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Lahemaa | Wanderung im Viru-Moor

Isländisches Moos, dieser weiße Bodendecker, ist eine häufige Pflanze im Moor. Die Pflanze ist seit 400 Jahren als Heilpflanze geschätzt.

Noch eine Nacht im Saunazimmer halten wir nicht aus. Aber den Lahemaa-Nationalpark schon zu verlassen, kommt auch nicht in Frage, weswegen wir am Morgen einfach einige Kilometer weiterfahren und uns in Vösu ein neues Zimmer suchen. Heute ist Sonntag und wir kennen Vösu überhaupt nicht wieder. Am Vortag besuchten wir den Supermarkt und da ging im Ort echt der Bär ab! Die Straße war voll mit Urlaubern, die Badeutensilien durch die Gegend trugen. Roller- und Radfahrer auf allen Wegen und Straßen. Ein Gewusel sondergleichen! Was das war? Vermutlich einfach nur der normale Wahnsinn, der Wochenendwahnsinn. Als wir heute in Vösu einrollen, hat sich die Stadt enorm verändert. Ruhig, kaum Menschen zu sehen. Ach ja: und es hat geregnet, da sind sie alle in die Löcher gekrochen. Oder heimgefahren.

Der flache Strand ist feinsandig und nimmt eine drei Kilometer breite Bucht ein, die durch einen schattigen Waldgürtel geschützt ist. In der kurzen Sommersaison wird das Wasser relativ warm, weswegen Vösu Mitte des 19. Jahrhunderts von den russischen Aristokraten entdeckt wurde und zu einem beliebten Badeort avancierte. Die Häuser sind großteils traditionelle Holzhäuser, die in attraktiven Farben gestrichen sind. Klar haben sich auch ein paar betonierte Bausünden aus der Sowjetzeit zwischen die farbigen Häuschen geschlichen ... einfach nicht hinkucken!

Heidelbeeren ohne Ende!

Wir deponieren das Gepäck in unserer Pension, sagen Hallo zu einer Gruppe finnischer Motorradfahrer, die sich gerade zum Aufbruch rüsten und verlassen Vösu in südliche Richtung. Die Symbolik der Wetterapp ist mit grauen Regenwolken gespickt. Gerade heute soll es regnen! Wo wir doch heute wandern wollen – im Hochmoor Viru. Kaum haben wir das Motorrad am Moor abgestellt, fängt es an zu tröpfeln. In Motorradhosen und mit Regenjacken ins Moor? Ja, was anderes bleibt uns nicht übrig, zumal der Lehrpfad eine Länge von 3,5 Kilometern hat, das zieht sich also. Die Regenjacken werden wir noch verfluchen, denn es ist nicht kalt. Oh, lecker! Überall Heidelbeeren. Das bedeutet, die Wanderung wird dauern.

Viru-Moor. Eines von vielen Mooren in Estland.

Nach einiger Zeit gelangen wir zu einem aus dicken Bohlen gezimmerten Aussichtsturm und klettern hinauf. Oben ist schon ein Paar mit einer professionellen Kamera im Tarnlook auf Fotopirsch. Als hinter uns noch zwei weitere Besucher die knarzende Treppe heraufsteigen, hören wir von der Treppe her den Satz: „Die Augsburger sind aber auch überall!“ „Ach, kommt ihr denn auch aus Augsburg?“ erwidert Jochen.Nein, sie kämen aus Weilheim, hören wir. Das liegt geschätzte fünfzig Kilometer von unserer Heimatstadt entfernt. Gut, bei der Entfernung zählt das als Eingemeindung ... Da tönt es von dem Paar mit der Tarnkamera: „Wir hätten auch noch Fürstenfeldbruck anzubieten ...“ (Das liegt auch gleich um die Ecke. Von Estland aus gesehen sind wir direkte Nachbarn.)

Viru-Moor. Eines von vielen Mooren in Estland.

Perfekt, es regnet nicht mehr. Vom Turm aus kann man die Flächen des Moores mit seinen dunklen Seen und den Moosflächen gut überblicken. Welche farblichen Kontraste selbst bei diesem miserablen Lichtverhältnissen noch zu sehen sind! Man muss sich eben auch an Kleinigkeiten erfreuen können. Aber das wäre schon was gewesen ... wenn sich der blaue Himmel in den Tümpeln gespiegelt hätte ... Tja, man kann eben nicht alles haben. Ein Gutes hat das Wetter noch: die Mücken lassen uns ziemlich in Ruhe. Bei Sonnenschein würden sie uns leer saugen.

Gutshof Kolga
Gutshof Kolga

Als wir wieder beim Motorrad eintreffen, hören wir es schon donnern und sehen eine dicke, schwarze Wolkenwand nahen. Mal sehen, wie lange das gut geht. Antwort: Nur kurze Zeit. Bis zum Gutshof Kolga. Da macht Petrus dann die Schleusen auf. Das von sechs hohen Säulen getragene klassizistische Portal ist groß genug für unsere Regenpause mit Picknick. Groß genug, dass auch ein völlig durchnässtes Radlerpaar neben uns ihren Espitkocher auspacken kann. Auch wir packen unseren Proviant aus und lassen es uns schmecken.

Gutshof Kolga Gutshof Kolga

Im dreizehnten Jahrhundert errichteten dänische Zisterziensermönche auf dem Grund des heutigen Gutes ein Kloster. Ab dem 16. Jahrhundert gehörte es schwedischen Adeligen. Letzte Besitzer waren Mitglieder der Familie von Stenbock, die wie so viele im Jahr 1940 enteignet wurden. Damit ging das Gut in die Hände der sowjetischen Besatzer über, ganz klar war das der Untergang der Gebäude. Zwar wurde der Familie von Stenbock sämtlicher Besitz im Jahr 1993 wieder zurück übereignet, jedoch tut sich nichts, was den Zustand der Gebäude verbessert hätte. Das Internet vergisst nichts, darin finden sich Spuren, dass in Kolga ein Hotel sowie ein Restaurant eröffnet wurde. Aber diese sind zur Zeit unseres Besuches wieder geschlossen. Vielleicht hat es sich nicht rentiert. Nach einer Stunde sind wir satt, haben genug fotografiert und Fotos in die Heimat geschickt. Der Blick in den Himmel verheißt keine Besserung, also beschließen wir aufzubrechen. Was soll‘s.

In der Pension fragen wir nach einem warmen, trockenen Plätzchen für unser feuchten Klamotten. Die junge Dame überlegt einen kurzen Moment. Einen speziellen Raum dafür hätten sie nicht, aber ihr fiele da was ein ... Sie führt uns in eine schön warme, aber nicht mehr heiße Sauna, in der ich die Klamotten und Handschuhe ausbreite. Gute Idee. Jochen wird sofort hellhörig. Sauna? Das wäre doch was! Also ist es ausgemacht: um siebzehn Uhr ist die Sauna angeheizt für uns! Während der Zeit bis dahin hoffe ich inständig, dass die junge Dame beim Anheizen daran denkt, die Regenkombis rauszutun!

Nach dem reinigenden Saunagang nur für uns alleine (gut, dass sie an unsere Regenklamotten gedacht hatte) entern wir einen Supermarkt. Dort treffen wir auf einen jungen Mann, der sich freut, wieder mal Deutsch sprechen zu können. Er fährt mit dem Fahrrad durch‘s Baltikum. Ob wir Möglichkeiten wüßten, wo er heute abend Fußball schauen könnte. Tut uns leid, keine Ahnung.

Das gute SAKU-Bier

Die Dame an der Supermarktkasse hat nicht den besten Tag heute. Ich mache es ihr aber auch nicht leicht. Die Esten pflegen ihre eigenen, ziemlich restriktiven Alkoholgesetze. Eine Flasche Wein zu kaufen ist darum nicht immer einfach. In den großen Supermärkten ist der Bier- und Weinkauf kein Problem, dort gibt es wie überall in Europa große Selbstbedienungsregale, aus denen man sich die gewünschten Flaschen herausnimmt. Der einzige Unterschied zu deutschen Supermärkten ist, dass diese Regale nur von zehn bis zweiundzwanzig Uhr zugänglich sind. Wenn der Markt darüber hinaus geöffnet hat, werden die betreffenden Regale mit Sperrbändern abgetrennt. Aber in kleineren Märkten steht der Alkohol oft nicht frei zugänglich, sondern hinter der Kasse. Dann muss man von weitem versuchen zu entziffern, welche Aufschriften die Weinflaschen tragen.

Wir brauchen drei Anläufe, währenddessen uns die Kassenangestellte mit verbitterter Miene Flaschen reicht, bis wir einen Wein erwischen, auf dem nicht „Medium sweet“ steht. Vermutlich schlägt hier in Estland der russische Geschmack noch voll durch, die mögen es ja generell sehr süß. Die Alkoholgesetze untersagen auch das Trinken von Alkohol in der Öffentlichkeit. Außenterrassen von Restaurants und Cafés sind davon ausgenommen, aber sich einfach so draußen mit einer Flasche Bier hinzusetzen brächte Probleme mit der Ordnungsmacht.

Rundgang durch alte Gassen von Vösu

Hier in Vösu existieren zwar einige Restaurants, aber ist vielleicht noch Vorsaison? Als wir um 19:30 Uhr losziehen, ist es gar nicht so einfach, ein geöffnetes Restaurant oder eines, das noch lange genug offen hat, zu finden. Schilder verkünden: „Geöffnet bis 20:00 Uhr“. Es ist Sonntagabend und Anfang Juli – keine Ahnung, welche Umstände zu solchen Öffnungszeiten führen. Auf der anderen Seite, bei dreihundert oder fünfhundert Einwohnern – die Quellen widersprechen sich da – lohnen sich die Gastbetriebe vermutlich wirklich nur am Samstag.

Nach dem Essen schauen wir uns noch ein wenig im Ort und am Meer um. Bei näherer Inspektion ist der Strand in Vösu doch nicht ganz unser Geschmack. Der Sand ist fein und die Umziehboxen sind gewiss praktisch. Aber dieses Brackwasser! Weil der Strand sehr flach ist – aber auch so was von flach – bilden sich Sandbänke, die einzelne Tümpel vom restlichen Meer abtrennen. Es riecht etwas muffig. Oder kommt das daher, weil es geregnet hat? An dem dem Vorhandensein des großen Wasserwachtgebäudes lässt sich unschwer erkennen, dass hier in der Hochsaison ganz schön was los sein muss. Klar, für kleine Kinder ist das perfekt und das Wasser wird bestimmt auch angenehm warm. Dieses muffige Wasser jedoch, na danke. Da gibt es angenehmere Strände in der Nachbarschaft.

Dem Tourverlauf folgen:
weiter mit U-Boothafen Hara

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