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Mayday! Mayday!

Irgendwo an der Memel ...

Jochen schaltet vom ersten in den zweiten Gang ... Plötzlich setzt es einen Schlag. Es hört und fühlt sich an, als sei uns der Hauptständer runter gekracht. Nach diesem Mordsschlag rasselt es fürchterlich im Antrieb, irgendwer hat uns wohl einen Beutel Schrauben darin ausgeschüttet. Wir rollen noch einige Meter weiter, auf einen schattigen Parkplatz zwischen vierstöckigen Wohnblöcken. An Weiterfahren ist nicht zu denken, nicht mit diesem Geräusch ...

Mayday! Mayday!

Es ist 13 Uhr. Wir rufen den ADAC an, erklären unsere Notlage sowie unseren Standort. So langsam kriegen wir Hunger. Wir schauen die Hauptstraße rauf und runter. Weit und breit keine Möglichkeit, etwas einzukaufen. Und weg können wir ja nicht. Doch Violeta hatte wohl eine Vorsehung. Sie gab uns belegte Brote mit. (Violeta, wenn Du das jetzt liest: Danke, du bist wie eine Mama zu uns!) Nach knapp zwei Stunden findet uns der Abschlepper. Ein 3,5-Tonner mit zwei Fahrern.

Die haben vermutlich nicht oft Gelegenheit ein Motorrad zu transportieren. Der Fahrer will die BMW auf dem Hauptständer gestellt haben, aber wir überreden ihn, sie mit den Gurten einfach in die Federn zu ziehen.

inmal anschnallen bitte!

Länger als das Verzurren dauert die Diskussion, wohin die Reise gehen soll. Die einzige zertifizierte BMW-Werkstatt ist in Vilnius, der Hauptstadt Litauens. Es gibt sicher Motorradwerkstätten woanders auch, aber ob die eine BMW schon mal von innen gesehen haben? Vilnius liegt 100 Kilometer entfernt. Es bedarf einiger Telefonate, um eine Entscheidung zu treffen. Der Typ vom Abschleppunternehmen würde uns am liebsten zu einer Werkstatt hier in Kaunas bringen, aber das ist eine BMW-Auto-Werkstatt. Die werden kaum ein Motorrad reparieren. Der Fahrer telefoniert herum, wir tun dasselbe. Er wegen der Frage, welche Werkstatt unser Motorrad am schnellsten anschauen kann, wir deswegen, wie wir nach Vilnius kommen. Der ADAC gibt uns grünes Licht, so lange die Abschleppkosten nicht über 300 EUR liegen. Es gewinnt Vilnius.

Haben die hier dehnbare Fahrerhäuser?

So, und jetzt wird es kuschelig! Zwei mal zwei sind ... Richtig: vier! Drei Sitzplätze gibt es im Führerhaus. Der Fahrer sitzt, der Beifahrer sitzt, dann komme ich und dann kommt ... Moment mal, da fehlen noch gut vierzig Zentimeter! Ich bin schon ganz eng aufgerutscht und neben mir sind noch ... na ja, vielleicht 20 Zentimeter! Mir ist es bis heute ein Rätsel, wie Jochen da noch Platz findet und die Tür trotzdem schließen kann. Gut, es ging nur mit ganz viel Schmackes, aber es ging! Das Fahrerhaus muss dehnbar sein!?

An dieser Stelle unserer Geschichte danke ich dem Schicksal, dass es uns zwei gutriechende Herren geschickt hat.

An dieser Stelle unserer Geschichte danke ich dem Schicksal, dass es uns zwei gutriechende Herren geschickt hat. Denn jeder von uns sitzt auf einer Arschbacke, die zweite schwebt aus Platzgründen über dem Sitz. Und um die Körperlichkeiten besser im Fahrerhaus verteilen zu können, hat jeder seine Schulter in der erhobenen Achselhöhle des Nachbarn. Am Anfang stützt mein Nachbar mit der Hand noch die Helme auf der Ablage vor uns ab. Aber soweit können die gar nicht fallen. Schließlich klemmen auch noch die Jacken und Protektoren zwischen Knien und Handschuhfach.

Nach einigen Kilometern werden wir aus der Enge erlöst: einer der beiden steigt aus, gibt dem anderen noch Bargeld für Sprit sowie für die Autobahnmaut und wünscht uns eine gute Fahrt. Auf der Autobahn geht es zügig vorwärts, ich hoffe nur, dass uns keiner der anderen Verkehrsteilnehmer in die Quere kommt, während der Fahrer eifrig auf dem Handy herumtippt. Denn angurten kann sich nur Jochen, bei mir fehlt die Schnalle. Der Fahrer wirft immer wieder einen Blick nach hinten auf's Motorrad, anscheinend ist es ihm etwas unheimlich, dass die Dicke nicht auf dem Ständer steht.

Kurz vor 18 Uhr erreichen wir Vilnius. BMW Krasta handelt mit Autos sowie Motorrädern und betreibt eine Werkstatt. Ein großzügiges Gebäude mit einem stylischen Verkaufsraum. Es könnte genauso gut in Deutschland stehen. Außer dass die Mitarbeiter litauisch sprechen, ist kein Unterschied zu unseren BMW-Niederlassungen zu erkennen. Der Meister mutmaßt sofort, nachdem er das Rasseln gehört hat: Getriebe! Okay, sie werden es sich näher anschauen, wir bleiben jetzt erst mal in Vilnius.

Panorama von Vilnius
Panorama von Vilnius

Fragt sich nur, wo. Altstadt wäre das Beste, so ganz ohne Fahrzeug. Die Werkstatt bestellt uns ein Taxi und wir telefonieren mit dem B&B Bernadinu, es liegt inmitten alter Gassen, altstädtischer geht nicht. Für drei Tage wäre ein Zimmer frei. Das sollte reichen, um die Situation zu klären. Im Taxi kühlt uns eine Klimaanlage auf Betriebstemperatur runter, wunderbar.

Das B&B Bernadinu liegt in der gleichnamigen Gasse, die mit dem Motorrad perfekt zu erreichen gewesen wäre. Mit dem Auto wird das schon schwieriger, vor allem, da in diesen engen, bucklig gepflasterten Straßen (eigentlich eher Gassen) auch noch Autos parken. Da hilft nur, die Fußwege zu Hilfe zu nehmen, um daran vorbeizukommen. Egal, unser Taxifahrer scheint geübt, nutzt jeden Zentimeter und schlängelt sich durch, als führe er ein Motorrad.

Wir belegen ein großes Zimmer unter dem Dach und wandern wenig später nach Užupis, einem historischen Stadtteil von Vilnius. Wohl der bekannteste. Er wird an drei Seiten vom Fluss Vilnia umgeben. Bis zum zweiten Weltkrieg galt der Stadtteil als Jerusalem des Ostens, hier lebten fast nur Juden. Nachdem diese großteils ermordet wurden, standen viele Häuser leer.

Dem Tourverlauf folgen:
weiter mit Vilnius | Užupis

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