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Erzgebirge

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Die Knochenstampfe in Dorfchemnitz & die Quersackindianer

In dr Kiehaad ist Platz für 8 Lehrer ;-)

Das mit den Orientierung im Erzgebirge ist eigentlich gar nicht schwer, kompliziert wird es erst, wenn man bei Einheimischen nach dem Weg fragt. Oder nachzufragen versucht. Denn dass man die Antwort versteht ist nicht gesichert.

Bayerisch ist es nicht, hochdeutsch ist es gleich gar nicht und in englisch kommunizieren zu wollen wäre ja nun irgendwie lächerlich, oder? Der erzgebirgische Dialekt ist schon sehr speziell. Im Sächsischen dürfte er der Dialekt sein, der die meisten Vokale in einen anderen umwandelt, die Endungen verschluckt und der dadurch für einen Auswärtigen extrem schwer verständlich ist.

Es kommt wie es kommen muss: wir fragen einen Einheimischen nach dem Weg. Das kann nur uns passieren: wir geraten an einen Hörgeschädigten, der sich große Mühe gibt, uns zu antworten. Und wir geben uns große Mühe, ihn zu verstehen! Leider vergeblich. Ein Hähnchenverkäufer verlässt überaus hilfsbereit seinen auf einem Parkplatz abgestellten Verkaufswagen, um uns mit Händen und Füßen den Weg zu zeigen. Danke! Jetzt sehen wir durch. Wenig später gelangen wir dann wieder in einen Ort, haben jedoch dummerweise das Ortsschild übersehen und rätseln, wo wir uns befinden.

Dingnei un dingnauf in dr Kiehaad
Unterwegs im Erzgebirge
Wir fragen einen Anwohner: "Sagen Sie, in welchem Ort sind wir hier?" "Nu, in dr Kiehaad ..." lautet die Antwort. Bitte???

Gut, wenn man weiss, dass "de Kiehaad" ins Hochdeutsche übersetzt "die Kühnhaide" heißt ... Für mich (Elke) ist's ein Heimspiel, iech bie keene Uhies'sche, wenn auch durch mein Exil ziemlich aus der Übung. Verstehen geht immer! Aber Jochen, der Arme, steht ständig auf dem Schlauch. Notieren wir also: Der Ort heißt Kühnhaide. Zwei Orte weiter wiederum bezeichnet man Kühnheide als Kieheed. Ach Arzgebarg, wie bist du schie!

Namen und Begriffe wie "Rachts, Dulm, Zwäntz sowie Kiehaad" erleichtern das Fortkommen nicht gerade. Es ist wohl nahezu ausgeschlossen, dass das eigene Kombiniervermögen ausreicht, solche Begriffe wie rachts in rechts, Dulm in Thalheim, Zwäntz in Zwönitz und Kiehaad in Kühnhaide ohne Hilfe zu übersetzen. Als wir ein anderes Mal zwei alte Einwohner nach dem Weg fragen, antwortet der eine mit lebhafter Gestik: "Do fahrt'r dingnei bis zim Rodhaus un do giehts noch rachts..." Alles klar?

Wo die knochen gestampft werden
Knochenstampfe Dorfchemnitz
Knochenstampfe

Heute ist ein technisches Denkmal unser Ziel: die "Knochenstampfe" in Dorfchemnitz, auf erzgebirgisch: Dorfkams. So wie Chemnitz schlichtweg Kams heißt. In einem Bauernhof mit fränkischen Rautenfachwerk (das sind sie wieder - die Zuwanderer aus dem Mittelalter) befindet sich eine betriebsfähige wasserradgetriebene Knochenstampfe. Schon zu DDR-Zeiten war diese als technisches Denkmal geschützt und als Ausflugsziel beliebt.

Als wir am Morgen an der Knochenstampfe aufschlagen, schließt Jürgen Zabel gerade eine alte Holztür am Ende des Gebäudes auf. Der Leiter des Heimatmuseums betritt einen Raum, in dem es funkelt, glitzert und strahlt. Neugierig folgen wir ihm. Was ist denn das? Königliche und kaiserliche Kronen, mit Edelsteinen besetzt und mit Hermelin verbrämt. Natürlich alles Repliken, aber es funkelt wie echt. Wir werden von einem Pressefotograf als die ersten Besucher abgelichtet und sollen in einer Wochenzeitung verewigt werden.

Eigentlich ist ja noch gar nicht offen, erst am kommenden Wochenende wird die Ausstellung feierlich eröffnet. Diese Sonderschau steht nur wenige Wochen, dann wird die nächste vorbereitet. Eine ganz besondere Ausstellung beschäftigte sich mit dem Thema "Kultur, Brauchtum & Tradition rund um das verzierte (erotische) Ei".

Wer hätte gedacht, dass es Eier mit erotischen Motiven überhaupt gibt? Und dann gleich mit 1000 Exponaten für eine Ausstellung reichen? Wir haben Fotos von einigen Exponaten gesehen, die ein Gothaer Sammlerehepaar zusammentrug. Die gemalten oder modellierten Motive der Eier sind erotisch, anmutig, zweideutig, oft auch ziemlich eindeutig. Was es alles gibt ...

Die erste Frage, die sich wohl vielen Menschen angesichts dieser Knochenmühle stellt: Wozu braucht man zu Pulver gestampfte Knochen? Ganz einfach, das Knochenmehl wurde zum Düngen der Felder verwandt. Jeder, der Knochenabfälle hatte, trocknete sie und konnte sie an den "Mühlenbauern" zu einem geringen Entgeld verkaufen. Die Knochenstampfe in Dotrfchemnitz wurde im Jahre 1744 eingerichtet, das Gebäude selbst ist aber wesentlich älter und wurde schon vorher als Mühle benutzt. Die senkrechte Anordnung der "Stampfen" (oder wie auch immer das heißt) besteht erst seit der Zeit des 1. Weltkriegs. Bis 1954 wurde die "Knochenstampfe" als solches genutzt, verfiel aber nach dem Tod des letzten Besitzers zusehens.

Knochenstampfe Dorfchemnitz
Sonstige Utensilien in der Knochenstampfe in Dorfchemnitz/Erzgebirge

Dem Gebäude angegliedert ist außerdem ein großer Backofen aus dem Jahre 1585. Dieser Steinbackofen war so dimensioniert, dass darin mindestens dreißig Brote gleichzeitig gebacken werden konnten. Wir schätzen, dass der Backraum an die drei Meter tief ist, aber nur ca. vierzig Zentimeter hoch. (Wurde hier das ganze Dorf mit Brot versorgt?)

Man stelle sich das mal vor: Brennholz wurde in den ganzen Backraum gestapelt und angezündet. Der Rauch zog durch den quadratischen, vielleicht 6qm großen Vorraum. Diesen Nebeneffekt nutzte man findigerweise aus: Im wahrscheinlich übelst verqualmten Vorraum wurde gleichzeitig geräuchert! Die Wände jedenfalls sind glänzend schwarz von dieser Mischung aus Ruß und Fett.

Nachdem das Holz im Backraum restlos verbrannt war, kratzte man die Asche- und Glutreste heraus und säuberte den Backraum so gut es ging mit einem Reisigbesen.Die Ziegel hatten jetzt genug Hitze, dass man nach 2 Stunden fertige Brote mit Brotschiebern "ernten" konnte. Nach den Broten reichte die Hitze immer noch, um einige runde Backbleche mit Kuchen oder anderem Backwerk in den Ofen zu schieben.

Auch über erzgebirgische Strumpfwirkertradition erfährt man einiges in der Heimatausstellung. Und der "Uhies'sche" wird wohl auch zum ersten Mal von einem "Quersackindianer" hören.

Quersackindianer ?! Quer... sack ... was?

Quersackindianer So nannte man die im Erzgebirge zahlreich tätigen Strumpfwirker, die das Ergebnis ihrer Arbeit in einem sogenannten Quersack, den sie über die Schulter geworfen hatten, zu ihren Verlegern brachten. Ein Zimmer des Heimatmuseums ist deshalb auch den Strumpfwirkern gewidmet. Wie dieses Handwerk ausgesehen hat, wird durch zahlreiches Strumpfwirker-Werkzeug und alltägliche Gebrauchsgegenstände in einer Strumpfwirker-Stube demonstriert.

Das Strumpfhandwerk hatte sich schon Anfang des 18. Jahrhunderts etabliert. An den mechanischen Handwirkstühlen arbeiteten Tausende Männer und Frauen in reinen Familienbetrieben. In den Wohnhäusern gab es meist einen Raum, in dem die Strümpfe produziert wurden. Mitte des 19. Jahrhunderts begann jedoch eine neue Ära anzubrechen: englische Cottonmaschinen verdrängten nach und nach die mechanischen Wirkstühle.

Um die Jahrhundertwende 1900 schossen die Strumpffabriken in Thalheim und dem Zwönitztal, Auerbach, Thum und Zschopau wie Pilze aus dem Boden. Thalheim zählte allein im Jahr 1897 schon vierzig Fabrikanten. Mit dem Export nach Amerika fuhren die Fabrikanten hohe Gewinne ein, mußten aber auch nach 1906 harte Rückschläge einstecken, als die englische Ware die deutsche vom Markt verdrängte.

Noch heute zeugen in den erwähnten Orten die alten Fabriken von diesem Industriezweig. In einigen Orten (Thalheim, Auerbach, Dorfchemnitz) sind wahre Strumpfpaläste entstanden, die nach 1945 zum "Strumpfkombinat ESDA" zusammengefasst wurden. Nach der Wende arbeitet allerdings nur noch ein winziger Bruchteil der Belegschaft als zu DDR-Zeiten an den erzgebirgischen Strumpfwaren. Das ESDA-Kombinat ging 1990 in Konkurs und im gesamtdeutschen Markt hatten nur kleinere, den Privateigentümern zurückübereigneten Firmen Bestand.

Heute meist als öffentliche Gebäude genutzt, zeugen große, prunkvolle Villen vom Reichtum der einstigen Fabrikanten. In Thalheim wird eine einstige Fabrikantenvilla zum Beispiel als Ärztehaus genutzt.

Weihnachtsberg in Dorfchemnitz/Erzgebirge

Das "Weihnachts­berg­zimmer" beinhaltet ein mechanisches Kleinod der Bastel- und Schnitzkunst der Erzgebirgler: wie schon der Name sagt - einen Weihnachtsberg. Auf einer Fläche von 2,5 x 1,5 m ist eine Landschaft aufgebaut. In dieser wird durch zahlreiche geschnitzte Figuren die Weihnachtsgeschichte dargestellt. Die Figuren sind alle beweglich und stellen in einer zeitlichen Abfolge die Geburt Jesu etc. dar.

Man darf sich den Weihnachtsberg nicht so vorstellen, dass es da an allen Enden rappelt und zappelt, sondern es bewegt sich immer nur eine Figur oder eine Figurengruppe. Dadurch läuft die Weihnachtsgeschichte wie ein animierter Puppentrickfilm vor dem Besucher ab.

Detailaufnahme | Weihnachtsberg in Dorfchemnitz/Erzgebirge

Absolut verblüffend ist dabei die Mechanik: Mit Gewichten wie bei einem Uhrwerk wird den Figuren Leben eingehaucht. Das muß man gesehen haben. Unter der Grundplatte des Weihnachtsberges versteckt sich die ausgeklügelte Mechanik. Normalerweise ist sie nicht sichtbar. Sehr eindrucksvoll sieht man dieses Gestänge- und Zahnradgewirr bei dem Weihnachtsberg, der sich in Brünlos in privatem Besitz befindet, dort hat man den Antrieb aus Demonstrationszwecken nicht verbaut. Viele von den historischen Weihnachtsbergen existieren leider nicht mehr.

Scheinbar hatte der jeweilige Bastler eine Freude daran, im Weihnachtsberg ein Detail zu verstecken, dass absolut nicht zu der Geschichte passt - hier waren es diese Zwerge in einer Höhle. Wir besichtigten noch einen anderen, in Privatbesitz befindlichen Weihnachtsberg in Brünlos, bei dem taucht das artfremde Detail in Gestalt eines Bergwerks auf.

Der Weihnachtsberg war früher für den Bastler so etwas wie es die Modelleisenbahn für die heutige Generation ist. Da noch was hingeklebt und da noch ein Männchen geschnitzt - ein Ende war vermutlich nie abzusehen.

Dem Tourverlauf folgen:
weiter mit Weihnachtsberg Brünlos

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