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Jūrmala - ein mondäner Traum

Am Strand von Majori

Am nächsten Morgen packen wir wieder einmal unsere Siebensachen. Westlich von Rīga, direkt an der Küste der Rīgaer Bucht, liegt der Ort Jūrmala. Er ist unser erstes Tourziel an diesem Tag. Allerdings sollte man eines wissen: Jūrmala gibt es eigentlich nicht – es sind viele kleine Orte, die ineinander übergehen und unter dem Begriff Jūrmala zusammengefasst sind. Sie heißen Dubulti, Pumpuri, Melluži, Asari, Majori und Vaivari. Mit dem letzten Ort Kauguri endet das Gebilde Jūrmala. Wir nähern uns dem Fluss Lielupe, der parallel zum Strand verläuft und dadurch dem Küstenort ein wenig Inselflair verleiht.

Doch bevor wir die Möglichkeit haben, den Fluss zu überqueren, zieht uns erst einmal die Polizei raus. Na super! Jochen gibt gerade noch zu bedenken: „Was steht da auf den weißen Schildern über der Fahrbahn? Irgendwas stimmt hier nicht ... ” Kaum ausgesprochen, fuchtelt auf der Straße auch schon ein Polizist mit der Kelle herum und winkt uns auf einen Parkplatz.

Bronzene Schildkröte in Jurmala

„Mitkommen!”
Wir folgen ihm kleinlaut in ein Büro. Er klärt uns anhand von Bildern (nett, die sind auf uns Ausländer eingerichtet!), dass wir hier eine Maut zu zahlen haben. Sch...! Wie hoch sind die Strafen in Deutschland oder Österreich, wenn das „Pickerl” nicht auf dem Fahrzeug klebt? Wir ahnen Schlimmes! Das wird jetzt wohl die Urlaubskasse um einen Batzen Geld erleichtern! Aber nicht die Urlaubskasse wird erleichtert, sondern wir sind es. Denn der zu zahlende Betrag inklusive Strafe beträgt gerade einmal fünf Euro.

Wir hätten weiter vorn am Automaten, ähnlich den deutschen Parkautomaten, einfach ein Ticket für die sogenannte Jūrmala-Citymaut im Wert von zwei Euro ziehen müssen. Diese Maut erlaubt die Ein-und Durchfahrt während eines Zeitraums von 24 Stunden. Der Polizist malt eine kleine Ewigkeit einen Strafzettel aus, mit Namen, Führerscheinnummer, KFZ-Kennzeichen, ein bürokratischer Aufwand ohne Gleichen. Unserer handgeschriebener Mautstrafzettel ist fertig, die Papiere wieder eingepackt und wir sind erleichtert, dass das so glimpflich und preiswert abging. Vor lauter Erleichterung stecke ich auch den Fünf-Euro-Schein wieder ein ... Das gibt Protest! Okay – man kann es ja mal versuchen ;-)

Einst berühmte Sommerfrische russischer Fabrikanten, deutscher Bankiers und lettischer Künstler, war Jūrmala das Aushängeschild der Reichen.

Einst berühmte Sommerfrische russischer Fabrikanten, deutscher Bankiers und lettischer Künstler, war Jūrmala das Aushängeschild der Reichen. Mit 40.000 Villen, die viele Millionen wert sind, ist es heute wieder dabei, zu einem bedeutenden Kur-und Badeort zu werden und seinen vergangenen Glanz erneut aufzupolieren. Vor den Toren der lettischen Hauptstadt erstreckt sich ein weißer, insgesamt mehr als dreißig Kilometer langer Sandstrand.

Kaum brennt die Sonne, strömen die Menschen zu Tausenden an den Strand. Jūrmala ist bei den Russen sehr berühmt, es war und ist der Inbegriff eines mondänen Badeortes. Zu Sowjetzeiten war es schier unmöglich, einen Platz am weißen Sandstrand zu ergattern. Nach der Unabhängigkeit Lettlands kamen die Russen jedoch nicht mehr. Oder besser: sie konnten nicht mehr kommen.

Mit 40.000 Villen ist es heute wieder dabei, zu einem bedeutenden Kur-und Badeort zu werden und seinen vergangenen Glanz erneut aufzupolieren.

Nachdem Lettland seine Freiheit erkämpfte, war es erst einmal vorbei mit dem Massentourismus aus den Sowjetrepubliken. Aus Angst vor der russischen Übermacht erschwerte der lettische Staat den russischen Touristen die Einreise. Mittlerweile werden jedoch nicht nur wieder Urlauber jeder Nationalität nach Jūrmala gelockt, sondern auch russische Investoren.

Viele der modernen Appartementhäuser, der klassizistischen Villen und der historischen Holzhäuser aus der Zeit des russischen Zarens haben inzwischen russische Besitzer. Denn es lockt nicht nur die wunderschöne Lage sowie die profitable Zukunft des Landstrichs, sondern auch eine ganz besondere Bedingung: Wer für mindestens 250.000 Euro eine Immobilie kauft, der erhält für einen Zeitraum von fünf Jahren ein Schengen-Visum und kann ohne Hindernisse durch die Staaten des Euro-Raumes reisen.

Vom Fischerhaus zum Badehaus
Am Ostseestrand von Jurmala

Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde das Leben in den Landstrichen westlich von Rīga komplett umgekrempelt. Davor lebten hier ein paar hundert Siedler vom Fischfang und der Fischräucherei. Bis Ende des 19. Jahrhunderts fanden immer mehr russische Erholungsbedürftige und Verwundete aus dem Krieg gegen Napoleon Gefallen am Genesungsurlaub in den ruhigen Fischerdörfern, wo man sich schnell an die neuen Verdienstquellen gewöhnte. Anfang des 20. Jahrhunderts standen dann die meisten der mondänen Holzvillen sowie Kur-und Badehäuser schon. Um die verschiedensten Leiden zu lindern, legte man sich in Badewannen mit erwärmtem Meerwasser. Das Baden am Strand war nur zu verschiedenen Zeiten, nach Männlein und Weiblein getrennt, gestattet. Später wurde das zwar aufgehoben, aber gelegentlich trifft man heute noch Strände, an denen nur Weiblein oder nur Männlein baden dürfen. Also immer Augen auf bei der Beschilderung (meist international verständliche Piktogramme).

Majori ist der mondänste Ort im Verbund Jūrmala. Hier stehen schöne alte Holzvillen und Häuser der gehobenen Klasse, früher sowieso und heute vermutlich wieder für gut betuchte Gäste. Manche Häuser umgibt ein parkähnlicher, hoch eingezäunter und gut bewachter Garten. Einige Villen verfallen, aber es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis mit EU-Mitteln und/oder mit Hilfe von Investoren auch diese Gebäude wieder restauriert werden. Beim Seepavillon und dem „Jūrmala Beach Hotel” bewacht eine große bronzene Schildkröte den Strandzugang. Ein drehbarer Tanzsaal war das Schmuckstück im 1909 erbauten Seepavillon. Ob es den Tanzsaal immer noch gibt, nachdem das Gebäude 2005 – sicher mit EU-Mitteln – restauriert wurde?

Mit unserer schwarzen Big Turtle hier in Majori zu sein – das wär's jetzt. Wir verdrücken ein wehmütiges Tränchen.

Mit unserer schwarzen „Big Turtle” hier in Majori zu sein – das wär's jetzt. Wir verdrücken ein wehmütiges Tränchen. Aber was soll's, auch trotz Panne ist es eine traumhaft schöne Reise. Eines wissen wir schon jetzt ganz sicher: diese Tour werden wir mit dem Motorrad wiederholen. Wiederholen müssen. Wir hätten nie geglaubt, dass uns das Baltikum so in seinen Bann ziehen könnte. Wir sind verzaubert.

Die Badeorte von Jūrmala lassen wir hinter uns. Unser Navi schickt uns wieder einige Kilometer über eine staubige, aber gepflegte Schotterpiste. Man gewöhnt sich dran. Nur hinter sich selbst möchte man wegen der Staubfahne nicht herfahren müssen ...

Dem Tourverlauf folgen:
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