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Lahemaa | Vergi

Vorsicht! Elch kreuzt die Straße!

Die nächsten dreißig bis vierzig Kilometer sind mal wieder kurvig und machen richtig Laune. Ein genialer Tagesabschluss. Jetzt befinden wir uns also im Lahemaa-Nationalpark. Ein Highlight für Naturliebhaber. Der Nationalpark befindet sich in östliche Richtung etwa fünfzig Kilometer von Tallinn entfernt. Auf der Karte ist es dieses Gebiet, wo sich vier Zipfel wie Finger ins Meer hinausrecken.

Übersetzt heißt Lahemaa Buchtenland, bezogen auf die traumhaften Meeresbuchten zwischen den Zipfeln. Dreißig Prozent des Gebiets sind von schattigen Wäldern bedeckt, in denen saftige Heidelbeeren und süße Walderdbeeren auf Naschmäuler warten, allerdings auch viele hungrige Mücken wiederum auf die Naschmäuler. Eine perfekte Nahrungskette. In den Wäldern verstecken sich außerdem eine Menge wilde Tiere. Wölfe, Bären, Wildschweine sowie Elche, das sind die größten unter ihnen. Dass man eins dieser Tiere während der Fahrt zu Gesicht bekommt, ist jedoch sehr unwahrscheinlich.

Lahemaa heißt nicht Kurvenland. könnte es jedoch.
Lahemaa heißt nicht Kurvenland. könnte es jedoch.

Endlich hat mal ein Straßenbauer kapiert, wie richtige Straßen gehen! Die Stecken sind leicht bergig und vor allem kurvig. Wer hätte gedacht, dass Motorradfahrer hier in Estland Kurvenvergnügen finden? Am Straßenrand begeistert uns ein Schild „16 km kurvige Strecke“! In dieser Ecke begegnet uns die größte Anzahl Motorradfahrer während unserer dreiwöchigen Baltikumtour. Vermutlich oft Esten aus Tallinn, die einfach mal einen kleinen Ausflug unternehmen. Die Unterkunftsdichte im Nationalpark ist nicht gerade groß. Unsere Zimmer suchen wir uns abends wieder ohne Reservierung. Da ist man einfach gelassener und wenn es nicht gefällt, fährt man weiter. Nur schauen wir uns manchmal im Zuge der Planung im Internet um. Da bekommt man einerseits einen Spiegel dessen, wie dicht die Unterkünfte gestreut sind sowie eine Ahnung von den Preisen und der Verfügbarkeit in der jeweiligen Region.

In einem Supermarkt füllen wir noch mal unseren Proviant auf, denn hier sieht es nicht so aus, als würde sich an jeder Ecke ein Laden befinden. Im Einhundert-Einwohner-Dorf Vergi finden wir schließlich ein geschmackvolles, ziemlich neues Guesthouse, das uns gut gefällt. Unsere Gastgeberin parkt uns erst mal mit einem dunklen Gut-Ankommer-Saku-Bier und einem kühlen Glas Weißwein auf der Terrasse. Wir überlegen laut, ob wir hier nicht länger bleiben wollen. Zwei Nächte? Vielleicht sogar drei? Dann erkunden wir von hier aus den Nationalpark – wäre doch klasse?! Wir vereinbaren mit unserer Gastgeberin, ihr am nächsten Morgen mitzuteilen, wie lange wir bleiben. Gottseidank erst am nächsten Morgen ...

Am Hafen von Vergi

Unser Abendessen fangen wir uns am Hafen, dem Sadam, wie es auf Estnisch heißt. Natürlich angeln wir es uns nicht im wörtlichen Sinne, sondern besuchen das einzige Restaurant im Ort. Das Bestellte ist sehr lecker, aber so langsam fragen wir uns: was ist eigentlich typisch estnisch? Gibt es überhaupt typisch estnische Gerichte? In Litauen und Lettland standen irgendwie immer landestypische Gerichte auf der Karte, in Estland dagegen können wir bisher nichts dergleichen ausmachen. Oder wir erwischen immer die falschen Lokale. Gegrilltes oder überbackenes Fleisch mit Beilagen klingt ja nicht gerade wie etwas ganz Landestypisches. Vielleicht werden wir in den nächsten Tagen noch eines Besseren belehrt?

Am Hafen von Vergi

Hier im Hafen von Vergi wurden in den letzten zwei Jahrhunderten Segelschiffe gebaut, heute legen sie nur noch an. Aber nur einige wenige passen hier hinein. Ein weißer Leuchtturm strebt in den Himmel. Im Hafengebäude, das der Hafenbehörde als Sitz dient, ist das Restaurant untergebracht. Von der Dachterrasse im ersten Stock hat man einen perfekten Blick auf die Anlage und bekommt eine stylische Frisur „Made in Windkanal“ verpasst. Kräftiger Wind hat aber auch einen großen Vorteil: die Mücken haben keine Chance zu landen.

Eine Mole reckt sich weit ins Wasser und ein paar hundert Meter entfernt zeigt sich das gegenüberliegende Ufer des „Lahemaa-Fingers“. An einer seichten Stelle direkt am Hafen stürzen sich einige Badende in die Fluten. Der Ort selbst zeigt sich sehr verschlafen. Wie gesagt, er hat nur wenig mehr als hundert Einwohner, da ist nicht viel los. Sicher wird noch das eine oder andere Häuschen als Ferienhaus vermietet, aber Hotels, Pensionen oder trubelige Unterkünfte sucht man vergebens. Übrigens in dem gesamten Gebiet auch Tankstellen. Aber das stellen wir erst am nächsten Morgen fest.

In manchen Gärten stehen Saunahäuser. Es gibt in den estnischen Baumärkten fertige Saunahäuschen zu kaufen, runde Hüttchen mit Holzschindeln auf den Dächern. So wie man bei uns hölzerne Gartenlauben ins Grundstück stellt, ,gehört hier eine Sauna ins Grundstück.Ein estnisches Haus ohne Schwitzhütte – das geht ja gar nicht!

Guesthouse Vergi

Wer hätte gedacht, dass wir uns eine Klimaanlage wünschen? Hier im Baltikum? Nach der ersten Nacht relativieren wir unsere Idee, länger zu bleiben, auf sichere zwei Nächte. Denn wir erwischten wohl das ungünstigste Zimmer im Haus und den wärmsten Tag unserer Tour. Unser schönes, neues Guesthouse erweist sich als Sauna – und zwar das ganze Haus! Im Zimmer herrscht eine Temperatur von 35 °C. Die Sonne, vor allem die des langen Abends, hat dem Zimmer ordentlich eingeheizt. Dummerweise steht das Bett vor dem Fenster, das sich dadurch nur kippen, aber nicht öffnen lässt. Wer macht denn sowas? Wir wünschen uns, ein Zelt dabei zu haben und unter freiem Himmel schlafen zu können! Genug Mückenspray hätten wir ja dabei. Schade, ein Balkon hätte schon gereicht – wir wären umgezogen!

Die Loungezone mit Sofas und einem riesigen Fernseher ist kaum zu benutzen. Denn sie befinden sich wie die Gästezimmer im ersten Stock, der gleichzeitig das Dachgeschoss darstellt. Da läuft der Schweiß in Strömen. Und auch hier ist kein Fenster zu öffnen, da die schrägen Dachfenster hoch oben und nicht erreichbar sind. Den Gedanken an einen längeren Aufenthalt haben wir während der ersten Nacht ganz schnell, aber sowas von schnell, widerrufen. Aber zwei Nächte – okay. Wir wollen uns schließlich Käsmu noch anschauen und zum nochmaligen Aufrödeln haben wir keine Lust. Außerdem sind viele andere Unterkünfte ausgebucht.

Sonnenbad um 21 Uhr

Abends nutzen wir die einzige Alternative zur Lounge-Sauna: Mit einer kräftigen Wolke aus OFF ins Freie. Lang genug hell ist es ja. Das Mückenspray stinkt wie die Pest und wir möchten gar nicht wissen, welche Gifte dafür sorgen, damit die Mücken wegbleiben. Aber sie bleiben weg. Dieses Mückenspray gibt es in Deutschland nicht mehr zu kaufen, sondern nur noch im osteuropäischen Ausland, in Tschechien zum Beispiel. Wir schwören drauf. Bestimmt leistet jedoch auch das estnische Mückenspray gute Dienste. Die Einheimischen kennen schließlich ihre Blutsauger besser als wir.

Beim Gespräch mit unserer Gastgeberin Marina am nächsten Morgen wird klar, warum dieses Guesthouse so wunderschön aussieht, jedoch derartig wärmespeichernde Eigenschaften besitzt. Das Haus, das wirkt wie ein traditionelles estnisches Holzhaus, wurde vor zwei Jahren mit einem Kern aus Beton gebaut und nur außen mit Holz verkleidet. Unsere Gastgeberin ist die Pächterin. Sie erzählt uns, dass sie aus Helsinki stamme, dann nach Tallinn und schließlich in dieses absolute Kontrastprogramm gezogen sei, die Einsamkeit von Vergi. (Nachdem wir später auch noch Tallinn besucht haben, wird uns die Gegensätzlichkeit dieser beiden Wohnorte noch mehr bewusst.) Sie werde heute in die Stadt fahren und dort im Baumarkt Mückengitter für die Fenster besorgen. Oh ja, bitte! Denn wir konnten einerseits wegen der Hitze nicht schlafen und andererseits wegen der Mücken, die uns durch das gekippte Fenster besuchen kamen.

Dem Tourverlauf folgen:
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