir werden schon sehen... Später schlendern wir durch die Stadt, auf der Suche nach einem Laden, in dem es Obst und Gemüse zu kaufen gibt.

Fleisch, schuhe, wäschekörbe

Gar nicht weit von unserem Hotel führt eine Gasse steil den Berg hinab. Hier würden wir in einem Laden Klamotten, im nächsten verschiedene Haushaltsgeräte und in einem offenen Verschlag verschiedenes Fleisch kaufen können. Wenn wir das richtig sehen, hängt an einem Haken ein gehäutetes Kaninchen, am Haken daneben vermutlich Lammfleisch. Sieht alles ziemlich wild aus.

Gasse in Krujë
Venedig

Schließlich finden wir endlich einen Lebensmittelladen und kaufen ein Kilo Kirschen. Und ich kann es mir nicht verkneifen, einige noch ungewaschen zu verputzen. Ich werd' schon sehen, wenn mir schlecht wird. Hier müssen wir vermutlich den Kirschen-Preis mit Touristenaufschlag zahlen. In Pogradec zahlten wir fürs Kilo Kirschen 70 LEK. Das sind umgerechnet fünfzig Cent und natürlich ein Spottpreis für ein Kilo Kirschen. Hier will man nun 280 LEK haben, was natürlich immer noch angemessen ist.

Das Frühstück wird im angrenzenden Café serviert und fällt recht mager aus. Um unseren morgendlichen Kaffeedurst angemessen befriedigen zu können, bestellen wir doppelten “Expresso”. Wir haben ja jetzt schon ein bißchen Erfahrungen sammeln können. Falls die komischen deutschen Trinkgewohnheiten schon bekannt sind, bringt man sogar eine Milch dazu oder – noch besser – fragt gleich, ob der "Expresso" mit Milch sein soll. Anderenfalls gibt es türkischen Kaffee, was aber auch in Ordnung wäre. Das Brot wird hier eingeölt und getoastet serviert, was nicht schlecht schmeckt, ansonsten ist das Frühstück lieblos und besteht aus Einpersonenpäckchen Marmelade, Butter, Honig und Streichkäse.

Freundliche Runde

Wir konnten leider nicht ergründen, was die vier Jungspunde (nicht die gutgelaunten Männer auf dem Foto!) am Nachbartisch frühstücken: es sieht aus wie Risotto mit Qofte, also Hackfleischröllchen. Auch einem älteren, weißhaarigen Herrn wird dieses Gericht serviert. Jeder der Teenies fingert an einem Handy herum und das Rauchverbot ist in Albanien auch noch nicht angekommen. Happy Breakfast.

Nun entdecken wir auch, woher der klare Vogelgesang kommt, den wir schon gestern während unseres Gut-Ankomm-Kaffees hörten: An den Säulen in der Mitte des Raumes hängen rundherum kleine Vogelkäfige mit Kanarienvögeln, die von Zeit zu Zeit einen klares Lied anstimmen. Auf dem Tisch direkt darunter stehen Essig- und Öl-Sets und die Brotkörbe bereit.

Blick von Krujë in Richtung Küste
Die Basargasse

Jetzt aber hurtig. Der erste Touristenbus ist schon angekommen. Eines der Nationalheiligtümer Albaniens ist die Burg von Krujë. Der Weg von der Stadt auf den Burghügel führt durch eine alte, schöne Basargasse. Wirklich schön, mit traditioneller, alter Pflasterung. Früher arbeiteten in diesen Häusern Kupfer- und Silberschmiede. Heute kann man unter anderem Weberinnen zuschauen. Der Weg durch die Gasse hindurch ist jedoch ein Spießrutenlauf!

Zum ersten Mal in Albanien erleben wir die Auswüchse des Tourismus. In den urigen, alten Handwerkerläden werden echte Antiquitäten angeboten, die man sicher zu Spottpreisen erwerben könnte, aber auch viel Ramsch und asiatischer Tand. Das nervigste am Gang durch den Basar ist das ständige Angequatsche. "No, thank you!" Oh, wie wir das hassen! Vielleicht würden wir uns ja auch ein bisschen umschauen. Diese Anmache bewirkt jedoch bei uns das Gegenteil als die Verkäufer damit bezwecken wollen. Nix wie weg hier! Dann besuchen wir doch lieber wieder die steile Gasse, wo die Obstkisten auf der Straße stehen, die geschlachteten Lämmer neben der einfachen Waage im Freien am Haken hängen und die Männer vor der einfachen Kneipe hocherfreut für ein Foto posieren. Und nichts verkaufen wollen.

Die Burg ist schnell erreicht. Als erstes schauen wir uns im pseudohistorisch, leicht maurisch angehauchten Skanderbeg-Museum um. Das Gebäude aus den 80er Jahren wurde von der Tochter des Diktators Enver Hoxha entworfen. Ob sie wohl noch lebt? Wenn, dann vermutlich im Ausland. Oder duldet man sie im Land?

Die Verehrung Skanderbegs als Anführer gegen die türkische Belagerung ist unermesslich und äußert sich an allen Ecken des Landes. Krujë widerstand unter Skanderbegs Führung im 15. Jahrhundert mehreren Angriffen osmanischer Sultane, wodurch der türkische Vormarsch ins Abendland aufgehalten werden konnte. Epische, monumentale Riesenstandbilder in dem Museum, Diaramen, Fresken, Dutzende Portraits und andere Dokumente zeugen von der Verherrlichung dieses Führers. Sie erinnert an die kritiklose Anbetung Atatürks in der Türkei.

Burg von Krujë
Burgturm der Burg von Krujë

Schließlich betreten wir ein altes Gemäuer, das ethnografische Museum. Hier sind Hunderte Alltagsgegenstände ausgestellt, von der Rakibrennerei über die Olivenölpresserei bis zur Wollverarbeitung. Die alten Zimmer sind teilweise prachtvoll ausgestattet und ausgemalt. Vor allem das Männerzimmer. Das Frauenzimmer direkt daneben, durch eine winzige Tür mit dem Männerzimmer verbunden, war wohl nur sowas wie ein Warteraum für das (angeheiratete?) Servicepersonal.

Als wir uns dem Burgturm nähern, klettert ein junger Kerl über einen Mauerrest und die anschließende Holztreppe hinauf. Er winkt uns. Wir balancieren in drei Metern Höhe über den holprigen Zugang, der wohl mal eine Mauer gewesen sein könnte und tasten uns auf der freihängenden Holztreppe bis zur Tür in fünf Meter Höhe.

Das ethnografische Museum von Krujë

Dem jungen Mann, vielleicht zwanzig Jahre alt, fehlt ein Schneidezahn. Da er die Schlüsselgewalt für die alte Holztür hat, lassen wir uns auf ihn ein. Er schwadroniert sofort in einem harten Englisch los, seine gleichartige Betonung ist irgendwie gewöhnungsbedürftig. Wie ein Roboter, der einen auswendig gelernten Aufsatz runterrasselt, erklärt er die Umgegend.

Was wird er wohl für seine Führerdienste verlangen? Über einen Preis wurde noch nicht gesprochen, aber ganz uneigennützig wird er uns sicher auch nicht zur Verfügung stehen. Schließlich möchte er 400 LEK für seine Führung, ein fürstliches Honorar für albanische Verhältnisse. Aber noch wichtiger scheint ihm der Verkauf von Postkarten zu sein. Wir müssen ihm mehrmals und nachdrücklichl erklären, dass wir echt keine Postkarten benötigen.

Die touristischen Auswüchse sind vor allem auf die Nähe von Tirana und Durres zurückzuführen, weil von dort Urlauber in einem Tagesausflug nach Krujë gekarrt werden. In keiner anderen albanischen Stadt hatten wir bisher eine solche Tourismusmaschinerie erlebt.

Auf der Suche nach einem Restaurant landen in einem Lokal, das sich in einem Stadthaus im ersten Stock befindet. Nachdem uns der Wirt in gebrochenem Deutsch erzählte, dass er auch Pizzas in einem Holzofen backt, ist es um Jochen geschehen. Er wäre acht Jahre lang in Frankfurt in einem griechischen Restaurant als Koch angestellt gewesen, erzählt der Wirt. Danach hätte er so viel Geld zusammen gehabt, dass er sich seinen Traum vom eigenen Restaurant in seiner Heimatstadt erfüllen konnte.

Puppen und Teddys - Glücksbringer
Puppen, ausgestopfte Anzüge - Glücksbringer

Wenn wir aus dem Fenster blicken, sehen wir am Nachbarhaus wieder einmal eine Puppe martialisch am Hals festgebunden vor dem Fenster baumeln. Wir bitten unseren Wirt, uns diese Tradition näher zu erläutern.

Er sucht verzweifelt nach Worten, zieht seine Frau hinzu und entschuldigt sich. Sein Deutsch beschränke sich auf Wörter aus der Gastronomie. Er könne in Deutsch über Rindfleisch, Schweinefleisch, Gemüsesorten reden, aber sein Wortschatz reiche nicht aus, um uns über albanische Gebräuche aufzuklären. Wir können uns trotzdem einigermaßen verständigen.

Die Puppen sind ein Brauch, um den bösen Blick draußen zu halten. Ob die Puppe Glück für das Gebäude bringen soll (vermutlich ein Schwarzbau) oder die Bewohner vor Tod, Krankheit oder Kinderlosigkeit schützt, können wir nicht in Erfahrung bringen. Dabei scheint es egal zu sein, welcher Art die Puppe ist, es kann auch ein Teddy sein, oder ein ausgestopfter Anzug, der dadurch einen Körper bekommt.

Krujë klebt an den Hängen des Malëdia e Skënderbeut. Das Gebirge, das nach dem berühmten und verehrten Osmanen-Widerständler benannt ist, erhebt sich hoch über die Stadt. Auf der Höhe, mehrere hundert Meter über der Stadt, befindet sich Sari Salltëk, ein Wallfahrtsort der Bektashi. Dies ist ein islamischer Orden, dessen Mitglieder unter Enver Hoxha verfolgt, eingesperrt, gefoltert und vertrieben wurden und der nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes wieder mit achtzig Tekken (Rückzugsorte, Wallfahrtsstätten, Klöster) im Land vertreten ist. Sari Salltëk ist eine legendäre Gestalt. Er wurde, so wird erzählt, im 14. Jahrhundert mit siebzig Anhängern nach Europa geschickt, um dort den Islam bzw. die Lehre der Bektashi zu verbeiten. Ein steiler, ausgesetzter Fusspfad führt hinauf. Aber in der Zeit der Motorisierung - oder sollte man in Albanien nicht besser sagen: Mercedesierung? - führt neuerdings auch eine Straße in schwindeliger Streckenführung hinauf, auf der Karte heißt die Straße Rruga e Malit - übersetzt also einfach "Bergstraße" oder "Straße auf den Berg".

Blick von Sari Salltëk - Rruga e Malit
Blick von Sari Salltëk
Als Zielscheiben müssen überall die Verkehrsschilder herhalten. 
                Schilder ohne Einschusslöcher - eine Seltenheit.

Als Motorradfahrer sollte man sich das keinesfalls entgehen lassen. In weiten Kurven schlängelt sich die Straße nach oben. Das ist atemberaubend! Der Asphalt muss noch ganz neu sein, er ist dunkelgrau, die Markierungen sind lückenlos und die Leitplanken weisen noch keinen Rost, geschweige denn Dellen auf.

Ein Haus steht hier oben, offensichtlich ein Gasthaus, das aber derzeit einen sehr geschlossenen Eindruck hinterläßt. Der Blick schweift tief nach unten über die Häuserdächer des geschichtsträchtigen Krujë, der Burg, von der aus Skanderbeg den osmanischen Angriff jahrelang abwehrte und die osmanischen Truppen vernichtete. Die schwarzen, weithin sichtbaren Rauchsäulen in Richtung Fushe-Krujës machen auf die Öfen der Kalkbrennereien aufmerksam. Für viele Familien ist es einmal im Jahr am 22. August eine glückbringende Tradition, gemeinsam mit allen Verwandten den steilen Pfad auf den Mali i Krujës hinauf zu pilgern. Dabei übernachtet man gemeinsam im Freien und wirft am Morgen Blumen in die aufgehende Sonne.

In Richtung Süden sehen wir einsam in der hügeligen Landschaft einen mehrstöckigen, großen Kasten inmitten hoher Mauern. Das ist das Jugendgefängnis, erklärte uns der zahnlückige Burgturmführer heute nachmittag. Wir fragten nicht nach, was die Hauptdelikte wären, aber dass die Albaner Waffennarren sind, sieht man im ganzen Land. Sie veranstalten gerne Schießübungen. Als Zielscheiben müssen überall die Verkehrsschilder herhalten. Schilder ohne Einschusslöcher - eine Seltenheit. Man kann nur hoffen, dass zufällig vorbeikommenden Verkehrsteilnehmern immer genug Zeit gegeben wird, die Schusszone zu verlassen.

Der nächste Morgen, wir packen und wollen bald Richtung Berat starten. Eine Servicelady begehrt Einlass in unser Hotelzimmer. "No, we need no towels!" Nur dumm, dass ich das Nein mit einem Kopfschütteln unterstreiche. Mit fragenden Blick und Stirnrunzeln dreht sie sich weg. Ich seh die Denkblase über ihr: „Komische Frau! Spricht NEIN und schüttelt JA!“ Da ist es wieder, das verflixte Schütteln! Es ist ganz klar, dass man als deutscher Neinsager gegenüber den Albanern Verwirrung stiftet. Denn Albaner schütteln den Kopf, wenn sie etwas bejahen! Heben und Senken bedeutet dagegen Nein. Besonders verneinend ist ein Nicken, das von einem Schnalzlaut oder einer kurzen Zeigefingerbewegung unterstützt wird.

Dem Tourverlauf folgen:
weiter mit Berat - durch ein Tal, das wie eine Tankstelle riecht

Email Impressum Datenschutz Partner

links rechts Schließen X