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Im Gelände des ethnografischen Museums findet an diesem Wochenende der Kunsthandwerkermarkt (Gadatirgus) statt.

Heute geht es weiter nach Lettland, in die Hauptstadt Rīga, das sind von Šiauliai nur um die hundert Kilometer. Die Straße ist kerzengerade, amerikanische Verhältnisse. Die Hitze flirrt über der Asphaltdecke und entwirft die Illusion von spiegelndem Wasser.

Grenzübertritt
Blick über Riga und den Fluss Daugava

Bei drei Hotels in der Innenstadt rufen wir kurz an. Alles voll. Schade. Wir visieren nun ein Hotel an, von dem aus die Altstadt in 10 Minuten zu erreichen ist. Die Adresse ist schnell ins Navi eingegeben, und obwohl wir immer wieder ganz in der Nähe sind, benötigen wir eine Ewigkeit. Denn in der vierspurigen Straße, wo sich das Hotel befindet, kann man nicht links abbiegen. Bei Ausbruchsversuchen landen wir in Sackgassen, Einbahnstraßen oder werden mit Hochzeitsgesellschaften konfrontiert, die die einzig mögliche Straße blockieren. Wir tasten uns durch verwinkelte Hinterhöfe und irgendwelche Industriegelände. Zweimal sind wir schon am Hotel vorbeigefahren, kommen aber nicht über diese blöde vierspurige Straße hinüber auf die andere Seite. Rīga, deine Verkehrsführung ist eigenartig!

Endlich ist die Odyssee beendet und ein Zimmer ist auch frei. Wir checken ein. An der Rezeption steht ein PC zur freien Verfügung für die Hotelgäste. Ein halbnackter Mann und sein Freund, in einen weißen Hotelbademantel gehüllt, hacken nervös auf der Tastatur herum. Vermutlich haben die beiden nach anderen Hotelzimmern gesucht, denn als wir uns dem Aufzug zuwenden, zischelt uns der eine mit dem Bademantel wutentbrannt zu: „Do not sleep in this fucking hotel! The air condition doesnt work!” Wir haben die Air condition natürlich sofort eingeschaltet, alles okay bei uns. Crazy. Zwei halbnackte, nicht unansehnliche Herren in der Hotellobby sind schon irgendwie dekadent ...

Hier in der Hauptstadt Lettlands haben wir das Gefühl, dem ehemaligen Osten und der sowjetischen Vergangenheit schon wesentlich näher gekommen zu sein.

An der Rezeption drückt man uns einen „Daumennagelzettel” mit den Nummern der Bus-, Tram-und Trolleylinien sowie dem Namen der Haltestelle vor dem Hotel in die Hand. Auf geht’s. Da wir keine Fahrscheine besitzen, müssen wir bar beim Fahrer bezahlen. Dieser fährt einhändig los, wechselt die Blickrichtung eifrig zwischen dem spärlich gefüllten Münzbehälter und der Straße und versucht die Spur zu halten. Es kommt wohl nicht so oft vor, dass jemand beim Fahrer zahlt.

Hier in der Hauptstadt Lettlands haben wir das Gefühl, dem ehemaligen Osten und vor allem der sowjetischen Vergangenheit schon wesentlich näher gekommen zu sein. Die sowjetischen Machthaber siedelten viele Russen an, noch heute sind 40 % der Einwohner russischstämmig. Im Jahr 2009 wählte Rīga sogar einen russischen Bürgermeister. Der Einfluss der Hanse und des Deutschordens ist jedoch in der ganzen Stadt unverkennbar, denn bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Deutschen vorherrschend, sie stellten die Hälfte der Bevölkerung.

Es gibt Lettland und es gibt Rīga
Am Bahnhof, der „Zentral-Station”, stehen wir nach zwanzig Minuten Fahrt vor den Zeppelinhallen.

Am Bahnhof, der „Zentral-Station”, stehen wir nach zwanzig Minuten Fahrt vor den Zeppelinhallen. Diese Hallen wurden zu Zeiten des Ersten Weltkrieges als Konstruktionshallen für Zeppeline gebaut und beherbergen heute Europas größten Lebensmittelmarkt.

An der Brücke vor den Hallen verkauft ein altes Mütterchen Maiglöckchen, die einen süßen Duft verströmen. Gerne hätte ich der alten Frau ein Sträußchen abgekauft, jedoch wäre es zerdrückt, bis wir wieder im Hotel ankämen. Einige Meter weiter bieten Bauersfrauen die Ernten ihrer Gärten an. Wunderbar! Hier stehen Blumen in Plastikeimern zum Verkauf, die in unseren Gartenmärkten so nicht mehr >zu finden sind. Keine hochgezüchteten Gerbera und exotische Paradiesblumen, sondern Wicken, Bartnelken (auch als Buntnelken bekannt), weiße und gelbe Margeriten, Federnelken, Kornblumen, ein farbenfroher und gut riechender Bauerngarten auf stufenförmigen Verkaufstischen. Wie bei Oma früher.

Die Letten nennen ihn Centrāltirgus – Zentralmarkt, oder etwas poetischer: Bauch von Rīga.

Auch an zahlreichen Obst-und Gemüseständen wird appetitliche Ware feilgeboten. Kirschen, 9,90 Euro pro Kilo – nicht gerade ein Schnäppchen. „Es gibt Lettland und es gibt Rīga” – dieser im ganzen Land populäre Spruch gilt auch und besonders für das Thema Einkaufen. Die Letten nennen ihn Centrāltirgus – Zentralmarkt, oder etwas poetischer: Bauch von Rīga. 1998 wurde der Zentralmarkt Rīga in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.

Es gibt nichts, was es nicht gibt.

Irgendwo in den Weiten des Internets kann man lesen: sage und schreibe 3000 Marktstände mit 5000 Angestellten gäbe es im „Bauch von Rīga”. Das scheint ziemlich hoch gegriffen. Verteilt auf vier Hallen (die fünfte ist nur dem Großhandel vorbehalten) ergäbe das 600 Stände pro Halle. Selbst wenn man die vielen kleinen Stände im Umfeld der Hallen mitrechnet, an denen die Hausfrauen ihre selbstgestrickten Socken an den Mann zu bringen versuchen oder die Bauersfrauen ihre Blumen, selbst dann sind 3000 Stände eine unglaubliche Zahl.

Wie war das? Baron von Münchhausen hat doch nördlich von Rīga in Dunte gelebt. Haben vielleicht findige Werbetexter mit Wurzeln in Dunte an der Vita des Zentralmarktes geschraubt? Wikipedia nennt eine glaubwürdigere Zahl von reichlich 250 Angestellten. Auch die tägliche Besucherzahl 80.000 bis 100.000 ist gigantisch. Gemäß der Gesetzmäßigkeit, dass sich dort gerne geschickte Langfinger tummeln, wo sich viele Menschen durch bunte Kaufangebote ablenken lassen, sollte man also auf seine Taschen und den Inhalt gut aufpassen.

Im Bauch von Rīga
In jeder Halle riecht es anders: Sauerkraut, frisch eingelegte Gurken, diverse Krautsalate, rote Beete, Gewürze, eingelegte, ganze Knoblauchknollen  ...

Die Luft ist geschwängert von Düften der saisonalen Gerichte und in jeder Halle riecht es anders: Sauerkraut, frisch eingelegte Gurken, diverse Krautsalate, eingelegte, ganze Knoblauchknollen, rote Beete, Gewürze, Samen, Reise und andere Cerrealien in zehn Kg-Säcken, Öle, Buchweizenhonig, Hanfbutter, getrocknete Früchte, Samen und Gewürze, Wurst, Fleisch, Zungen, Schweinsfüße, ganze Schweinsköpfe, Leber und Geflügelherzen. Es gibt Stände mit Süßigkeiten, auch Medizin, Zigaretten und Tabak sowie Kosmetik finden sich. Die Verkäuferinnen scheinen meist russisch zu sprechen, es entsteht der Eindruck, als bewege man sich innerhalb einer russischen Enklave. Spasiba, Doswidanja ...

Karpfen, Störe, Störrogen, Dorschleber, Flundern, Makrelen, Kaviar, Shrimps, Sprotten, Tintenfische, die Scheren von Krabben (was macht man damit?)

Am meisten imponiert uns die Fischhalle. Auch und vor allem deswegen, weil sie für's Auge die meiste Abwechslung bietet. Aale, roh und geräuchert. Karpfen, Störe, Störrogen, Dorschleber, Flundern, Makrelen ... Kaviar, Shrimps, Sprotten, Tintenfische, die Scheren von Krabben (was macht man damit?). Große Stücke von geräucherten Fischen, die äußerst verlockend duften, aber einfach nicht für„to go” geeignet sind.

Für Liebhaber von Meeresfrüchten liegt die für eine Küstenregion typische Auswahl bereit, die in dieser Breite einzigartig ist. Günstig sind die Preise allerdings nicht. Die Bekanntheit und die zahlungskräftige Besucherschar tragen zu einem gehobenen Preisniveau bei.

Ein fossiler Vampir
Für Liebhaber von Meeresfrüchten liegt die für eine Küstenregion typische Auswahl bereit, die in dieser Breite einzigartig ist.

Auch die berühmten Neunaugen kann man hier noch lebend kaufen. Wer sie in der Gaststätte zwischen den Hallen bestellt, den erwartet ein frisch zubereitetes Fossil. Denn das Neunauge ist ein fischähnliches Wirbeltier, das sich seit 500 Millionen Jahren kaum verändert hat. Es ist die ungekrönte Delikatesse aus den Flüssen Lettlands. Seinen Namen trägt es eigentlich zu Unrecht, denn es hat nur zwei Augen – bei der Namensgebung wurden fälschlicherweise die Kiemenöffnungen mitgezählt.

Mit dem runden Maul saugt sich das Neunauge an Fischen fest und raspelt sich mit Dutzenden kleinen Zähnchen durch die Schuppen, um Blut aus seinem Wirt zu saugen. Sie sind die Vampire des Meeres. Ob der traditionelle Fang des Neunauges in den Flüssen noch lange gestattet bleibt? Sie stehen auf der roten Liste der bedrohten Tierarten, so bleibt zu vermuten, dass der Fang von der EU in den nächsten Jahren auch in Lettland eingeschränkt wird. In Westeuropa darf das Neunauge schon seit Jahren nicht mehr gefangen und gegessen werden.

Ein unverzichtbares Lebensmittel sind die traditionellen Brotsorten der Letten. Das Brot ist dunkelbraun, mit einer tiefschwarzen Kruste, einen halben Zentimeter dick. Wir würden sie verbrannt nennen, aber das würde der Lette nie zugeben. Oft wird das Roggenbrot mit Kümmel gewürzt und die Kruste ist von Kümmelsamen gesprenkelt. Das Brot ist schwer und schmeckt hervorragend.

Theoretisch hat der Markt 24 Stunden am Tag geöffnet. Wer die Preise tagsüber nicht bezahlen mag, kommt einfach in der Nacht wieder, dann findet der Nachtmarkt statt.

Der Fleischpavillon ist der Größte von allen. Zu Sowjetzeiten fuhr man das gesamte Fleisch Lettlands hierher in diesen Markt, in dem Schweinefleisch der Renner ist. An Imbissständen kann man russische Spezialitäten probieren.

Theoretisch hat der Markt 24 Stunden am Tag geöffnet. Wer die Preise tagsüber nicht bezahlen mag, kommt einfach in der Nacht wieder, dann findet der Nachtmarkt statt. Das ist quasi der Großmarkt, auf dem die Händler günstig einkaufen und auch der Privatmann seine Einkäufe erledigen kann. An die >Zeppelinhallen grenzen ziemlich abgewrackte Buden an, darin scheint es so was wie einen Flohmarkt zu geben. Als wir zwischen 16 und 17 Uhr durch dieses Areal schlendern, ist jedoch alles schon dicht oder im Begriff zu schließen.

Stalins Geburtstagstorte
Dieser protzige Bau ist die Akademie der Wissenschaften und wurde unter Stalin in den 1950er Jahren erbaut.
Blick von Stalins Geburtstagstorte

Als nächstes wollen wir hoch hinaus ... „Stalins Geburtstagstorte” ist so etwas wie die russische Antwort auf das „Empire State Building”. Nur einen Steinwurf vom Zentralmarkt entfernt reckt sich ein 108 Meter hohes Gebäude mit verschnörkelter Sandstein-Fassade und Hammerund-Sichel-Symbolik in den Himmel. Dieser protzige Bau ist die Akademie der Wissenschaften und wurde unter Stalin in den 1950er Jahren erbaut. „Ein Geschenk der anderen Sowjetrepubliken an das lettische Volk” nannte man das Gebäude in der sowjetischen Propagandasprache. Ob die Bürger schon damals hinauf durften in den 17. Stock?

Heutzutage wird der Bau zumindest zum Teil touristisch vermarktet, denn vom Freiluft-Rundgang im 17. Stockwerk genießt man einen guten Blick aus 65 Metern Höhe auf Rīga und die Brücken über den Fluss Daugava. Bis in den 15. Stock bringt uns ein Lift, danach heißt es noch über zwei Etagen Treppen zu steigen. Vier Euro Eintritt pro Person ist allerdings ein stolzer Preis für dieses Vergnügen.

Das Lüftchen dort oben ist schon eine ausgewachsene Luft. Wir werden kräftig durchgepustet. Wer Wert auf eine perfekte Frisur legt – sollte nie nach Rīga fahren! Die Hosen stehen wir Fahnen im Wind, die Haare ebenso. Auf der Plattform genießt ein Paar romantische Augenblicke an einem weißgedeckten Tisch. Sie in weißem, luftigem Kleid, er im Anzug. Ein Freund ist mit Foto-und Videokamera dabei und dokumentiert jeden Wimpernschlag. Die beiden Hauptakteure sitzen an einem extra herauf geschafften Tisch und nippen an einem Gläschen Sekt. Ein Brautpaar? Vermutlich. Oder eine Verlobung? Irgendwas Romantisches auf jeden Fall.

In der 150jährigen Speicherstadt, dessen Backsteingebäude heute Kunstgalerien und Cafés beherbergen.
Speicherstadt

Unten an der Daugava wandern wir durch die 150jährige Speicherstadt, dessen Backsteingebäude heute Kunstgalerien und Cafés beherbergen. Das Areal wurde in den letzten Jahren einer gründlichen Renovierung unterzogen. Hier ist echt nichts los. Nur ein, zwei Menschen ruhen sich auf den Bänken aus. Zwischen den Häusern der Speicherstadt ist viel Platz. Hier hat man ein Physikschaustück installiert, dass uns staunen lässt. Zwei konvex gewölbte Glaswände sind sich gegenüber wie zwei Fussballtore aufgebaut. Jochen spricht in 40 Meter Enfernung in die gekrümmte Glaswand, während ich vor der anderen Glaswand lausche. Er spricht so laut und deutlich, als stünde er neben mir.

Wir schlendern durch die Stadt. Wunderschöne Fassaden. Herrlich, Jugendstil über Jugendstil. Kein Jugendstil, aber eines der markantesten Gebäude von Rīga ist das Schwarzhäupterhaus, ein prunkvoller Backsteinbau aus dem >14. Jahrhundert. Allerdings wurde das Haus durch Beschuss im Jahre 1941 weitestgehend zerstört und auch die letzten Mauerreste später durch die Russen gesprengt. Sein heutiges Aussehen hat es erst wieder seit 1999, als es pünktlich zur 800-Jahr-Feier nach alten Fotos rekonstruiert wurde.

Schwarzhäupterhaus
In den Gassen Rigas

So gar nicht zur Altstadt passt der große Kran neben dem Schwarzhäupterhaus. Es sind jedoch keine unvermeidlichen Bautätigkeiten, die das Aufstellen des Kranes erforderlich machten. Gerade wird wieder eine dicke Wanne nach oben gezogen und am Boden dieser Wanne entziffern wir eine Laufschrift: „Dinner in the sky”. 22 Sicherheitssitze sind um einen Tisch gruppiert, auf dem ein exquisites Viergängemenü in fünfzig Metern Höhe serviert wird.

Während des Essens sind die Gäste wie im Auto angeschnallt. Wir haben uns über die Preise für das luftige Abendessen (das von Stadt zu Stadt tingelt) schlau gemacht. Für zwei Personen zahlt man abends 198 Euro, oder falls man das letzte Menü um 22 Uhr wählt, 258 Euro. Der Sonnenuntergang kostet also stattliche 60 Euro Aufpreis.

Die Altstadt ist kultig. Überall Kneipen, Cafés, Freisitze. Livemusik. Schade, dass man hier gelegentlich von den Bediensteten der Kneipen (wir nennen sie Reinschmeißer) angequatscht wird. Das hassen wir wie die Pest. Die Ampeln zählen mit Countdown, so weiss man immer, ob Eile geboten ist oder man sich Zeit lassen kann. Die Straßen mit rundem, holprigem Pflaster werden für Trägerinnen von dünnen Schläppchen oder Highheels zur Tortur. Gott sei Dank haben wir trotz des Platzproblems in den Motorradkoffern wieder die guten, bequemen, aber auch platzraubenden Laufschuhe eingepackt. Es geht doch nichts über gutes Schuhwerk, egal ob bei Stadtbesichtigungen oder Bergtouren – das nimmt sich fast nichts.

In den Gassen Rigas

Viele Rīgaer Fahrradfahrer kennen das Thema und zogen dicke Ballonreifen auf Ihre Räder auf, offensichtlich das einzige Mittel, damit Mensch und Material diese Straßen einigermaßen unbeschadet überstehen. Omas verkaufen Souvenirs und dynamische junge Männer auf Fahrradrikschas jagen über die holprigen Pflaster. Die Fahrer, vermutlich Studenten, müssen kräftige Waden haben.

„... than you run!”
In den Straßen Rigas

Am Narvesen-Kiosk kaufen wir die Fahrscheine für die Rückfahrt sowie weitere, um morgen hinaus zum Ethnografischen Museum außerhalb Rīgas zu fahren. Oder besser gesagt: wir versuchen es. Der Kauf wird zur Geduldsprobe, denn bei der Verständigung mit der Kioskdame läuft irgendetwas schief.

Ein junger Mann stellt sich hinter uns an und verfolgt eine ganze Weile geduldig unsere verzweifelten Kaufgesuche. Irgendwann meint er verschmitzt: Wir sollten einfach keine Tickets kaufen ... Und wenn dann jemand zum Kontrollieren käme: „...than you run!” Grins. Was soll's, wir geben es auf. Jochen quillt schon der Dampf aus den Nüstern. Er hat einfach keine Geduld für Spiele mit ungewissem Ausgang. Aber „... than you run!” ist ein geiler Tipp. You made my day! Die Letten beweisen Humor.

Am Abend schlemmen wir uns durch die Speisekarte des Grillrestaurants, das sich auf dem Dach des Hotels befindet. Um 21 Uhr ist es immer noch warm genug, um draußen zu sitzen. Tagsüber waren es 28 °C und auch jetzt ist es noch lau, allerdings mit dem üblichen Wind.

Der leere Nachbartisch ist gedeckt und wir wundern uns über die Teller mit nur zum Teil verzehrten Speisen, die halb ausgetrunkenen Biere und eine zu dreiviertel geleerte Flasche Jim Beam. Nach einer Stunde erscheinen die Gäste wieder. Sie in normaler Straßenkleidung, er in Hose und einem weißen Bademantel. Schon der zweite Hotelgast, der im Bademantel herumläuft. Dekadent? Oder Saunabesucher? Oder beides?

Gestrickt. Gehäkelt. Geschmiedet.
Das Museumsgelände befindet sich am Jugla-See in einem 87 Hektar großen, hügeligen Gelände und beherbergt 118 lettische Gebäude.

Mit dem Bus (Linie Nr. 1) geht es am Vormittag in einer knappen halben Stunde Fahrt in den Stadtteil Bergi, ungefähr acht Kilometer außerhalb. Im Gelände des ethnografischen Museums findet an diesem Wochenende der Kunsthandwerkermarkt (Gadatirgus) statt. Nur einmal jährlich und immer am ersten Juni-Wochenende kommen Letten aus allen Regionen des Landes zusammen, um ihre Waren zu verkaufen.

Das Museumsgelände befindet sich am Jugla-See in einem 87 Hektar großen, hügeligen Gelände und beherbergt 118 lettische Gebäude. Die Häuser stammen aus verschiedenen Epochen: die ältesten wurden Ende des 17. Jahrhunderts erbaut, die jüngsten in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Hier finden sich Bauernhöfe, Windmühlen, Brunnen, eine Schmiede, eine Kirche, ein Wirtshaus und ein Fischerdorf aus den Regionen Kurland, Livland, Lettgallen und Semgallen, wobei sich dem Laien die regionalen Unterschiede nicht wirklich erschließen. Aber in den Gebäuden trifft man auf Letten, die in englischer, gelegentlich auch in deutscher Sprache, das Inventar erklären oder Einblicke in alte Handwerkskunst geben.

Eine ältere Dame mit Häubchen flechtet aus Stroh Körbe, Ruten, Unruhen und Glücksbringer.
Was es hier alles gibt! Holzlöffel und andere Gegenstände aus diversen Hölzern, Pelze, Keramiktöpfe, -teller und -tassen, Holzstühle ...

Eine ältere Dame mit Häubchen flechtet aus Stroh Körbe, Ruten, Unruhen und Glücksbringer. Sie spricht gut deutsch und erklärt die Funktionen der einzelnen Flechtstücke. Eines davon, ein eckiges Etwas in der Größe eines Schlüsselanhängers soll gegen Bockigkeit helfen. Wäre mein Bester aller Göttergatten öfters mal widerspenstig, würde ich eines kaufen. Indes: ich kann nicht klagen, so macht die Gute kein Geschäft.

Über viele Hektar Wald sind Tische und Stände verteilt. Es müssen Hunderte von Händlern und Kunsthandwerkern sein. Was es hier alles gibt! Holzlöffel und viele andere Gegenstände aus diversen Hölzern, Keramiktöpfe, -teller und -tassen, Holzstühle, kunstvoll bestickte Leinentischdecken und -kleider, Wollpullover, Handschuhe, Schals, gehäkelte und gefilzte Mützen, Schwarzer Balsam (Rīgas Melnais Balzāms, den Kräuterlikör), Silber-und Leder-Schmuck. Riesige Figuren, figürliche Installationen aus zentnerschweren Steinen mit geschmiedeten Gliedmaßen, die riesige Ameisen, Spinnen oder anderes Getier darstellen. Gruseliger oder extravaganter Schmuck für den Garten, je nachdem, ob man Insekten und Spinnen mag oder nicht.

Die Wege führen meist unter dem schattigen Blätterdach eines ausgewachsenen Kiefernwaldes hindurch. Man kann sich einen halben oder sogar einen ganzen Tag darin aufhalten, so weitläufig ist diese Anlage. Und würde man müde und schlapp, ruht man sich irgendwo am Wasser aus und schaut den Schwänen beim Grundeln zu.

Inmitten einer Lichtung sind die Buden in einem weitläufigen Quadrat aufgebaut. Davor jeweils Tischgarnituren zum Sitzen. Was in Deutschland die Fressgasse, ist in Rīga das Freßkarrèe. Es herrscht eine Musikbeschallung wie auf dem Oktoberfest. Blasmusik vom Feinsten, sehr heimisch das Ganze! Sogar die „Rosamunde” wird aus dem Sack gezaubert. Ob die musikalischen Geschmäcker auch noch vom Deutschen Orden herrühren? Die Begleitmusik in diesem Areal klingt für unsere Ohren auf jeden Fall nicht sehr fremd.

Vegetarier haben's schwer
In einer Pfanne simmern Schweineohren und Schweineschnauzen vor sich hin. Hoffentlich sind sie gründlich abgeflammt – sonst piekst es im Mund!
Die lettische Küche ist jedoch nichts für Kalorienzähler. Gekocht wird mit viel Butter, Schmalz, Speck und Sahne.

Wir drehen eine Runde durch's Freßkarreé, um einen ersten Überblick zu bekommen. Die Auswahl der Gerichte ist überwältigend! Die lettische Küche ist jedoch nichts für Kalorienzähler. Gekocht wird mit viel Butter, Schmalz, Speck und Sahne. Würste, Steaks, riesige Schaschliks, Sauerkraut, aufgespießte, frittierte Kartoffelscheiben, Kuchen, Honig und diverse Getränke. In einer überdimensionierten, schmiedeeisernen Pfanne simmern Schweineohren und Schweineschnauzen vor sich hin. Sie sind ein traditionelles und äußerst beliebtes Gericht, dazu gibt es Sauerkraut und Gerste. Hoffentlich sind die Schweineschnauzen gründlich rasiert und abgeflammt – sonst piekst es im Mund! Angesichts dieses gehaltvollen Essens ist es echt verwunderlich, dass so gut wie keine molligen Menschen zu sehen sind. Und das gilt nicht nur für Lettland, sondern auch für Litauen.

Wir nehmen an einer wackligen Tischgarnitur Platz, deren Schunkeleigenschaften eine Familie entsetzt fliehen lässt. Okay, hier also nur gaaaanz langsam bewegen und vorsichtig kauuuuen ...

Eine Rīgaerin gesellt sich zu uns. Neugierig schiele ich auf ihren Teller und befrage sie zu den braunen „Bobseln”. Sie spricht gut englisch und bietet mir an, zu kosten. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Ich stibitze mir eine von den „Bobseln” von ihrem Teller: braun wie Kastanien, so groß wie ausgewachsene Erbsen, innen mehlig wie Kartoffeln, der Geschmack und die Konsistenz erinnert an Maronen. Schon eigenartig: diese braunen Dinger nennen die Letten „graue Erbsen” und vor allem beim Weihnachts fest sind die „grauen Erbsen”, serviert mit Speck, ein Muss auf jedem Tisch.

Iveta, wie unsere Tischnachbarin heißt, hätte sofort bemerkt, dass wir deutsch sprechen. Sie habe ein Jahr lang in Salzburg gelebt, spräche zwar kein Deutsch, würde die deutsche Sprache jedoch unwahrscheinlich gerne hören. Als Vegetarierin hätte sie es in Lettland nicht ganz einfach, erzählt sie uns, denn die traditionelle, lettische Küche wäre doch sehr fleischlastig. Wenn wir die Blicke so in die Runde schweifen lassen: stimmt. Es köchelt zwar auch massig Kraut in den großen Tiegeln, aber sicher hat man dieses mit jeder Menge Speck verfeinert.

Ein im Stil der 20er Jahre gekleideter Leierkastenmann schwingt die Kurbel an einer Drehorgel.

Ein im Stil der 20er Jahre gekleideter Leierkastenmann schwingt die Kurbel an einer Drehorgel. An anderer Stelle spielt ein Lette auf einem Bandoneon und schmettert voller Inbrunst Volkslieder in die Runde. Die Letten sind Sänger, das waren sie schon immer und seit der „singenden Revolution” sind sie dafür bekannter denn je. Damals im August 1989 fanden sich zwei Millionen Menschen der drei baltischen Länder zu einer 600 Kilometer langen Menschenkette zusammen und sangen für die baltische Freiheit.

Das Singen gehört zu den Letten wie das Bier zu den Bayern. Was der deutschen Jugend nur mittels DSDS einigermaßen schmackhaft zu machen ist – in Lettland singen bereits Kinder und Jugendliche Volkslieder. Und vor allem: sie singen mit Begeisterung und nicht, weil sie damit berühmt werden und ins Fernsehen kommen wollen.

Tradition wird hoch geschätzt.

Vermutlich könnte sich kein Lette vorstellen, nicht zu singen. Gleich nach dem jährlichen Johannisfest, der Sonnenwendfeier, ist das alle fünf Jahre stattfindende Sing-und Tanzfest das zweitwichtigste Ereignis im Land. Diese Sängerfeste mit Hunderten Tanz gruppen und Chören finden jeweils in den Jahren statt, die auf eine drei und eine acht enden (dies als kleiner Hinweis für diejenigen, die in einem solchen Jahr hierher fahren).

Ein Schmid und seine Kunstwerke

Irgendwann will der Morgenkaffee wieder raus und die Mobiltoilette am Wegesrand kommt mir gerade recht. Ich muss kurz warten, andere müssen auch. Doch als ich dran bin, lege ich nach dem Türöffnen sofort den Rückwärtsgang ein. Danke – ich muss nicht so dringend. Ich würde das nicht beschreiben, wenn mich nicht die Dame hinter mir voller Unverständnis und vor allem voller Wut anherrscht: „What's your problem?” Mein Gott, sie reagiert, als hätte ich gerade gesagt: die Letten sind alles Schweine! Ich habe doch nur diese *Punktpunktpunkt* Toilette nicht benutzen wollen. Ich ließ ihr sehr gerne den Vortritt, auf diesen Abtritt.

Der Bus bis weit hinaus in den Speckgürtel Rīgas fährt nur alle halbe Stunde. Der Besucheransturm beim Kunsthandwerkermarkt lässt den Bus fast bersten und uns nur beengte Stehplätze neben dem Fahrer ergattern. Wir berappen wieder zwei Euro pro Person, weil wir es bekanntermaßen gestern nicht schafften, bei der jungen Dame am Narvesen-Kiosk zwei Tickets für je 1,15 Euro zu erstehen.

Dem Tourverlauf folgen:
weiter mit Das mondäne Jūrmala

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