www.bikerdream.de
Amalfitana

Startseite Motorradtouren Amalfitana Ercolano

Ercolano | Stadt aus dem Untergrund

Herkulaneum / Ercolano
Foto: QFL247 [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons

Wir fahren mit 90 km/h auf einer Landstraße, auf der das Tempolimit mit 50 km/h angegeben ist und trotzdem werden wir von Einheimischen überholt. Aber wir gewöhnen uns daran, dass wir hier die langsamsten sind.

Problematisch wird allerdings, dass auch das Rechtsüberholverbot außer Kraft ist. Ab und zu müssen wir die Autobahn / Tangentiale benutzen, um dem Großstadtgewühl um Neapel zu entkommen. Auf der Autostrada heißt es dann Mitfahren: es gibt keinerlei Verbote, alles ist erlaubt. Die Beschränkung auf 90km/h - umsonst. Überholverbot rechts - nie gehört. Nötiger Seitenabstand zum Überholten: fünfzehn Zentimeter reichen. Abstand halber Tacho? Sorry, Tacho zu klein, kann nicht abgelesen oder durch zwei geteilt werden.

Wir sind auf der Suche nach einem vernünftigen Parkplatz in der Nähe der "Scavi de Ercolano", zu deutsch der Ausgrabungsstätte Herkulaneum. Gegenüber ist eine Polizeistation. Genau, hier wird unser Mopped vor italienischen Langfingern sicher sein. Hoffen wir. Dass die Polizisten eine schrille Alarmanlage nicht aus ihrem Büro herauslockt, wissen wir ja erst nach unserem ausgiebigen Besuch der Ausgrabungsstelle.

Auf einer leichten Anhöhe, unweit vom Meer, befand sich vor 2000 Jahren eine Ansiedlung, die ihren Ursprung ca. im 4. bis 5. Jahrhundert v. Chr. hatte. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sie sich zu einer römischen Kleinstadt. Im Jahre 79 n. Chr. lebten fünftausend Menschen in der wohlhabenden Stadt Ercolano, bis der Vesuvausbruch die Stadt unter einer zwanzig Meter hohen Lavamasse begrub.

Unter Bourbonenkönig Karl III. begann man erstmals mit Ausgrabungen, wobei man die Stadt aber eher als Schatzkammer ansah und viele der gefundenen Gegenstände wegschaffte. Richtig wissenschaftlich wurden die Ausgrabungen erst hundert Jahre später betrieben. Im Ausgrabungsgebiet befinden sich ungefähr dreißig Stadthäuser, teilweise sogar noch mit Unter- und Obergeschoss sowie einige öffentliche Bauten. Bisher ist jedoch erst ein Drittel des Stadtgebiets freigelegt.

Die Toten in der Ahfenanlage vom Herkulaneum
Foto: BobFog [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons

Anders als in Pompeji wurde die Stadt nicht vom Ascheregen, sondern von einer heißen Lavamasse begraben. Dieser Schlamm füllte jede Ecke und drang in jede Fuge, so dass die Gebäude und das Inventar regelrecht einbetoniert wurden. Dies erschwerte aber auch die späteren Ausgrabungsarbeiten. Dem Lavaschlamm und seiner "Betonierung" ist es zu verdanken, dass in Ercolano selbst Möbel, Haushaltsgegenstände, Dachgebälk und Fachwerk, zwar leicht verkohlt, aber dennoch gut erhalten die Jahrhunderte überstehen konnten.

Die meisten Bewohner hatten sich retten können, weil die Lava relativ langsam herannahte. Nur in einigen Räumen in der antiken Hafenmauer fand man zahlreiche Skelette von Frauen und Kindern und sogar einem Pferd. Wahrscheinlich war das Meer schon zu aufgewühlt, so dass dieser Fluchtweg über das Meer nicht mehr offen war. In den folgenden Jahrhunderten schlummerte die antike Stadt unter einem fünfzehn bis zwanzig Meter hohen Tuffsteinblock. Die Existenz der Stadt wurde vollkommen vergessen und das Territorium neu besiedelt.

Im Mittelalter entwickelte sich über der verschütteten Stadt der Ort Resina, später Ercolano genannt. Über dem restlichen, noch nicht ausgegrabenen Gelände baute man die neuzeitliche Stadt. Für weitere Ausgrabungen müssten diese Häuser abgerissen werden, was natürlich bei den jetzigen Bewohnern beachtlichen Widerstand auslöst. Die halb abgerissenen Häuser, die die Ausgrabungsfläche am Rand säumen, wirken wie eine zweite Ruinenschicht.

Paleastra Ercolano
Foto: Quinok [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons

Die antike Stadt war von rechtwinklig angelegten Straßen durchzogen. Je nach Himmelsrichtung wurden sie Cardo (von Süd nach Nord) oder Decumanus (von Ost nach West) genannt. Die von der Lava "einzementierten" und jetzt zu gut einem Drittel wieder freigelegten Häuser lassen den Schluss zu, dass sowohl vorwiegend gut situierte Bürger und Patrizier hier gelebt haben, als auch Handwerker, Händler und Fischer. Es gab große, prächtige Stadtvillen mit kunstvollen Bodenmosaiken und Wandfresken. In einigen Blocks klammern sich die kleinen Handwerker- und Händlerhäuser eng aneinander. In der Nähe von Thermen befanden sich oft Schenken, die auf die Einkehr der durstigen Thermenbesucher warteten.

Der begehrte Wein wurde in großen Amphoren gelagert, die immer noch in Regalen liegen oder in der Schenke an der Wand lehnen. Im "Haus des Weinhändlers" (Casa di Nettuno) befinden sich die am besten erhaltensten Mosaiken in einem lichtdurchfluteten Atrium. In vielen anderen Patrizierhäuser sind ebenfalls Böden und Wände mit kunstvollen Mosaiken, Fresken und Stuckdekorationen ausgestattet. Außerdem sind selbst Holzgegenstände erhalten, wenn auch verkohlt.

Die Vorgänger der modernen Mac Donalds-Restaurants waren mit marmorgefliesten Theken ausgestattet. Aus den eingelassenen Tonbehältern wurden kalte und warme Speisen verkauft. Wenn man beim Anblick einer solchen Theke seine Phantasie etwas spielen läßt, kann man sich leicht vorstellen, welches Treiben hier geherrscht haben muss.

Mosaik im Casa di Nettuno
Foto: Samt [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons

Viel Wert wurde auf kleine Gärten und geplegte Innenhöfe gelegt. Die etwas größeren Villen waren alle mit einem Wandelgang ausgestattet, in denen sich die Besitzer im Sommer schattige "Eßecken" einrichteten, wo sie im Liegen, wie damals üblich, ihre Mahlzeiten einnahmen. Fast ausnahmslos schmückten Wasserauffangbecken diese Innenhöfe.

Ein kunstvolles Mosaik befindet sich im Haus des Weinhändlers (Casa di Nettuno). Von weitem betrachtet sehen diese Mosaike aus wie gemalte Bildnisse. Das ist Indiz dafür, mit welcher Genauigkeit und Perfektion diese Mosaike angelegt wurden.

Jedes Atrium überspannte ein Dach, dessen Mitte aus einer zwei mal zwei Meter großen Öffnung bestand. Im Boden darunter befand sich eine Wanne, in der das Regenwasser gesammelt wurde. In einigen Häusern wurde das Wasser noch zusätzlich durch kunstvolle "Wasserspeier" an den Dachkanten kanalisiert und somit in das Auffangbecken abgeleitet. Ein Blick auf das Ausgrabungsgelände. Am Horizont kann man die neuzeitlichen Häuser erkennen, unter dessen Fundament noch weitere antike Schätze auf ihre Freilegung warten. Da diese Häuser teilweise noch bewohnt sind, erschweren sich die Ausgrabungen natürlich erheblich und so schnellen auch die Kosten für die weiteren Ausgrabungen sehr schnell in die Höhe. Ob Ercolano jemals komplett ausgegraben wird, bleibt ungewiss, da derzeit noch nicht einmal die gesamte Fläche der ehemaligen Stadt ausgemacht werden konnte.

Langfinger haben vor der Polizei (k)eine Chance

Wir erreichen den Parkplatz. Und sehen die Bescherung: die Hitze hat den Asphalt des Parkplatzes zerfließen lassen. Der Seitenständer des Motorrads ist bedenkliche 5 cm in den Asphalt gesunken. Aber noch steht unser Gefährt. Wir kommen gerade richtig, als die Schräge des Motorrads von unserer Alarmanlage als ungerechtfertigt anerkannt wird. Möööööööööööööppppp!!!! Es dauert einige Zeit, bis wir in dem schrillen Alarm die Fernbedingung herausgefingert haben und die Alarmanlage zum Schweigen bringen. Uffff! Sind wir jetzt von Polizisten mit gezogenen Pistolen umzingelt, die in uns böse italienische Langfinger vermuten?

Nein, keine Pistolen. Keine Uniformen. Keiner nimmt Notiz von uns. Super. Die sind ganz schön abgehärtet! Aber immerhin hatten wir die Vision, dass Parken vor der Polizeistation sicher sei.

Dem Tourverlauf folgen:
weiter mit Pozzuoli

Email Impressum Datenschutz Partner

links rechts Schließen X