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Werbebotschaft oder Bildungsauftrag?

Grillplatz im Freilichtmuseum von Szymbark. Hier befindet sich auch das längste Brett der Welt, laut Guinessbuch der Rekorde.
Die Region Kaschubei zeichnet sich durch reiche Traditionen aus, worauf die Kaschubier sichtlich stolz sind. Im Jahre 2003 rief der Besitzer des Sägewerks DANMAR in Szymbark (Schönberg) eine sogenanntes „Zentrum für Bildung und Promotion der Region“ ins Leben. Seitdem grenzt direkt ans Sägewerk ein Freilichtmuseum, das gegen einen recht saftigen Obulus besichtigt werden kann. Hier finden wir eine große Schmiede, die an beiden Seiten mit Theken für Speisen und Getränke aufwartet. Im angrenzenden Raum bestaunt der geneigte Besucher das längste Brett der Welt: mit 36,83 Meter steht es im Guinessbuch der Rekorde und den Besuchern als langer Biertisch zur Verfügung. Psst! Angeblich soll es mittlerweile einige längere Bretter geben. Aber das verrät der clevere Szymbarker natürlich nicht.

Aufwändig geschnitzer Brunnen am Eingang des Freilichtmuseums.
Zahlreiche Werkzeuge und alte Haushaltsgegenstände dekorieren die Langseite der Wand. Im Gelände finden wir ein Blockhaus, das an die nach Sibirien deportierten Menschen erinnert, eine Gedenkstätte für die Opfer der sowjetischen Deportation und des Massakers von Katyn, weiterhin eine Häftlingsbaracke, ein unterirdischer Bunker mit engem, niedrigem Stollen der Partisanentruppe Gryf Pomorski, eine kaschubische Kate, die offensichtlich in Kanada gestanden hatte ... Der genaue Zusammenhang all dieser Häuser und Ausstellungsstücke erschließt sich uns leider nicht wirklich, denn obwohl genügend Erklärungstafeln vorhanden sind, sind sie uns mangels Polnisch-Sprachkenntnissen nicht wirklich eine Hilfe.

Eine weitere Attraktion des Museums: Das auf den Kopf gestellte Blockhaus.
Das Ganze kommt uns wie ein riesiger Vergnügungspark vor, dessen leise Rufe im Hintergrund als Werbebotschaft für Blockhäuser aus dem Sägewerk DANMAR tönen. Letztere stehen ja auch ganz zufällig zwischen den Bauten mit geschichtlichem Hintergrund – denn man könnte sie direkt im benachbarten Sägewerk bestellen! Besonders werbelaut ruft dabei das auf den Kopf gestellte Blockhaus. Eigentlich soll es symbolhaft den Zustand der Welt, der Politik, was auch immer, darstellen. Eine große Besuchergruppe drängelt sich vor dem Eingang, so dass wir wenig Lust verspüren, uns im Pulk ins Innere schieben zu lassen, wo vermutlich die Möbel an der Decke hängen. Ans Freilichtmuseum ist ein Hochseilgarten angegliedert, in dem sich gerade eine Kindergruppe vergnügt. Und mittendrin in dem Trubel steht ein wuchtiger, holzverkleideter Hotelneubau. Die Melange aus geschichtlicher Bildung, versteckter Werbung und Unterhaltung ist schon ganz schön krude. Vor allem, wenn man das stattliche Eintrittssalär betrachtet. Also dann, wir packen es mal wieder.

Kletterpartie in Rostlauben und Dampfrössern

Kurz mal den Untersatz gewechselt
Unser nächstes Ziel, das Eisenbahnmuseum, liegt am Rande von Kościerzyna (Berent), der größten Stadt der Kaschubischen Schweiz. „Skansen PKP Parowozowina“ steht auf den Schilder an der großen Straße. Skansen heißt Freilichtmuseum. Wir lösen zwei Tickets. „Dwa bilety prosce!“ sage ich. Die Gegenfrage kommt prompt und leider muss ich mit den Achseln zucken. Mein Gegenüber lenkt ins Englische um. Wie das nun mal immer ist: spricht man ein paar Brocken der Landessprache, muss man damit rechnen, dass das Gegenüber auch in dieser antwortet.

In dem alten Bahnhofsgelände geben eine Menge restaurierter Loks zusammen mit honorigen Rostlauben ein anschauliches Bild längst vergangener Technik ab. Die sind nicht nur zum Anschauen, auch zum Erkunden. Wow, sind die hoch! Okay, die Holzdielen im Führerhaus sind jetzt nicht mehr so ganz die frischesten und an manchen Stellen ganz schön morsch, werden aber (hoffentlich) unsere Gewichte noch aushalten.

Exponat aus dem Eisenbahnmuseum bei Kościerzyna
Nach Verlassen der Rostlokomotiven entern wir im Ort noch einen Supermarkt. In jedem noch so winzigem Kaff gibt es zwar einen schnuckligen Dorfladen, in dem man auf jeden Fall das Wichtigste zum Überleben bekommt, aber im Tante-Emma-Laden einzukaufen kann ganz schön anstrengend sein. Dort hatten wir gestern das Problem, dass der Wein hinter der Bedientheke verwahrt wird und die Auswahl zu 80% aus süßen Tropfen besteht. Und uns jede Flasche zeigen lassen, das wollen wir uns und den Kunden hinter uns gern ersparen. Doch auch im größeren Supermarkt setzt sich unser Problem im Kleinen fort, nur dass wir alle Zeit der Welt besitzen, die Aufschriften der Flaschen zu entziffern. Wir mögen trockenen Wein. Darum für alle Weintrinker: „wytrawne“ heißt trocken. „Polwytrawne“ halbtrocken. „Słodkie“ bedeutet süß und „półsłodkie“ demzufolge halbsüß. Nicht alle Flaschenetiketten beinhalten jedoch derartige Angaben. Aber wenn man lang genug sucht, findet man schon was. Beim Bier sind die Unterschiede einfacher herauszufinden, es gibt eine Unmenge Sorten an Pils, hellem Bier und Schwarzbier. Die Polen brauen auch Extravaganzen wie Honigbier (ein Schwarzbier mit Honiggeschmack) oder Pflaumenbier. Klingt vielleicht gruslig, aber schmeckt zumindest mir als Nichtbiertrinkerin ganz gut. Der beste aller Fahrer ist von den verschiedenen Schwarzbieren sehr angetan.

Schöner Ausblick vom Gipfel des Sobótka-Berges bei Kartuzy
Am späten Nachmittag laufen wir wieder in unserer Unterkunft ein. Siebzehn Uhr läuten sie dort ja schon zum Abendessen. Bei unserer Ankunft stöhnten wir anfangs über diese viel zu frühe Essenszeit. Doch es hieß: Siebzehn Uhr oder gar nicht. Ein wenig mehr Zeit für die täglichen Touren fänden wir schon nicht schlecht ... aber dann bekommen wir das erste Abendessen und uns ist klar: derartige, mit Liebe gekochte Hausmannskost dürfen wir uns nicht entgehen lassen. Vorsuppe, diverse Salate und kalte Beilagen, Gewürzgurken und ein Hauptgericht mit mindestens drei weiteren warmen Beilagen. Ein Gedicht! Ein Hoch auf die Köchin! Ist man in Polen vielleicht generell sehr zeitig zu Abend? Oder geht es einfach darum, dass die Köchin, die wahrscheinlich auch schon das Frühstück auftischt, irgendwann Feierabend haben möchte?

Bei dem Frühstück bleibt eigentlich kein Wunsch mehr offen.
Am nächsten Morgen verabschieden wir uns von unserem Gastgebern, jedoch nicht ohne noch einmal ihr unglaubliches Frühstück zu genießen. Derzeit verköstigen Robert und seine Frau nur insgesamt sechs Personen. Was für diese wenigen Münder, davon zwei Kinder, aufgetischt wird, ist unbeschreiblich! Der Tisch biegt sich unter diversen Wurstsorten, Pasteten, Käse, Schinken, Eiern mit Füllung, Brathering, Matjes, zwiebellastigem Eiersalat, dazu selbstgebackenes Brot. Es gibt zu meinem Leidwesen sehr wenig Süßes zum Frühstück. Keine Marmelade, keinen Kuchen. Die Polen mögen offensichtlich ein herzhaftes Frühstück. Das war schon im Baltikum so, wo auf keinem Buffet der Fisch fehlte. Als am dritten Morgen dann ein Teller Pfannkuchen, mit lockerer Creme gefüllt, aufgetischt wird – yippppeeeh! Das fehlte noch zu unserem kaschubischen Hochgefühl.

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