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Stari Bar | Ruinen über Ruinen und Slow Food vom Feinsten

Stari Bar: Slow-Food vom Feinsten.

Nächster Tag. Britta und Klaus verabschieden sich in Richtung Heimat, während uns noch mehr als zwei Wochen Zeit bleiben. Der Stadt­markt von Kotor zieht sich außerhalb der Stadt­mauer entlang. Hier decken wir uns noch mit einigem Proviant ein, bevor wir uns gen Osten wenden. An der Küste entlang soll es heute bis Bar gehen. Die Straße ist aalglatt, das Meersalz und der fünfminütige Regenschauer von gerade eben sind keine guten Wegbereiter für Motorradfahrer.

Auf der Abschussrampe

In Budva halten wir an einem Zebrastreifen, um einem Ehepaar das Überqueren zu ge­wäh­ren. Warum fängt das ältere Paar auf den letzten drei Metern das Sprinten an? Deswegen: während wir gerade anfahren, parkt rechts hinter uns ein grünes Auto mit einem dumpfen Schlag diagonal auf dem Gehweg ein. Der Rinn­stein hat, dem Geräusch nach zu urteilen, der Achse und/oder dem Reifen nicht gut getan. Jochen hat das Ganze gar nicht richtig mitbekommen. Wir hörten komischerweise keinerlei Brems- oder Quietsch-Geräusche. Erst als wir während der Weiterfahrt diskutieren, wird uns klar, dass wir gerade fast „abgeschossen” worden wären.

Straße in Montenegro

An der Küste schlägt wie überall an der Adria das pulsierende Herz des monte­negri­nischen Tourismus. 95 Prozent des Umsatzes aus dem Tourismus werden hier generiert. Es ist noch ruhig. Der Winter wollte ja dieses Jahr ewig nicht weichen und regnerische Tage und Wochen ließen die Badetouristen zögern. Vorwiegend serbische, russische und koso­vari­sche Urlauber zieht es in den langen Küstenstreifen zwischen Budva und Ulcinj. Über die Hälfte der Über­nach­tungen des Landes werden hier registriert. Irgendwo zwischen den Orten verläuft eine kulturelle und religiöse Trennlinie, denn während der nordwestliche Küstenabschnitt christlich geprägt ist, herrscht im Südosten vorwiegend der Islam. Doch wie auch in Albanien leben die Angehörigen der beiden Religionen so einträchtig und friedvoll nebeneinander, wie es auf der ganzen Welt wünschenswert wäre.

Nur gucken! Nicht anfassen!

Sveti Stefan: Nur gucken! Nicht anfassen!

Die Ikone der monte­negri­nischen Küste ist die Insel Sveti Stefan. Dieses schon im Mittel­alter besiedelte Eiland und die Bucht von Kotor dürften die bekanntesten und meist abgelichtesten Foto­motive Montenegros sein.

Schon 1952 kam ein Tourismusmanager auf die Idee, die komplette Einwohnerschaft dieses kleinen Inselchens aus­zusiedeln. Es liegt malerisch direkt vor der Küste und ist prädestiniert für außergewöhnliche Unterkünfte, zumal das Eiland über einen natürlich angespülten Damm erreichbar ist, der später befestigt wurde. All die kleinen verschachtelten Häuschen wurden renoviert und beherbergen heute um die hundert luxuriöse Fünf-Sterne-Appartements, die von der Aman-Gruppe aus Singapur geführt werden. Natürlich würden wir das Juwel gerne anschauen, doch auch das Anschauen käme uns teuer zu stehen. Denn Anschauen ohne Wohnen gibt es nicht! Der Blick ins Internet lässt unseren Wunsch wie Eis in der Sonne schmelzen: 559,– Euro. Pro Person und Nacht wohlgemerkt!

Bar, das Bari gegenüberliegt

Altstadtgasse von Stari Bar

In der Stadt Bar biegen wir nach Norden in die Berge ab und erreichen nach vier Kilometern das historische Stari Bar, das alte Bar. Eigentlich wurde Bar dort oben am Fuße des Rumija-Küsten­ge­birges gegründet und die heutige Stadt (Novi Bar) prosperiert erst in den letzten Jahrzehnten unten am Meer, dem­ent­sprechend gesichtslos sieht es auch aus. Es besitzt jedoch einen bedeutenden Hafen, in dem unter anderem die Fähre nach Bari (Italien) ablegt. In alten Quellen wird Bar als „Antibari” geführt, also als „Bar, das Bari gegenüberliegt”. Letzteres ist über die Adria nur 216 Kilometer entfernt.

Auf dem spärlichen Platz vor der Altstadt herrscht ein Verkehrschaos, das Taxis und einheimische Kleinwagen erzeugen. Es ist ein Kommen und Gehen von Fahrzeugen, die parken wollen, aber nicht können. Vor der hohen, alten Festungs­mauer in Stari Bar geht es nicht mehr weiter. Es ist Freitag, somit steht eines der wichtigsten Gebete der Woche an und bald wird der Muezzin aus der nahen Moschee rufen. Für unser Motorrad finden wir dennoch ein Plätzchen vor dem Café „Club 058”, genießen bei türkischem Kaffee belustigt die Szenerie und peilen erst einmal die Lage, bevor wir uns auf Zimmersuche begeben. Eine Altstadtgasse senkt sich von hier aus steil den Berg hinunter.

Unsere Empfehlung: Boutique Hotel Kula in Stari Bar - mit eigenem Parkplatz vor dem Zimmer

In der ersten Konoba mit einem Schild „Sobe – Rooms” führt uns der Kellner nach unserer Zimmer-Frage durch ein Treppengewirr nach oben. Bingo. Parkplatz vor der Tür. Ein schön großes Zimmer, das wir mit unserem Motor­rad­gepäck-Krempel – Whom! – in Nullkommanichts verwüsten, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Sag, wer kennt es nicht?

Der Muezzin ruft und alle Männer strömen den Berg hinauf. Als wir geduscht vor die Tür treten, ist die Zeremonie beendet und die Moschee-Besucher schlendern mit einer roten Schachtel Neapolitanischer Waffeln wieder herunter. Warum Waffeln? Wir haben keinen blassen Schimmer.

Die Stadt Stari Bar - in den Bergen der Rumija

Stari Bar ist uralt und war schon unter den Illyrern ein Begriff. Die Stadt wechselte öfters den Besitzer, mal war sie venezianisch, dann ungarisch und auch serbisch.

Die Türken blieben am längsten, nämlich 350 Jahre, und ließen ihre Religion als Erinnerung zurück. 1878 griffen die Montenegriner Stari Bar an und ver­wüste­ten es so gründlich, dass nur noch wenige Einwohner in dem völlig zerstörten Ort blieben. Der größte Teil der Gebäude wurde dem Verfall preisgegeben. Den Todesstoß versetzte ihm jedoch erst das Erdbeben von 1979, bei dem kein Stein auf dem anderen blieb.

Ruinen über Ruinen

Ruinenstadt Stari Bar
Ruinenstadt Stari Bar

Am Nachmittag unternehmen wir einen entspannten Rundgang durch die Reste der alten Stadt. Kaum zu glauben, dass zu besten Zeiten 4000 Menschen in den Mauern gelebt haben sollen. Nur wenige Besucher sind in den Ruinenstraßen unterwegs.

Einige russische Urlauber posen vor schönen Ausblicken. Schon vorher an der Küste waren diese Reisenden vor allem an gestellten Fotos interessiert. Foto von der ersten, der zweiten, der dritten Dame ... Beine überschlagen, Rock zurecht zupfen, Kopf neigen, Lächeln einfrieren ... Derartiges kann uns in den Motorradklamotten nicht passieren, da hat man nichts zum Zurecht­zupfen! Und die Frisur ist ja eh‘ schon im Eimer.

Die beste Aussicht über das Rumija-Gebirge und dem Ruinengelände hat man von den Zinnen der Zitadelle, auf die wir über eine schmale Treppe weit hoch klettern. Jochen ist es sehr unheimlich auf der einen Meter breiten Mauer, da ihm das Geländer gerade mal bis zum Oberschenkel reicht. Mit seiner Höhenangst mag er dort am liebsten sitzen.

Zitadelle in der verfallenen Stadt Stari Bar

Eine rechtwinklig an­gren­zende Wand der Zitadelle ist – offen­sicht­lich vom Erdbeben – schwer ge­schä­digt. Ein riesen­großes Mauerstück hat sich einfach um zwei Meter nach innen ver­setzt. Wir inspizieren das so entstandene Loch und das ziegelrote Ver­satz­stück, können aber keine Siche­rungs­arbei­ten ent­decken, um das Ganze zu stabilisieren. Aber man würde die Besucher sicher nicht so nah an die Mauer lassen, wenn Gefahr drohte. Oder? ODER?

Die Natur holt sich die Stadt Stück für Stück zurück. Viele Gebäude und Gebäudeteile werden von Sträuchern und niedrigen Bäumen überwuchert. Die Brachflächen dazwischen blühen in den herrlichsten Farben und Variationen. Insekten umschwirren das kleine Paradies. Nur wo ein Haus restauriert wurde, wurde der Wildwuchs in die Schranken gewiesen. Struppige und ausgemergelte Katzen durchstreifen das Gelände. Auch ein brauner, großer Mischlingshund ist in den Ruinen unterwegs. Im Ohr trägt er wie ein Kälbchen eine längliche Plastikmarke, die anzeigt, dass er vom Tierschutz geimpft, entwurmt und kastriert wurde. Seine Nummer lautet: 145. Ich spreche ihn freundlich an, bevor wir das Gelände verlassen.

Slow-Food vom Feinsten

Konoba Bedem - hier kann man aushalten!
Konoba Bedem - Stari Bar

Am Abend nehmen wir in einem der witzigen Konobas in der Alt­stadt­gasse Platz. Das "Bedem" wurde uns von unserer Gastgeberin empfohlen. Wir sitzen auf einer überdachten Holzterrasse im ersten Stock, hätten jedoch auch einen Tisch auf dem Zwei-Personen-Balkönchen über der Gasse zur Auswahl gehabt. Am Geländer klemmt ein Fleischwolf.

Unser Tisch ist mit Blümchen in einer Coca-Cola-Flasche dekoriert. Die Stromleitungen wurden in verzinkten Wasserrohren versteckt. Eine Mischung aus Industriekultur und urbanem Stil. Wir bestellen als erstes ein rötliches Getränk, das wir bei anderen Gästen sehen. Es wird in einer bauchigen Biertulpe serviert und besteht aus Bier und Granatapfelsaft. Noch nie gehört, schmeckt aber gut. Die vorzüglichen, frisch zubereiteten Gerichte, der Wein und das Ambiente – hier lässt es sich prima aushalten!

Stari Bar

Jede in der Altstadtgasse wohnende Familie versucht in irgendeiner Weise, am Tourismus teilzuhaben. Sei es im Souvenirgeschäft, mit einem kleinen Café oder gar Restaurant. Es ist keinem zu verdenken. Auch die Einwohner von Stari Bar müssen ihren Lebensunterhalt verdienen. Olivenöl der Region ist im Angebot, selbstgemachte Marmeladen und diverse Honige. Und natürlich alle möglichen bunten Souvenirs. Trotz des überbordenden Angebots in der relativ kurzen Gasse ist das Ganze irgendwie authentisch. Die Leute wohnen und arbeiten hier, gehen in die angrenzende Moschee und ab Oktober/November sind sie gewiss für mehrere Monate arbeitslos. Jetzt, im Mai werden zwar einige Urlauber mit Kleinbussen aus den umliegenden Küstenorten hergefahren, aber Massentourismus sieht anders aus.

Wir nennen ihn Hund Ert-45.

Den restlichen Abend genießen wir auf zwei abgesägten Holz­stamm­hockern auf dem „Park­platz” vor unserem Zimmer. Der verschmuste Hund von vorhin kommt uns besuchen, wählt unseren Türvorleger als Luxushundebettchen und leistet uns den ganzen Abend Gesellschaft. Wegen seiner Ohrmarke „145” taufen wir ihn „Hund Ert-45”.

Ganz im Südosten

Moschee in Stari Bar

Am nächsten Morgen sind wir erstaunt. Nicht einmal der Muezzin konnte uns aus Morpheus Armen locken. Im Zimmerpreis des Boutique Hotel Kula ist ein Frühstück enthalten. Allerdings führt der Weg dafür die Altstadtgasse hinunter bis zu einem Restaurant, das schon am Morgen öffnet. Die meisten Konobas öffnen erst um die Mittagszeit, erzählt uns die hilfs­be­reite Besitzerin, die ein hervorragendes Englisch spricht. Wir schinden unseren Festungsmuskelkater noch einmal ein wenig und steigen hinab bis zum Restaurant „Akvadukt”. Hier erhalten wir pro Person drei Spiegeleier, Brot und je einen türkischen Kaffee. Damit sind wir gut gerüstet für die Weiterfahrt zum Skadarsee.

Dem Tourverlauf folgen:
weiter mit Der Skadar-See und die grenzgeniale Klosterroute

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