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Montenegro

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Wir zickzacken zurück ans Meer | Herzeg Novi

Frühstück im Guesthouse Sandra

Wir hatten unsere Herbergsleute Sandra und Rade in Kolašin beim Small talk gelobt, dass ihre Pfannkuchen so gigantisch wären. Zack, bekommen wir am nächsten Morgen statt vier sechs mit Marmelade gefüllte Pfannkuchen serviert und Jochen muss einen großen Teller mit Würstchen und drei Spiegeleiern verputzen. Die klettbewehrten, verstellbaren Pizza­dreiecke im Bund unserer Motorradhosen hängen jetzt schon auf letzter Kante.

Das Wetter ist heute klasse! Blauer Himmel, Wolken und Sonne. Nicht warm, aber das ist egal. Hauptsache keinen Regen! Den hatten wir nun wirklich mehr als genug. Unsere bisherigen Herbergsleute meinten alle durch die Bank, dass das Wetter dieses Jahr verrückt spiele. Sonst hätten sie um diese Jahreszeit schon wesentlich höhere Temperaturen und vor allem nicht so viel Regen!

Und weiter gehts durch die Bergwelt von Montenegro.

Die ersten sechzehn Kilometer absolvieren wir auf dem Crkvine-Pass, den wir ja bei unserer Fahrt nach Kolašin schon kennenlernen durften, jedoch konnten wir nur ahnen, welche grandiose Kulisse sich jenseits der Regenwand auftut. Auf der R-18 Richtung šavnik sind wir fast alleine. Neben uns, tief neben uns, hat sich die Moraça in eine klaffende Rinne eingegraben. Links und rechts von uns ragen respektheischende Zweitausender auf. Der Durmitor-Nationalpark ist nur noch einen Katzensprung entfernt, aber angesichts der Wetterlage erscheint es uns sinnvoller, noch mal ein paar Tage an der Küste zu verbringen und uns den Nationalpark für die letzte Woche aufzusparen.

Mit dem Raumschiff durch den Meteoritenhagel

Auf den ersten Kilometern umschiffen wir unzählige große Geröllhaufen, die unsere ganze Fahrbahn einnehmen. Steinschlag? Dafür ist es irgendwie zu regelmäßig. Nach einiger Zeit begegnen wir der Auflösung des Rätsels in Form eines gelben Baggers: die massiven Regenfälle der letzten Zeit hatten viel Geröll auf die Fahrbahn gespült. Das putzt der Bagger nun wieder zusammen. Nach dem Räumfahrzeug geht es auf der ungeputzten Fahrbahn weiter. Gesteinsbrocken jeder Größe erfordern erhöhte Aufmerksamkeit. Jochen meint, es wäre wie mit dem Raumschiff durch einen Meteoritenhagel zu fliegen.

Ein See kurz vor der Komarnica-Schlucht

Wir dürften uns oben auf einer Höhe von 1600 bis 1700 Metern befinden. Irgendwann schlängeln wir uns Serpentinen hinauf. Einen Namen respektive Passnamen scheint die Strecke laut unserer Karte nicht zu tragen. Schlagartig fällt die Temperatur jenseits der Passhöhe von zwanzig auf zwölf Grad. Während der fünfzig Kilometern von der Abzweigung bis zum 3000-Seelen-Ort Šavnik besteht unser Gegenverkehr aus zwei Autos, einem parkenden Auto am Straßenrand, dessen Fahrer Holz aus dem Wald holt, einem Bagger und einem Straßenrand-Mäher. Wir prüfen unser Spritfass: fast voll. Denn hätte man hier im Gebirge Benzinbedarf, gäbe es nach Šavnik erst in Žabljak oder Plužine wieder Nachschub.

Ab Šavnik folgen wir einem winzigen Sträßlein in eine Landschaft, wie sie malerischer nicht sein könnte. Ein putziger See, dahinter einige Häuser aus Naturstein. Nur wenig später überqueren wir eine Brücke mit royalblau lackiertem Geländer. Augen rechts. Ein Flüsschen mäandert träge durch ein breites Kiesbett. Augen links. Das träge dahinfließende Flüsschen hat sich zu einem rasanten Wildbach verdichtet, quetscht sich gischtend durch Felsen und stürzt schließlich in die unheimliche Tiefe einer dunklen Schlucht.

Komarnica-Schlucht

Augen rechts. Ein Flüsschen, das sich wenig später in die Komarnica-Schlucht stürzt.
Komarnica-Schlucht

Wir blicken in den Anfang der Komarnica-Schlucht, in der wir einen sehr außergewöhnlichen Ausflug erleben könnten. Dazu müssten wir uns im Camp Nevidio melden, da wir kurz vorher mit seinen Hütten und dem Restaurant passierten. Aber keine Ahnung, ob eine derartige Tour auch nur wegen uns zwei Hanseln stattfinden würde?

Es gibt einige anregende Videos zu dem Canyoning. Inklusive metertiefen Sprüngen hinunter ins Wasser innerhalb der Schlucht. Man muss immer wieder mal Stufen überklettern und hinunter in den nächsten Wassertopf springen. Ehrlich gesagt hatten wir im Vorfeld ja schon damit geliebäugelt. Aber es passt nun irgendwie nicht zum Wetter und zum durcheinander ge­würfel­ten Zeitplan, außerdem stellt sich uns die Frage, ob die Anbieter wirklich Neoprenanzüge und Helme für Riesen vorrätig halten? Schließlich ist ja auch Jochens Motorrad- oder Fahrradhelmfrage immer ganz schnell auf einen einzigen Anbieter zusammengeschrumpft.

Montenegrinische Landschaft

Nach Šavnik sind wir schnell bis Nikšić durchgerutscht und ab da kennen wir die Strecke schon von der Anfahrt nach Kotor. Leider auch die kilometerlange Baustelle. Gut, dieses Mal machen sie uns die Durchfahrt trotz Sperrung etwas einfacher. Kein Bagger mehr, zwischen dem wir uns von der Leitplanke Schleifspuren auf dem Koffer holen.

Dafür eine Betonsperre, aber genug Platz für ein Mopped mit Koffern. Kilometerlang passieren wir diverse Bagger und Baufahrzeuge mit der entsprechenden Vorsicht. Bis wir wieder an den Kleintransporter kommen, der die Strecke final absperrt, indem er sich einfach quer auf die Straße stellt. Aber hier setzt der Fahrer einfach einen Meter zurück und wir können durch. Bleibt nur noch die fürchterliche Schlaglochpiste, die mit einem Tempolimit von zehn Stundenkilometern belegt ist. Die Schlaglöcher sind so markant, dass wir diagonale Schlängeltänze aufführen. Irgendwann schließen wir auf einen PKW mit Anhänger auf. Was das da hinten drauf wohl ist? Eine Feldküche? Ein fahrender Samowar? Keine Ahnung! Die hüpfenden Bewegungen, die das Ding macht, wie es schaukelnd durch die Löcher taucht und hopst – echt bemerkenswert!

der Slano Jezero

Links von uns breitet sich wieder weitläufig der Slano Jezero aus. Man könnte meinen, hier wäre gerade ein Hochwasser gewesen und noch nicht ganz zurückgegangen – jedoch ist der Stausee schon in den 50er Jahren geflutet worden. Seine zahlreichen Inseln und Halbinseln bieten ein besonders malerisches Bild. Nach den vielen Regenfällen ist vermutlich auch mehr Wasser als sonst darin.

Die Küste wird uns nicht los

Die äußere Boka Kotorska

Am Vorabend buchten wir eine Ferienwohnung in der Nähe von Herceg Novi, einer Stadt in der äußeren Boka Kotorska. Unsere nun zweite Unterkunft in der Bucht befindet sich nur einige Kilometer von der ersten entfernt. Kotor, wo wir am Anfang wohnten, liegt im letzten Zipfel der inneren Bucht und Herceg Novi ganz weit draußen nahe der kroatischen Grenze in der äußeren Bucht. Luftlinie nur eine Handvoll Kilometer. Aber zum Fahren stünde in etwa eine dreiviertel Stunde auf der Uhr.

Wer unsere Reiseroute auf der Karte verfolgt, fragt sich unweigerlich, was dieses Kreuz-und-Quer-Gehüpfe soll. Das ist schon eine verrückte Route, die wir durch dieses schöne Land zickzacken. Doch bei dieser Tour ist nichts wie bei anderen Touren. Direkt an der Küste ist das Wetter oft wesentlich freundlicher als nur wenige Kilometer weiter im Landesinneren, wo die Wolken an den weit aufragenden Küstengebirgen hängenbleiben und abregnen.

So war das natürlich nicht geplant. Eigentlich hatten wir vor, das Land der schwarzen Berge gegen den Uhrzeigersinn abzugrasen. Das Land ist klein und übersichtlich, so fällt es uns leicht, unsere Routen je nach Wetterlage umzuschmeißen. Der Gegend um Kolašin im Nordosten und dem Durmitor im Nordwesten wollten wir einige Tage widmen. Doch bei Regen und einstelligen Tagestemperaturen erscheinen uns diese Ziele nicht gerade anziehend. Auch wird der Sedlo-Pass im Durmitor gerade jetzt erst von den letzten Schneeresten befreit, wie wir aus kundigen Kreisen wissen. Deshalb geht es zurück an die Küste. Dort zeigt sich Petrus gnädig mit uns, es ist angenehm warm und die Schauerwolken bleiben meist brav hinter uns an den Küstengebirgen hängen.

Einen Kaffee trinken in der Bucht von Kotor

Die klimatischen Bedingungen in Herceg Novi sind eindeutig die bessere Wahl. Das Wetter ist milder als an der östlicher gelegenen Adria, weswegen Herceg Novi schon seit zwei Jahr­hun­der­ten ein angesagter Urlaubsort ist. Unsere Ferienwohnung befindet sich sieben Kilometer außerhalb im Ort Baošići, das mit weiteren, zusammengewachsenen Dörfern die Küste säumt. Sie sind nur in den Sommermonaten wirklich bewohnt, dann steppt hier der Bär. Hier trifft man allerdings fast ausschließlich Urlauber aus Serbien und Bosnien.

Unbekannte Micky-Maus-Straße

Hinter Herceg Novi windet sich eine Straße steil den Berg hinauf.

Hinter Herceg Novi windet sich eine Straße steil den Berg hinauf und überklettert dabei einige Höhenlinien. Bei Kameno biegen wir auf ein ein­spu­ri­ges Sträßchen ab. Es verschwindet in einem dichten Wald, an dessen Baumstämmen meter­hoch Efeuranken emporklettern. Es wird schattig. Hier bereue ich meine übermütige Ent­scheidung, unter der Motorradjacke nur ein T-Shirt zu tragen – denn fast schlagartig fällt die Temperatur von 25°C auf 17°C. Irgendwo am Ende dieses Waldgebietes gibt es eine Abzweigung in nördliche Richtung. Wir sehen diese leider erst später in Google maps. Die kleine Schotterstraße führt zur Berg-Hütte „Za vratlom”, die so manchen Bergsteigern und Wanderern als Basisstation dient. Das nächste Mal!

„Ljuti krš”

Nach dem Wald ragt direkt neben der Straße ein runder Buckel wundersamer Felsen mit tiefen Klüften auf. Unsere Karte nennt diese Felsen „Ljuti krš”. Sie lassen sich mit Motorradstiefeln gut besteigen, die biegsamen Sohlen haften wie Saugfüße auf dem hellgrauen, fast weißen Gestein. Aber auf dem höchsten Punkt angekommen ist jeder Schritt nach vorn zu viel, denn jenseits der Felsen geht es jäh in die Tiefe. Zumindest so zwei-, dreihundert Meter. Bis zum Wasser sind es achthundert Höhenmeter.

Mehrere hundert Meter über der Bucht von Kotor.

Auf der ausgesetzten Straße bieten sich nicht sehr oft Gelegenheiten zum Anhalten, aber es gibt sie. Außerhalb der kleinen Haltebuchten müssten wir auf der Steigung stoppen und wären dann ein Ver­kehrs­hin­der­nis. Zwar ist die Chance gering, dass einer kommt, aber Murphys Law gilt sicher auch in Montenegro. Gerade halten wir in so einer Bucht, als ein PKW mit verrostetem Anhänger die Strecke mit Karacho hinauf donnert. Der kennt die Straße, ohne Frage, und er scheint sich sicher, dass da keiner entgegenkommt. Das war übrigens der einzige Verkehrsteilnehmer.

Wow! Welches Panorama! Die Aussicht zieht sich von der äußeren bis zur inneren Bucht. So komplett sieht man das selten. Vielleicht hätten wir genau dies bei entsprechenden Wetterbedingungen am Anfang der Tour auch schon vom Lovćen aus haben können. Aber im Gegensatz zur Aussichtsplattform auf dem Lovćen sind wir hier ganz alleine und teilen die grandiosen Aussichten nur mit diversen Insekten und Schlangen.

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.Einige Zeit später stoppen wir an einem verfallenen Haus, von dem nur noch die Mauern stehen. Aus diesen Mauern kommt eine Herde Ziegen neu­gie­rig auf das Motorrad zu. Mein erster Gedanke: Ziegenherde – wo ist der Hütehund? Doch aus keiner Ecke ertönt ein Knurren.

Die Ziegen beäugen uns neugierig und zugleich arg­wöh­nisch. Jede hastige Bewegung lässt sie wieder in ihre Deckung, die Mauern, eilen. Sie untersuchen den Müll, der hier herumliegt. Irgendwann steigt ein älterer Mann mit einem Gehstock in der Hand die felsigen Wiesen neben der Ruine herauf. Sicher der Ziegenhirte, der seine Schäfchen, äh, Ziegen, wieder in ihr richtiges Terrain verweisen will. Und genau so ist es: kaum ist der Hirte in Sicht, eilen die Ziegen mit schlechtem Gewissen in ihr angestammtes Weidegebiet hinunter. Als wir die gleiche Strecke einige Zeit später zurückfahren, liegt der Hirte im Gras und schaut zufrieden seinen Ziegen zu, wie sie unter einem Baum den Schatten genießen.

Vergiften für Anfänger

Oregano

Wir befinden uns tausend Meter über dem Meeres­spie­gel, neben uns ragen Berge mit 1450 Metern auf. Zeit, etwas für`s heutige Abendessen zu tun. Wahnsinn, was es hier oben für Kräuter gibt! Perfekt, Oreganum können wir schon mal gut brauchen. Damit wird die Nudelsoße aufgepeppt. Aber werden mir nicht wieder Bedenken kommen, ob ich jetzt in einem fremden Land wirklich Oreganum gesammelt habe und nicht irgendein giftiges Kraut?

Rückblick auf eine Motorradtour vor vielen Jahren an der Amalfitana ... Wir hatten an der sorrentinischen Küste wilden Knoblauch gefunden und damit unsere Tomatensoße gewürzt. Während des Essens fand ich, dass das Nudelgericht überhaupt nicht richtig nach Knoblauch schmecke und bekam Zweifel, welche Knolle ich da in unser Essen geschnippelt hatte. Mir schmeckte es sofort nicht mehr und mir wurde so heiß ... und so komisch ... Erste Ver­gif­tungs­an­zeichen? Ich wollte meinen Teller nicht mehr leeren! Hinderte aber auch Jochen nicht daran, ALLES aufzuessen. War dann wohl doch Knoblauch.

Dachterrasse oberhlab der Bucht von Kotor

Okay, für den Fall, dass ich kein Oreganum gezupft hätte, begeben wir uns nach dem Essen mit zwei Gläsern köst­lichem Vranac auf die Dachterrasse unseres Apartmenthauses. Wenn schon sterben, dann stilvoll mit grandioser Aussicht auf die Bucht. Vorsichtshalber ver­schicken wir noch unseren Standort per WhatsApp. Als die Sonne untergeht, wird uns kalt und wir gehen rein. War wohl doch echtes Oreganum.

Dem Tourverlauf folgen:
weiter mit Herzeg Novi | Bis auf‘s Dach des Forts Kabala

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