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Von verwegen: im Skigebiet ist im Sommer nix los!

Hochzeit in tradtionellem Gewand

Der Himmel zieht sich im Laufe des Abends immer mehr zu. Am späten Abend setzt ein starker Sturzregen ein. Als wir die Wetterlage auf dem Balkon checken, ertönt aus Richtung des Parkplatzes eine Alarmanlage. Die unseres Motorrads? Jochen ist sich sicher. Also stylt er sich von „bettfertig“ wieder auf „Motorradfahrer“ um und begibt sich in die Outdoordusche, um den ohrenbetäubenden Lärm zu canceln. Die Alarmanlage ist zum Regensensor mutiert. Nur dumm, dass die Anlage den Regen erst meldet, wenn Sensor und damit der Fahrer schon pitschpatsch nass sind!

Eine der kleinen Hütten neben der Straße mit Käseverkauf.
Oscypek sind kleine, geräucherte Käselaibe aus Schafsmilch.
Der nächtliche Regenguss ist der Vorbote eines Regengebietes, dessen Wirbel über der hohen Tatra kreiselt. Am Morgen ist die Landschaft in Watte gepackt. Der kleine Gebirgszug versteckt sich in den Wolken. Sehr schade. Wir hätten schon gerne einen Blick drauf geworfen. Heutiges Ziel ist die Gegend um Szczyrk. Das sind rund 200 Kilometer Fahrtstrecke. Neben der Landstraße stehen immer wieder mal Hüttchen mit einer Feuerstelle in der Mitte des Raumes.

Hier werden kleine, geräuchterte Käselaibe aus Schafsmilch verkauft – Oscypek nennt man sie – sowie Honig und Marmelade. Sämtlichen Käselaibchen wurde ein geometrisches Muster aufgepresst. Derjenige, der die einheimischen Produkte verkauft, wird gleich mitgeräuchert, denn der beißende Qualm des offenen Holzfeuers zieht trotz Rauchfang durch die Hütte und beißt fürchterlich in den Augen.

Wer sich hier drin längere Zeit aufhalten will, muss hart im Nehmen sein. Die kleinsten, plattgedrückten Käseleibchen sind teilweise nur wenig größer als die Fläche eines Suppenlöffels und taugen perfekt als Proviant für unterwegs. Mit einem Happs sind sie weg.

Traditionelle Hochzeit mit Pferd und Wagen
Prunkvoll geschmückt und ziemlich nervös. Liegt wohl am langen Warten bis es endlich weiter geht.
Hochzeit im nächsten Dorf. Wir sind nur Zaungäste, als zehn Pferdekutschen auf ihren Einsatz warten. Die Pferde sind bunt herausgeputzt.

Am Zaumzeug jedes Pferdes ist ein weißes Tüchlein befestigt, auf dem Rücken zieren bunte Schals, Koniferenbüschel und goldene Beschläge die Pferdegeschirre. Die Hauptkutsche in weiß steht in dem Hof eines Anwesens. Der Kutscher steckt wie alle anderen in einer farbenfrohen Tracht und wird von einem der Anwesenden mit einem Glas Schnaps versorgt. Oder zwei.

Weitere Schnapsflaschen verstaut er unter den Sitzen der Kutsche. Die Pferde scharren mit den Hufen, flämen und trippeln ungeduldig auf der Stelle. Die einen mehr, die anderen weniger. Je dunkler, desto ungeduldiger. Einige Kutscher im traditionellen Gewand können ihre agilen Zugtiere nur mit guter Zurede zum Warten überreden.

Es scheint noch zu dauern. Aus dem Haus schallt Musik, noch kein Brautpaar zu sehen.

Raus aus der Stadt, rein in die Stadt

Restaurant am Salmopolski-Pass
Der Rest der Fahrt ist uninteressant, Straßen halt, zumal anfangs die gesamte Landschaft noch mit der Restfeuchte der letzten Nacht kämpft und oftmals in eine diesige Watte gepackt ist. Im letzten Drittel der Tour reiht sich Stadt an Stadt, keinerlei unbewohnte Flächen dazwischen. Raus aus der Stadt, rein in die Stadt. Nie schneller als 60 km/h. Zwar sind wir immer am Fahren, der Verkehr staut sich nicht, trotzdem, die Gegend ist für Motorradfahrer absolut uninteressant. Wir hoffen, dass es die Gegend um Szczyrk anders ist, weil es dort einen Pass gibt, das klingt verheißungsvoll. Der Ort liegt in den schlesischen Beskiden und diese gehören zu den im Winter schneereichen Ausläufern der Karpaten. Hier gibt es das größte zusammenhängende Skigebiet der Beskiden mit 32 Liften und 42 Pistenkilometern, Schneekanonen und Flutlicht. Das hätte uns zu denken geben sollen.

Das Restaurant am Salmopolski-Pass wartet mit regionalen Spezialitäten auf.
Szczyrk (Schirk). Endlich ein Ortsname, den wir aussprechen können, allerdings nur auf deutsch, auf polnisch heißt er vermutlich irgendwas wie Schtschirk. Als wir in Szczyrk ankommen: um Gottes Willen! Wir sind vom Regen in die Traufe gekommen! Die Häuser mit Pokoje-, Noclegi-, Pensjonat- und Hotelschildern teilen sich dicht an dicht den kleinen Ort, wie hunderte bei Regen aus dem Boden geschossene Pilze. Und auch hier das gleiche unvermeidliche Gewusel wie in Zakopane. Tausende Menschen auf der Straße. Ach, was waren wir blauäugig und dachten, in einem Wintersportort wäre im Sommer nichts los! Pustekuchen!

Wieso ist Wodka eine der regionalen Leckereien, die an allen Ecken angepriesen wird? Google spuckt einige polnischen Seiten mit dem Begriff „Wodki regionalne“ aus, also regionaler Wodka. Okay, also gibt es hier wohl einige Brennereien, die ihre hochprozentigen Wässerchen an den Mann bringen wollen. Offensichtlich nicht ganz ohne Erfolg, wenn man die leicht schwankenden Herren so sieht. Gerade wird ein Ehemann von seiner Frau ziemlich mühevoll in die Unterkunft bugsiert. Das Gartentor zu treffen ist ein überaus schwieriges Unterfangen.

Das Restaurant am Salmopolski-Pass aus einer anderen Perspektive
Blick in unsere Unterkunft. Das Zigeuner-Zimmer. Hier ist der Name Programm.
Raus aus diesem grausamen Touristentrubel! Der Salmopolski-Pass liegt auf 934 Meter über dem Meer, dort oben gibt es eine Bar sowie ein Gasthaus. Einige Serpentinen bringen uns hinauf und schließlich hinunter in die Niederungen an die Weichsel, nach Wisla. Aber auch Wisla wartet immer noch mit einer ansehnlichen Tourismusmaschinerie auf. Aus den bewaldeten Hängen am Rande von Wisla ragen schräg wie ein Dreieck oder spitz wie eine Pyramide zulaufende Hotelbauten heraus. Vermutlich alles Bausünden der 1970er oder 1980er Jahre.

Wir checken booking.com und entdecken eine Unterkunft im Niemandsland, noch eine ganze Strecke raus aus dem Tohuwabohu, weg vom Trubel. Rundherum keine weitere Übernachtungsmöglichkeit zu sehen. Klingt vielversprechend. Und ist es auch. Ein Haus in einer dörflichen Siedlung mit farbenfrohen und absolut liebevoll hergerichteten Zimmern. Unser Zimmer besitzt ein Bad, dessen Wand ein Mosaik in Form eines grün-blauen Baumes ziert. Wir wohnen nicht im Zimmer mit der Nummer XY, sondern im Zimmer Cyganski. Zigeuner. Die Augen der Hotelbesitzerin strahlen förmlich. Man merkt, dieses kleine, familiäre Hotel ist ihr „Baby“. Die Zimmer wurden von ihr selbst designt, gemalert, gefliest und eingerichtet. Auf unserem Bett liegt ein gehäkelter, kunterbunter Überwurf. Ob sie den auch selbst gehäkelt hat? Zuzutrauen wäre es ihr.

Dem Tourverlauf folgen:
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