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Liepāja | Karosta

Die russische Meereskathedrale in Karosta

Man kann nicht behaupten, dass die weitere Fahrt nach Liepāja besonders aufregend wäre. Die P111 ist eine Landstraße zum Gähnen, belegt mit rissigem und geflickten Asphalt, links und rechts rauscht die immer wiederkehrende Vegetation an uns vorbei, Fichten, dazwischen Kiefern und verschiedene Laubbäume in den Wiesen. Die fünfzig Kilometer bis Liepāja sind also schnell runtergerissen.

Die Innenräume wurden zu Sport- sowie Kinosälen umgewandelt. Und weil die Hauptkuppel den Klang störte, mauerte man sie kurzerhand zu.

In Liepāja (deutscher Name Libau) irren wir erst mal etwas konfus durch die Stadt. Hier stehen wir vor einem Gebäude, das zwar eine Kirche ist, vermutlich sogar eine mit orthodoxer Prägung ... Aber eine Kathedrale sieht irgendwie anders aus.

Also sprechen wir einen Letten an. Der klärt uns auf. Shit! Wir befinden uns im gänzlich falschen Stadtteil. Wir sind nicht in Karosta, dem russischen Viertel, in dem sich auch die Kathedrale befindet. Der Lette erklärt uns freundlich und geduldig, wie wir auf die andere Seite kommen.

Eigentlich war der Stadtteil auf der anderen Seite des Kara-Osta-Kanals als eigener, rein russischer Stadtteil geplant. Er war der ganze Stolz des zaristischen Russlands. Hundert Jahre lang hieß er der „Hafen des Kaisers Alexander III” und war einer der größten russischen Militärstützpunkte im gesamten Baltikum und die erste U-Boot-Basis der baltischen Flotte. Mit autonomer Infrastruktur wie Elektro-und Wasserversorgung, Schulen und Kirchen. Ein Drittel der Stadt bestand zu Sowjetzeiten aus der Marinebasis. Den Namen Karosta trägt der Stadtteil erst seit der lettischen Unabhängigkeit.

Eigentlich war der Stadtteil auf der anderen Seite des Kara-Osta-Kanals als eigener, rein russischer Stadtteil geplant.

Die meisten Soldaten waren Einwanderer aus anderen Sowjetrepubliken. Wegen seiner militärischen Bedeutung wurde die Stadt abgeriegelt: Besucher und sogar Einwohner benötigten besondere Genehmigungen, um in andere Städte der Sowjetrepubliken ein-und auszureisen. Auch den restlichen Einwohnern von Liepāja war das Betreten von Karosta nicht möglich.

1969 wurden die Bestimmungen zwar gelockert, doch Liepāja blieb trotzdem im eigenen Land isoliert. Insgesamt 25.000 Menschen lebten hier in diesem durchaus bevorzugtem Wohnviertel, heute sind es gerade mal noch 6000, denn das lettische Militär hat den Standort 1997 aufgegeben und es blieben nur noch die ehemaligen, russischen Marinesoldaten und deren Nachkommen vor Ort. Nach der Unabhängigkeit tut man nun alles, um die Stadt wieder aus ihrem Dornröschenschlaf zu küssen: ein ziviler Hafen wurde eröffnet – zweimal wöchentlich verkehrt eine Stenaline-Fähre zwischen Liepāja und Travemünde, des weiteren errichtete man von 1997 bis 2017 eine Sonderwirtschaftszone mit speziellen Steueranreizen.

Die Kathedrale, die ein Kino war

Nach zehn Minuten stehen wir also vor der richtigen Kathedrale. Meereskathedrale wird sie auch genannt, wohl wegen ihrem Standort in einem Gebiet, dessen Element und Lebensmittelpunkt die Ostsee ist. Ein Gotteshaus voller farbenfroher Mosaiken, mit goldglänzenden Dächern und Zwiebeltürmchen. Das Viertel drumherum wirkt heruntergekommen, die Wohnblocks vermitteln einen ärmlichen Eindruck mit ihren kleinen Balkonen, auf denen Wäsche hängt. Einige dieser Gebäude stehen sogar leer und vergammeln vollends.

Ein Gotteshaus voller farbenfroher Mosaiken, mit goldglänzenden Dächern und Zwiebeltürmchen.

Die Kathedrale von Karosta ist nach dem Zweiten Weltkrieg von den Sowjets schwer misshandelt worden. Die Innenräume wurden zu Sport-sowie Kinosälen umgewandelt. Und weil die Hauptkuppel den Klang störte, mauerte man sie kurzerhand zu.

Wir mogeln uns leise wie zwei vorlaute Mäuschen in die Kathedrale, was angesichts der mächtigen, eisenbeschlagenen Eingangstür eine Herausforderung darstellt. Aus der gegenüberliegenden Ecke ertönt der klare, aber leise Gesang eines Geistlichen. Wir lauschen gebannt. Aber schon bald wird der Bann von einer energischen Kopftuchträgerin gebrochen, sie startet eine pantomimische Säuberungsaktion und scheucht uns mit energischen Armbewegungen aus dem Gotteshaus. Kaum zu glauben, dass das hier mal als Kinosaal gedient haben soll.

Ab in den Knast!
Das Gefängnis von Karosta
Das Gefängnis von Karosta

So gut wie nichts restauriert wurde dagegen in einem großen Backsteingebäude, das wir nach einer kurzen Fahrt zögerlich betreten ... denn wir sind uns absolut nicht sicher, ob wir die hier angebotene Führung erleben wollen. Oder andersherum: wir sind uns sicher, dass wir sie so, wie sie laut verschiedenen Quellen angeboten wird, nicht erleben wollen. Aber wir schauen einfach mal rein ... Wegrennen können wir ja immer noch.

Einen Kaffee im Gefängnis gefällig? Oder einen Cay?

Neugierig gehen wir ein paar Stufen hinauf und werden von einem freundlichen Mann in verblichener Uniform angesprochen. Sogar in deutsch. Ob wir eine Führung mitmachen wollten, die nächste wäre in zwanzig Minuten (immer zur vollen Stunde), klar, auch in deutsch. Ach, sogar in deutsch? Wenn das mal kein Gag ist. Vielleicht sollten wir doch? Wir beratschlagen uns. In diesem Gebäude war jahrzehntelang ein Gefängnis untergebracht, das im Originalzustand seiner letzten Verwendung belassen wurde. In einer Ecke kredenzt eine junge Dame mit kesser, weiß-gestärkter Haube auf Wunsch kalte oder heiße Getränke. Und wer ein anderes Bedürfnis verspürt, darf die zwei Holzbuden mit Herzchen vor dem Gefängnis benutzen.

Eine Führung durch ein Gefängnis ist ja nun schon etwas Beklemmendes, aber hier macht man gelegentlich eine Touristenattraktion daraus: während des Besuchs werden die Gäste behandelt wie Gefangene, sie werden eingesperrt, erniedrigt, straff befehligt, angeschrien und beleidigt. Gehorsam verhindert Repressalien. Aber dies wäre das Letzte, das wir wollen. Ob die ehemaligen Gefangenen das wohl auch als Witz empfinden? Unsere Führung ist zu unserer Erleichterung eine ganz normale und nicht die, die wir befürchtet hatten.

Irina holt uns in kackbrauner, russischer Uniform ab. Die versprochene Führung in deutscher Sprache war natürlich ein Werbegag, logisch, was anderes hatten wir auch nicht erwartet. Also dann in englisch. Gebaut wurde das Backsteingebäude Anfang des 20. Jahrhunderts eigentlich als Militärhospital. Der Bau war 1905 kaum vollendet, griff die russische Revolution gegen den Zaren auch auf die Ostseeprovinzen über und für die gefangen gesetzten Marinesoldaten brauchte man dringend Arresträume. Was lag näher, als den noch leerstehenden Bau dafür zu nutzen? Das war nicht nur in russischen/sowjetischen Zeiten so, auch die lettische Marine nutzte das Haus noch bis 1997 als Gefängnis.

Die schwarz lackierten Zellenwände erzählen Geschichten: Insassen ritzten eine Unmenge sehnsuchtsvolle, verzweifelte Inschriften hinein: Ich will nach Hause ...
Strafe: Sitzen an der Wand - aber ohne Bank, selbstverständlich. Und mit ausgestreckten Armen.

Die schwarz lackierten Zellenwände erzählen Geschichten: Insassen ritzten eine Unmenge sehnsuchtsvolle, verzweifelte Inschriften hinein: „Ich will nach Hause ...” Natürlich gab es auch Dunkelzellen. In eine solche werden wir kurz eingeschlossen. Man sieht nur noch das Lichtlein des Tür-Spions. Das Mobiliar der Zellen besteht und bestand aus: nichts. Kein Bett, keine Pritsche, einfach ein leerer Raum. Toilettengang wurde zweimal täglich erlaubt. Der fand dann gemeinsam statt, die Gefangenen wurden geschlossen in einem Raum mit zwei Stehtoiletten ohne Sichtschutz und einigen Waschbecken an der Wand geführt.

Die Insassen waren oft heftigen Repressalien ausgesetzt. Irina zeigt uns zusammen mit einem Besucher, welche Strafen den Gefangenen manchmal auferlegt wurden. Das war zum Beispiel das Sitzen an der Wand - ohne dass da eine Sitzgelegenheit gewesen wäre. Einfach nur mit Muskelkraft an die Wand gepresst ausharren. Die Arme im rechten Winkel nach vorne strecken. Das ist schon für einen normal ernährten Menschen kein Kinkerlitzchen. Was war das dann für einen unterernährten und ausgemergelten Gefangenen für eine Tortur?

„Karostas glabsanas biedriba” (kurz KGB, wie passend!) heißt der Verein, der dem Stadtteil wieder zu einem Renommee verhelfen will. Der „Rettungsverein des Kriegshafens” hat schon 2002 seine erste „Hinter Gittern”-Show inszeniert – und das ist diese Art Veranstaltung, auf die wir nun überhaupt keinen Bock haben. Während unserer Führung preist man Events mit dem Namen „Extrem Night” an, außerdem Zellen, in denen zwei einfache Betten, sogar mit Matratzen, stehen und eine Übernachtungsmöglichkeit der etwas anderen Art bieten. Eine Nacht, ohne Frühstück, kostet pro Person 15 Euro. Zugang zur Toilette hat man dann nicht nur alle zwölf Stunden – vermutlich. Oder vielleicht doch?

Übersetzt: Ich will nach Hause!

Nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei. Die Ostsee hat uns wieder, wobei wie so oft während unserer Fahrt von der Ostsee nichts, aber auch gar nichts zu sehen ist. Aber das hatten wir vorher schon gewusst, denn dank Google Earth kann man sich visuell gut vorbereiten. Höchstens ein Storch reißt uns ab und zu aus der meditativen Eintönigkeit der Strecke. Wenn dieser im Straßengraben hockt und sobald wir nur noch fünf Meter von ihm entfernt sind, die Flügel ausbreitet und startet. Plötzlich ist direkt vor einem ein weißes, großes, fliegendes Etwas. Nicht nur einmal erschrecken wir fürchterlich.

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