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Palanga

Auf uns wartet heute eine entspannte Fahrt nach Litauen. Morgen Nachmittag legt die Fähre ab. Die wir dieses Jahr ganz sicher nicht verpassen werden wie letztes Jahr. Erst hatten wir ja überlegt, noch in Lettland zu bleiben und erst am Tag der Abfahrt nach Litauen zu fahren. Von Liepāja nach Klaipėda, das wären nur hundert Kilometer. Aber dann zieht es uns doch über die Grenze. Denn Litauen hat ganz kräftige Argumente: ein letztes Mal Cepeliniai essen! Oder ein anderes der typisch litauischen Kartoffelgerichte. Nicht umsonst behaupten die Litauer, dass Kartoffeln ihr einziger Bodenschatz ist.

Südlichstes lettisches Küstendorf, sonst nichts
Entspannte Fahrten auf litauischen und lettischen Straßen.

Kurz vor dem Grenzübertritt gönnen wir uns noch einen kleinen Ritt ins Gelände. Über eine rötliche Schotterpiste tuckern wir vier Kilometer lang Richtung Ostsee. Dort muss das Dorf Nida liegen. Das Dorf Nida in Lettland, nicht zu verwechseln mit der Ortschaft Nida auf der Kurischen Nehrung in Litauen. Dort in Litauen warten unzählige Unterkünfte auf zigtausende Touristen, die jährlich einfallen. Hier im lettischen Nida gibt es dagegen nichts. Fast nichts. Außer dass es das südlichste Küstendorf an der lettischen Grenze ist, zeichnet das Dorf nichts aus. Die Verwechslungsgefahr mit dem anderen Nida ist auch nicht sooo riesig, weil das hier einfach keiner kennt.

Altes Haus in Lettland

Die Häuser im Dorf sehen verwaist aus. Viele wurden an reicher Städter verkauft, die die Häuser nun kaum nutzen. Immobilienmakler bieten hektarweise Grundstücke der Umgegend an, auch in Deutschland. Störche staksen zufrieden über die Wiesen. Sie sind die einzigen Bewohner,die wir sehen.

Kurz bevor wir wenden, weil die Straße endet, stockt mir der Atem und ich fühle, wie mir das Adrenalin in den Körper schießt. Wir geraten in eine Sandpassage und das Hinterrad schlingert bedrohlich hin und her. Jesses! Nicht so kurz vor dem Tourende die Q noch zum Schlafen legen! Gott sei Dank fängt Jochen die Fuhre ab. Ausatmen. Ruhig atmen. Das erhoffte idyllische Bild mit urigen alten Häusern ist nicht zu finden, weswegen wir wieder zurückfahren.

Und nun noch zum Ballermann

Keine Ahnung, wo wir am besten die letzte Nacht verbringen sollten. Sventoje und Palanga sind die beiden größten und bekanntesten Badeorte Litauens, langgestreckte Ortsverbunde, rund fünfundzwanzig bis vierzig Kilometer vor Klaipėda. Eigentlich meiden wir solche touristischen Orte, da der Trubel nicht so unser Ding ist. Wenn dann der Ort noch wie im Falle Palangas als der Ballermann Litauens bezeichnet wird, hält sich die Anziehungskraft und Begeisterung sehr in Grenzen. Doch auch hier sollten wir der Fairness halber unsere Devise anwenden: Wer nicht probiert hat, kann nicht behaupten, dass es nicht schmeckt. Also auf der anderen Seite: warum nicht? Zumindest steht uns da einiges an Infrastruktur zur Verfügung. Einmal noch die würzige Luft der Ostsee schnuppern, lecker Essen gehen, über den Markt schlendern ...

Palanga hat heute 18.000 Einwohner, die ihren Lebensunterhalt wohl zum größten Teil in der Tourismusbranche verdienen. Zu sowjetischer Zeit machten hier einflussreiche Politiker Urlaub. Unser Reiseführer beschreibt für die Monate Juni bis Mitte September ein Vielfaches an Urlaubern wie Einwohner. Wie viele genau sich die Stadt mit uns teilen, war nicht herauszukriegen. In Palanga stehen die Zimmervermieter meist schon mit einem Schild „Kambariu Nuoma„ (Zimmer zu vermieten) an den Einfallstraßen. Und fast jedes Haus trägt ein Schild: Kambariu. Keine Ahnung, ob wirklich überall auch Zimmer frei wären. Wir hatten vorher im Internet geschaut, haben uns ein Apartment etwas abseits vom großen Trubel in Palanga rausgesucht und fahren einfach hin. Das Haus ist relativ neu und das Zimmer nett, okay, das nehmen wir.

Unser Vermieter ist ein Russe in den Dreißigern, wir unterhalten uns eine Weile über die Situation in Palanga im Allgemeinen und die seines Apartmenthauses im Speziellen. Seit drei Jahren hat er das hier gemietet oder gepachtet. Er erzählt uns ein wenig von seiner Situation. Im ersten Jahr lief alles noch prächtig. Zahlungskräftige Russen hätten den schmalen Küstenstreifen Litauens gestürmt. Palanga besitzt sogar einen kleinen Flughafen, sieben Kilometer außerhalb, über den die Urlauber einfliegen. Viele kommen wahrscheinlich auch aus dem Oblast Kaliningrad. Leider wäre der Kurs des Rubels von Jahr zu Jahr immer mehr in den Keller gesackt, so dass die Zahlen der russischen Urlauber immer mehr sänken und die Russen lieber in die Türkei flögen anstatt nach Litauen.

Der zehn Kilometer lange, zugegebenermaßen schöne, feinsandig-weiße Ostseestrand ist wie vermutet sehr gut besucht. Verglichen mit lettischen Stränden geht’s hier wirklich zu wie auf Mallorca. Mit den Mittelmeerstränden verglichen ist die Handtuchdichte jedoch immer noch gering. Zumindest gibt es keine in Reih und Glied aufgestellten Liegen und Sonnenschirme. Musik schallt aus einem Strandbarzelt und aus Lautsprechern werden wichtige Veranstaltungstipps bekanntgegeben. Vermuten wir zumindest. Ach nö, baden müssen wir heute nicht mehr. Zu viel Trubel hier.

Wir schlendern durch die Stadt und können natürlich am Markt, dem Turgus, nicht vorbeigehen. Ich zumindest nicht. Dort kaufe ich einer der Marktfrauen noch Süßkirschen ab. Die Kommunikation ist schnell abgehakt: „Kilo?“ fragt sie mich. „Half“ entgegne ich zögernd, schon mit der Befürchtung, dass sie das bestimmt nicht verstehen würde. Zweifelnd schaut sie mich an und zieht mit dem einen Zeigefinger über die Mitte des anderen. Begeistert nicke ich. Geht doch!

Wir bekamen aus der Facebook-Litauengruppe einen Tipp für ein Lokal, zu dem wir uns nun mittels Stadtplan durchhangeln. Schräg hinter dem Gemüsemarkt ein von außen unscheinbares Lokal. Jepp, die Speisekarte ist genau nach unserem Geschmack und enthält all die Gerichte, die wir uns am letzten Tag eingebildet hatten. Nur dumm, dass wir nur zwei Mägen haben. Wenn wir uns umschauen: vermutlich sind wir die einzigen Deutschen hier. Das Essen ist preiswert und schmeckt uns hervorragend. Natürlich gibt es die herbeigesehnten Cepeliniai. Jochen bestellt ein ähnliches Kartoffelgericht und nach der Hälfte tauschen wir die Teller.

Das Verrückte an dieser Kneipe ist: was wir für zwei Essen plus Getränke zahlen, dürfte die niedrigste Zeche der ganzen Reise sein. Und das in Palanga. Alleine hätten wir nie hierher gefunden, total unscheinbar. Die meisten Urlauber schlagen sich auf der Flaniermeile den Bauch voll. Apropos Flaniermeile: Dahin soll uns der Abendspaziergang anschließend noch führen. Basanaviciusstraße – so heißt die Promenade, die sich bis zum Strand erstreckt und dort in eine knapp 500 Meter lange Seebrücke übergeht. Die Flaniermeile wird von Restaurants, Imbissen, Bars, Souvenirgeschäften und Ständen von fliegenden Händlern gesäumt. Was es nicht alles gibt: Aschenbecher, natürlich Bernsteinketten (wirklich Bernstein?), Sonnenbrillen, Baseballcaps, Trachtenpüppchen, allen möglichen unsäglichen China-Kitsch, es gibt nichts, was es nicht gibt. Es ist laut. Aus jedem Restaurant dringt andere Musik, je nachdem welche Landsmannschaft man ansprechen will. Das eine berieselt einen mit litauischem Pop aus der Konserve. Im nächsten wird russische Livemusik geboten. Die Fußgängerzone wird von schönen alten Holzvillen gesäumt, ein Augenschmaus. Nur vor lauter Drumherum bemerkt man diese kaum. Ein Tätowierer (nennt man das fliegender Tätowierer?) bietet an einem mobilen Stand seine Dienste an.

Jochen muss mich dauernd aus der Schussbahn ziehen, vor lauter Dahin- und Dorthingucken gerate ich immer wieder auf die schiefe Bahn – respektive auf den Radfahrweg. Denn links und rechts zeigt ein andersfarbiger Radfahrstreifen an, wer hier Vorfahrt hat. Fahrgeschäfte, deren genaue Funktionsweise wird nicht näher ergründeten, werben am Wegesrand um Gäste. Es sieht aus wie ein nur wenige Plätze umfassendes Kino mit Sesseln, die sich vermutlich nach Beginn der Vorstellung bewegen. Wie nennt man sowas? Junge Kerle sausen mit eigenartigen Gefährten zwischen den Passanten herum, ähnlich wie Segways, aber doch anders. Eine Gruppe muskelbewehrter, schwarzgekleideter Biker mit Kutte sitzen auf einer Restaurantterrasse zusammen. Hinter ihnen, in der Fußgängerzone und unter dem Schild „Absolutes Halteverbot“ stehen einige PS-Boliden Marke Harley-Davidson. Zwei bewaffnete Polizeibeamte bemerken die Motorräder und bewegen sich auf die Kuttenträger zu. Wir sind gespannt, was jetzt passiert. In Deutschland müssten sie die Motorräder wegfahren. Hier: Nach kurzem Gespräch (und einem vermutlichen DUDU) entfernen sich die beiden Uniformierten.

Inmitten dieser Urlauberströme fällt mir wieder auf, was schon letztes Jahr ein viel bestauntes Thema war: die Mädels in Litauen sind hübsch! Und sie tragen bevorzugt Mini, Midi und körperbetonte Kleidung. Klar, auch lange Sommerröcke, aber alles was sie tragen ist sehr weiblich. Chic muss sein. Sportlich-leger ist kein Stil, den die litauischen Frauen mögen. Da komme ich mir in meiner Funktionsziphose wieder mal ganz aschenputtelmäßig vor.

Als wir beim abendlichen Duschen feststellen, dass der Klempner offensichtlich vergessen hat, die Duschtasse unten mit Silikon abzudichten und das Wasser eins zu eins ins Bad läuft, fühlen wir uns richtig wohl. Endlich ist wieder mal etwas unperfekt, wie wir es auf den meisten Reisen im Osten gewohnt sind. Wenn alles rund läuft, ist es einfach zu langweilig. Dass unser Motorrad bis hierher total problemlos läuft ist hingegen zufriedenstellend. Aber wir wollen nicht den Tag vor dem Abend loben, noch sind wir nicht zu Hause.

Dem Tourverlauf folgen:
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