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Kurische Nehrung | Nida

Gepflegte Holzhäuser auf der Nehrung

Es weht wie immer ein strammes Windchen. Die salzige Luft erfrischt und es duftet intensiv nach Kiefern, als wir auf der schmalen Landzunge zwischen der Ostsee, die sich rechterhand befindet, und dem Haff auf der linken Seite dahinrollen. Wenn man sich konzentriert und den Motor abstellt, ist die vom Wind gepeitschte Ostsee zu hören. Sehen kann man sie meistens nicht.

Die Geschichte dieser Sandmassen verdeutlicht, wie es aussieht, wenn das ökologische Gleichgewicht ins Wanken gerät. Vor 600 Jahren war die Nehrung gänzlich von Mischwäldern bedeckt. Ab dem 15. bis ins 18. Jahrhundert holzte man die Flächen jedoch großteils für den Schiffsbau ab, so dass die Landschaft in einen wüstenähnlichen Zustand fiel. Waldbrände, die stetig frische Brise und die Erosion erledigten den Rest: es blieben nur nackte Sandberge. Der Wind türmte diese zu riesigen Wanderdünen auf, die bis zu zwanzig Meter im Jahr vom Ostseewind auf die Haffseite gedrückt und versetzt wurden. 14 Dörfer wurden während vier Jahrhunderten unter den 30 bis 40 Meter hohen Sandmassen begraben. Manche Dörfer traf es mehrmals, die Bewohner bauten dann ihre Häuser ab und an neuem Standort wieder auf.

Gepflegte Holzhäuser auf der Nehrung
Die Hohe Düne, die zweithöchste Europas

Auch die Einwohner von Nida mussten schon mehrere Male fliehen. Im 19. Jahrhundert begann man Strauchzäune zu errichten und vor allem wurden die Dünen wieder bepflanzt. Erst durch diese großflächige Wiederaufforstung mit Bergkiefern kamen die Wanderdünen endgültig zum Stillstand.

Heute ist die „Hohe Düne” bei Nida jedoch in andere Richtung gefährdet. Weil kein Sand mehr nachkommt, wird von den mächtigen Weststürmen stetig Sand ins Haff geweht. In den letzten 20 Jahren hat die Düne dadurch rund 15 Meter an Höhe verloren. Das ist eine stattliche Zahl und wenn dieser Entwicklung nicht Einhalt geboten wird, sehen unsere Enkel nur noch einen riesigen, aber ebenen Sandkasten.

Nach 30 Kilometern angenehmer Fahrt ergattern wir einen der begehrten Parkplätze unweit der „Parnidischen Düne”. Vor uns die unvermeidlichen Souvenirstände mit den noch unvermeidlicheren Bernstein-Mitbringseln und -ketten. Wir klettern hinauf auf die Sandberge, auf eine Aussichtsplattform.

Die Düne ist zu großen Teilen bewachsen, ein dichter Teppich trockenheitsresistenter Gräser überzieht die meisten Sandhänge.

Die „Hohe Düne”, die zweithöchste Europas, das ist schon mal eine Hausnummer. Jedoch hätten wir sie uns irgendwie massiver und sandiger vorgestellt. Klar, man erwartet weiße oder gelbe Sahara-Berge. Die Düne ist zu großen Teilen bewachsen, ein dichter Teppich trockenheitsresistenter Gräser überzieht die meisten Sandhänge. Sicher gibt es andere Standorte, bei denen die Düne einen besseren Eindruck schindet: bei einer Wanderung zum Beispiel. Hier von der Aussichtsplattform aus fehlt uns heute womöglich auch die Sonne, bei dem kühlem, straffen Wind und einem grau bedeckten Himmel wirkt alles kontrastarm und konturlos. Das gilt auch für die monumentale, vierzehn Meter hohe Sonnenuhr.

Nida, das alte Nidden, ist ein kleines buntes Städtchen, in dem im Sommer der touristische Bär steppt. Jetzt, in der ersten Junihälfte, ist es noch ruhig. Einige wenige Individualtouristen sind unterwegs, aber Trubel sieht anders aus. In der Stadtmitte, unweit des Hafens, durchkämmen wir eine Tourismusinfo nach brauchbaren Wanderkarten und Prospekten, werden aber nicht fündig.

Nida, das alte Nidden, ist ein kleines buntes Städtchen, in dem im Sommer der touristische Bär steppt. Das Ausflugsschiff findet heute keine Passagiere.

Am Hafen lassen wir uns verleiten, an einer Verkaufsbude duftenden Räucherfisch zu erstehen. Das Angebot ist riesig, aber was ist was? Da wir keine Lust haben, die litauischen Namen mühsam nachzuschlagen, nehmen wir einfach ein großes, dickes Stück, weil es uns das wenigste Gefiesel mit lästigen Gräten suggeriert. Unsere unwissende Wahl werden wir ein wenig bereuen. Wir hätten einfach eine Forelle kaufen sollen. Ein Stück fetter, alter, geräucherter Wels ist halt doch nicht die Offenbarung. Wie sagte ein Bekannter: ein Wels ranzelt eben gern ein bisschen. Und genau so schmeckte er auch.

Nebelkrähen – früher ein Leckerbissen
Nebelkrähen – früher ein Leckerbissen

An der gesamten Ostseeküste begegnet man allerorts den schwarz-grauen Nebelkrähen. Im kleinen Hafen von Nida haben Lachmöwen und Nebelkrähen ein wachsames Auge darauf, ob nicht jemand was für sie fallen lässt. Ob heute noch einer der alten Einwohner begehrlich auf die Krähe schaut und denkt: „Yamm yamm, lecker”? Krähenfleisch war bis zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs eine Delikatesse auf der Nehrung. Es gab Fischer, die im Herbst Krähen fingen, man nannte sie Krähenbeißer.

Zu Zeiten des Vogelzugs fingen die Fischer jahrhundertelang die Krähen mit Netzen und beförderten sie mit einem beherzten Biss in die Schädeldecke vom Leben zum Tod. Daher der Name Krähenbeißer oder „Krajebieter”. Ein Mensch beißt in die Schädeldecke dutzender Vögel – eine gruselige Vorstellung. Danach rupfte man sie, pökelte das Fleisch und legte es in Gewürze ein. So wurde es zu einer beliebten Winternahrung.

Wir klettern noch kurz zum Thomas-Mann-Haus hoch. Thomas Mann verbrachte von 1930 bis 1932 seine Sommer in Nida. Ins Haus (einem Thomas-Mann-Museum) müssen wir nicht, zumal sowieso nichts Originales von der Einrichtung des Schriftstellers mehr erhalten blieb. Vom braun-rot gestrichenen Holzhaus aus hat man einen schönen Ausblick auf's Haff, wobei ein paar Bäume dafür noch weg könnten, dann wäre es perfekt.

Gästehaus Priu Mariu

Vor dem Gästehaus „Priu Mariu” verwickelt uns eine Frau mit kinnlanger Frisur in ein angeregtes Gespräch. Diese Unterkunft befindet sich in zwei wunderschönen, traditionell blau-weiß-rot gestrichenen Holzhäusern. Wir hatten es ein, zwei Tage vor unserer Fahrt auf die Nehrung über booking.com gecheckt, denn es hatte uns gut gefallen – aber leider auch vielen anderen Nehrungsbesuchern. Es war komplett ausgebucht.

Es kristallisiert sich schnell heraus, dass sie uns für Zimmersuchende hält. Danute, wie sie sich vorstellt, erklärt uns, dass sie voll ausgebucht sei. Obwohl sie sehr gut deutsch spricht und wir ihr klarzumachen versuchen, dass wir schon anderweitig fündig wurden, hechtet sie davon, um nachzusehen, ob sie nicht doch ein Kämmerchen frei machen könnte. Wir wollen nicht unfreundlich sein und uns still und leise aus dem Staub machen. Also warten wir auf ihre Rückkehr. Als sie wiederkommt und tatsächlich ein Zimmer frei hätte, wenn auch nur für zwei Nächte, machen wir ihr nun doch begreiflich, dass wir keinen Bedarf haben.

Die überschwängliche Begrüßung sollte uns nicht ins „Priu Mariu” locken, sondern in das etwas zurückgesetzte Gästehaus „Mariu Krantas”, ebenso ein schönes altes, renoviertes Haus. Zum Abschied werden wir von Danute umarmt. Wow, welche Herzlichkeit, vielleicht etwas arg manisch, aber wenn man sich ihre Bewertungen durchliest, würden wir gerne ein Zimmer bei ihr beziehen. Tausendmal lieber eine etwas überdrehte Gastgeberin als einen pampigen Griesgram. Ein andermal vielleicht. Schließlich müssen wir diese Tour unbedingt wiederholen, ohne Pannen, mit einem reparierten oder neuen Motorrad, auf JEDEN Fall.

Hotel Vila Flora in Juodkrantė

In unserem Hotel in Juodkrantė ist noch eine kleine Gruppe von Motorradfahrern eingetroffen. Am Abend halten wir einen Schwatz mit ihnen. Sie sitzen eisern an den Tischen draußen, klar, als Raucher bleibt ihnen auch nicht viel anderes übrig, denn das Rauchverbot in öffentlichen Einrichtungen ist seit 2008 auch in Litauen angekommen. Wir gesellen uns erst zu ihnen als wir schon auf's Zimmer gehen wollen, denn 12°C sind suboptimal zum Draußensitzen – also nur noch mal schnell Hallo sagen! Mit einigen„Benzingesprächen” dauert der Schwatz dann doch etwas länger. Klaus, einer von den Vieren, erzählt uns, dass er in Vilnius wohne, 350 Kilometer von hier entfernt. „Bist du letzten Donnerstag beim „Deutschen Stammtisch” gewesen?” fragen wir ihn. Er bejaht und schaut uns groß an. „Und kamst mit dem Motorrad und hast ganz hinten rechts gesessen?” Er bejaht es nochmals und schaut noch fragender. Wir klären ihn auf, dass die Neuen auf der gegenüberliegenden Seite der langen Tafel wir gewesen seien. So klein ist die Welt!

Dem Tourverlauf folgen:
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