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Smalininkai

Die Memel bildete die Grenze zwischen Litauen und Russland.

In Smalininkai verlief die Grenze zwischen Ostpreußen und Litauen. Eine Grenze zwischen dem Staat des Deutschen Ordens und dem litauischen Großfürstentum, die schon seit 1422 Bestand hatte und fast 500 Jahre lang eine der stabilsten Grenzen Europas bildete. Das ehemalige Ostpreußen wurde 1945 geteilt und die Memel bildete ab sofort die neue Grenze. Das einstige Memelland nördlich des Flusses kam zu Litauen, der größte Teil Ostpreußens zum Kaliningrader Gebiet und damit zur Sowjetunion. Verlässt man die Durchgangsstraße und fährt nur wenige Meter zur Memel, hat man vom Deich am alten Zollanleger einen schönen Blick über den geschichtsträchtigen Strom.

Das heute in der älteren Generation glorifizierte Memelland bezieht sich also nicht auf das gesamte, 900 Kilometer lange Flussgebiet, sondern ausschließlich auf den Abschnitt zwischen Schmalleningken und der Stadt Memel an der Ostsee, dem heutigen Klaipėda. Das heißt im Umkehrschluss: der Fluss ist im deutschen Denken nur 110 km lang, danach ist es nicht mehr der Fluss des Memellandes, die Memel, sondern der Njoman – und somit auch nicht mehr mit großartigen Emotionen verbunden.

Kaffeetrinken
in Schmalleningken
Wir treffen Violeta und ihren Mann Dieter im Garten.

Wir treffen Violeta und ihren Mann Dieter im Garten. Dieter ist ein pensionierter Deutscher, der in Litauen mit Herz und Seele in dem stetig erweiterten Garten werkelt. Der Nachmittag oder besser der frühe Abend vergeht wie im Flug. Denn als wir eintrudeln ist es schon nach 17 Uhr. Ruckzuck ist es sieben. Schließlich stößt noch ein anderes Mitglied der Litauengruppe, Nora mit ihrem Mann, zu unserer kleinen Gesellschaft. Noras Familie stammt aus dem Memelland und sie begibt sich schon seit fast 20 Jahren regelmäßig auf die Spuren ihrer Vorfahren. So langsam sollten wir uns um eine Unterkunft bemühen, unser ursprüngliches Ziel Kaunas ist uns jetzt allerdings zu weit weg. Violeta ruft in einer kleinen Unterkunft in Smalininkai an, jedoch ist diese vollständig belegt.

Ein Haus kurz vor Russland
Über einen Schotterweg lotst uns Violeta zu einem großen Holzhaus.
Haus direkt an der Memel

Sie bringt uns schließlich in einem Haus direkt an der Memel unter. Alleine hätten wir die Unterkunft nie im Leben gefunden! Wir protestieren noch, dass Violeta uns mit dem Auto hinführen will, denn wozu haben wir ein Navi? Violeta erwidert jedoch, dass es da keine Adresse gäbe.

Wir halten unterwegs nach Hinweisschildern Ausschau, aber außer Schildern, deren Texte mit „Stopp” beginnen, können wir keine Hinweise auf eine Unterkunft entdecken.

Über einen Schotterweg lotst uns Violeta zu einem großen Holzhaus. Dahinter wälzt sich die Memel träge durch das Grenzgebiet zu Russland. Am Ufer, etwas tieferliegend als das Haus, wirkt ein Grenzpfosten in den litauischen Nationalfarben wie ein Fremdkörper im Grün der Uferpflanzen. Im Grenzgebiet müssten wir uns von Rechtswegen bei den Behörden anmelden, deshalb auch die „Stopp”Schilder einige hundert Meterzuvor.

Das Haus wurde von Erika sowie ihrem Mann selbst geplant und vollständig aus Holz gebaut, wie sie voller Stolz erklärt. Genauso gut könnte es als Berghütte in den Dolomiten stehen. Im ersten Stock kleine einfache Zimmer, zwei Betten und das war's.

Grenzpfosten an der Memel

Unter dem Dach Matratzenlager, Toilette und Dusche auf dem Gang. Im Erdgeschoss befindet sich außer dem Wohnbereich der Familie ein großer Gastraum, jedoch derzeit oder generell ohne Bewirtung, denn die Hausherrin arbeitet als Lehrerin an einem Gymnasium. Vor allem am Wochenende bietet sie das Haus für Gruppen und Feierlichkeiten an.

Wir haben das Haus als einzige Gäste ganz allein für uns. Erika instruiert uns, morgen früh einfach die Tür hinter uns zuzuziehen. Wahnsinn, wie dunkel es in der Nacht ist! Die Lichtverschmutzung ist in einem derart dünn besiedelten Gebiet sehr moderat (wenn überhaupt vorhanden). Und leise ist es! Wer wie wir in einer Großstadt wohnt, die ständig brummt und werkelt und die Straßenlaternen immer leuchten, für den ist LEISE und DUNKEL schon etwas Besonderes.

First Desaster Day
Blick auf den geschichtsträchtigen Fluss

Am nächsten Morgen frühstücken wir bei Violeta und Dieter. Vom Küchenfenster aus beobachten wir das Schulgelände gegenüber, auf dem gerade eine einwöchiges Ferienlager für Schüler stattfindet.

Die Mädels und Jungs marschieren in vier verschiedenen T-Shirts im Gleichschritt auf den Platz. Es erinnert schon ein wenig an militärischen Drill. Kaum stehen sie alle in Reih und Glied, erschallt laute Popmusik, zu der die Schüler einen mehr oder weniger synchronen Linedance aufführen.

Ein Storch startet im Landeanflug auf den Platz wieder durch. Die Aktivität auf und neben seinen Futterwiesen irritiert ihn sichtlich. Der Arme! Er möchte gern da unten landen, traut sich aber nicht. Die Musik ist laut, sehr laut, auch durch's geschlossene Fenster. In Deutschland würden sich sofort alle Anwohner beschweren. Hier ist das anders, die Kinder haben sichtlich Spaß an ihrem Linedance, egal ob Mädchen oder Buben, und die Bewohner der nahen Häuser freuen sich wohl über die Abwechslung in ihren Tagesabläufen. Violeta meint, das wäre für sie wie Frühstücksfernsehen.

Eine alte Gartenhütte für das Brennholz

Der Blick aus einem anderen Fenster fällt auf ein Bahnhofshäuschen aus Backstein inmitten eines verwilderten Geländes. Smalininkai muss vor Jahrzehnten ein florierendes Städtchen gewesen sein: es gab einen Hafen mit Handels-sowie Passagierschifffahrt, einen Bahnhof mit Schmalspurbahn und zwei, drei Hotels. Vom ehemaligen Glanz und der Geschäftigkeit ist nicht sehr viel erhalten. Geschichtsträchtige Gebäude verfielen oder wurden zu Sowjetzeiten abgerissen. Auch dieses putzige Bahnhäuschen wäre ein Schmuckstück, wenn man sich ein wenig mehr um die Bausubstanz und das Gelände kümmern würde. Violeta bedauert sehr, dass dieses schöne alte Häuschen von Menschen bewohnt wird, die keinen Wert auf ein gepflegtes Grundstück legen.

Panoramen an der Memel

In Litauen wohnen die wenigstens Menschen zur Miete, die meisten kaufen sich eine Wohnung oder ein Häuschen, das oft schon für 20.000 Euro und aufwärts zu haben ist. Nur fehlt danach manchmal die Lust oder das Geld, oder beides, um das Gebäude in Schuss zu halten. Jedoch ist alles sauber. Nirgends liegt Müll auf der Straße, den Wegen und Plätzen. Auch die meisten Gärten sind gepflegt und aufgeräumt. Verwilderte Grundstücke sind die Ausnahme. Alte Eichen bilden am Ortsrand von Smalininkai eine mächtige Allee, wie sie nur noch selten zu finden ist. Angeblich benutzte man die Eichen als Sichtschutz nach oben, erzählt uns Violeta. Das waren wohl vermutlich irgendwelche Truppenbewegungen, die man verbergen wollte?

Dem Tourverlauf folgen:
weiter mit Alte Poststraße 141

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