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Insel Saaremaa | Kuressaare

Rapsfelder - etwas seltenes im Baltikum

Unser heutiges Tagesziel ist die Insel Saaremaa. Der Fährhafen von Virtsu liegt nur achtunddreißig Kilometer von uns entfernt, aber die Route schlägt einen schnippischen Haken in Form eines spitzwinkligen Dreiecks und hat im Endeffekt eine Länge von reichlich siebzig Kilometer. Beim Blick auf die Karte wird uns klar, warum wir so um die Kirche herumfahren müssen. Der Matsalu-Nationalpark umgibt eine sackförmige, viele Kilometer ins Landesinnere ragende Bucht. Die Landschaft drumherum ist ein wichtiges Feuchtgebiet und Nist- und Raststätte für Zugvögel im gesamten Ostseeraum. Diese Region müssen wir weiträumig umfahren, denn direkt hindurch führen keinerlei Straßen.

Irgendwann ist auch der größte Tank mal leer. Wir halten an einer winzig kleinen Tankstelle. Nur mit Kreditkarte, steht da. Shit. Bei dieser Tankstelle winken wir noch ab. Lieber nicht. Denn die Menüführung ist nur in estnisch. Wir erreichen kurze Zeit später eine weitere Tankstelle: okay, hilft ja nix, probieren wir es, vielleicht kann die Tanksäule ja englisch? Oder sogar ... deutsch? Karte rein ... und? Gibt es jetzt eine Auswahl der Sprache? Nein, dafür eine estnische Aufforderung mit dem Wort PIN in der Mitte. Hey, wir verstehen estnisch! Die Karte wird wieder ausgespuckt und gnädigerweise läuft aus der 98er Zapfpistole Benzin in den Tank, bis er voll ist. Klappt doch! Da steht zwar noch irgendwas von einer Kwittung, aber mangels richtiger Beantwortung der Frage bekommen wir keine. Egal. Tank ist voll und die Karte hoffentlich nicht leer.

Nun aber hurtig auf die Hauptroute Richtung Virtsu. Denn einschließlich Fährfahrt sind es von Virtsu noch einmal neunzig Kilometer bis nach Kuressare, dem Hauptort der Insel Saaremaa. Vorher müssen wir noch die Insel Muhu durchqueren, die durch einen Damm mit Saaremaa verbunden ist. Die Straße ist jetzt nicht mehr so wellig. Der Fährhafen ist super organisiert. Vier Spuren zu den Kassenhäuschen. Drei Spuren sind für LKW und E-Tickets reserviert, also wir auf die ganz rechte Spur, an der irgendwas von „Regular“ steht. Nach dem Bezahlen leuchtet eine halbmetergroße Ziffer am sich öffnenden Schlagbaum auf: in die Spur mit dieser Nummer muss man sich in Warteposition an der Ablegestelle begeben. Eine durchdachte Verkehrsführung. Wenn Motorradfahrer zu den Wartenden zählen, kommen die alle in eine Spur und werden auch als Erstes auf das Schiff gewunken.

Eine halbe Stunde ist die Fähre von Virtsu zum Fährhafen Kuivastu auf Muhu unterwegs.

Auf der Fähre stürmen alle Insassen der PKWs und Busse auf das obere Deck, wo sich sofort eine lange Schlange an der Theke bildet. Wir suchen uns einen Sitzplatz und schauen auf‘s Wasser hinaus. Eine halbe Stunde ist die Fähre von Virtsu zum Fährhafen Kuivastu auf Muhu unterwegs, danach geht‘s zack-zack wieder hinunter.Nach dem Verlasssen der Fähre befinden sich eine Menge Fahrzeuge vor uns. Die alle in Richtung Saaremaa streben. Und überholt werden wollen. Vielleicht. Denn 90 km/h sind das Limit.

Muhu ist mit zweihundert Quadratkilometer die drittgrößte Insel Estlands. Vom Festland trennt sie die acht Kilometer breite Meerenge Großer Sund (Suur väin). 1893 wurde ein 3,6 Kilometer langer Damm im Kleinen Sund (Väike väin) aufgeschüttet, auf dem man ganz ohne eine weitere Fährfahrt hinüber zur Insel Saaremaa rollen kann. Wir fahren im Pulk eine breite, ziemlich gerade Straße dahin, nur der Damm ist eine kleine Abwechslung.

Die militärische Abschottung hatte auch sein Gutes: die Natur konnte sich ohne größere menschliche Eingriffe entwickeln.

Rügen würde fast dreimal in Saaremaa hineinpassen, die Insel ist mit 2672 Quadratkilometer die größte estnische Insel. Sie war nach Eroberung der Kreuzfahrer im dreizehnten Jahrhundert deutsch. In den folgenden Jahrhunderten gaben sich dann die Dänen und die Schweden als Herrscher die Klinke in die Hand. Daher auch der Name Ösel, so hieß sie in schwedisch und deutsch. Schließlich wurde sie ans russische Zarenreich angegliedert. Kuressare, das bis 1918 Arensburg hieß, ist der Hauptort der Insel. Nachdem wir uns kurz orientiert haben, ergattern wir ein Zimmer in einem kleinen Hotel, das am Rande des Stadtkerns von Kuressare liegt. Hier spricht der Hotelboss sogar deutsch, das Motorrad parken wir direkt vor dem Eingang.

Kuressare, kuursaal, ku-Kuu
Spaziergang durch Kuressare

Abends schlendern wir durch Kuressare. Über einen Mangel an Speiselokalen können wir uns hier wirklich nicht beklagen. An der Hauptstraße von Kuressare studieren wir die Speisekarten einiger Restaurants, machen jedoch auf vielen Karten Pizza und Pasta aus. Nichts gegen Italiener, aber in Estland würden wir gerne Estnisch essen. So landen wir im Kuursaal, einem traditionellen Holzhaus vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts, wo uns im Restaurant „Ku-Kuu“ (was das wohl heißen mag?) in sehr stilvoller Umgebung schmackhafte Gerichte serviert werden. Schon immer war im Mittelteil, dem „Weißen Saal“ des Kurhauses, ein Restaurant untergebracht, während in den beiden flankierenden Gebäudeteilen ein Sommertheater und der Küchenblock sowie die Büros untergebracht waren.

Kuressare, Kuursaal, Ku-Kuu

Elegant gedeckte Tischgarnituren, angeordnet auf uralten Holzdielen in natürlichen Brauntönen. Die Wände sind mit weißen Holzlatten verkleidet und sämtliche Ornamentik geht in Richtung Jugendstil. Die kleinsprossigen Fenster mit Buntglaskacheln geben dem Gastraum einen altertümlichen Touch. Das Restaurant ist nur von Mai – August geöffnet, vermutlich reicht die Besucheranzahl in den restlichen Monaten nicht für einen rentablen Betrieb des Restaurants.

Vom Außenbereich des Hauses hat man eine fantastische Aussicht auf die benachbarte Bischofsburg, die wir uns in den nächsten Tagen noch anschauen werden. Wegen dem doch recht frischen Wind nehmen wir im Inneren Platz und ich bestelle sogar Fisch, obwohl ich mich ja eher selten an Fisch herantraue. Immer diese Grätenfummelei ... Scholle ist zwar auch nicht gerade grätenfrei, aber wenn Fisch – dann immer wieder gern hier im „Kuursaal“. Unser Essen schmeckt fantastisch, es ist frisch zubereitet und mit viel Liebe angerichtet.

Mit der Zeitmaschine ins Mittelalter
Die Bischofsburg von Kuressare

Wir hätten ihn nicht drücken sollen – den Knopf an der Zeitmaschine. Zack, wurden wir ins Mittelalter gebeamt! Eigentlich hatten wir ja nur vor, die Bischofsburg anzuschauen. Und wo landen wir? In einem Mittelalterfest! Die Bischofsburg, DAS Highlight in der 16.000-Einwohner-Stadt Kuressaare, ist die besterhaltenste Burg des gesamten Baltikums. Mit zwanzig Meter hohen Mauern, vielen Zinnen und wehrhaften Türmen.

Sie liegt inmitten eines gepflegten Parkareals, trutzig umgeben von einem Grabenring und hohen Wällen. Im Rücken säuselt die Ostsee. Die Burg wurde wie so viele bedeutende Bauwerke in Estland vom Deutschen Orden, also von Kreuzfahrern, gegründet. In ihrer wechselvollen Geschichte erlebte sie dänische, schwedische, russische und natürlich estnische Besitzer.

Mittelalterfest in der Bischofsburg von Kuressare

Bevor wir uns den mittelalterlichen Gestalten widmen, schlendern wir durch das weitverzweigte Raumwirrwarr des Museums, das in der Burg untergebracht ist. Der Keller beherbergt das Naturmuseum und andere Räume zeigen den Alltag der vergangenen Jahrzehnte. Hier befindet sich eine Ausstellung, die die Geschichte von Burg, Stadt und Insel nahebringt. Auch die Geschichte im zweiten Weltkrieg ist natürlich durch zahlreiche Fotos und Karten dargestellt.Es dauert eine Weile, bis wir die vielen Räume und Exponate angeschaut haben. Aber dann stürzen wir uns ins mittelalterliche Vergnügen.

Mittelalterfest in der Bischofsburg von Kuressare

Die tapferen Ritter messen sich zu Pferde in verschiedenen Disziplinen miteinander. Die Aufgaben, die zu bewältigen sind, haben enormen Unterhaltungswert: Am Ende des Parcours wenden, absitzen und verkehrt herum wieder aufsitzen. Und natürlich zurückreiten. Oder am Ende des Parcours absitzen, einen gut gefüllten Bierkrug aufnehmen und diesen wohlgefüllt ins Ziel bringen. Was einfacher klingt als es ist, wenn der nervöse Hengst beim Wiederaufsitzen steigt und das meiste Bier über die Satteldecke und die Mähne bekommt. Bier ist ein perfekter Haarfestiger – das wusste schon meine Oma.

Zwei Ritter in Blechrüstung prügeln sich auf dem Schlachtfeld und übergeben den Staffelstab schließlich an eine Soldatentruppe. Sie machen kräftig Krach mit ihren Gewehren, sogar eine kleine Kanone führen sie mit sich. Die Truppe kommt aus Sankt Petersburg. Leider verstehen wir die Erklärungen des Anführers in Estnisch genau so wenig wie die Erklärungen des anderen in Russisch. Interessant wäre es sicher gewesen, denn es geht wohl hauptsächlich um die Kleidung und Ausrüstung der Soldaten.

Mittelalterfest in der Bischofsburg von Kuressare

Drei Tage lang finden im Stundentakt Aufführungen statt, es gibt eine Modenschau für Mittelalterkleidung sowie Konzerte und andere musikalische Darbietungen. Überall sind weiße Zelte aufgebaut, für das „Fußvolk“, die Zelte stehen auf ausgestreutem Stroh. Darin sitzen Frauen und nähen Gewänder, Männer stellen Trommeln her, andere hängen gerade ein ganzes Tier über einer langen Glutpfanne auf. Es gibt diverse Verkaufsstände mit Honig, Kleidung, Hüten, Tee und Kräutern. Eine Töpferin bietet hübsche Krüge und Gebrauchsgegenstände feil – da hätte man dann gerne mehr Platz im Motorradkoffer. Aber nein, außer einem neuen Tuch und dem gestern frisch am Strand gespaltenen Stein – mehr kann und darf nicht mit.

Die Rolle, die bei uns freche Spatzen innehaben, wird hier von Dohlen ausgefüllt.

Gott sei Dank sprechen die Esten fast alle gut Englisch. So ist die Verständigung in den seltensten Fälle problematisch. Dreimal haben wir bisher während unserer Tour sogar Menschen mit Deutschkenntnissen getroffen. Das war Ainars in Liepāja, die Russin Anna am Peipussee und unser jetziger Hotelier in Kuressare. Abends sitzen wir in einem Restaurant, das sich auf Pfannkuchen in diversen Variationen spezialisiert hat. Sehr lecker, was wir da serviert bekommen. Den Terrassenbereich des Lokals nehmen mehrere Tische ein. Sitzt an diesen Tischen niemand mehr, werden sie von Dohlen nach fressbaren Überbleibseln untersucht. Die Rolle, die bei uns freche Spatzen innehaben, wird hier von Dohlen ausgefüllt.

Dem Tourverlauf folgen:
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