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Litauen & Lettland & Estland | Baltikum

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Rückreise und Fazit

Am nächsten Vormittag starten wir in aller Ruhe nach Klaipėda. Die meiste Zeit vertrödeln wir am Jachthafen und schauen zu, wie zwei Brückenwärter immer zur vollen Stunde für je eine Viertelstunde mit einem großen Drehkreuz die Brücke „aufdrehen“, zur Seite drehen, damit Boote und Jachten in den Hafen einfahren bzw. ausfahren können. Als wir dann im Fährhafen stehen, beginnt es wieder richtig zu schütten. Glücklicherweise können wir das Motorrad abstellen und uns unter eine brückenartige Konstruktion retten.

Irgendwas stimmt hier nicht ...

Da der Hafen von Klaipėda kein reiner Passagierhafen ist, musste sich das Hafenmanagement etwas einfallen lassen, um die Fahrzeuge durch das unübersichtliche Gelände bis zur Anlegestelle zu lotsen. Ein kleiner Bus dient als Lotsenfahrzeug unddann geht’s im Gänsemarsch (bzw. in Gänsefahrt) hinten nach, kreuz und quer durch den Hafen. Jedoch der Bus kommt nicht. Wir stehen uns die Beine in den Bauch und warten. Pitschnasse Radler wechseln währenddessen ihre triefenden Klamotten. Mit uns wartet eine ganze Gruppe mit Uralgespann-Oldtimern, darunter auch zwei Frauen. Nur der Tourguide passt nicht: er fährt eine alte BMW.

Leider können wir uns mangels Sprachkenntnissen nur sehr rudimentär mit den dänischen Fahrern unterhalten. Glücklicherweise holt uns irgendwann ein Ford Transit ab und lotst uns zum Schiff. Das allerunterste Autodeck ist wieder mal unseres. Die letzte Hürde ist genommen, unsere Dicke steht im Schiff und damit auch wir – unsere Revival- Baltikumstour geht auf ihr Ende zu. Und dieses Mal ohne Pannen. Die Tachowelle zählt nicht.

Wenn eine Reise endet, packt uns immer ein wenig Wehmut, aber andererseits sind wir so gesättigt von den Eindrücken, dass nach drei Wochen der Topf bis oben gefüllt ist und nichts mehr hineinpasst. In diesem Jahr waren die Touren besonders ausgedehnt, stundenmäßig gesehen. Was zum Teil daran lag, dass die Sonne an den Abenden noch ewig scheint. Um einfach mal einen kurzen Vergleich für den 1. Juli zu nennen: Der Sonnenuntergang in Berlin findet um 19:36 Uhr statt, in Tallinn dagegen erst um 22:38 Uhr. Wobei diese Zeiten auch innerhalb der drei baltischen Staaten noch schwanken. In Tallinn geht die Sonne noch etwa eine Dreiviertelstunde später unter als zum Beispiel in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Wir genossen die langen Abende, aber das Tagesprogramm dehnt es auch wesentlich mehr aus als wenn wir in südeuropäischen Gefielden unterwegs wären.

Dieses Mal haben wir viele verfallene und nicht mehr bewohnte bzw. bewohnbare Gebäude besucht. Sogenannte „Lost places“. Wir sahen viele Hinterlassenschaften der Russen, die man nicht pflegen kann und auch nicht will. Was soll man auch mit verwüsteten Militärgebäuden tun? Bei manchen alten Gutshäusern ist es jammerschade, dass sie nicht restauriert, gepflegt, wieder aufgebaut werden. Die wirtschaftliche Entwicklung in den baltischen Staaten ist jedoch so rasant, dass auch solche Kleinode bestimmt bald wiederhergestellt werden, mit welchen Mitteln auch immer.

Vor unserer ersten Tour letztes Jahr bzw. vor Recherchebeginn dachten wir noch, dass uns mit Grundkenntnissen der russischen Sprache ganz gut gedient wäre. Das war jedoch ein Trugschluss. Zwar stimmt es, dass man in manchen Gebieten mit der russischstämmigen Einwohnerschaft mit Russisch in Kontakt kommt, bei den Letten und Litauern beißt man mit Russisch jedoch auf Granit. Vielleicht verstehen sie es. Aber sprechen? Niemals! Meist kann man sich in Englisch verständigen, ein paar Brocken Litauisch, Lettisch und Estnisch sind natürlich auch nie verkehrt. Aber außer auf Märkten, am Peipussee und in dem russisch-orthodoxen Kloster haben wir Russisch kaum gebrauchen können. Dreimal trafen wir hingegen Menschen mit sehr guten Deutschkenntnissen.

Die Landschaft ist nicht unbedingt das, was sich ein sportlicher Motorradfahrer wünscht. Zum klassischen Motorradfahren müsste man woanders hinfahren. Aber das Motorradreisen (die Betonung liegt auf Reisen) im Baltikum ist Klasse! Die witzigste Berglandschaft erlebten wir allerdings schon letztes Jahr in Litauen, als wir von Vilnius Richtung Siauliai fuhren. Da legte sich irgendwann das Straßenband wie eine Achterbahn über die eng aufeinanderfolgenden Hügel. Die Kurven sind bei Moletai nicht von links nach rechts ausgerichtet, sondern von unten nach oben. Und in enger Abfolge. Aber das war letztes Jahr. Die etwas bergigen Abschnitte fanden wir heuer in Lettland um Sigulda herum und im Lahemaa-Nationalpark in Estland.

Den Begriff Baltikum benutzen wir nur hier im deutschen Sprachgebrauch, nie in der Erzählung oder persönlichen Anrede mit einem Litauer, Letten oder Esten. Die, die dort wohnen, mögen den Begriff Baltikum nämlich nicht besonders. Drei Nationalitäten zusammen in einen Topf zu schmeißen ist aber auch nicht schick. Sie sind Litauer, Letten und Esten. Punkt. Verständlich. Vierzig Jahre lang waren sie vereint, vor allem mit der großmächtigen Sowjetunion. Aber das ist vorbei, sie erkämpften sich mit der singenden Revolution ihre Unabhängigkeit und legen großen Wert darauf, als eigenständige Länder und Nationalitäten wahrgenommen zu werden. Trotzdem, um eine Region zu betiteln, ist für uns Reisende dieses „Baltikum“ ganz praktisch.

Es gibt offensichtlich Menschen, die das Baltikum in der Weltkarte nicht verorten können. Auf der Fähre lernten wir ein Ehepaar kennen, das mit zwei Fahrrädern zur Kurischen Nehrung in Litauen fährt, um sich von dort aus an der Ostseeküste entlang bis nach Deutschland zu hangeln. Die Frau erzählt, sie habe ihrem Vorgesetzten von diesen Urlaubsplänen berichtet. Er hätte sie daraufhin gefragt: „Und wie fahrt ihr zurück? Über Ungarn?“

Beim Korrekturlesen dieser Tourstory fiel uns auf, dass wir doch relativ oft von Regen sprechen. Dort drohten dunkle Wolken, da schmeißt Petrus Tröpfchen nach uns und sogar einen Starkregen hatten wir dabei. Fast könnte der Eindruck entstehen, dass es ständig geregnet hätte. Sollte das beim Lesen so rüber kommen: der Eindruck täuscht! Wir hatten kein einziges Mal Dauerregen über mehrere Stunden, sondern immer nur Schauer. Die Monate mit dem meisten Niederschlägen sind August und September. Auch im Juni, Juli (unsere Reisezeit) und Oktober fällt oft Regen, aber es ist selten richtiggehend verregnet. Schauen wir uns zum Vergleich die durchschnittlichen Regenmengen von zwei deutschen Regionen an: Bayern hat im Juni 92 mm, Hamburg 68 mm. Dagegen schauen Litauen (78 mm), Lettland (58 mm) und Estland (49 mm) gar nicht so schlecht aus! Die Temperaturen lagen im Durchschnitt zwischen 15 und 22 °C. Auf jeden Fall ein Temperaturbereich, in dem Motorradfahren richtig Spaß macht.

Die Straßen waren im Großen und Ganzen mäßig bis sehr gut. So wie erwartet, von frisch geteert bis wellig, geflickt und rissig. Von kilometerlangen Pisten bis zur autobahnbreiten Fernverkehrsstraße war alles dabei. Die Pisten sind meist sehr gut gewalzt und weisen kaum Schlaglöcher auf (vorausgesetzt, es ist eine Ortsverbindungsstraße, die wirklich genutzt wird). Bei nicht mehr genutzten Pisten kann das anders aussehen. Obwohl wir Stollenbereifung aufgezogen hatten, hätte es bei den breiten, glatten, gepflegten Pisten auch ein Straßenreifen getan. Wir hatten ja letztes Jahr schon den Vergleich gezogen und möchten hier noch einmal zitieren: Wer behauptet, es gäbe im Baltikum schlechte Straßen, der sollte nach Rumänien und schließlich als Steigerung nach Albanien fahren: DIESE Straßen sind schlecht, nicht die im Baltikum!

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