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Yeaaah! Wir fahren mit dem Schiff über den Berg

Einzigartiges technisches Baudenkmal mit ausgeklügelter Funktionsweise

Der Tag beginnt früh, sehr früh. Es war uns bisher noch nicht so bewusst, aber unsere Fenster nach Osten zeigen es deutlich: die Sonne geht früh auf! In Norden Polens ist zwar noch keine Rede von den weißen Nächten, wie man sie gerade um diese Zeit im Baltikum genießt, aber so richtig stockdunkel wird es hier in der Nacht auch nicht. Und es wird seeehr früh hell. Die Sonne knallt also ab vier Uhr ins Zimmer und kitzelt uns munter.

In der Region haben wir uns nur wegen ihm ein Zimmer gesucht: dem Kanal Ostródzko-Elblaski. Früher, als diese Region noch Ostpreußen hieß, nannte man ihn Oberlandkanal nach der Landschaft, die er durchquert. Heute geht’s auf's Wasser. Richtig gelesen, nix Motorrad, heute ist Schiff angesagt. Und dieses Mal auf ein Schiff, das einen Berg hinauffährt! Als wir dies nach unserer Tour zum ersten Mal in der Freundeskreis erzählen, meinten erst mal alle, sie hätten sich verhört. Nein, hatten sie nicht!

Huckepack auf dem Rollcontainer
Das Besondere an dem Kanal ist die Art, wie die Schiffe den Höhenunterschied überwinden. Dieser beträgt zwischen den beiden Endpunkten Elblag im Norden und Ilawa im Süden 104 Meter und wird durch ein System von zwei Schleusen und fünf geneigten Ebenen, den sogenannten Rollbergen, ausgeglichen. Im Jahr 1860 wurde das europaweit einmalige Baudenkmal eröffnet. Man hatte eine Möglichkeit gesucht, Holz aus den Wäldern hoch an die Ostsee zu transportieren. Die reichlich hundert Meter Höhenunterschied mittels drei Dutzend Schleusen zu überbrücken wäre viel zu kostspielig geworden. So ertüftelte ein überaus cleverer Ingenieur diese Art der Beförderung, die heutzutage bestimmt einen Preis für besonders ökologische Nutzung bekäme. Als Ostpreußen vor dem zweiten Weltkrieg an das immer schneller wachsende Eisenbahnnetz angeschlossen wurde, verlor der Kanal jedoch seine wirtschaftliche Bedeutung.

Raus aus dem Wasser und trockenen Fußes den Berg runter zur nächsten Anlegestelle
Laut telefonischer Auskunft soll „unser“ Schiff um 11:30 Uhr ablegen. Es herrscht ein reger Verkehr auf dem Kanal, die Schiffe verkehren mehrmals täglich.

Auf dem Parkplatz von Buczyniec (Buchwalde) strebt gleich nach unserer Ankunft ein Uniformierter auf uns zu und meint, der silberne Kleinbus da vorn würde uns zu einer anderen Anlegestelle bringen ... Wenn wir wollten, könnten wir nämlich gleich fahren, nicht erst um 11:30 Uhr. Hmmm, gerne. Nur noch zum zivil gekleideten Touristen umstylen und unsere Klamotten in die Koffer stopfen.

Nun aber hurtig!

Vermutlich wurde der Fahrplan kurzfristig geändert oder das Schiff wäre nur mit uns zweien besetzt gewesen und nun wollte man mit zwei einzelnen Hanseln nicht extra fahren. Als der Bus an der Anlagestelle vorfährt, klopft der Kapitän schon vorwurfsvoll auf seine Armbanduhr. Nun aber hurtig!

Auch private Schiffe werden gegen Gebühr befördert
Gemütlich tuckert das kleine Ausflugsschiffchen los. Die meisten Reisenden sind Deutsche. Nicht alle, aber vermutlich mehr als die Hälfte. Wir nähern uns dem ersten Berg mit Schienen. Die Hügel sind jeweils auf einer Seite steil und langgezogen. Auf der anderen Seite verschwinden die Gleise auf einem kurzen, flachen Abhang wieder im Wasser.

An dessen Fuss manövriert der Kapitän sein Gefährt noch schwimmend in einen Wagen, der im Wasser steht, an dem das Schiff arretiert wird. Ein Glockensignal, das auf dem Schiff geschlagen wird, gibt dem Maschinisten im neben dem Rollberg befindlichen Windenhaus das Signal, die Wassermenge des parallel zum Rollberg verlaufenden Baches anzuheben. Auf ein Vielfaches.

Ein riesiges Monstrum von einem Wasserrad setzt sich mit einem tiefen Grollen in Bewegung. Von einer Trommel wird das Stahlseil abgerollt und auf der anderen Seite wieder aufgerollt. Die Lore wird so mit dem Schiff den Berg heraufgezogen. Farbige Markierungen am Seil zeigen dem Maschinisten im Häuschen, an welcher Stelle sich die Lore befindet.

Per Umlenkrollen werden die Zugseile ins Maschinenhaus geführt und von dort per Wasserkraft angetrieben.
Das Ganze funktioniert also ohne Strom oder Maschinenkraft, ausschließlich durch die Kraft des Wassers, das ja ohnehin zur Verfügung steht. Die Polen betonen, dass es fast ein Perpetuum mobile sei. Auf dem Höhepunkt der Kuppe bremst das amphibische Gefährt unmerklich ab und gleitet anschließend gemütlich wieder hinunter ins Wasser.

Steht das Wasser hoch genug, wird die Arretierung gelöst und das Schiff zeigt mit einer kurzen, zackigen Schaukelbewegung an, dass es sich ab nun wieder in der gewohnten Manier und mit normalem Maschinenantrieb fortbewegt. Bis zum nächsten Rollberg, wo es wieder heißt: Hoch auf dem gelben Waaahaagen ... nur dass der Wagen blau ist.

Die Seilführungen der Zugseile sind äußerst wartungsarm.
Insgesamt ist der verrückte Kanal um die fünfzig Kilometer lang. Unsere eigene Fahrt dauert nur eine reichliche Stunde. Denn einer der Rollberge ist defekt, so geht es heute nur über zwei von fünf und dann wieder retour. Als wir wieder festen Boden unter den Füßen spüren, wird ein etwas größeres Sportboot gerade über die geneigte Ebene heraufgezogen.

Das Schiff liegt etwas schöpps in der Lore, weil es schmäler als die Lore ist und dadurch auf die Seite kippt. Am Parkplatz treffen wir einen polnischen Motorradfahrer, der uns mit Handschlag begrüßt, bevor er zur Anlegestelle eilt, wo gerade ein Schiff vorbeigezogen wird.

Tourinfo

Die Fahrt auf dem Elblag-Kanal organisierten wir telefonisch hier (in deutsch möglich):

Firma Cyranka
Mobil: +48 515 773 307
Web: www.statki.ostroda.pl

Sie instruierten uns, wann und wo wir hinkommen sollten und expedierten uns mit einem Kleinbus vom geparkten Motorrad zur Anlegestelle.

Dem Tourverlauf folgen:
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