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Geisterdorf und Radioteleskope in Irbene

Irbene ist ein menschenverlassenes Nest, im wahrsten Sinne. Es ist ein Geisterdorf, inmitten dichter Küstenwälder.

Einige Kilometer weiter. Irbene ist ein menschenverlassenes Nest, im wahrsten Sinne. Es ist ein Geisterdorf, inmitten dichter Küstenwälder. In einer Region, die als unbewohnt gelten kann. Dunkle, leere Fensterhöhlen in ruinenhaften Wohnblöcken. Wir wagen uns ein Stück ins Treppenhaus und in die angrenzenden Zimmer. Unheimlich. Keine Fenster, nicht mal mehr Rahmen. Tapeten hängen in Fetzen von den Wänden. Überall liegen Bretter, Trümmer, aber nichts, was irgendeinem Menschen noch nützen könnte. Gestrüpp, Bäume, ungebremstes Wachstum im Umfeld. Hier haben während des Kalten Kriegs Hunderte Menschen gewohnt, russische Offiziere, Wissenschaftler und Militärbedienstete sowie deren Familien. Es gab eine Poststelle, einen Kindergarten und eine Schule.

Gottverlassen. Auch von den Russen.
Irbene war ein strikt von der Außenwelt abgeschottetes, militärisches Zentrum, das bis 1993 in den Karten nirgends zu sehen war.

Irbene war ein strikt von der Außenwelt abgeschottetes, militärisches Zentrum, das bis 1993 in den Karten nirgends zu sehen war. Google Earth gab es noch nicht. Und Irbene somit auch nicht. Es hatte höchste Geheimhaltungsstufe und hieß in Armeekreisen „Zvaigznīte” – zu deutsch Sternchen.

In dem Spionagezentrum mit drei Radioteleskopen (8, 16 und 32 Meter im Durchmesser) wurden vom russischen Militär seit 1967 Telefon und Rundfunk der NATO-Länder abgehört. Das sind natürlich alles Vermutungen, denn die russischen Militärs geben ungern Auskunft über ihre Tätigkeit. 1994, gleich nach der lettischen Unabhängigkeit, wurde das Zentrum von den Russen verlassen, vorher drinnen aber noch zerstört, was zu zerstören war. Die Elektromotoren übergossen sie mit Säure, jagten Nägel in die Installationen und zersäbelten möglichst viele Kabel. Nichts sollte den Letten mehr nützlich sein. Und vor allem auf den bisherigen Verwendungszweck Hinweise geben können.

Als wir nun das große Radioteleskop RT-32 in dem Sandwäldern gefunden haben, sind wir etwas enttäuscht - da fehlt doch etwas?

Das kleinste Teleskop mit acht Metern Durchmesser schafften die Russen noch abzubauen. Zum Glück zerstörten sie die anderen großen Antennenschüsseln nicht, was allerdings nur den Protesten einer lettischen Initiative zu verdanken war. Mit einer restaurierten Anlage, die man für wissenschaftliche Zwecke umbaute, wird nun das ferne Weltall erforscht. In der Universität Ventspils, die diese Station verwaltet, läßt sich nach Voranmeldung eine Führung vereinbaren.

Das große Teleskop mit 32 Metern sollte hier irgendwo sein. Dieses Riesending, meint man, sollte aus vielen Kilometern Entfernung schon zu sehen sein - aber weit gefehlt. Die Perspektive und die Bäume halten dagegen. In Google Earth ist jedoch den Abzweig von der P124 in die dichten Wälder sehr gut zu sehen und auch der kleine, gelbe „Pegman” von Street View tuckerte schon einmal die Schotterpiste entlang zum großen 32-Meter-Teleskop. Die offizielle Zufahrtsstraße biegt am Verwaltungsgebäude nach rechts ab und ist für jeglichen Verkehr gesperrt, aber die Piste geradeaus führt in 100 Metern Abstand an der Schüssel vorbei. Als wir nun das große Radioteleskop RT-32 in dem Sandwäldern gefunden haben, sind wir etwas enttäuscht.

Horch und Guck auf russisch
Von der staubigen Piste aus blickt man auf eine dünenhafte Lichtung.

Von der staubigen Piste aus blickt man auf eine dünenhafte Lichtung. In hundert Metern Entfernung rostet das Teleskop RT-32 vor sich hin. Es ist das achtgrößte Teleskop der Welt. Aber irgendwie ... Hmmm ... sieht das Teil dort verstümmelt aus. Über dem massiven Fuß streckt nur ein verloren wirkendes Verbindungsteil seine Streben in den Himmel. Die weit ausladende Antennenschüssel liegt daneben! Sie ist leuchtend weiß gestrichen und ein Kran steht bereit, sämtliche Hebebänder sind schon an der Schüssel befestigt.

Wir sind genau einen Tag zu früh hier. Zwei Helfer sind gerade dabei, an einem grünen Pavillonzelt die Aufschrift „Information” auf die Außenhaut zu kleben. Schlechtes Timing: Nur einen Tag später wird das Riesenteil publikumswirksam wieder auf den Sockel gehoben. Und noch einmal drei Wochen später wird auch das frisch restaurierte 16-Meter-Teleskop wieder auf den Sockel gehievt, irgendwo dort hinten im Wald. Das sieht man in Google Earth auch gut, es liegt ein ganzes Stück hinter dem Verwaltungsgebäude, tief im Wald verborgen. Hierhin käme man wohl nur zu Fuß, vermutlich aber nicht einmal das, denn gab es da nicht am Verwaltungsgebäude ein Schild„Zutritt für Unbefugte verboten”?

Bad Timing: Nur einen Tag später wird das Riesenteil publikumswirksam wieder auf den Sockel gehoben.

Das Szenario in den angrenzenden Dünen lässt mit ihren vertrockneten Baumruinen eine gespenstige Kulisse für Wüsten-und Verdurstungsphantasien entstehen, die wir aus lauter Gaudi mal schnell nachstellen. Wenn wir nicht wüssten in Lettland zu sein – man könnte sich glatt in der Sahara wähnen.

Als wir genug gesehen haben, geht's wieder raus auf die P124, Richtung Ventspils und Liepāja. Mensch, ist die Straße hier wellig! Da hat man wohl eine Waschbrettpiste einfach nur mit ein paar Zentimetern Teer aufgefüllt. Also etwas langsamer.

Dem Tourverlauf folgen:
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