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Kloster Pühtitsa

Kloster Pühtitsa. Ein russisch-orthodoxes Kloster, von einhundert Nonnen bewohnt und bewirtschaftet, und das einzige Nonnenkloster dieser Glaubensrichtung auf estnischem Grund.

Schließlich verlassen wir die Straße am See, der hier endet. Wir wenden uns nach Osten und in Richtung russische Grenze. Petrus schmeißt immer noch gelegentlich Tropfen nach uns. Trotzdem müssen wir sagen: Braver Petrus! Er versalzt uns damit zwar jegliche Videoaufnahme und auch so manches Foto, wegen der Tropfen und wegen der Lichtverhältnisse sowieso, aber sehen wir es mal positiv: es könnte viel schlimmer regnen!

Unweit der Stadt Kuremäe biegen wir zum Kloster Pühtitsa ab. Ein russisch-orthodoxes Kloster, von einhundert Nonnen bewohnt und bewirtschaftet, und das einzige Nonnenkloster dieser Glaubensrichtung auf estnischem Grund. Als wir das Motorrad abstellen, bemerken wir, wie rund zweihundert Menschen einer Prozession folgen. Wir lassen uns Zeit, denn während einer Feierlichkeit werden wir den Komplex bestimmt nicht betreten können. Wir nähern uns trotzdem ganz langsam und vorsichtig. Die Glocken läuten anders als wir es gewohnt sind. Es klingt eher wie ein rhythmisches Glockenspiel. Nicht so hymnisch, getragen und feierlich wie in katholischen Gotteshäusern. Auch in einer ganz anderen Lautstärke. Sind hier Glockenspieler zu Gange, die ein Lied schlagen?

Während einer hohen Zeremonie im Kloster Pühtitsa. Während einer hohen Zeremonie im Kloster Pühtitsa. Während einer hohen Zeremonie im Kloster Pühtitsa. Während einer hohen Zeremonie im Kloster Pühtitsa. Gebäudeschmuck am Kloster Pühtitsa.

Die Zeremonie in der Kirche ist nur von kurzer Dauer, denn als wir den Innenhof betreten, verlassen die Geistlichen, Nonnen und Besucher die Kirche schon wieder. Das Ritual setzt sich im Innenhof fort. Gesang erschallt. Wir halten uns im Hintergrund und sehen deswegen nicht, von wem der Gesang ausgeht.

Ein junger Geistlicher in hellblauem Kleid, der Gesichtszüge hat wie Spiderman bzw. der noch junge Schauspieler Tobey Maguire, verliest auf einem Treppenabsatz einen Text, dem die Besucherinnen andächtig und mehrheitlich mit geschlossenen Augen folgen.

Alle Frauen tragen Kopftücher, unter dem Kinn gebunden, andere haben die Tücher nach hinten geknotet, so wie Zigeunerinnen sie meist tragen, andere legten sich einen leichten Chiffonschal elegant über den Hinterkopf. Hauptsache, die Haare sind bedeckt.

Was lange Beinkleider betrifft, sieht man das in der russisch-orthodoxen Kirche wohl etwas locker. Nicht wie in der griechisch-orthodoxen Welt, wo man als Frau selbst über den Motorradhosen einen langen Rock binden muss, um den Sitten zu entsprechen, scheint hier niemand Anstoß an nicht die Knie bedeckenden Damenröcken zu nehmen.

Wir ernten erstaunlicherweise keine bösen Blicke, als wir uns unter die Gläubigen mischen. In unserem Motorradklamotten sehen wir ja nun weiß Gott nicht wie ihresgleichen aus. Es ist echt erstaunlich, wie selbstverständlich man unsere Anwesenheit nimmt. Auch die Sache mit den Fotos ... niemand hat etwas dagegen, dass wir fotografieren. Im Gegenteil: sie fotografieren selbst! Der junge Mann in hellblauem Ornat fotografiert während des Verlassens der Kirche eifrig mit einer großen Kompaktkamera. Und die Besucher zücken auch gelegentlich ihr Handy.

Während einer hohen Zeremonie im Kloster Pühtitsa.

Ein Geistlicher in festlichem Ornat hält ein reich geschmücktes Kreuz in den Händen. Die Besucher flankieren an ihm vorbei, küssen das Kreuz und meist auch den Ärmelsaum des Geistlichen. Wir stehen am Rand des Ganzen, machen uns klein und unsichtbar. Der Geistliche bewegt sich langsam auf Jochen zu, schaut ihn an und ein verschmitztes Lächeln überläuft sein Gesicht. Und zack, hat auch Jochen das Kreuz geküsst.

Essen! keine Widerrede!
Ob wir wollen oder nicht: es wird gegessen!

Als sich die Masse etwas zerstreut, schlendern wir weiter, über das weitläufige Klostergelände zum Garten. Aus einem Gebäude hinter der Kirche dringt Essensduft. Nonnen mit weißen Schürzen über ihrer Tracht sind zum Küchendienst eingeteilt.

An einem der Fenster hat sich eine lange Schlange gebildet, den Besuchern werden Tüten heraus gereicht werden. Ist das hier so etwas wie eine Armenküche? Und in den Tüten befinden sich Brot und Speisen, die von den Nonnen für die bedürftigen Besucher gespendet werden? Wenige Meter dahinter sehen wir in einem Zeltpavillon eine lange Tafel, um die sich andere Besucher scharen. Sie nehmen sich Speisen aus den großen und kleinen Schüsseln auf dem Tisch und verzehren es im Stehen. Wir wollen nicht stören und treten den Rückzug an.

Ob wir wollen oder nicht: es wird gegessen!

Eine kleine ältere Dame mit rötlich gefärbten Haaren und locker darüber geworfenem Tuch aus rosa Spitze spricht uns an und meint, wir müssten unbedingt auch etwas essen, da gäbe es Salat und „....“, naja, alles verstehen wir nicht.

Wir zieren uns ziemlich, da wir glauben, dass die Speisen für die Bedürftigen hergerichtet wurden. Aber scheinbar gehören wir durch unsere Anwesenheit dazu. Als wir uns partout nicht überreden lassen wollen, schnappt sie mich am Arm und führt mich zu einer langen Tafel, auf dem Speisen stehen, von denen sie uns etwas auf zwei Pappteller verteilt. Kein Widerspruch! Wir müssen essen! Und trinken! Dann eilt sie davon, um uns Kaffee zu organisieren. Unsere Konversation ist leider sehr mühsam. Mein Russisch ist ziemlich verschütt gegangen. Aber zumindest verstand ich ihre Erklärungen soweit, dass sie aus Valga komme, diesem Valga, der geteilten lettisch-estnischen Grenzstadt, durch die wir gekommen sind. Und sie sei extra von dort hierher gefahren, nur wegen dieser Zeremonie.

Während einer hohen Zeremonie im Kloster Pühtitsa. Geistliche mit dem heißen Draht nach oben.

Nur selten entdeckt man Männer unter den Besuchern. Einige Kinder begleiten ihre Mütter. Ein etwa achtjähriges Mädchen in wadenlangem Rock und einem geblümten, unter dem Kinn gebundenen Kopftuch hat es uns besonders angetan. Sie ist der Inbegriff einer russischen Schönheit wie man sie aus den russischen Märchen kennt.

Erstaunlicherweise streben auch schwarz gekleidete Priester oder Klosterbrüder durch das Gelände. Eigentlich ist es ja ein Nonnenkloster. Sie werden wohl nur eine Gastrolle an diesem hohen Feiertag spielen. In anderen Gewändern könnten manche dieser Herren in Wacken oder in Motorradkluft ein stimmiges Bild abgeben. Die langen Haare im Nacken zu einem Zopf gebunden. Das Handy immer zur Hand, nicht nur bei den Klosterbrüdern, auch die Besucher nutzen das Handy rege.

Trinkwasserbrunnen für die Allgemeinheit im Kloster

In einer öffentlichen gemauerten Wasserstelle mit Hahn stehen zwei geblümte Porzellantassen. Wer Durst hat, darf sich hier bedienen. Wie bei Oma! Da stand auch immer eine Familientasse neben der zuverlässig gefüllten Kanne mit kaltem Tee, aus der jeder, der Durst hatte, sich bediente. Eine Tasse für alle! Ist doch praktisch und völlig normal. Derartiges haben wir auch in anderen osteuropäischen Ländern gesehen. Nach dem Trinken die Tasse unter fließenden Wasser gründlich ausspülen, wieder hinstellen und gut is‘.

Heiligenbild

Den Schluss, dass heute ein hoher Feiertag sein muss, ziehen wir aus der Tatsache von Annas Anreise über die stattliche Distanz von zweihundert Kilometern. Selbst wenn man beachtet, dass die russisch-orthodoxen Feiertage nach dem Julianischen Kalender begangen werden und dieser unserem Gregorianischen Kalender dreizehn Tage voraus ist, finden wir nicht heraus, was – nach unserer Zeitrechnung – am 30. Juni gefeiert wird.

Anna steckt mir einen Zettel zu. Darauf stehen in Kyrillisch zwei Namen „Катя“ und „Палина“ sowie zwei Telefonnummern. Soweit habe ich sie verstanden, dass jemand den sie kennt, in Deutschland lebt. Katja und Palina. Verwandtschaft vielleicht? Ich deute ihre Erklärungen so, dass ich Grüße ausrichten soll, wenn wir wieder zu Hause sind. Unter den zwei Nummern steht noch ein Name: „Тетя Аня“. Jetzt wissen wir auch ihren Namen. Tetja Anja, nicht Anna. (Bei der Katja hab ich übrigens nach unserer Rückkehr angerufen, aber das Telefongespräch ist konfus, sie kenne keine Anja aus Valga, sagt sie. Sie ist zwar, dem harten Akzent nach zu urteilen, ganz sicher eine Russischstämmige, aber wir sind beide ziemlich ratlos, weswegen ich jetzt anrufe. Tja, ich wollte nur nett sein. Was hab‘ ich da nur verstanden?)

Etwa hundert Meter vom Klostereingang entfernt gibt uns eine kleine Gastwirtschaft Gelegenheit, einen Kaffee zu trinken. Im angeschlossenen Souvenirshop verblüffen uns die Preise der Matrjoschkas. Unter vierundzwanzig Euro ist keine zu haben. Hätten wir nicht gedacht. Auf der anderen Seite: dieses Hohlpüppchen aus Holz zu drechseln erfordert vermutlich einiges an Geschick und Erfahrung.

Dem Tourverlauf folgen:
weiter mit Wasserfall Valaste an der nordöstlichen Ostseeküste

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