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Mit der Bimmelbahn auf den Fichtelberg
oder: Wie frei ist ein Freiabtritt ?

Stimmungsvolles Bahnhofsgebäude in Cranzahl

Eine Fahrt mit der "Bimmelbahn" hat ein bißchen was mit unseren Motorradtouren gemein: Auf der Plattform vor und hinter jedem Waggon kann man sich den Fahrtwind um die Nase wehen lassen.

Es gibt drei wiederbelebte Schmalspurstrecken im Erzgebirge, die sich großer Beliebtheit erfreuen: die Fichtelberg-, die Preßnitztalbahn im mittleren Erzgebirge und die Weißeritztalbahn im Osterzgebirge.

Unsere Fahrt mit der Fichtelbergbahn beginnt in Cranzahl. Wir sind schon lange vor der Abfahrtszeit am Bahnhof. Da steht sie, schnaubend, prustend und voller Stolz. So können wir noch ein bißchen um die Dampflok herumschleichen und sie beim Rangieren beobachten. Allzu oft bekommt man heutzutage so ein Relikt nicht mehr zu Gesicht und den Rauch einer Dampflok unter die Nase.
Bimmelbahn in Cranzahl
Eine Stunde lang werden wir mit der Bimmelbahn und einer Geschwindigkeit von 30 km/h durch das Erzgebirge zuckeln, bevor sie uns in Oberwiesenthal, auf dem Fichtelberg, wieder ausspuckt. Bei jeder zweiten Fahrt führt sie einen bewirtschafteten Buffetwagen mit, sodass man die Fahrt bei Cappuccino, Bier oder einem heißen Tee genießen kann. Insgesamt fährt sie nach einem festen Fahrplan mehrmals täglich. Für größere Gruppen ist es auch möglich, den Buffetwagen ganz speziell zu buchen und bei Bedarf anzuhängen. Die Bimmelbahn ist die einzige auf schmaler Spur noch planmäßig verkehrende Bahn im Regierungsbezirk Chemnitz.

Bimmelbahn in Cranzahl

Die Fahrt von Cranzahl bis zum Zielbahnhof Oberwiesenthal dauert eine Stunde. In Waggons aus den Jahren 1913-1932 zuckelt man mit maximal 30 km/h durch die malerische Berglandschaft.

Am 22. August 1884 stand durch eine hohe Verordnung des königlichen Finanzministeriums in Dresden dem Bau einer Eisenbahn nichts mehr im Wege. Die Erschließungsarbeiten waren aufwendig. Erst ab 6. April 1896 konnte die Bahnstrecke vorangetrieben werden. Zur feierlichen Eröffnung am 20. Juli 1897 konnte die erste Fahrkarte am Bahnhof Oberwiesenthal verkauft werden. Der Reise- und Güterverkehr nahm ständig zu. Bereits 1897 verkehrten 1002 Züge, mit denen 61.756 Personen befördert wurden.

Fichtelbergbahn

Die Bahn beginnt ihren Weg auf der südlich des Normalspurbahnhofes Cranzahl liegenden 750 mm breiten Gleisanlagen und fährt aufwärts des Sehmatales zum Pöhlbachtal in Richtung Kurort Oberwiesenthal. Sie hat einen Höhenunterschied von 238,37 m zu überwinden und überquert auf der Strecke 5 Brücken, 1 Viadukt und 73 Weichen.

Als Sitz der Bahnmeisterei erhielt der Bahnhof ein massives Empfangsgebäude mit angebautem Güterschuppen. Eine Rarität ist die noch genutzte Bahnsteigsperre im Empfangsgebäude. Während der Fahrt fragen wir dem Schaffner, der auch ausgebildeter Dampflokführer ist, Löcher in den Bauch. Da er Zeit hat und uns gegenüber sitzt, beantwortet er uns diese Fragen ausführlich. Hervorzuheben ist die Heizung. Bei Außentemperaturen um 10°C funktioniert sie sehr gut und so reisen wir in mollig warmen Abteilen und fahren unter lautem Stampfen und einem kurzen grellen Pfiff los.

Ein Passagier fragt, ob ein Mitfahren auf der Lok möglich wäre und bekommt zur Antwort, dass das normalerweise gegen ein Entgeld von 15 Euro möglich sei. Aber momentan befände sich außer dem Heizer und dem Lokführer noch ein "Heizer in Ausbildung" - sozusagen ein Heizubi - auf der Lok und da wären die Platzverhältnisse sehr eng.

Wie frei ist ein Freiabtritt?

Nachdem wir etwa die Hälfte der Strecke hinter uns gebracht haben, erblicken wir auf dem Bahnsteig Neudorf ein kleines Holzgebäude mit der Aufschrift "Freiabtritt, erbaut 1900". Quizfrage: Was bitte ist ein Freiabtritt ???

Fichtelbergbahn
Fichtelbergbahn

Im erzgebirgischen Dialekt wurde früher und auch heute noch die Toilette als "Abtritt" bezeichnet, flapsig hat man zu dem zugigen, kalten, nicht besonders komfortablen Örtchen außerhalb der Wohnung sogar nur "Aabee" gesagt, mit Betonung auf dem A und auf dem E. Demnach müßte also dieses Häuschen, der Größe nach zu schätzen, mit mehreren "Abtritten" ausgestattet sein. Wie "frei" es innen allerdings ausgestattet ist, bleibt der Phantasie überlassen. Dank Tante Gugel wissen wir, dass unsere Einschätzung richtig ist. Freiabtritt ist eine gängige Bezeichnung einer Bahnhofstoilette, die frei auf dem Gelände steht.

In Oberwiesenthal, der Stadt am Fichtelberg, haben wir Zeit, uns die Stadt etwas anzuschauen und den erzgebirgischen Cappuccino zu testen. Hier in Oberwiesenthal hat man dann die Wahl: Man kann mit der Seilbahn auf den Fichtelberg fahren oder auch per pedes. Aber so viel Zeit haben wir nicht. Am Marktplatz staunen wir an der Postdistanzsäule von 1730, wieviele Stunden eine Postkutsche brauchte, um zu anderen Orten in Sachsen zu fahren. Nach Erfurt in Thüringen zum Beispiel 43 Stunden. Diese Postmeilensäulen haben wir einem Erlass von August des Starken zu verdanken, der das Postwesen vereinheitlichen wollte. In Hunderten sächsischer Städte findet man diese Distanzsäulen, nicht nur in Sachsen, sondern auch in Thüringen, weil das damalige Sachsen wesentlich größer war als das heutige.

Nachdem unsere Bimmelbahn schon bald wieder ihre Heimreise antritt, machen wir uns wieder auf in Richtung Bahnhof. Beim Besteigen des Zuges fällt uns auf, dass die Lokomotive diesmal andersrum an den Waggons angekuppelt ist.

Der Grund liegt erstens darin, dass die Fichtelberg-Bahn in Oberwiesenthal keine Drehscheibe besitzt und zweitens in der Tatsache, dass im Kessel immer eine bestimmte Marke des Wasserstandes nicht unterschritten werden darf. Da beim Bergabfahren das Wasser zum Heizkessel hin läuft ist die Gefahr eines Kesselplatzers gebannt. Bei diesem schlimmsten Fall im Dampflokomotivenbetrieb würden bei einer Explosion des Kessels, durch das Wasser und dem Dampf in Sekundenbruchteilen ein Druck von 16 Sphärenmetern frei, welches einer Kraft von 1,6 Millionen PS entspricht. Was das für den Zug und die Fahrgäste bedeutet, kann man sich gut ausmalen. Vom Kessel und der Lokomotive bliebe nichts mehr übrig.

SDG Sächsische Dampfeisenbahnges.mbH

www.fichtelbergbahn.de
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