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Vilnius - nette Aussichten

Hauswand in Vilnius

Nächster Tag. Wir warten auf ... nein, nicht auf's Christkind. Wir warten auf eine Nachricht der BMW-Werkstatt, wie es unserem Patienten geht.

Ein Mitarbeiter der Werkstatt meldet sich, aber wir haben leichte Verständigungsprobleme. An diesem Punkt zeigt sich wieder einmal, wie hilfreich es ist, sich nicht nur im realen Leben zu vernetzen – auch und vor allem unsere digitalen Vernetzungen helfen uns in dieser misslichen Lage ungemein. Aus der Facebookgruppe bekamen wir gestern eine Freundschaftsanfrage von Michael. Er lebt seit mehr als 20 Jahren in -Vilnius und bietet uns seine Hilfe an. Michael ruft für uns in der Werkstatt an. Damit wird die Sache transparenter.

Hauswand in Vilnius

Die Werkstatt verlangt 556 Euro dafür, dass sie das Getriebe öffnen. An diesem Punkt wäre also erst mal eine Diagnose gestellt, aber noch nichts repariert. Ersatzteile müssten generell bestellt werden und das könnte vierzehn Tage oder länger dauern. Das sind ja nette Aussichten! Wir erinnern uns an diesen Sack Schrauben im Getriebe und sind auf derartige Nachrichten gefasst. Die Möglichkeit, Ersatzteile über den ADAC zu beschaffen, ziehen wir nicht mehr in Betracht. Unser Entschluss steht sofort fest: die Dicke muss nach Deutschland!

Die ADAC-Mitarbeiterin ist entgegen unseren bisherigen Erfahrungen eine unfreundliche Kratzbürste mit ausländischem Dialekt. Sie könne uns noch nicht sagen, ob der Transport nach Deutschland in Frage käme. Dazu müssten zwei Bedingungen erfüllt sein: das Fahrzeug dürfe in Litauen nicht innerhalb von drei Tagen zu reparieren sein und es dürfe kein wirtschaftlicher Totalschaden vorliegen. Diese Aussage müsste die Werkstatt bestätigen. Nach drei Stunden informiert uns die ADAC-Tante, dass in der Werkstatt alle fünfzehn Minuten angerufen würde, aber dort hätte niemand Zeit. Und außerdem spräche sie kein Litauisch, fährt sie mich schnippisch an. Hmmm, an wen sind wir denn da geraten?

Straßenmusikerinnen
Blick über Vilnius

Warten, sagt der Duden, ist „dem Eintreffen eines Ereignisses entgegenzusehen”. Wir sollen zum „passiv sein” verdonnert sein? Wir drehen den Spieß um und beauftragen den Mitarbeiter der Werkstatt, doch bitte dem ADAC den Stand der Dinge zu erklären. Endlich kommen die Dinge ins Rollen.

Okay, wir reisen also mehr oder weniger als Fußgänger weiter, zumindest werden wir unser Gepäck und das, was ein Motorradfahrer am Leib trägt, irgendwie transportieren müssen. In dem Mietwagen, den wir uns hier in Vilnius für übermorgen organisiert haben, könnten wir die Motorradklamotten noch lose transportieren, aber spätestens auf der Fähre hätten wir ein Problem. Wow, was für ein Haufen Zeugs muss da verpackt werden! Das merkt man erst, wenn man wirklich mal versucht, die Motorradklamotten in Taschen zu stopfen. Und nicht nur Klamotten: Helme und Stiefel auch. Dann brauchen wir jetzt also drei Reisetaschen, am besten groooße Sporttaschen.

Blick über Vilnius

Unsere Suche danach wird zur läuferischen Fitnessübung, wie wir nach einigen Kilometern feststellen. Hier in der Innenstadt gibt es zwar schnuckelige Läden und Boutiquen, aber keine mit derart profanen Dingen wie Sporttaschen. Michael, den wir wiederum um Rat fragen, schickt uns zu einem Maxima-Markt in der Mindaugo gatve, der Mindaugas-Straße. Wir laufen und laufen und laufen ... Bei einem weiteren Telefonat mit Michael wird klar: wir sind einem Irrtum aufgesessen. Wir sind dermaßen auf „Mindaugo” fixiert gewesen, dass wir nicht bemerkten: es gibt auch eine Brücke. Mindaugo tiltas, nicht Mindaugo gatve. Mannmannmann. Die Mindaugo gatve ist ganz woanders!

Stadt der dicken Autos
Vilnius

Am nächsten Tag nehmen wir den richtigen Maxima-Markt ins Visier. 1,3 Kilometer Luftlinie – ein Klacks für unsere laufgestählten Waden. Gleichzeitig ein schöner Spaziergang durch die Stadt. Die kräftig strahlende Sonne schafft es am Morgen noch nicht, die Lufttemperatur auf T-Shirt-Level anzuheben. Der Wind pfeift uns kräftig um die Ohren und die Softshelljacke ist die perfekte Bekleidung für einen angenehmen Stadtspaziergang.

Ein Rätsel können wir bis ans Ende unserer Tour nicht lösen: In der Stadt sieht man dicke Autos ohne Ende. Die Menschen sind arm, aber wer bezahlt die dicken Porsches? Die Häuser verkommen, aber die Autos davor deuten (theoretisch) auf gut gefüllte Geldbeutel hin. Vermutlich alles auf Pump, Leasing oder Rate. Keiner unserer Gesprächspartner und keiner der Baltikum-Buchautoren kann diese Textaufgabe zufriedenstellend und mathematisch einwandfrei lösen. (Man könnte fast vermuten, es gibt politische Gründe, warum alle Autoren das Mäntelchen des Schweigens über diesen Umstand ausbreiten.)

Vilnius
Vilnius

Michael meint, das Auto wäre das Teil im Besitz eines Litauers, das jeder Außenstehende als erstes bemerke, egal wo er damit hinführe. Wie es dagegen auf dem Konto des Autobesitzers aussähe und in welcher Wohnungssituation er leben würde, könnte man nicht so ohne weiteres sehen. Das Renommee des Litauers begründe sich auf Äußerlichkeiten. Das erinnert uns ein wenig an die Albaner, die es sich zum Lebensziel erklärt haben, einen Mercedes zu fahren. Nur dass in Albanien der Mercedes auch dreißig Jahre alt sein darf.

Wir schlendern über die Gediminos gatve, der Haupt-und Prachtstraße von Vilnius, die sich jedoch in jeder beliebigen Metropole Europas befinden könnte: kleine Boutiquen, Cafés, Banken, Ministerien und natürlich die unvermeidlichen Fastfoodtempel. Die Preise haben Westniveau, für manche Importgüter liegen sie sogar noch darüber. Die Allee nennt sich verkehrsberuhigt, da sie von abends 19 Uhr bis um 4 Uhr am Morgen und sonntags bereits ab 10 Uhr für den allgemeinen Verkehr gesperrt ist.

Vilnius

Die Straße wurde 1836 als Gediminos-Allee angelegt und ist zweifellos die Haupteinkaufsstraße von Vilnius. Die Allee hatte in dieser Zeit insgesamt elf verschiedene Namen, klar, Lenin musste herhalten und auch Stalin bekam eine Zeitlang „seine” Allee. Man muss solche Prachtstraßen mögen, unser Fall ist sie nicht, zu viel Prunk und zu viel Schickimicki. Von findigen Tourismusmanagern stammt wohl auch die Idee, Vilnius als „Baby Prague” oder „Little Rome” zu bezeichnen. Die Stadt mit Ihren vielen Gotik-, Barock-und Renaissancebauten hat eine Menge Potential, aber bei einem Vergleich mit Prag oder Rom zöge sie trotzdem den Kürzeren. Aber es wurde ja„Little”davor gesetzt, damit istsie eben die kleineSchwester.

Die drei Musen vor dem Dramentheater in Vilnius

Wir fühlen uns mit sportlichen Zip-Hosen, gut eingelaufenen Turnschuhen und den betont sachlichen Softshelljacken unter den Litauern ein wenig deplatziert. Vor allem die litauischen Frauen kleiden sich auffällig weiblich und sehr elegant. Ungeschminkt und im Schlabberlook auf die Straße zu gehen würde der Litauerin nicht einfallen. Immer in Stöckelschuhen und wenn das Pflaster noch so holprig ist. Sobald die Sonne lacht, sind Röcke in jeder Länge DAS Kleidungsstück der Frauen. Und so manche schwungvoll aufgespritzte Lippe ergänzt die kurvigen Körperlinien der schlanken Passantinnen.

Streetart von Ernest Zacharevic
Streetart von Ernest Zacharevic
Streetart von Ernest Zacharevic

Vorbei am Dramentheater mit der auffälligen Plastik „Drei Musen” gelangen wir zu einem hohen Flachbau mit bröckelnden Betonfassaden, dem ehemaligen Kino „Lietuva”, dessen Front mit einem riesigen, plastischen Graffiti verziert ist. Zwei fünf Meter hohe Hände fädeln mit den Fingern ein Abnehmspiel, dieses Fadenspiel aus unseren Kindertagen mit Übergeben und Abnehmen, das nie ein Ende findet.

Wer kennt es nicht? Na, am ehesten die männlichen Leser – dieses Gefädele mit phantasievollen, verblüffenden Figuren war eher ein Ding der Mädels. Bei diesen überdimensionalen Figuren bekommt das Fadenspiel eine ganz neue Bedeutung. Während die beiden Hände den gezwirnten Faden zwischen sich spannen, turnen drei Kinder auf den Schnüren. Ein Junge hängt links davon lässig mit einer Hand an den riesigen Buchstaben des Namenszugs„Lietuva”und schaut den anderen bei ihrer Kletterei zu.

Dieses augenzwinkernde Graffiti-Kunstwerk ist im Rahmen des Street-Art-Festivals im Jahr 2013 entstanden. Der litauische Street-Art-Künstler heißt Ernest Zacharevic. Wenn man sich seine Werke im Internet anschaut: Hut ab! Ein grandioses Talent! Seine Zeichnungen haben Pfiff und Witz. Er kombiniert gerne dreidimensionale Gegenstände und gemalte Figuren miteinander. So setzt er eine Handvoll verschmitzt grinsende Orang-Utan-Babys in eine halb in die Wand eingelassene Schubkarre. Die Orang Utans sind an die Wand gemalt, aber so, dass man meint, ihr Fell streicheln zu können.

Deutscher Stammtisch in Vilnius
Endlich ein großer Supermarkt für unseren Taschenkauf

Schließlich erreichen wir ihn: einen Maxima-Markt mit drei X. Drei X bedeuten, der Markt ist einer von der großen Sorte. Größer als der Maxima XXX ist nur noch der Hyper-Maxima. Auf dem Rückweg ist unser Gepäck um drei große Taschen erweitert.

Heute Abend haben wir eine Verabredung mit Michael, denn er ist der Organisator des „Deutschen Stammtischs” in Vilnius. Die Zusammenkunft findet einmal monatlich in der Altstadt im „Old Green House” statt, nur ein paar hundert Meter von unserem B&B entfernt. Michael kennen wir ja bisher nur digital aus der Litauen-Freunde-Gruppe in Facebook und von unseren Telefonaten. So ein digitaler Freundeskreis verkleinert die Welt schon unheimlich.

Was Motorradfahrer alles so mitschleppen, müssen wir nun schleppen ...

Aber vorher muss noch das Zeugs in die Taschen! Also dann: zwei Jacken, zwei Hosen, vier Stiefel, zwei Rückenprotektoren, zwei Helme, Handschuhe, bisschen ziviles Klamottenzeugs (ein lächerlich winziges Häufchen), zwei Paar Schuhe und ein mächtiger Berg Foto-und Videoequipment – uppps, das wird knapp! Wir schreiben Michael eine Nachricht, dass wir später kommen. Es ist kaum zu glauben, was man da so alles am Leib hat und überhaupt, was man alles auf dem Motorrad mitschleppt. Manches braucht man einmal und dann jahrelang nie mehr, aber wehe, es wäre nicht dabei.

Hier wirkt das Old Green House irgendwie wie ein Schlauchboot zwischen Hochseedampfern.

Als endlich alles einigermaßen unter Dach und Fach ist, tigern wir los zum „Old Green Haus”. Das dunkelgrün ge strichene Holzhaus mit weißen Fenstern klemmt wie ein vergessenes Relikt aus dem letzten Jahrhundert zwischen hohen klassizistischen Prachtbauten. Links strahlt das Luxus-Hotel Kempinski und rechts das Viersterne-Hotel Ablaton den Charme der weiten Welt und des Geldes aus. Dazwischen wirkt das Old Green House irgendwie wie ein Schlauchboot zwischen Hochseedampfern.

Ich hatte mir Cepelinai eingebildet, das litauische Nationalgericht. Aber leider stehen im Old Green House keine auf der Karte. Da wir noch einige Zeit in Litauen unterwegs sein werden, besteht jedoch die berechtigte Hoffnung dieses Gericht testen zu können. Michael empfiehlt mir stattdessen Blynais, Kartoffelpuffer. Auch lecker!

Vilnius

Der Abend vergeht im Nu. Wir löchern Michael und weitere Gäste in dieser geselligen Runde mit Fragen zu ihrem Leben. Der Mindestlohn beträgt 400 Euro und der Durchschnittsverdienst liegt bei 600 Euro. Eine gesetzliche Krankenversicherung existiert wohl im Ansatz, aber in der Realität kann man damit nicht viel anfangen, was darauf hinausläuft, dass alles selbst bezahlt werden muss. Kranke und Rentner werden finanziell von der Familie unterstützt. Michael berichtet, nach der Selbstständigkeit Anfang der 90er Jahre wären sehr viele Autos aufgebrochen worden, seins auch mehrmals, Autoradios waren ein begehrtes Diebesgut. Heutzutage hätten die Langfinger gemerkt, dass die Autoradios nicht mehr einfach von einem Auto ins andere portiert werden können.

Zeit macht aus einem Gerstenkorn eine Kanne Bier. Das ist zwar ein lettisches Sprichwort über den Wert der Geduld, passt aber auch zu Litauern. Michael erzählt uns aus seinem Alltag als Unternehmer in diesem baltischen Staat. Die Litauer hätten ihren eigenen Lebensstil, berichtet er uns.

Vilnius

Stünde ein Litauer vor der Wahl: einfacher Lagerarbeiter oder Außendienstmitarbeiter – er würde sich für den Lagerarbeiter entscheiden. Trotz Provision und einem sicheren Mehrverdienst. Verrückte Welt. Zwar ist Außendienstmitarbeiter auch in Deutschland nicht jedermanns Lieblingsberuf, doch sicher fiele die Wahl in den meisten Fällen anders aus. Auch in Sachen Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit ist der Litauer eher mit einem der südländischen Temperamente zu vergleichen. Der Alltag geht ein wenig geruhsamer vonstatten und kommt der Klempner nicht heute, na, dann kommt er halt morgen.

Die Unternehmen kämpfen mit einer Arbeitsgesetzgebung, die es Arbeitnehmern leicht macht, die Firma ganz kurzfristig wieder verlassen zu können. Die Arbeitsgesetze sähen es vor, dass ein Angestellter innerhalb von 14 Tagen kündigen kann. Wer also keine Lust mehr hat ... Für Arbeitgeber, die mühsam Personal geschult und über Wochen angelernt hätten, wäre dies eine sehr eigenwillige und fatale Gesetzgebung, meint Michael.

Vilnius

Wie es scheint, denkt der Litauer (insbesondere der litauische Unternehmer) nicht so langfristig wie ein Deutscher. Stichwort Kundenbindung. Michael erzählt von Vorfällen in der Gastronomie, wie er sie mit seinem Stammtisch vielfach erlebt hat: Der Stammtisch findet einmal monatlich in immer dem gleichen Restaurant statt. Man könnte annehmen, dass an diesem Tag Plätze für – sagen wir mal – 25 Personen fest reserviert wären. Und dass an der Reservierung dieser Plätze keiner rütteln könnte. Weit gefehlt. Kommt an diesem Tag eine (einmalige) Anmeldung für eine andere Gruppe mit 40 Personen rein, fliegen die 25 Deutschen raus. Dass diese Gruppe auf Dauer bei ihren monatlichen Besuchen mehr Umsatz bringt als die nur dieses eine Mal erscheinende Reisegruppe fällt dem litauischen Restaurantbesitzer nicht auf. Jetzt, sofort und heute klingelt die Kasse! Nur das zählt.

Dem Tourverlauf folgen:
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