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Estland | Baltikum

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Peipussee | Grenzsee zu Russland

Idylle am Peipussee

Sigulda / Lettland. Wir verlassen unser Turmzimmer im Hotel Pils. Beim Frühstück, das insgesamt sehr übersichtlich ausfällt, halte ich mich an die handtellergroßen Pfannkuchen. Noch etwas Marmelade draufgestrichen, lecker! Letztes Jahr, in Litauen, lernten wir reine Pfannkuchenfrühstücke öfters kennen. Da gab es einfach nur zwei große gefüllte Pfannkuchen. Beim ersten Mal etwas gewöhnungsbedürftig, aber es schmeckt hervorragend und macht stundenlang satt.

Entspannende Landschaften in Estland

Auf einer gut ausgebauten Straße geht’s gen Norden. Bei Valmiera biegen wir auf kleinere Straßen ab. Die Wiesen rundherum werden landwirtschaftlich genutzt, sogar ein weithin gelb leuchtendes Rapsfeld entdecken wir. Es bleibt aber das einzige, alle anderen Felder sind keine derartigen Farbkleckse.

In Strenči halten wir auf einem großen Parkplatz für eine kurze Pause. Wir trinken etwas und wundern uns über so manchen etwas eigenartig angezogenen oder dahinschlurfenden Passanten. Eine ältere Dame in bekleckerter Kittelschürze nähert sich langsam, aber zielstrebig. Sie bleibt drei Meter vor uns stehen und macht mit der Hand die Geste für „Rauchen“. Ihre Augen betteln, aber sie wirkt nicht aufdringlich. Irgendwas ist hier komisch. Wir schütteln den Kopf, denn wir rauchen schon lange nicht mehr. Sie trottet davon. Als wir weiterfahren, sehen wir, warum die Passanten uns alle etwas eigenartig vorkommen. Die Bezeichnung an dem großen Gebäude lautet „Strenču psihoneiroloģiskā slimnīca“. Wohl eine psychiatrische Klinik.

Estland ist in sicht

Wir steuern Valka an, die zweigeteilte Grenzstadt. Mitten durch den Ort verläuft schon immer die Staatsgrenze. Ein Teil liegt im lettischen Staatsgebiet, der andere im estnischen. Der Name lautet Valka auf lettisch, Valga auf estnisch und Walk auf deutsch. Manchmal kann dieses Wirrwarr mit den verschiedenen Namen eine Crux sein. Nämlich dann, wenn das Navi den deutschen Namen nennt, die Karten jedoch den lettischen. Unsere Garminkarten haben zum Beispiel die Eigenart, die deutschen Städtenamen zu benutzen. Wenn man nach Kuldiga will und Garmin nennt es Goldingen – das kann schon leicht vertrackt sein. Bis 2007 gab es in der geteilten Stadt noch einige lockere Grenzkontrollen, dann fielen selbst die weg. Heute bemerken wir nicht einmal mehr, wann wir das Land verlassen. Zumindest ein Schild hätten sie aufstellen können. „Willkommen in Estland“ oder so. Oder dieses Schild, welche Geschwindigkeitslimits inner- und außerorts gelten. Aber nichts! Wir fahren am Stadtrand entlang, biegen einmal ab und das war‘s. Vermutlich haben wir Schleichwege benutzt. Kann doch gar nicht sein, dass wir uns so sang- und klanglos nach Estland hineinschleichen.

In Valka wollten wir eigentlich die Augen offenhalten, ob wir etwas Interessantes entdecken, uns waren da irgendwelche Panzer und andere Kriegsgeräte in Erinnerung, die man hier hegt und pflegt. In einer Fernseh-Dokumentation war zu sehen, wie Kinder und Jugendliche mit Inbrunst Krieg spielen, mit allen Schikanen. Die Ernsthaftigkeit, mit der sie das tun, hat ziemlich befremdet. Ein großes Werbeschild weist dann auch auf eine derartige Attraktion mit militärischer Ausrichtung hin. Aber irgendwie haben wir jetzt keine Lust mehr, es uns anzuschauen, noch dazu, wo es anscheinend eher touristischen Charakter hat. Ist wurscht, lieber schunkeln wir gemütlich über kleine Straßen zum Peipussee.

Schloss Sangaste

Unser nächstes Ziel ist ein fürstliches Gemäuer. Sangaste loss heißt Sangaste Schloss. Gut zu merken, einfach ein paar Buchstaben weglassen. Ein wunderschönes Backstein-Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert im Süden von Estland, das nach dem berühmten Vorbild Windsor Castle errichtet wurde.

Der Eingangsbereich wartet mit einer akustischen Besonderheit auf. Stellen sich zwei Personen an die jeweils gegenüberliegenden Ecken des überdachten Eingangsbereiches, können sich die beiden, obwohl meterweit voneinander entfernt, mit leisem Flüstern unterhalten. Eigentlich wollten wir uns den Luxus gönnen und eine Nacht in einem Schloss verbringen. Aber da wir um die Mittagszeit eintreffen und leider auch kein Zimmer mehr frei ist, fahren wir schließlich weiter.

Peipussee – der bodensee ist eine Pfütze dagegen
Am Peipussee Am Peipussee

Ist es Einbildung? Oder sind die Straßen in Estland wirklich ein wenig kurviger als in Lettland? Wir cruisen entspannt und sind gleichzeitig gespannt auf den Peipussee, den riesigen Binnensee, durch den die Grenze zu Russland und somit die Außengrenze der EU verläuft. Die Esten nennen ihn Peipsi järv. Auch von Deutschen hören wir schon mal Peipsisee. Damit wir ihn nicht mit der Colamarke verwechseln, bleibt er bei uns der Peipussee. Dieser ist nicht nur der größte See Estlands, sondern mit 3550 Quadratkilometern auch einer der größten Europas. Der Bodensee passt fünfmal hinein.

Die Schlacht auf dem Peipussee – vielleicht kann sich der eine oder andere noch an dieses Kapitel im Geschichtsunterricht erinnern? Die Schlacht zwischen den russischen Heeren und den deutschen Ordensrittern fand in einem strengen Winter des 13. Jahrhunderts auf dem zugefrorenen See statt. Als Sieger gingen die Russen daraus hervor. Die schwer gepanzerten, deutschen Kreuzritter und ihre Pferde ertranken jämmerlich, als das Eis brach. Der Film „Alexander Newski“ des Regisseurs Sergej Eisenstein erzählt die Geschichte des Fürsten, der die Russen anführte.

Am Peipussee

Bei Varnja treffen wir auf die kleine, geflickte Straße, die am Seeufer entlang nach Norden führt. Links und rechts der Straße reihen sich kleine, meist holzverkleidete Häuser aneinander. Die Gegend wirkt ärmlich und vermutlich häufen die Bewohner der Häuser auch keine Reichtümer an. Denn außer Zwiebelanbau, Fischverkauf und vereinzelt ein wenig Touristik gibt es nicht viele Tätigkeiten, die für den Lebensunterhalt sorgen. Die meisten Dörfer hier sind russisch geprägt, wir befinden uns im Gebiet, in dem die altgläubigen Russen siedeln. Wegen des für die Region typischen Zwiebelanbaus nennt man sie im Volksmund auch Zwiebelrussen.

Am Peipussee

Die Altgläubigen widersetzten sich ab Mitte des 17. Jahrhunderts allen Kirchenreformen und flohen in diese einsame, ruhige Gegend, wo sie sämtlichen Nachstellungen entgingen. Sie leben seither nicht viel anders als zur Zeit ihrer Ansiedlung.

Zwar hat auch hier die Moderne Einzug gehalten, das ist jedoch nicht immer von Vorteil für die Menschen. Industrie ist keine zu sehen, somit bleibt den Bewohnern nur die Armut, die Arbeitslosigkeit und für den Lebensunterhalt das, was der Erdboden und der See hergeben. Die Jungen wandern ab und die Alten versuchen die Traditionen hoch zu halten. Es gibt viele Eigenarten in ihrem Leben, doch die meisten betreffen die Ausübung ihrer Religion, die eine Massenbeichte vorsieht, besondere Beerdigungsvorschriften und viele Fastentage im Jahr.

Ein Gebot der Altrussen ist, dass sie einem Fremden nie ein Getränk oder eine Speise mit einem Geschirr servieren, das sie selbst auch benutzen, sondern dass sie dafür generell separate Teller und Gläser benutzen. Das geht so weit, dass Familienmitglieder in eine Art Quarantäne gesteckt werden, wenn sie eine Zeitlang auf Reisen waren oder auswärtig gearbeitet haben. Vierzehn Tage dauert dies, es schließt sich ein gründlicher Saunagang an, womit die Trennung wieder aufgehoben ist.

Am Peipussee

Obwohl wir nur wenige Meter vom Wasser entfernt entlang fahren, erhaschen wir nur selten einen Blick auf den See. Ein dicker Schilfgürtel versperrt öfters die Sicht. Nur dort, wo sich die Einwohner eine kleine Lücke offenhalten, um mit dem Boot auf den See hinaus fahren zu können, sieht man den unendlichen Wasserhorizont. Der See mutet mit seiner Länge von 143 Kilometern wie ein Meer an, das gegenüberliegende, russische Ufer ist nicht zu sehen. Klar, man darf nicht vergessen, es ist mehr als vierzig Kilometer entfernt.

Am Peipussee

In Nina (hier heißt ein Ort so und ins Deutsche übersetzt heißt das „Nase“) beginnen wir mit der Suche nach einer Schlafmöglichkeit. Schauen bei einem „Guesthouse“ vorbei, aber die haben nur noch Familienzimmer für 100 EUR. Also gut, dann weiter nach Pusi. Wir marschieren in ein Haus, das sich „Guesthouse Willipu“ nennt. Unweit des Sees wurden Holzhütten gebaut, irgendwo im Haupthaus muss es auch Doppelzimmer geben, aber eine nette Dame teilt uns mit, dass keine Übernachtungsmöglichkeit frei sei, es sei denn, wir hätten ein Zelt dabei, das könnten wir aufstellen.

Am Peipussee

Als wir weiterfahren wollen, geraten wir einerseits fast in einen heftigen Regenguss und des weiteren in einen Disput: Jochen will am liebsten flüchten und dem Guss davonfahren, ich meine jedoch, dass es dafür zu spät ist und würde ihn angesichts meiner Meshhosen – die Membran liegt im Koffer – lieber unter dem Vordach abwarten. Gut, dass ich mich durchsetzen konnte. Nach wenigen Sekunden wären wir pudelnass gewesen.

Was ihr wollt. kleine würste. große würste ...

Es ist schon gegen neunzehn Uhr. Dadurch, dass die Abende so lang taghell sind, verschiebt sich so langsam unser Tagesrhythmus nach hinten. Früher wäre ich unruhig geworden, wenn um siebzehn Uhr nicht schon langsam eine Bettstatt in Aussicht gewesen wäre. Doch zunehmend lehrt uns die Erfahrung: ein Bett findet sich garantiert. Und überhaupt: Der Weg ist und wird immer mehr zum Ziel. Nach kurzer Zeit können wir bei verebbendem Regen weiterfahren und erreichen den nächsten Ort Kallaste.

Am Peipussee

Ein kleines weiß-gelbes Kirchlein am Wegesrand lockt uns mit vergoldeten Zwiebelkuppeln an. Leider ist es verschlossen. Als wir weiterfahren, hält uns ein zahnlückiger Mann getrocknete Fische in die Fahrbahn. Die möchte er verkaufen, aber wir trauen uns nicht so ganz ran. Begeisterte Fischesser sind wir beide nicht, nur ganz selten kommt ein Fischfilet auf den Teller. Und mitnehmen? Wir wissen ja noch nicht einmal, wo wir schlafen werden. So würden wir gerne nur ein Foto schießen. Aber das verwehrt er uns. Akzeptiert. Aber wir bedauern das – es wäre ein schönes Peipussee-Foto geworden.

Anna Café und Gasthaus in Kallaste Anna Café und Gasthaus in Kallaste Anna Café und Gasthaus in Kallaste Zweimal Soljanka mit was dazu

Vor dem erstbesten Haus, an dem ein Schild über der Tür mit „Anna Café & Gasthaus“ wirbt, stellen wir das Motorrad ab und treten in den kleinen Gastraum. Im tannengrün tapezierten Schankraum ist es düster, weinrote Vorhänge verdunkeln ihn zusätzlich. Hinter der mit allerlei Krimskrams voll gestellten Theke und vor ebenso überladenen Wandregalen und Hängeschränkchen begrüßt uns Anna, eine kleine, schätzungsweise 45jährige Russin mit ausladender Figur.

Die Zimmer sind gerade so groß, dass zwei Betten hineinpassen, die Toilette befindet sich in die eine Richtung des Ganges, die Dusche in die andere, aber das reicht uns. Rundherum wirkt alles irgendwie selbstgemacht, provisorisch und zusammengeschustert. In einem Schrank wartet ein Samowar auf seinen Einsatz und russische Literatur darauf, dass ich meine Russischkenntnisse hervorkrame. Wir sind offensichtlich die einzigen Gäste.

Anna macht uns noch Abendessen. Es regnet nicht mehr und die Außentemperatur liegt um die 20 °C, weswegen uns Anna draußen eine der kleinen Sitzgarnituren trocken wischt. Als wir fragen, was es gibt, antwortet Anna, sie spricht etwas deutsch: „Na, was Sie wollen! Fisch, Fleisch, große Wurst, kleine Wurst, Kartoffeln, Soljanka, Salat ... „ Wir nehmen die Soljanka, und danach Wurst mit „irgendwas dazu“.

Es wird nacht am peipussee. Oder auch nicht.
Idylle am Peipussee

Ein kleiner Abendspaziergang bringt uns nach dem Essen zum Strand des Peipusees. Er ist gesprenkelt von zentnerschweren Findlingen, die die letzte Eiszeit abgeladen hat. Wir lieben es, die lettische und estnische Ostsee mit diesen rotgelben Steinsprenkeln im Wasser! Vor allem in der Abendsonne ein stimmungsvolles Bild. In unserem Rücken ragt eine rote, vielleicht acht Meter hohe Kalksteinwand auf. Aus den vielen kleinen Löchern im „Roten Berg“ schlüpfen geschäftig Uferschwalben raus und rein. Wir sind abgesehen von zwei Jugendlichen alleine am Strand. Zwischen den Steinen hat die Brandung Unmengen von Muschelschalen und Schneckengehäusen angespült.

Idylle am Peipussee Interieur im Gasthaus

Bis um zwanzig Uhr bleibt Anna im Gastraum. Danach sind keine neuen Gäste mehr zu erwarten, weswegen sie sich in das obere Stockwerk zurückzieht, in dem sie mit ihrer Familie wohnt. Das einzig Neue im Haus sind die Plastikfenster sowie die Heizungskörper, die in unserem Zimmer mit drei Ziegelsteinen „unterbaut“ sind. Als wir im gemeinschaftlichen Wohnzimmer nach Steckdosen für unser Technikgerödel suchen – Fehlanzeige! Wahrscheinlich nur eine hinter dem Fernseher.

Die Wand hinter dem großen Sofa ist mit einer eigenwilligen Installation dekoriert, selbstgemacht, typischer 70er Jahre-Stil: gebastelt aus Schilfruten, einem Netz, paar trockenen Blättern, Korken und Zahnstochern. Soll wahrscheinlich ein Fischernetz mit Seeigeln sein. Sieht aber aus wie ein Netz mit Riesenspinnen. Als ich mich auf das Sofa setze, kippe ich nach hinten und versinke bis in unergründliche Tiefen in der mittig geteilten Schaumstoffauflage. Wir lachen uns scheckig, während ich mich mühsam wieder an die Oberfläche kämpfe.

Interieur im Gasthaus

Jochen schaltet den Fernseher wegen eines Fußballspiels ein. Mitten im Fußball, den er auf einem russischen Sender sieht, drückt er auf der Fernbedienung ein falsches Knöppel. Uppps. Ein Menü in Kyrillisch erscheint auf der Mattscheibe. Shit. Gott sei Dank ist das kyrillische Menü mit Pictogrammen illustriert und so das Malheur irgendwann wieder beseitigt. Als die Uhr 22:30 Uhr zeigt, ist es immer noch taghell. Schon in Sigulda haben wir die Vorhänge zugezogen, weil uns sonst ab vier Uhr die Sonne ins Gesicht schien. Auch die Stunden zuvor waren nicht wirklich schwarz, wir konnten uns ausgezeichnet im Zimmer orientieren. Ein ganz neues Gefühl. Und kein schlechtes. Nur wer gewohnt ist, in pechschwarzer Nacht mit verdunkelten Fenstern zu schlafen, der mäkelt anschließend in den Hotelbewertungsplattformen, dass Verdunklungsvorhänge fehlten.

Als wir am Morgen aufwachen, hören wir es tröpfeln. Der Blick nach draußen zeigt einen bedeckten Himmel, der gerade die Schleusen moderat öffnet. Kein Beinbruch, da frühstücken wir erst mal gemütlich. Unsere Frage an Anna, was es zum Frühstück gibt, beantwortet sie mit ihrem obligatorischen Satz: „Na, was ihr wollt ... Kaffee, Cay, Brot, Marmelade, Gurken, Tomaten, Fisch, Salat ...“ Sie reagiert erstaunt, dass wir uns Fisch und Gemüse nicht so recht als Frühstück vorstellen können. Ihr Frühstück bestünde im Grunde aus allen zur Verfügung stehenden Lebensmitteln, die sie auch über den Tag essen würde, klärt uns Anna auf. Stimmt, das ist uns schon letztes Jahr aufgefallen, als wir zum Beispiel in Rīga an‘s Frühstücksbufett im Hotel traten: Im Angebot war Heringssalat und so manche Speise, die wir bei der ersten Mahlzeit des Tages noch nicht runter brächten.

Während der zwar nicht besonders reichhaltigen, aber zeitmäßig ziemlich ausgedehnten Morgenmahlzeit checken wir das Regenradar und beschließen, die Membranen mal lieber in die Klamotten zu friemeln. Als wir losfahren, ist es warm, vielleicht knapp 20 °C und Petrus schmeißt ein paar Tröpfchen nach uns. Doch nie so viele, dass wir richtig nass werden. Denn der Fahrtwind trocknet sofort alles wieder ab. Es geht auf kleinen Straßen am See entlang gen Norden. Ab und zu stehen Räucherfischbuden nahe der Straße. Doch die meisten sind verwaist. Der Verkehr ist sehr gering und somit die potentielle Kundschaft wohl auch.

Fahrt entlang des Peipusssees

Die Grundstücke rechter Hand haben generell einen Seezugang. Praktisch. Im Winter fahren die hier mit richtig dicken Autos auf den See hinaus zum Eisangeln. Das stelle ich mir als ein sehr eigenartiges, mulmiges Gefühl vor. So mit dem knirschenden Eis unter dem Auto. Weil der Peipussee nur acht Meter tief ist, erreicht er im Sommer schnell eine angenehme Badetemperatur und im Winter friert er dick und verlässlich zu. Früher sind die Fischer im Winter zu Fuß über den zugefrorenen See zum Eisfischen gelaufen. Heute benutzen sie dafür speziell umgebaute Autos, die es nur hier in Kallaste gibt.

Die Werkstatt „Autoremont“ baut die Monsterautos, die man „Karakat“ nennt.Man nehme irgendeinen UAZ, das ist so etwas wie ein osteuropäischer VW-Bus oder auch Jeep, nehme davon das Fahrgestell, baue eine Kabine darauf und stecke riesige Ballonreifen Marke Eigenbau auf die Achsen. Voilà – fertig ist ein Karakat. Durch die große Oberfläche der Ballonreifen üben diese nicht den selben Druck wie normale, schmale Reifen auf die Eisfläche aus. Vielleicht schwimmt das Fahrzeug ja sogar, wenn das Eis brechen sollte? Einen TÜV gibt es dafür nicht und die Polizei drückt beide Augen zu, solange der Monstertruck im Dorf bleibt. Und das bleibt er, maximal raus auf den See geht es damit. Jetzt im Sommer sehen wir leider nirgends so ein Monsterteil. Die Karakats werden wohl gut eingeölt irgendwo in den Schuppen auf ihren nächsten Wintereinsatz warten.

Dem Tourverlauf folgen:
weiter mit Kloster Pühtitsa

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