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Tallinn | „Lost place“ Gefängnis Patarei

Tallinn | Gefängnis Patarei

Tallinn hat einen berühmten mittelalterlichen Altstadtkern, in den täglich tausende Besucher strömen. In diese Massen wollen wir uns heute noch nicht einreihen, wir werden uns zuerst die jüngere Vergangenheit Tallinns zu Gemüte führen. Richtung Meer geht’s. In den Stadtteil Kalamaja, der sich nördlich am Meer entlang erstreckt. Ein Stadtteil mit viel „Lost-Place“-Charme.

Unter anderem besuchen wir ein Gefängnis, das uns nicht nur wegen der zugigen Räume frösteln lässt. Die äußere Mauer besteht aus weißen Ziegelsteinen, die Mauerkrone wird durch einen Maschendrahtzaun erhöht und an manchen Stellen durch Stacheldraht bewehrt. „PATAREI“ steht auf einem weißen Schild, darüber vier dicke senkrechte Striche. Die Striche symbolisieren die Gitterstäbe, hinter denen in Patarei Menschen jahrelang weggesperrt und gefoltert wurden.Einige Meter neben dem Eingang verhandelt ein junges Paar mit einem Mann, der ihnen Fahrräder anbietet. Nach zwei, drei Proberunden ziehen die beiden mit je einem Fahrrad von dannen. Ist das ein Fahrradverleih oder vertickt hier einer geklaute Bikes? Wir wollen es nicht ergründen und treten durch ein großes rostiges Tor in den Innenhof des Gefängnisses.

Tallinn | Gefängnis Patarei

Die Meeresfestung Patarei wurde 1840 auf Anweisung des russischen Zaren Nikolaials Kanonenbatterie zum Schutz der Meeresseite Tallinns gebaut. Noch heute brandet das Meer direkt vor den vergitterten Fenstern an einen schmalen Strandstreifen. Hinter den leeren Fensterhöhlen kann man es spüren: das Grauen, das einen erfasst, wenn man Orte mit schauriger Vergangenheit betritt.

1864 wurden hinter den meterdicken Mauern russische Soldaten kaserniert, 2000 sollen es ständig gewesen sein. Es fehlte an allem, nicht nur an Tageslicht. Die Mauern sind bis zu zwei Meter dick und es will nicht wirklich warm im Gebäude werden. Kein Wunder, dass viele in diesem klammen Gemäuer an Tuberkulose erkrankten. Als Estland 1918 bis 1920 das erste Mal gegen die russischen Besatzer kämpfte, wurde Patarei schließlich als Gefängnis benutzt. Viele Menschen, die gegen die russische Herrschaft aufbegehrten, auch Matrosen, die meuterten, Soldaten, die den Dienst verweigerten oder desertierten – sie alle landeten hinter den dicken Mauern Patareis. Betrachtet man Patarei aus der Luft, sieht man ein Dreieck mit zwei gleichlangen Schenkeln, das an der Seeseite an einen gekrümmten langen Block anschließt. Die Schenkel sind dabei geschätzt mindestens 150 Meter lang und der Block am Meer mindestens 200 Meter. Ein Mordstrumm.

Tallinn | Gefängnis Patarei

Wir treten durch ein grün gestrichenes Gittertor in das erste Gebäude. Relativ schnell bereue ich, die Motorradjacke ausgezogen zu haben. Hier zieht‘s wie Hechtsuppe und es ist saukalt! Viele Türen im Gebäude stehen offen, die Fenster sind oft geborsten, eingeschlagen, überall liegen die Scherben herum. Die Gänge wirken deswegen wie ein Kamin.

In den Medizinräumen | Gefängnis Patarei In den Medizinräumen | Gefängnis Patarei

Bis 2002 war das Gefängnis in Benutzung, dann wurde es offensichtlich sehr eilig verlassen. Eigentlich kaum zu glauben. Erst 2002? Da war ja die Unabhängigkeit schon seit elf Jahren besiegelt. Auch wenn man die zurückgelassenen Gegenstände so betrachtet, ist es kaum zu glauben. Zwar stammen einige Verunreinigungen, Zerstörungen und Gegenstände sicher auch aus den nachfolgenden Jahren, zumal vielleicht Besucher auch noch einiges an Müll dazu legten, aber auf manchen Dingen sind Jahreszahlen, Verfallsdaten und Druckdaten zu erkennen.

In einigen großen Zellen stehen rostige Doppelstock-Bettgestelle, in einer Nische jeder Zelle ist jeweils ein Stehklo eingelassen. Links neben den schweren Türen, die jeweils mit kleiner Klappe für das Durchreichen der Verpflegung ausgestattet sind, sind Kochplatten in Bauchhöhe angebracht. „Für was das?“ fragen wir uns. Wurde hier das Essen lang genug warmgehalten, bis alle Teller gefüllt waren?

Die kleinen Zellen waren für sechs bis acht Personen gedacht, doch in der Realität pferchte man bis zu zwanzig Personen hinein, in die großen Sechzehn-Mann-Zellen sogar bis zu vierzig Leute. Die Zustände müssen unmenschlich gewesen sein. Das Leiden der eingesperrten Menschen spürt man förmlich, wenn man durch diese muffigen, zugigen Räume geht.

Ab und zu wurden Hinweisschilder an Zellen oder Zimmertrakten angebracht, die wir leider nicht entziffern können. Die Farbe hängt in Fetzen von den Wänden, grün, grau, hellblau, rosa. Manchmal kleben an den Wänden in Räumen von Bediensteten auch die Reste von Plakaten oder Fotos von Autos oder weiblichen Schönheiten. Überall liegen bekritzelte oder auch noch jungfräuliche Formularblätter herum, auf dem Tisch, dem Regal aus verfaulendem Holz und dem Boden. Alles ist verwüstet. Was noch zu gebrauchen war wurde wohl mitgenommen. Auf den verstreuten Formularen stehen ab und zu Jahreszahlen. Die Blätter stammen aus den Jahren 2000 und 2002. Wer die Verwüstung im Endeffekt anrichtete, ob es die Gefängnisleute selber waren, die nichts brauchbares hinterlassen wollten? Keine Ahnung.

Gefängnis Patarei Gefängnis Patarei: der Blick aufs Meer war durch Stahlplatten verwehrt.

So können wir nur vermuten, dass wir irgendwann in der Bibliothek stehen. Sogar noch einige Bücher in estnischer sowie russischer Sprache liegen in den Regalen. Ob die wohl für die Gefangenen waren? Oder nur für die Gefängniswärter? Danach sehen wir mutmaßlich einige der Büros. Mit Blick auf die Ostsee. Apropos Blick auf die Ostsee: Die hatten die Gefangenen natürlich nicht! Auch wenn jetzt die Zellen lichtdurchflutet sind – das waren sie nicht immer.

Die Zellenfenster auf der Ostseeseite hat man zu den Olympischen Spielen im Jahr 1980 mit Stahlplatten dicht gemacht. Das war eine Anordnung aus Moskau, wo die Spiele ausgetragen wurden, aber Moskau hat nun mal kein Meer und so fanden die Segelwettbewerbe in Tallinn statt. Nicht dass die Gefangenen Lichtzeichen oder ähnliches geben könnten ... Nach den Wettbewerben wurden die Platten nicht wieder entfernt. Angeblich hätte es keine Handwerker gegeben, die das hätten wieder rückgängig machen können. Pahhh! Wer es glaubt wird selig. Es riecht muffig. Aber wir hätten es angesichts des Verfallzustands noch muffiger und stinkiger erwartet.

In den Medizinräumen | Gefängnis Patarei

Das gesamte Gebäude ist kaum beleuchtet. Irgendwann gelangen wir in die Medizinabteilung des Gefängnisses. Hier glaubt man dann endgültig in den Fünfziger Jahren angelangt zu sein. Der überhastete Abzug wird vor allem in diesen Räumen deutlich, da viele Gerätschaften einfach stehengelassen wurden. Ein Zahnarztstuhl, verschiedene medizinische Geräte, darunter die Reste eines Beatmungsgeräts, ein OP-Tisch, über dem Ganzen hängt eine große OP-Lampe. Es ist gespenstig. In der Ecke steht ein Karton mit leeren Medizinflaschen, dessen Aufschrift gut zu lesen ist: „Mixtura sicca contra tussim pro adultis“. Hustensaft für Erwachsene. Da brauchten sie bestimmt Hunderte Flaschen pro Jahr!

In den Medizinräumen | Gefängnis Patarei

Im Innenbereich des Gebäudedreiecks befindet sich ein nach oben vergitterter Bereich, in dem die Gefangenen einmal in der Woche Freigang hatten. Nicht etwa in einem Innenhof, nein, das war ein schmaler Gang, links und rechts hohe Mauern, zwischen denen die Gefangenen dann frische Luft schnappen konnten. Bei jedem Wetter und jeder Temperatur versteht sich. „Frische Luft schnappen“ – es klingt ganz schön zynisch.

Ein Raum lässt kaum Fragen aufkommen. „Hanging Room“ steht auf einem Schild.

Viele der Gefangenen wurden im Anschluss an die Haft nach Sibirien in die berühmt-berüchtigten Gulags verbracht. Schätzungsweise jeder Vierte überlebte diese Torturen nicht. Viele der Räume geben Rätsel auf. Manche sind heftig verwüstet und ihre ursprüngliche Verwendung nicht mehr auszumachen. War es eine Küche? Oder ein medizinischer Raum? Ein Raum lässt jedoch kaum Fragen aufkommen. „Hanging Room“ steht auf einem Schild. Braucht es große Phantasie für die Verwendung dieses Raumes, dessen markantes Ausstattungsdetail das rechteckige Loch in der Mitte des Bodens ist? Die letzte Hinrichtung fand 1991 statt.

Einige Wände wurden bemalt. Manche als Kunst mit behördlicher Genehmigung. Andere vermutlich ohne, sie sind aber nicht minder sehenswert. Einige Wände wurden bemalt. Manche als Kunst mit behördlicher Genehmigung. Andere vermutlich ohne, sie sind aber nicht minder sehenswert.

Im oberen Geschoss durften in den letzten Jahren Künstler die Wände besprühen und bemalen. In einem Raum befindet sich eine Kunstinstallation. Gewiss entstanden nicht alle „Kunstwerke“ mit behördlicher Genehmigung. Meist passen sie nicht einmal zum Thema, gleichwohl sind die meisten witzig und sehenswert.

Seit 2002 verrottet und verfällt das Gefängnis nun. Zwar möchte der Staat es gerne verkaufen, aber der derzeitige Zustand schreckt potentielle Käufer ab. Zumal viele Leute es sowieso lieber sähen, es bliebe wie bisher in öffentlicher Hand. Denn wenn erst ein geschniegeltes Museum daraus würde, mit nummeriertem Inventar statt der dahingeworfenen und durcheinander gewürfelten Gegenstände – der Reiz wäre dahin.

Bar vor dem Gefängnis Patarei. Eine Bar am einzigen Gefängnisstrand der Welt – so wirbt sie für sich.

Auf dem schmalen Streifen zwischen Patarei und dem Meer hat sich eine provisorische Strandbar angesiedelt. Eine Bar am einzigen Gefängnisstrand der Welt – so wirbt sie für sich. Und tätsächlich steht zwischen der Bar und dem Meer noch ein Zaun von Stacheldraht.

Zu Sowjetzeiten war dies hier wie so viele estnische Strandabschnitte strengstes Sperrgebiet, nur mit Passagierschein zu betreten. Auf dem Meer fuhren Patrouillenboote, damit niemand über die Ostsee entweichen konnte.

Die Außentemperatur liegt aktuell bei 16 °C, es weht nach wie vor eine steife Brise, die die 16 °C in gefühlte 10 °C umwandelt. Aber die anwesenden Gäste schert das nicht. Es herrscht Sommerbefehl. Man sitzt kurzärmlig auf mit Kissen ausgestatteten Euro-Paletten, fläzt in Liegestühlen, tanzt barfuß zur lauten Musik im Sand und schlürft ein kühles Getränk. Wobei ein heißes Getränk passender wäre.

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