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Tallinn | Linnahall – hässlich und anziehend zugleich

Linnahall – hässlich und anziehend zugleich, vor allem der Blick in den Hafen und auf's Meer darf man sich nicht entgehen lassen!

Der Stadtteil Kalamaja, zu Zeiten der Unabhängigkeit ein heruntergekommener, armer Stadtteil mit verfallenen Holzhäusern, wird so langsam zu einem In-Viertel. Wir sehen aber nur einen kleinen Teil davon, denn es ist schon nach zwanzig Uhr. Am alten Fischereihafen Kalasadam hat ein Bootsbesitzer mitten auf dem Pflaster seinen Katamaran aufgebockt und ist dabei, ihn abzuschleifen. Gegenüber liegt ein alter Eisbrecher. Das moderne Meeresmuseum in einem alten Hangarenthält ein U-Boot, aber dafür ist es zu spät. Außerdem möchte ich jetzt erst mal zurück zum Motorrad und eine Jacke anziehen – der kräftige Wind verwandelt mich in einen Eiszapfen.

Linnahall – hässlich und anziehend zugleich, vor allem der Blick in den Hafen und auf's Meer darf man sich nicht entgehen lassen!

Beim Anblick eines mächtigen Betonklotzes, nur einige hundert Meter von Patarei entfernt und direkt am Meer, fragen wir uns unweigerlich: wie kann man nur so etwas bauen? Und vor allem für was? Sie war die Tallinner Stadthalle. Als monströse Aussichtsterrasse dient die Linnahall heute. Gebaut wurde der Klotz (der hochverehrte, estnische Architekt wird mich steinigen) zum gleichen Zeitpunkt, als die Stahlplatten die Gefängniszellen zu Dunkelzellen machten, nämlich 1980.

Ein großes Schild gibt einen Hinweis auf die ursprüngliche Verwendung: Kontserdisaal. Es sollte eine sechstausend Besucher fassende Stadthalle sowie eine Eissporthalle werden – und das wurde sie auch. Nur leider hatte der Betonbau eine viel zu kurze Lebenszeit. Es gab beim Bau massive Verzögerungen. Als sicher war, dass die Bauarbeiter dem Alkohol mehr zugeneigt waren als ihrer Arbeitsmoral, lernte man fix einige Frauenbrigaden an, weil man zu diesen mehr Vertrauen bezüglich Arbeitsleistung und Termintreue hatte. Inwieweit dieses Missmanagement einen Einfluss darauf hatte, dass der Bau Mängel aufwies und schon 2010 wieder komplett geschlossen wurde, war nicht zu erfahren.

Und trotzdem, der Linnahall-Klotz hat was. Die Jugend trifft sich abends auf dem als Aussichtsterrasse konzipierten Dach, in der Hand ein süffiges Getränk und schaut entweder der Sonne zu, wie sie untergeht, oder dem Gegenüber tief in die Augen. Man sollte sich nur nicht mit dem Getränk erwischen lassen, sofern es Alkohol enthält. Auf dem Dach neben uns versucht ein Junge seine Freundin mit eindeutigen Zuwendungen vom Telefon abzulenken, das sie sich ans Ohr hält. Er will busseln, sie telefonieren.

Linnahall – ein Treffpunkt der Jugend am Abend. Und ein Muss für jeden Sonnenuntergangsliebhaber.

Rechterhand der Linnahall befindet sich der Fährhafen. Die Fähren aus Helsinki legen hier an, ebenso die Kreuzfahrtschiffe. Solange die dreitausend Passagiere fassenden Ungetüme im Hafen dümpeln – und meistens sind das zwischen ein und drei Stück – ist die Stadt ein touristischer Hexenkessel. Nach Helsinki gelangt man von hier aus nach einer anderthalbstündigen Fährpassage.Direkt in Hafennähe finden sich dann auch die großen Läden mit sinnigen Namen wie Super Alko, die sich auf alkoholische Getränke spezialisiert haben. Für die finnische Kundschaft, die mit der Fähre ankommt, im Duty-Free schon kräftig vorgeglüht hat und dann beim Verlassen der Stadt palettenweise den in Estland wesentlich günstigeren Alkohol einkauft. Butterfahrten für Drehmomente. Man sagt, ein Finne sei erst dann besoffen, wenn er flach auf dem Boden läge und sich festhalten müsste.

Das letzte Kreuzfahrtschiff läuft gerade wieder aus ... Juchhu, die Kreuzfahrer sind weg. Dann gibt es jetzt schnell noch eine Stadtrundfahrt. Wir tuckern mit dem Motorrad über das bucklige, wirklich bucklige Pflaster der Altstadt, grandios! Irgendwo hatten wir mal gelesen, dass Besucher im Mittelalter an den Stadtpforten abgewiesen wurden, wenn sie keinen Pflasterstein dabei hatten. Das war Pflicht. Als Eintrittsticket quasi, damit wurden dann die Gassen gepflastert.

Exkursionen durch die Kulinarik

In einem großen Supermarkt decken wir uns mit einigem Proviant ein. Der Markt ist sehr großzügig eingerichtet. Freiflächen von geschätzten dreißig Quadratmetern machen ihn luftig. Das Obstangebot überwältigt uns mit Sorten, die wir nur vom Namen her kennen. Sehr fein finden wir die Salatbar, in der man sich aus mehreren Dutzenden fertig geschnittener Zutaten den gewünschten Salat inklusive Dressing in Plastikdosen zusammenmixen kann. Da bleiben keine Wünsche offen, selbst für Obstsalat gibt es viele kleingeschnippelte Zutaten. Klasse! Auch eine Flasche Wein kann man in aller Ruhe auswählen und ganz selbstbestimmt aus dem Regal nehmen.

Körbe, so groß wie Sessel, enthalten geröstete Brotwürfel. Küüslauguleivad, was für ein Zungenbrecher! Wir kennen sie schon von der letzten Tour. Sie werden mit Knoblauchöl geröstet und gerne zum Bier gereicht. Der Knoblauchdunst sollte jedoch bei anschließend geplanten Aktivitäten eingerechnet werden und vorsichtshalber sollten die Würfelchen nur von Personen mit intaktem Gebiss gegessen werden. Letztes Jahr hatte ich sie deswegen an Jochen weitergereicht. Perfekt für Menschen mit lädierten Zähnen geeignet sind dagegen die mit Schokolade überzogenen Quarkriegel namens „Kohuke“. Im Kühlregal finden sich viele Geschmacksrichtungen. Es empfiehlt sich, sie direkt nach der Kasse zu verzehren. Nach dem Transport im Tankrucksack müsste man die weichen, leckeren Dinger löffeln.

Im Einkaufswagen landet eine Flasche des süffigen, dunklen Saku-Bieres. Auch die verschiedenen Cider (oder Cidre, wie die Franzosen sagen) sind eine willkommene Erfrischung. Apfel-Cider kennt man bei uns, aber nicht aus Birnen und anderen Früchten hergestellt. Hinter dem süffigen Geschmackserlebnis verstecken sich 4,5 % Alkoholgehalt, damit sollte man rechnen. Na dann: „Terviseks!“ – das ist estnisch und heißt „Prost“.

Dem Tourverlauf folgen:
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