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Dunte | Münchhausen

Münchhausen auf der Kanonenkugel vs. Jochen auf der Turtle.

Rein in die Puschen, raus aus den Puschen. So geht es uns heute. Der morgendliche Blick nach draußen lässt uns die Membranen in die Jacken und Hosen zippen. Der Himmel zeigt sich in einem einheitlichen Farbton. Grau klänge zu pessimistisch. Nennen wir ihn einfach mal weiss. Als wir gestärkt vom Frühstück kommen und vom Packen und Aufrödeln des Motorrads erwärmt sind, trennen wir die Membranen wieder raus: blauer Himmel! Abfahrt!

Bis zur Fähre in Kaivastu auf Muhu sind es knapp achtzig Kilometer, während denen es nun wieder zunehmend zuzieht und empfindlich kühler wird. Die ersten grauen, vorhangähnlichen Regenschauer wehen über das Land. Wir dachten es trocken zu schaffen, aber zwanzig Kilometer vor der Fähre halten wir dann doch an, um uns wieder regenfest zu verpacken. Kleiner Striptease am Straßenrand. Wenigstens die Membranen wieder rein. Die Fähren legen etwa halbstündlich von Kaivastu ab, aber bei Gewitter eine halbe Stunde am Hafen auf der Wartespur ausharren, während die Bäche in die Hose dringen– das muss nicht sein.

Die Hauptstraße über die Insel ist breit, aber vor allem eins: langweilig! Da wir jedoch vorwärts kommen wollen, bleibt uns keine Wahl. So in etwa bis Rīga sollten wir heute noch kommen und dabei auch noch was anschauen können. Die Wartespuren im Hafen sind proppevoll mit Autos. Außer einer Spur: die Nummer 1 ist unsere. Keine anderen Motorradfahrer zu sehen.

Wir sind die ersten Passagiere, die reingewinkt werden. Die Hälfte der wartenden Autofahrer bleibt stehen als die Fähre ablegt, mehr fasst die Fähre nicht. Die Tickets für dieFährüberfahrt lassen sich außer am Kassenhäuschen auch online und mit Kreditkartenzahlung buchen, die entsprechenden Kassenspuren sind mit E-Ticket gekennzeichnet. Als Motorradfahrer, noch dazu als einziger, muss man wohl keine Bedenken haben, nicht mitzukommen.

Eine Gastwirtschaft gehört natürlich auch zu einer Touristenattraktion.

Bis kurz vor der lettischen Grenze schlängeln wir uns auf einer kleinen Straße mit der Nummer 331 an der Küste entlang. Das nicht markierte Straßenband ist fast genauso buckelig wie der Waldboden links und rechts von uns. Der Wald ist übersät mit Heidelbeerpflanzen. Zahlreiche Ortschaften, die wir durchqueren, sind oft kaum als solche erkennbar. Kennzeichnend für einen Ort, der den Namen Dorf verdient, ist ein kleiner Laden und einige aneinandergrenzende Grundstücke sowie darauf befindliche Häuser. Läden sind hier wohl Mangelware. Auf dem Land sahen wir manchmal kilometerlang kein Dorf, nur sehr verstreute Gehöfte und Häuser. Mit jeweils einem selbstgeschnitzten oder -gemalten Schild und einem Briefkasten an der Straße.

Wir biegen in einen Parkplatz ein, wieder ein solcher öffentlicher RMK Naturcampingplatz, und packen unseren mitgebrachten Proviant aus. Fünfzig Meter entfernt brandet die Ostsee an einen feinsandigen Strand. Würde sich nicht gerade eine vierköpfige Familie in die Fluten stürzen, wäre der Strand leer. Auch hier gibt es Plumpsklos, Grillöfen und Feuerstellen. Im Vorüberfahren sieht man vereinzelt im hochgewachsenen Kiefernwald Zelte stehen. Wo sonst als im Baltikum lässt sich an unfassbar romantischen Plätzen direkt am Meer zelten? Vor allem ganz legal. Traumhaft!

Kurz nach der estnisch-lettischen Grenze mündet das Sträßchen leider in die stark befahrene Fernverkehrsstraße E67. Zwar gehen immer mal kleine Stichstraßen in den Wald hinein, aber keine führt dauerhaft am Meer entlang, alle versanden irgendwann im Wald. Einige dieser Wege probieren wir aus, aber entweder landen wir an irgendeinem Haus mitten im Wald oder der Forstweg führt in einem Bogen zur Hauptstraße zurück. Manchmal haben wir auch schlichtweg wegen des Untergrunds kapituliert. Eine vollbepackte GS mit Sozia, Koffern und Topcase ... wir wollen uns damit nicht auf die Piste legen und womöglich noch unser Foto- und Videoequipement schrotten.

Besuch beim Lügenbaron

Am Nachmittag erreichen wir Dunte. Hier hat sich Baron von Münchhausen im achtzehnten Jahrhundert verliebt, geheiratet und sechs Jahre lang gelebt. Der Lügenbaron. Jedes kleine Kind kennt ihn. Ursprünglich ein Adeliger mit einer großartigen Militärkarriere im russischen Regiment, dann ein Geschichtenerzähler mit überschießender Phantasie, dessen Fabeln andere aufschrieben. Er muss über diesen Umstand nicht sehr begeistert gewesen sein, fand er doch, sie würden ihn lächerlich machen.

Das Museum von „Minhauzen“, wie Münchhausen auf lettisch heißt, befindet sich im wiederhergestellten Herrenhaus des Landguts Dunte.

Eigentlich hatten wir damit gerechnet, die einzigen Besucher zu sein. Wer interessiert sich schon für ein Haus mit Münchhausen-Devotionalien? Aber weit gefehlt: der Parkplatz ist voller Autos. Vielleicht zwanzig Stück. Ein junger Mann deutet auf einen Platz: hier parken! Klar, wird gemacht. Parkgebühr will er keine. Super, die haben ein Herz für Motorradfahrer.

Das Museum von „Minhauzen“, wie Münchhausen auf lettisch heißt, befindet sich im wiederhergestellten Herrenhaus des Landguts Dunte. Leben noch Nachfahren von Münchhausen, die sich um die Texte für das Museum kümmern? Auf der Website kann man lesen: „Am 32. Mai 2005 fand die feierliche Einweihung des neuen Museumsgebäudes statt. Das Museum feiert jedes Jahr am 32. Mai seinen Geburtstag – mit einer Kerze und mehreren Torten (die Anzahl der Torten entspricht dem Alter des Museums!)“

Ente schlägt Raubvogel. Münchhausen lässt grüßen. Berühmte lettische Persönlichkeiten. In Lettland berühmt.

Ein Raum ist mit Szenen aus Münchhausens Erzählungen angefüllt, mit Puppen, die diese darstellen. Auch nett. Ein Münchhausen, der mit aufgefädeltem Speck eine Entengruppe anlockt und sie wie auf einer Perlenschnur auffädelt. Stimmt, das hatten wir irgendwann mal in der Schule durchgenommen.

Die berühmteste Geschichte ist die mit dem Ritt auf der Kanonenkugel. Ein Präparat stellt eine drohende Ente dar, die über und auf einem Greifvogel thront und ihn rupft. Diese Mär kennen wir nicht, das Präparat ist witzig.

Der Rest ist nicht wirklich interessant: ein sehr barockiges Schlafzimmer, von wem auch immer und im ersten Stock versucht man uns mit der größten Wachsfiguren-Sammlung in Lettland zu begeistern. Thema „Berühmte lettische Persönlichkeiten“. Sie waren nicht so berühmt, als dass wir sie kannten, sorry. Und 2100 Bierseidel aus 58 Ländern. Wir werfen einen kurzen Blick drauf, doch als Nichtbierseidelbegeisterte hält sich unser Interesse in Grenzen.

Ein Münchhausen-Schlafzimmer oder so was ...

Die meisten Besucher halten sich im Freien auf. In einem großen eingezäuntem Gelände klettern Familien auf einem mächtigen Schiff herum, in dem sich verschiedene Rutschen befinden, unter anderem steht auch ein großer Bierhumpen im Gelände (aber bestimmt nicht mit entsprechendem Inhalt). Auch ein Bohlenwanderweg führt fünf Kilometer lang durch den angrenzenden Feuchtwald, gesäumt von vierzig Holzskulpturen, die Münchhausens Geschichten illustrieren.Fünf Kilometer? Zuviel für spätnachmittags ... Wir brauchen ja noch ein Dach über dem Kopf. Und das erhoffen wir uns irgendwo vor Rīga.

Am Lilaste-See. Idyllisch.

Gebucht haben wir nichts, aber schon eine Unterkunft ins Auge gefasst, die kürzlich eine andere Motorradreisende in ihrem Bericht erwähnte. Da fahren wir also nun hin. Nach dreißig Kilometern Fahrt haben wir es gefunden. Ein reetgedecktes Hotel, am Ufer des Lilaste-Sees. Die Fernverkehrsstraße A1 ist zwar nur hundert Meter vom Hotel entfernt, aber da wir ein Zimmer mit Seeblick zu einem trotzdem günstigen Preis bekommen, gefällt uns das hier. Nach einem ganz spontanen Gutankommerbad im Lilaste-See gibt es um halb acht auch das gleichnamige Bier.

Dem Tourverlauf folgen:
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