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Auf geht’s in die Waldkarpaten

Neues Hotel in für die Region typischer Bauweise

Am nächsten Morgen wählen wir erst mal größere Straßen, um wieder ein paar Kilometer zu schrubben. Als die Landschaft interessanter wird, dürfen es auch wieder kleinere Straßen sein. Und die sind gar nicht mal so schlecht. Keine Holperpisten, wie wir sie oft in den vergangenen Tagen hatten. Neben uns wälzt sich träge ein breiter Fluss dahin. Das ist der San, der irgendwann als breiter Strom in die Weichsel fließt. Wir werden ihn bald bis fast zu seiner Quelle verfolgen.

Rastplatz mit Holzschnitzereien
On the road again. Pause auf dem Weg in die Waldkarpaten.
Ein Schild weist auf eine Fähre hin, die wir jedoch nirgends entdecken. Es muss im Flussverlauf einige geben. Vielleicht wurde die Fähre erst kürzlich eingestellt und das Schild vergessen? Egal. Es ist gar nicht so schlimm – die Landschaft belohnt uns für diesen Abstecher. Sie ist wesentlich bergiger als alles, was wir bisher zu sehen bekamen. Von daher fällt es uns nicht schwer, die alte Route zu verlassen. Steffi war ja schon mal hier, offensichtlich, denn sie weiß, wo es hingeht. Wir schlenkern über eine kurvige Straße, bis uns Steffi in einen Abzweig führt, der bergan führt. Mächtig bergan. 22% Steigung laut Schild, auf einer Straße, die aus zwei Spuren Rasengittersteinen besteht. So geht es eine ganze Weile kerzengerade den Berg rauf, wie durch eine Schneise, und drüber genauso steil und schnurstracks wieder hinunter. Wow, Steffi, was du für Straßen kennst!

Lesko heißt die nächstgrößere Stadt, die wir erreichen. Wie immer haben wir keinerlei Zimmer gebucht und wenn es uns zusagt, halten wir Ausschau nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Doch Lesko ist irgendwie überhaupt nicht unsere Kragenweite. Sie soll zwar nur 6000 Einwohner haben, kommt uns jedoch wesentlich größer vor. Zu geschäftig, zu städtisch. Mit der Bezeichnung Waldkarpaten assoziieren wir „ruhig“, „abgelegen“ und „mitten in der Natur".

Ein Highlight wäre eine Übernachtung in einer alten Wanderhütte in den Bergen. Das schminkten wir uns jedoch schon im Vorfeld bei der Recherche ab. Hier in Polen findet sich leider keine einzige Hütte, die man mit dem eigenen Fahrzeug ansteuern kann.

Weiter geht's auf der Straße Nr. 84 und schließlich auf der 896 Richtung Czarna Gora. Es wird ländlicher. Die Unterkünfte sind hier relativ dünn gesät. Schließlich landen wir in einem Appartment in Rabe. Zwar etwas moderner und teurer als wir wollten, dafür jedoch mit riesigem, ansteigenden Gelände bis zum Waldrand, in dem es grünt, blüht, zwitschert und man den Sonnenuntergang über den Karpaten genießen kann. Abends sitzen wir in der untergehenden Sonne weit oben am Berg. Vor uns liegen mit Erlen, Buchen und Tannen bewachsene Hügelketten. Die Baumgrenze befindet sich hier schon auf 1100 Metern. Die darüber liegenden freien Grasflächen, Polonina genannt, wurden früher als Hochweide benutzt. Bis zur ukrainischen Grenze sind es nur noch um die fünf Kilometer. Wir sind dort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen.

Mal rüber in die Ukraine spucken

Außenansicht der Galeria Barak
In Czarna Gora finden wir am Morgen alle Einrichtungen, die wir benötigen: Tankstelle, Bancomat und einen Einkaufsladen. Danach kann's los gehen zu einer Rundtour durch die Waldkarpaten. Nach wenigen Metern stoppen wir an der „Galeria Barak“ – sie befindet sich in einer flachen Baracke, wie schon der Name andeutet. Ein Künstlerehepaar stellt eigene Kunstwerke und Stücke von anderen aus, die man käuflich erwerben kann. Eine junge Dame wartet mit einem Buch in den Händen im hinteren Teil des Ladens auf Kundschaft und lässt uns in Ruhe hindurch schlendern. Weit und breit sind wir die einzigen Kunden. Die Ausstellungsstücke sind sehr vielfältig, schöne Alltagskeramik, aber auch bunter Perlenschmuck, bestickte Tischdecken, Gemälde verschiedener Größe, Schnitzwerk und einige T-Shirts. Schade, von den Keramikartikeln hätte gerne was mitgewollt. Aber der Platz für zusätzliche Butterdosen oder große Schüsseln in Motorrad-Koffern ist bekannterweise begrenzt, zumal man sich bei einem mit zwei Personen besetztem Motorrad noch etwas mehr zusammenreißen muss. Und oben drauf schnallen wie den Kelim aus Marokko ist bei einer Schüssel auch schlecht ...

Richtung Süden geht es weiter. Durch verschiedene kleine Dörfer. In einer winzigkleinen Souvenirbude an einem Aussichtspunkt werden bunte Kühlschrankmagnete, gefütterte Wollsocken sowie Fuchsschwänze am Karabiner verkauft. Nur zwei Kilometer weiter erreichen wir das größte Dorf der Region, Lutowiska, hier kreuzten sich früher zwei wichtige Handelsstraßen und bis zum zweiten Weltkrieg waren fünfzig Prozent der Einwohner Juden, die jedoch sämtlich von den Nazis ermordet wurden. Im Ort begeistert uns dann ein uraltes Holzhaus. Nicht eine kleine Kate mit einer Grundfläche von vier mal sieben Metern, sondern ein richtiges Haus, mit mehreren Giebeln und Gauben. Das Holz wurde im Laufe der Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte schwarz und ausgetrocknet. Das Gebäude ist vermutlich schon sehr lange nicht mehr bewohnt, wird aber aktuell wieder hergerichtet. Die Balkone sind neu. Allerdings scheint sich die Renovierung sehr hinzuziehen, denn die Google-Streetview-Bilder zeigen das Gebäude auch schon vor Jahren eingerüstet, jedoch noch ohne die neuen Balkone.

Wo die Bonzen Urlaub machten

Panoramaschild
In Smolnik verlassen wir die Landstraße Nr. 596 und biegen Richtung Muczne ab. Nach unserer Information hätten wir hier mit einer miserablen Asphaltpiste rechnen müssen, kaum zu bewältigen, auf der wir vielleicht einen Schnitt von 20 bis 30 km/h zusammenbrächten. Aber die Realität verblüfft uns. Die Straße ist nicht schlechter als viele andere Teerbänder in Polen. Es hieß, wir würden schlagartig von einer miserablen, asphaltierten Offroadpiste auf ein Teerband, glatt wie ein Babypopo wechseln, sobald wir nach zehn Kilometern den Ort Muczne erreichen, der eine besondere Geschichte hat. Das Dorf sollte nämlich in den 70er Jahren zum Bonzenurlaubsort ausgebaut werden. Deswegen spenden den ansehnlichen Holzhäusern seitdem abends schicke Straßenlaternen Licht, was zu damaliger Zeit ein großer Luxus war. Hier nächtigte schon der jugoslawische Diktator Tito. Heute ist das Dorf ein kleiner Ferienort wie jeder andere, nur die Geschichte holt sie aus dem Einheitsbrei der Urlaubsorte heraus.

Ausblick ohne Panoramaschild ;-)
Nach weiteren fünf Kilometern tauchen langgestreckte Stallgebäude auf. Am Rande des Weilers Tarnawa Niżna, der nur aus fünf Häusern besteht, kam vor Jahrzehnten einer auf den Gedanken, ganz groß einen auf Viehzucht zu machen. Man baute mehrere riesige Ställe, wie man sie von den Kolchosen und LPGen kennt. Bis man dann nach einigen Jahren doch einsehen musste, dass das Vorhaben in einer derart abgelegenen Gegend eine unlösbare Aufgabe ist, vor allem angesichts der Unmöglichkeit, das Viehfutter auf den damaligen katastrophalen Holperpisten in die Farm zu verbringen. In zweien der Ställe befindet sich heute eine Organisation, die Ausritte mit Huzulenpferden anbietet, einer für die Region typischen Rasse.

Natur, nichts als Natur

Im riesigen Gelände unserer Unterkunft in Rabe
Wir begleiten den Fluss San in ein Naturparadies. Die Straßen werden von Wäldern aus Fichten und Buchen gesäumt. Der Duft von feuchten Niederungen hängt in der Luft. Der Telefonprovider schickt die ersten Nachrichten mit Infos über die Kosten für Telefongespräche in der Ukraine, denn der San ist der Grenzfluss zur Ukraine. An einem Moor halten wir ein weiteres Mal und genießen die Stille. Wirkliche Stille, abgesehen von Vogelgezwitscher, dem Brummen von Bienen und Hummeln, dem Rascheln von Eidechsen, die durch die Grashalme huschen. Schmetterlinge flattern von Blume zu Blume. Die Wiese darf noch richtige Wiese sein. Mit Dutzenden blühenden Arten. Auch die Weg-, Straßen- und Waldränder – ein Blütenmeer! Im Moor, das man auf einem Bretterweg durchstreifen kann, wachsen fleischfressende Pflanzen. Am Rande sehen wir riesige Heidelbeeren sowie irgendwas, das wir als Moosbeeren bezeichnen würden. Hier ist die Natur noch Natur! Wir lassen uns auf einer Bank nieder und könnten ewig hier sitzen bleiben.

Auch altes wird gepflegt. Dieses Haus wird gerade renoviert.
Die Quelle des San ist nur noch wenige Kilometer entfernt. Einen Großteil der Strecke kann man fahren, rüber zur Quelle geht es jedoch nur über die grüne Grenze in die Ukraine, zu Fuß durch den Wald. Wir waren fast drauf und dran, dies zu tun, hätten wir uns nicht mit einem älteren Herren verratscht, wie man in Bayern sagt. Er kam einige Zeit nach uns an und genoss still hinter uns an einem Picknicktisch die Ruhe. Als wir aufbrechen, spricht er uns an. Schon seit zehn Jahren führe er, der nicht wie viele andere ältere Besucher einen familiären Bezug zu den polnischen Regionen hat, jedes Jahr allein für drei, vier Wochen in die Waldkarpaten. Er schwärmt in höchsten Tönen von der einheimischen Küche und der vielfältigen Flora und Fauna, wie man sie bei uns überhaupt nicht mehr fände. Auch die Ruhe hier sei einmalig. Und der Honig eines Imkers aus Wetlina. Recht hat er! Nun haben wir uns doch ganz schön verquatscht und brummeln sanft am Gashahn ziehend davon. Rechterhand am Fluss blitzen gelegentlich weiß-rote sowie blau-gelbe Grenzpfosten aus dem lichten Uferbewuchs. Zurück zum Abzweig nach Smolnik. Auch die Grenzpolizei ist mit einem leichten Jeep auf den Straßen unterwegs.

Wieder mal zu schnell gewesen in Polen ;-)
Der Berliner Ruheständler erzählte uns, dass er schon immer in Wetlina nächtige. Als wir weiterfahren, passieren wir nun auch Wetlina. Überall begegnen uns „Noclegi“-Schilder. Zimmer frei. Oder „Zajazd“, was wir mit Gasthof übersetzen. Hier ist etwas mehr los als in der Ecke, in der wir wohnen. Neben einem Teich finden wir unweit der Straße ein einfaches Gasthaus, eher eine Baracke mit Bänken. Ich frage den Wirt, was es zu essen gibt. Da ich das polnische Wort für den Fisch, den er zubereitet, nicht kenne, und er nicht das deutsche, zeigt er mir einen Prospekt mit einer Abbildung des Fisches. „Forelle“ sage ich. „Forelle – in ukraine Forell“ antwortet er mir erstaunt. Frisch gefangene und gegrillte Forelle, lecker! Draußen wird gerade ein neuer Freiluft-Grill gemauert. Der Maurer bemerkt unsere bewundernden Blicke für seine Handwerkskunst und meint: „Gutes Werk?“

Wer sich schon für den Winter vorbereiten möchte, kann am Straßenrand auch schon mal ein paar Felle erstehen.
Ursprünglich wollten wir den Solinostausee mit in die Tour einbinden. Jedoch sehen wir jetzt nur ein Zipfelchen unten im Tal blau schimmern. Vielleicht besser so? Die Tourismusmaschinerie scheint immens zu sein. Der Stausee wurde 1968 geflutet und seitdem unter anderem zum Betrieb eines Wasserkraftwerks genutzt. Heute ist das 2200 Hektar große und sechzig Meter tiefe Gewässer der größte Stausee Polens und dessen Ufer beherbergt Hunderte Hotels, Campingplätze, Ferienanlagen, Souvenirstände und Restaurants. Zu den Attraktionen zählen Rundfahrten über den See. Ein derartiger Trubel lockt uns so gar nicht angesichts der Natur und der Ruhe in den Waldkarpaten.

Hier, in den Beskiden, befindet sich der Bieszczady-Nationalpark. Fälschlicherweise dachten wir anfangs, „Beskiden“ ist nur eine andere Bezeichnung für Waldkarpaten. Richtig ist jedoch, dass die Waldkarpaten ein kleiner Teil der Beskiden sind. Dieser Gebirgszug zieht sich nämlich auf sechshundert Kilometern Länge von Südost-Schlesien bis über die Tatra und endet in der Ukraine.

Natur pur. Unkultivierte Graslandschaft mit allen Arten von Fauna und Flora.
In den benachbarten Maramureș, den Waldkarpaten in Rumänien, zuckelt seit Ende des 19. Jahrhunderts eine gemütliche Schmalspurbahn, die Wassertalbahn, durch die undurchdringlichen Wälder. Statt einer Straße wurde die Waldbahn gebaut, um das Holz abzutransportieren. Auch hier im polnischen Teil der Waldkarpaten gibt es eine solche Waldbahn und auch sie ist im vorletzten Jahrhundert für den Holztransport gebaut worden. Auf elf Kilometern Strecke holpert die Waldbahn Bieszczady von Majdan nach Przyslup über uralte Gleise. Bei unserer Waldbahn-Fahrt in Rumänien sagte man uns damals: „Ihr habt Glück! Heute ist sie nicht entgleist. Gestern sprang sie wieder mal aus dem Gleis.“ Wenn die polnische Bahn auch so ein altes Teil aus dem vorletzten Jahrhundert ist wie die Wassertalbahn ist ... doch leider wussten wir von ihr nichts, sonst hätten wir sie gewiss angesteuert. Aber dann eben beim nächsten Mal.

Eine der typischen alten Holzkirchen
Während unserer Rundtour besuchen wir auch einige Holzkirchen, die eine wechselvolle Geschichte auszeichnet. Ursprünglich wurden die Kirchen von Bojken und Lemken erbaut, einer ethnischen Minderheit, die den Ukrainern zugerechnet werden. 150.000 Menschen dieser Volksgruppe wurden in nur vier Monaten im Jahr 1947 während der „Aktion Weichsel“ in andere polnische oder sowjetische Regionen umgesiedelt sowie in Konzentrationslager deportiert, weil sie angeblich mit den ukrainischen Aufständischen sympathisiert oder sogar kooperiert hätten. Es folgte die Enteignung ihrer Besitztümer, um jede Rückkehr zu verhindern. Ihre oft gebrandschatzten Häuser wurden von der Natur zurückerobert.

Nach der „Aktion Weichsel“ war die Region nahezu entvölkert, erst in den sechziger Jahren begannen sich wieder Menschen anzusiedeln. Nur ihre griechisch-orthodoxen Kirchen erinnern weiterhin an die untergegangene Kultur. Insgesamt 155 Gotteshäuser wurden staatlich und somit dem Verfall preisgegeben, ebenso die Friedhöfe. Die meisten dieser Kirchen werden seitdem von der katholischen Kirche genutzt. Alle Kirchen, die wir besuchen, sind verschlossen – jedoch nur durch ein Gitter, durch das wir ins Innere blicken können. Meist gibt es ein Mini-Kniebänkchen vor dem Gitter, schließlich soll niemand gehindert werden sein Gebet zu sprechen. Aus dem Inneren der Holzkirche strömt ein altertümlicher Geruch, ein Gemisch aus altem, trockenem Holz und Weihrauch. Wenn „alt“ mit einem Duft verbunden wäre, dann mit diesem.

Dem Tourverlauf folgen:
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