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Kap Kolka und Sensation! Kurvige Strecke!

Aaaaales für uns, nur für uns!
Das Holiday House Ūši – in dem zwei Zimmer zu vermieten sind.

Zwanzig Kilometer vor Kolka die Sensation: ein Schild „Kurvige Strecke”! Echt! Hier gibt es wirklich wieder einige Kurven, liiinks herum, jetzt reeeechts herum. Und wieder links. Geil. Fast geraten wir in einen Rausch. In Kolka müssen wir ganz durch den Ort hindurch fahren, sogar eine Tankstelle haben die hier. So viele gibt es davon in diesem Landstrich nämlich nicht.

Wir suchen die Uschi. Oder, wenn wir es genau nehmen und auch richtig schreiben, einen Ort namens Ūši. Dort befindet sich das „Holiday House Ūši” – in dem zwei Zimmer in einem unverputzten Ziegelhaus zu mieten sind. Janett, die Hausherrin, weist uns in die Räumlichkeiten des Hauses ein. Eine gemütliche Gemeinschaftsküche dient als Aufenthalts-und Frühstücksraum. Auf dem riesigen Grundstück kann man zelten oder mit dem Wohnwagen campen.

Erst später sehen wir in einem Prospekt Janetts Namen geschrieben: Dzeneta. „Janett” wäre ja auch für einen lettischen Namen etwas zu einfach gewesen. Dzeneta kocht für Ihre Gäste gern traditionelle lettische Speisen. Leider sind wir dafür etwas zu kurzfristig aufgetaucht, so dass sie uns nur eine Suppe offerieren kann. Sie serviert uns eine große, dampfende Schüssel Sauerampfersuppe mit Kartoffeln, dazu das dunkle, malzige Brot. Wunderbar. Nach dem Abendessen, die Sonne geht ja noch lange nicht unter, laufen wir zum Meer, das gleich hinter dem Grundstück beginnt. Eigentlich wollen wir uns das Kap Kolka für den nächsten Morgen aufheben. Aber dann zieht es uns magisch am Ufer entlang nach Norden ... wir laufen und laufen.

Kiefernwald am Kap Kolka

Wir befinden uns im Slītere-Nationalpark, der 1921 als Naturreservat gegründet wurde. Nach 1991 wurde der Park in drei Zonen geteilt: eine Sperrzone, in der die Natur absolut sich selbst überlassen bleibt, eine Zone für wissenschaftliche Forschung und eine zur wirtschaftlichen Nutzung. Zu Sowjetzeiten war das hier alles Militärgebiet, 50 Jahre lang bekam kein Fremder diese Gegend zu Gesicht.

Die schönsten Küsten Lettlands liegen in dieser Abgeschiedenheit, die Region nennt sich Kurzeme (deutsch Kurland). Die einsamen, weißen Sandstrände be- und verzaubern jeden Besucher. Warum sonst geraten wir nach unserer Reise beim bloßen Gedanken an diese wunderschönen Naturstrände so ins Träumen und Schwärmen?

Kap Kolka

Allerdings muss man erwähnen, dass das Wetter während der kompletten Tour prächtig ist. Der Himmel strahlt in einem satten Blau und die Schönwetterwolken verstärken den Kontrast des Himmelblaus. In Rīga war es warm, so um die 26 – 28 °C. Hier im kurländischen Zipfel sind es immer noch um die 20 °C, vielleicht auch darüber, die Ostsee hat jedoch um diese Jahreszeit noch nicht gerade Badetemperatur. Zumindest nicht für uns. Die sommerlichen Wassertemperaturen von 17 °C, vielleicht auch mal bei länger andauernden Hochwetterlagen von 18 °C, bieten nur für hartgesottene Wasserratten ein Badevergnügen.

Bei 13 °C aktueller Wassertemperatur reicht uns der permanente Wind als Abkühlung aus. Es lockt uns nicht ins kühle Nass. Nichtsdestotrotz ist der Ostseestrand ein Ort der Entspannung. Einfach nur am Wasser entlang laufen, im Sand sitzen, auf's weite Meer hinaus schauen und zwischen den Muscheln und Steinen nach einem verdächtig-gelblichen Glitzern Ausschau halten, das auf ein Stückchen Bernstein hin deutet ...

Kap Kolka – eine Wucht!
Kap Kolka – eine Wucht!

Die Wälder beginnen meist unmittelbar am Sandstrand, der nur wenige Meter breit ist. Die stürmische See hat dem Uferbereich stellenweise so zugesetzt, dass die Wurzeln der Kiefern unterspült wurden und zu Dutzenden auf den Strand fielen. Dort liegen sie noch heute. Da heißt es für uns entweder, sie im Wald zu umgehen oder am Strand einen kleinen Hindernisparcours zu absolvieren.

Wir erreichen das Kap Kolka oder, wie es auf lettisch heißt, Kolkasrags. „Strand der zwei Meere” nennen die Einheimischen die windige Landspitze. Hier treffen die Wellen der Ostsee (das große Meer) machtvoll mit denen der Rīgaer Bucht (das kleine Meer) zusammen. Manchmal ist das Wasser auf der einen Seite spiegelglatt, während auf der Seite der offenen Ostsee kräftige Winde die Wellen peitschen. Baden ist am Kap strengstens untersagt, denn die Strömungen sind unberechenbar und lebensgefährlich.

Kap Kolka – eine Wucht!
Direkt an der Wasserkante befinden sich die letzten Reste des alten Leuchtturmes am Kap Kolka. Bald ist er sicher unter Wasser.

Das Kap zieht sich als unterseeische Sandbank, die von den Strömungen geformt wird, kilometerweit ins Meer hinaus. Dort mündet sie auf einer künstlichen Insel, auf der nachts ein Leuchtturm blinkt, man erkennt ihn gerade noch so am Horizont. Gebaut wurde der neue Leuchtturm in den Jahren 1872 bis 1875 ursprünglich in fünf Kilometer Entfernung. Die kraftvollen Wettereinflüsse tragen jedoch das Land dazwischen immer weiter ab, so dass der Leuchtturm heute sechs Kilometer vor dem Kap liegt.

Auch die Reste des alten, im 16. Jahrhundert erbauten Leuchtturms auf der Landmasse des Kaps werden vom Meer und den Winden gefressen, heute befinden sich die letzten kaum noch als Mauern erkennbaren Reste direkt an der Wasserlinie.

Wir hatten im Vorfeld erst wenig Lust, die Region Kurland und dessen Küsten zu erkunden. Sollten wir nicht besser einfach durch's Kurland, das wie ein großes Dreieck weit gen Norden und in die Ostsee hineinragt, quer von Ost nach West fahren, unterwegs die malerische Stadt Kuldīga mit ihren Holzhäusern besuchen, um dann die westliche Ostseeküste eingehender zu erkunden? Wir schauten uns während unserer Reisevorbereitung immer wieder Straßenabschnitte in Google Earth an. Kurzeme schien für Motorradfahrer wenig herzugeben. Und dass der Reiseführer schrieb, am Kolkasrags herrsche ein für lettische Verhältnisse ziemlicher Trubel, stieß uns erst mal auch etwas ab. Nur dummerweise lagen auf genau dieser Route einige Naturschönheiten oder Kuriositäten wie die alten Radioteleskope in Irbene.

Am Kap wurde ein Denkmal aus drei tonnenschweren Steinen errichtet, die ein schulterbreites Tor bilden.

Im Nachhinein können wir von Glück reden, dass wir Kurland genau auf dieser Küsten-Route kennenlernten. Die Weite und die meditative Einsamkeit sind ein echtes Highlight unserer Tour. Die prophezeiten Menschenmassen am Kap treten Gott sei Dank nicht auf. Wenn wir mal durchzählen, sind genau zwei Menschlein am Kap – wir. Es ist schon abends nach 21 Uhr. Vielleicht liegt es daran? Irgendwann gesellt sich zu uns noch ein Angler, der sich tapfer gegen die rauen Winde stemmt und seine Angeln an den Resten des alten Leuchtturms aufbaut.

Aus dem Dünensandboden ragt ein altes Schiffswrack heraus. Am Kap wurde ein Denkmal aus drei tonnenschweren Steinen errichtet, die ein schulterbreites Tor bilden. Einige Quellen besagen, dass diese Steine an „Die vom Meer genommenen” erinnern; andere, sie wären den Liven gewidmet, die finno-ugrischen Ureinwohnern der baltischen Küste (also sprachlich eher mit den Finnen und Esten verwandt), die als fast ausgestorben gelten. Nur einige wenige Nachfahren leben noch hier in den Dörfern.

Als wir abends gemütlich noch bei einem Glas Wein zusammensitzen, ist es immer noch nicht dunkel. Die Uhr in der Gemeinschaftsküche zeigt 23:30 Uhr.

Wir lassen den Angler allein und machen uns auf den Heimweg durch den Wald. Sobald wir uns nicht mehr bewegen werden wir von monstergroßen Mücken attackiert. Die befürchtete Mückenplage ist bisher jedoch ausgeblieben. Vielleicht waren wir nicht an den richtigen Orten? Vielleicht erwischten wir nicht die richtige Jahreszeit oder – hatten wir einfach Glück? Oder wir bewegten uns einfach immer schnell genug, da einen dann die Biester irgendwie nicht ganz so schnell als Beute ansehen? Als wir abends gemütlich noch bei einem Glas Wein zusammensitzen, ist es immer noch nicht dunkel. Die Uhr in der Gemeinschaftsküche zeigt 23:30 Uhr.

Es riecht nach faulen Eiern
Alter Herd in der Gemeinschaftsküche

Es ist morgens um 9 Uhr. Dzeneta tischt uns ein reichhaltiges Frühstück auf. Am liebsten hätten wir draußen auf dem Freisitz gefrühstückt, aber Dzeneta meint, das wäre noch etwas arg frisch. Und wie Recht sie hat! Die Temperatur ist gerade mit Müh und Not in den zweistelligen Bereich geklettert. Doch tagsüber will uns Petrus 16°C spendieren, bei sonnigem Wetter. Was wollen wir mehr? Perfekt!

Das Wasser aus dem Wasserhahn ist sehr gewöhnungsbedürftig, um nicht zu sagen ekelerregend. Es hat eine bräunliche Färbung und riecht nach faulen Eiern. Es wäre eisenhaltig, klärt uns Dzeneta auf. Das mag wohl auch stimmen, aber der zum Himmel stinkende Hauptduft kommt ziemlich sicher vom Schwefel. Mit diesem Wasser zu hantieren kostet einige Überwindung. Na gut, wir sind nicht zimperlich – zum Zähneputzen reicht es.

Wer Durst hat, für den steht in der Küche ein Fünfliterbehälter Trinkwasser. Dzeneta erklärt uns, dass das Wasser aus dem Brunnen komme und sie kein Problem mit dem Geruch und dem Geschmack habe. Sie wäre daran gewöhnt und tränke es auch. Na ja, daran muss man auch gewöhnt sein.

Wir blieben letzte Nacht ganz allein im Haus und schliefen wie die Murmeltiere. Es war nicht warm, aber in einer Holztruhe fanden wir noch Decken und damit war es dann richtig kuschelig. Abgesehen vom gewöhnungsbedürftigen Brunnenwasser passt an dieser Unterkunft alles. Der Garten ist riesig; wer will, kann draußen sitzen, das Meer ist in direkter Nähe, Dzenetas herzlicher Empfang tut ein Übriges und ihre Suppe schmeckt hervorragend (die wurde ganz sicher nicht mit dem Brunnenwasser gekocht).

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