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Lahemaa | Gutshof Palmse

Gutshof Palmse

Da wir also nun eine zweite „Sauna-Übernachtung“ vereinbart haben, gehen wir ohne Gepäck auf Tour. Die leeren Koffer am Motorrad erweisen sich als sehr praktisch. Da packen wir die Helme und Jacken rein, als wir das Motorrad am Herrenhaus Palmse abstellen. Es ist warm, bestimmt so um die 25 °C, da sind wir froh, die Klamotten nicht mitschleppen zu müssen. Der Gutshof Palmse ist der besterhaltene und bekannteste Gutshof Estlands. Die Nebengebäude, eine Schnapsbrennerei, Stallungen, ein Badehaus, ein Pavillon und viele andere bilden zusammen mit einem Schwanenteich ein stimmungsvolles Ensemble.

Gutshof Palmse

Dieser Gutshof hat für Estland große touristische Bedeutung, wenn nicht sogar die größte. Das lässt sich unschwer an dem Aufwand ablesen, der hier betrieben wird. Das Gut gehört dem Staat und steht unter der Verwaltung eines Museums. Sämtliche Angestellten flanieren in Kleidung des 18. Jahrhunderts durch den gepflegten Park. Zwei Damen aus dem Herrschaftsgeschlecht würden sich gerne auf dem Schwanenteich vergnügen.Dort ist gerade ein junger, „adliger“ Herr dabei, mit einem Becherchen ein Ruderboot vom eingedrungenen Wasser zu befreien. Zur Zeit ist nicht viel los hier. Nur ein paar wenige Besucher schauen sich um, aber gewiss karrt man zu anderen Zeiten auch viele Busladungen voller Menschen in die Anlage.

Gutshof Palmse

Draußen vor dem Haupthaus dreht ein kleines Kutschengespann seine Runde. Die Kutsche wird von zwei absolut winzigen Ponys gezogen, sie sind gerade mal etwas mehr als kniehoch. Ein Smart im Pferdegespannsektor.

Das Herrenhaus befand sich seit dem 17. Jahrhundert in Händen der deutsch-baltischen Familie von der Pahlen, deren Schicksal vergleichbar mit denen vieler anderen Adelsgeschlechter im Baltikum ist. Nicht immer sind die Herrenhäuser so perfekt in Schuss gehalten worden wie hier in Palmse. Andere, die wir später noch sehen, lassen den ehemaligen Glanz noch erahnen, zählen jedoch aktuell zu den Sehenswürdigkeiten als moderner „Lost places“. Manche wurden nach der Enteignung einfach nicht mehr genutzt, was zu ihrem zwangsläufigem Verfall geführt hat. Im Jahr 1905, während der russischen Revolution, brannten auch Hunderte Gutshöfe ab. Nur noch anhand ihrer Bauweise sowie Größe bekommt man eine Ahnung davon, welche Schicht des baltischen Adels die Gebäude vor Jahrzehnten erbaut und genutzt hat.

Souvenirverkäuferin am Gutshof Palmse

Die Deutsch-Balten kamen ursprünglich mit dem Schwertbrüderorden, der später in den Deutschen Orden aufging, und bildeten ab dem 12. Jahrhundert die adelige sowie bürgerliche Schicht in den Städten Lettlands und Estlands. Ihr Einfluss auf Bildung und Kultur dieser beiden Länder war immens, auch wenn sie nie mehr als zehn Prozent der Bevölkerung ausmachten. In manchen Städten wie Rīga und Tartu allerdings war ein Großteil der Einwohnerschaft deutschstämmig.

Die baltischen Regionen kamen im 18. Jahrhundert als Ostseeprovinzen zum russischen Reich und die deutschen Adeligen arrangierten sich vorerst ganz gut mit den zaristischen Machthabern. Als jedoch im neunzehnten Jahrhundert die Nationalgefühle der Esten und Letten immer stärker wurden, zumal man die Deutschen von jeher als die ungeliebten Kolonisten betrachtete, suchten viele Deutsch-Balten ihr Glück in der Emigration. Zu Zeiten der ersten Unabhängigkeit Estlands, vom Ende des ersten Weltkriegs bis zu Beginn des zweiten, wurden im Zuge der Bodenreform alle Gutsherren, und damit auch die deutschen, enteignet.

Souvenirverkäuferin am Gutshof Palmse

Spätestens als Hitler die Volksdeutschen, wie die in aller Herren Länder verstreuten Deutschsprachigen genannt wurden, mit der Parole „Heim ins Reich“ rief, parallel im Jahr 1939 der geheime Hitler-Stalin-Pakt das Baltikum an die Sowjetunion auslieferte und den Deutschbalten eine Zukunft unter Stalin und den Bolschewiken begreiflicherweise nicht erstrebenswert schien, zogen die meisten Deutschbalten ab. Freiwillig zwar, aber ohne Hab und Gut. Zuerst wurden 90.000 Menschen in die deutsch besetzten Teile Polens umgesiedelt, also die Enteigneten durch anderes enteignetes Gut entschädigt. Doch schon bald vertrieb sie die Rote Armee auch von dort, was die meisten völlig mittel- und heimatlos zurückließ.

Die sowjetischen Machthaber brachten in den folgenden Jahren nicht genug Mittel für die Erhaltung der prunkvollen Bauten auf – und noch weniger Interesse an der Erhaltung des deutschen Kulturgutes (wobei es allem Kulturgut so erging, nicht nur dem deutschen). Palmse hatte allerdings das riesige Glück, zu sowjetischen Zeiten einen geschickt lavierenden Kolchosenverwalter zu haben, der es schaffte, in der Administration in Moskau genug Geld für die Werterhaltung und Renovierung des Gutes aufzutreiben.

Dem Tourverlauf folgen:
weiter mit Käsmu - Dorf der Kapitäne und Dorf der Witwen

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