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Durmitor Ringstraße | Straße mit größtmöglichem Wow-Faktor

Durmitorring

Am Morgen lacht die Sonne, wie wir es bestellten. Das perfekte Wetter für den Durmitor-Ring. Dies ist eine schmale Pano­rama­straße, die über eine Länge von knapp achtzig Kilometern durch das Durmitorgebirge führt. Das Massiv erhebt sich über eine ausgedehnte Hochebene und 48 Berge sind höher als zwei­tausend Meter. Der Durmitor-Nationalpark kann sich mit einigen Superlativen schmücken: tiefste Schlucht Europas, höchste Gipfel der Region und – das sagen jetzt wir – größtmöglicher WOW-Faktor.

Durmitorring

Die Route fährt man am besten gegen den Uhr­zeigersinn, heißt es. Zwar sagt keiner warum, aber am Ende wissen wir es. Zunächst geht es auf einer kleinen Straße aus dem Ort hinaus, vorbei an Einfamilienhäuschen und saftigen, blühenden Wiesen. In der Ferne schimmert das kahle Gestein des Dinarischen Gebirges. Nach einigen Kilometern erreichen wir einen Sessellift der auf den Berg Mali Stuoc hinaufgeht, hier ist also im Winter gewiss ein wenig Trubel. Heute jedoch, an einem Wochentag Anfang Juni, sind wir allein auf dem Ring unterwegs. Links blicken wir hinunter zum höchst gelegenen Dorf des Balkans, dem kleinen Weiler Bosaça auf knapp 1600 Metern Höhe.

Der erste Pass zwischen Mali Stuoc und Veliko Stuoc mit einer krönenden Sendeantenne liegt auf 1950 Metern. Wenig später erreichen wir einen Aussichtspunkt an der Taraschlucht. Die tiefste Schlucht Europas und nach dem amerikanischen Grand Canyon die zweittiefste Schlucht der Welt ist seit 1980 Weltnaturerbe und misst 1333 Meter vom Rand bis zur Talsohle. Irgendwann steht ein kleiner Jeep auf der Straße und ein Ranger bittet um den obligatorischen Nationalpark-Eintritt von drei Euros. Wie die das wohl machen, wenn einer von der Seite her in den Park einfährt? Auf Schleichwegen? Oder gibt es keine Schleichwege? Egal, die drei Euro für den Erhalt dieser großartigen Landschaft drücken wir gerne ab.

Durmitorring
Vorsicht Steinschlag am Durmitorring

Jetzt erreichen wir einen weiteren Fluss, den wir wie die Tara nur mit vorsichtigen Blicken und noch vorsichtigeren Schritten am Wegesrand tief dort unten mit seiner türkisblauen Wasser­ober­fläche blinken sehen. Dies ist die Sušica-Schlucht, aber wie gesagt Vorsicht, es ist keinerlei Sicherung vorhanden. Jeder Schritt am Rande der Felskante könnte der Letzte sein.

Nun senkt sich die Strecke langsam hinunter, an einer Bergflanke aus rötlichem Fels. Die Straße muss hier sehr mit Bedacht gefahren werden, denn eine Menge bröselige Felsbrocken unter­schied­licher Größe bedecken die Fahrbahn. Nicht einfach, aber dank fehlendem Gegenverkehr steht uns die ganze Straßenbreite zur Verfügung. Einige Spitzkehren später begrüßt uns auf der Talsohle der kleine See Sušica Jezero. Wären wir erst im September hier vorbei gekommen, hätten wir nur ein Loch gesehen, denn das Gewässer vertrocknet jeden Sommer vollständig.

Stärkung direkt neben der Schlucht

Die Sušica-Schlucht

Kaum zu glauben: noch nicht einmal Halbzeit, erst reichlich dreißig Kilo­meter liegen hinter uns. Außer dem Ranger, der die National­park­gebühr kassierte, trafen wir noch keinen Menschen, geschweige denn hatten wir Gegenverkehr.

Um die Mittagszeit erreichen wir Ranko und Stanica Mitrić, sie betreiben nahe des Weilers Nedajno in 1500 Metern Höhe ein kleines Guesthouse inmitten einer sanften Landschaft. Sanft ist es jedoch nur bis zur Abrisskante zum Sušica-Canyon, der sich neben dem Grundstück, teilweise nur wenige Meter neben der Straße, wild in die Tiefe wirft.

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Familie Mitrić öffnet das Guesthouse mit dem grünen Blechdach von Mai bis Oktober – in dieser Zeit unterstützt durch die Tochter, die im Winter in Podgorica lebt. Doch nicht immer wohnte Familie Mitrić in dieser Abgeschiedenheit. Bis vor einigen Jahren lebten sie in Plužine. Ranko arbeitete in der „Elektrodenfabrik Piva” und Stanica in der dortigen Gastronomie. Als die staatliche Fabrik im Jahr 2011 schloss, schafften sie sich ein neues Auskommen in dem Haus im Piva-Gebirge, das sie ohnehin schon besaßen.

Wir lassen uns auf der Terrasse nieder. Eine freundliche Schäferhündin inspiziert unser Motorrad. Für Mittagessen steht uns noch nicht der Sinn, schließlich gab es heute morgen zum Frühstück wieder die leckeren Priganice mit Hüftgoldgarantie. Das Guesthouse bietet kleine, einfache Zimmer und die Möglichkeit zum Campen. Familie Mitrić hält einige Kühe, Schweine, Hühner und bewirtschaftet einen kleinen Garten. So ziemlich alles, was hier auf den Tisch kommt, stammt aus eigener Herstellung und Zubereitung. Okay, Kaffee kann man hier nicht anbauen, aber zubereitet wird der Kaffee ganz traditionell: türkisch in kleinen Kännchen gekocht.

Nedajno auf einer Höhe von 1500 Metern im Durmitorgebirge

Nedajno mit den verstreut auf saftigen Almen liegenden Häusern hat rund fünfzig Einwohner. Doch nur zwei Handvoll Menschen bleiben auch im Winter hier oben. Sie haben sich daran gewöhnt, im Herbst riesige Mengen Vorräte anzulegen. Im Winter fällt eine Menge Schnee. Drei Meter, gerne auch mehr. Diejenigen Einwohner, die ihre Häuser im Winter nicht verlassen, sind über Monate abgeschnitten von der Außenwelt. Die exponierte Lage bringt es sogar mit sich, dass es auch im Sommer zu Schneefällen kommen kann, wenn feuchte Luftmassen von der Adria auf die kalten Kontinentalströme treffen. Die Durchschnittstemperatur wird im Juli mit Maximum +15°C und Minimum +7°C angegeben.

Die Wiesen blühen in wunderschönen Farben, mal satt gelb, dann wieder in leuchtendem Lila. Kleinere Herden Kühe durchstreifen die Almen, die sich über sanfte Hügel ziehen. Krumme Zäune hindern die Tiere, ihre zugewiesene Weide zu verlassen. Dramatische Gebirge kündigen sich in der Ferne an. Schneefelder überziehen die schattigen Hänge der Berge. Die meist einspurige Straße windet sich unmerklich höher hinauf.

Halbzeit nach vierzig Kilometern

Motorradfahren im Durmitorgebirge - es gibt nichts Besseres!

Beim kleinen Dorf Trsa ist Durmitor-Ring-Halbzeit. Vierzig Kilometer liegen hinter uns. Kaum zu glauben: nur vierzig Kilometer! Wir biegen auf die P14 ab. Hier ändert sich nach wenigen Kilometern die Szenerie grundlegend.

Hohe Berge ragen vor uns auf. Zwei einsame Haar­nadel­kurven später erklimmen wir zu Fuss einen kleinen Hügel, der mit Enzian, Sedum, verschiedenen Gräsern und widerstandsfähigen Hochgebirgspflanzen bewachsen ist. Eine steife Brise zerstört unsere Föhnfrisur, aber die Aussicht ist genial. Eine grob zusammengezimmerte Sitzgarnitur bietet eine perfekte Location für einen Snack zwischendurch. Die Jacken lassen wir lieber an. Einige Motorradfahrer ziehen zügig durch die Kurven unter uns. Die ersten weiteren Verkehrsteilnehmer! Vermutlich alles Langschläfer.

Sedlo-Pass

Die Straße ist schmal und nur durch Felsen und lose Steine begrenzt. Am Horizont taucht nun der Prutaš mit seinen 2393 Metern auf, ein Berg mit hohem Wieder­er­ken­nungs­wert. Seine senk­recht verlaufenden Ge­steinsrinnen machen ihn absolut un­ver­wech­selbar.

Wir befinden uns im Todorov Do, zu Deutsch Todors Tal. Die Straße zieht in respektvollem Abstand vor dem Prutaš vorbei und verlässt das Tal über einen Sattel daneben. Links und rechts der Straße ist der Schnee jetzt – Anfang Juni – immer noch nicht weggetaut. Direkt neben den Schneefeldern, wo die Grasnarbe erst seit kurzem schneefrei ist, beginnt gerade der Frühling: lila Krokusse spitzeln zu Hunderten aus dem Boden.

Der Prutas mit seinen unverwechselbaren Rinnen

Schließlich stellt sich uns in der Ferne der Doppel­gipfel Sedlena Greda (2.227 Meter) ins Blick­feld, ein untrügliches Zeichen, dass der Sedlo-Pass immer näher rückt. Der „Sattel der Götter” (Sedlo = Sattel) wie der Berg auch genannt wird, ist von saftigen Almen umgeben, die in den kurzen Sommermonaten von unzähligen Schaf­herden beweidet werden. Überall ziehen Hirten mit ihren Schafen über die Hochalmen, begleitet von großen Hunden. Gelegentlich sieht man krumme Staketenzäune, mit denen die Schafe nachts eingepfercht werden, und einfache Schutzhütten für die Hirten.

Doppelgipfel Sedlena Greda

Auf der Passhöhe des Sedlo-Passes. Wow, das haut einen glatt aus den Latschen! Erstens dieser Ausblick und zweitens der Wind! Es bläst eine steife Brise durch den Ein­schnitt, den man für die Straße in den Fels geschlagen hat. Der Blick schweift viele Kilometer voraus und bleibt an einem weit aufragenden, markanten Felskegel hängen. Der Berg Stožina (1.905 Meter) wurde nach seiner Form benannt: Heuhaufen.

Ein Hirte im Durmitorgebirge

Das grüne Tal, durch das wir anschließend kurven, nennt sich Pošćenska Dolina. Wir sind geflasht, denn diese gigantischen Landschaften hatten wir so nicht erwartet. Nicht so überwältigend, so ursprünglich und wenig besucht. Erst hier auf dem Sedlo sind auch andere Motorradfahrer unterwegs und ab und zu auch mal das eine oder andere vierrädrige Gefährt.

Sedlo-Pass

Gut, dass wir der Empfehlung folgten und die Runde entgegen des Uhrzeigersinns fahren. Dadurch baut sich die Intensität der Landschaft kontinuierlich auf und strebt auf dem Höhe­punkt der Hoch­gebirgs­land­schaft des Sedlo-Passes zu. Nach einigen weiteren Kilometern schließt sich der Kreis, wir erreichen wieder Žabljak.

Dem Tourverlauf folgen:
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