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Schädel so weit das Auge reicht

Der kleine Friedhof platzte aus allen Nähten. Nach diesem Krieg kamen der Pfarrer Tomaschek sowie sein Totengräber Langner auf den Gedanken, die vielen Gebeine und Totenschädel in der Krypta aufzustapeln.
Während der Rückfahrt durchqueren wir gemütlich den Kurort Kudowa Zdroj (Bad Kudowa). Das 10.000-Seelen-Städtchen lockt seit dem 19. Jahrhundert als „Herzheilbad Europas“ mit fünf Heilquellen einiges an Publikum an. In der Nähe des Kurorts stoppen wir in Czermna (Tscherbeney) auf einem Parkplatz, der zu einer Gebeinkapelle gehört. Wir berappen ein wenig Parkgebühr und schlendern um die Ecke zum „Kostnice“, dem Beinhaus. Dort windet sich eine große Menschenschlange auf die kleine Eingangstür zu und versucht mit Regenschirmen dem einsetzenden Regen zu trotzen.

Im 17. und 18. Jahrhundert fielen in der Grafschaft Glatz 24.000 Menschen der Pest, der Cholera und dem Siebenjährigen Krieg zum Opfer. Wohin mit den menschlichen Überresten? Der kleine Friedhof platzte schon bald aus allen Nähten. Nach dem Krieg kamen der Pfarrer Tomaschek sowie sein Totengräber Langner auf den Gedanken, die vielen Gebeine und Totenschädel in der Krypta aufzustapeln. Jahrelang säuberten, bleichten und desinfizierten sie die Knochen. Meterhoch bedecken gebleichte Schädel die Wände und umkränzen einen Altar. Die Decke ist durch ein Muster aus Knochen geschmückt. Ganz schön viele Menschen wollen die Kapelle von innen sehen. Wir kennen die Fotos vom Innenraum der Kapelle in Czermna und nach Schlangestehen im Regen ist uns gerade nicht.

Also weiter geht’s. Rein in eine Straßensperrung. Vorgestern schickte uns ein gelb-bewesteter „Sperrungsbeauftragter“ während unserer Anfahrt hierher ins bergische Land in eine Sperrung, an deren Anfang er stand. Wir verstanden ihn zwar nicht, aber er sagte irgendwas mit „Na motorem“ – „auf dem Motorrad ... kommt ihr dran vorbei“ deuteten wir seinen weiteren Satz. Hat mit einer kleinen Offroadeinlage auch gepasst, allerdings ohne Sozia, mit Billigung der Straßenarbeiter natürlich.

Bei der ersten Fahrt nach Stronski Slaskie ließen wir uns von Steffi zwanzig Kilometer lang über kleine Micky-Maus-Straßen hinten herum leiten, weil ein Schild verkündete, dass nach siebzehn Kilometern gesperrt sei. Doch die Erfahrungen der vergangenen Tage zeigten uns, dass die meisten Baustellen recht gut fahrbar sind. Bei der aktuellen Sperrung stellt sich dann heraus, dass ein drei Kilometer langes Teilstück neu geteert wird. Der alte Belag ist schon runter, kein Straßenarbeiter zu sehen und der grob gefräste Belag kann in langsamem Tempo befahren werden. Als wir am Abend zurückkommen, zieren diese Straße einige große Sandhaufen, um die die Einheimischen herumfahren, wir natürlich auch. Nur bei der nächsten Fahrt ist der Sand dann schon verteilt. Drei Kilometer Tiefsand sind uns dann doch zu heikel und wir umfahren die Baustelle wieder. An einer Tankstelle versuche ich mich wieder einmal darin, die Nummer der Tanksäule in der Landessprache zu nennen. Mit mäßigem Erfolg. Die Zahl, die ich der Mitarbeiterin nenne, klingt ganz anders als die, die sie wiederholt. Ich seh' schon: Das wird nüscht mit mir und dem Polnisch.

Auf der Landstraße mit der Nummer 388. Cruisen in herrlicher Umgebung. Empfehlenswert.
Die Landstraße mit der Nummer 388 merken wir uns, die ist schön zu fahren. Zu erkennen an den stellenweise rot-weiß markierten Alleebäumen. Bei Bystrica Klodzko leuchtet ein Feld in blauem Farbton. Nein, kein Lavendel, sondern Phacelia, auch Bienenweide genannt. Die Straße ist zweispurig und es herrscht wenig Verkehr. Vor uns fährt ein LKW die ganze Zeit auf dem Mittelstreifen und in jeder Kurve ganz links auf der Gegenfahrbahn. Was ist denn mit dem? Hat er was gegen überholende Motorradfahrer? Oder ist der schlichtweg besoffen? Es ist partout nicht möglich ihn zu überholen. Nach einigen Kilometern trennen sich unsere Wege Gott sei Dank. Derartiges ist uns auf der Tour nicht noch einmal passiert.

Predigten aus dem Maul eines Wales

Der Pranger von Duszniki Zdroj.
In Duszniki Zdroj (Bad Reinerz) lassen wir uns für kurze Zeit auf einer Bank am Rynek nieder und vertilgen unsere Zwischenmahlzeit in Form von lecker Süßkirschen. Hier am Marktplatz, der umgeben ist von Häusern aus der Barock- und Renaissancezeit, siedelten sich viele kleine Läden an, in denen man gemütlich seine Einkäufe erledigen kann. Eine Piekarnia gibt es, mit verlockenden, gebackenen Kleinigkeiten und direkt daneben ein Obst- und Gemüselädchen. Wir gestehen, wir kauften nicht nur Süßkirschen. Die polnische Backkunst ist einfach zu verlockend! Den Platz ziert eine Mariensäule, ein Brunnen sowie ein Pranger. Jawoll, ein Pranger, mit schmiedeeisernen Handschellen. Ob der wohl noch genutzt wird? Der Beste aller Fahrer weigert sich standhaft als Demonstrationsobjekt zu dienen.

Eine besondere Attraktion des Dörfchens Duszniki Zdroj. Die Kanzel in der Pfarrkirche St. Peter und Paul hat die Form eines Wals.
Duszniki Zdroj ist ein unaufgeregtes Örtchen. Wir sehen keine Touristen. Auf den Straßen nur das ganz normale Alltagsleben. Kaum zu glauben, dass es zu den ältesten Kurorten Niederschlesiens zählen soll. Wegen der Heilwirkung der Kohlensäurebäder entwickelte es sich Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten Herzheilbädern Europas. Allerdings besuchen wir während unserer Stippvisite nur die Stadtmitte und nicht die Kurbereiche. Am Rande der Stadt fällt die außergewöhnliche Form der barocken Papiermühle auf, in der ein Museum der Papierherstellung untergebracht ist. Gleich um die Ecke verfügt die Pfarrkirche St. Peter und Paul (Kościół ŚŚ. Piotra i Pawła) über eine einzigartige Ausstattung. Der Pfarrer steht hier, wenn er denn seinen Schäfchen eine Predigt hält, im weit geöffneten Maul eines Wales, der theatralisch und furchterregend durch die Wand zur Rechten dringt. Was für ein Auftritt!

Weinbergschnecken gibt es auch in Polen. Warum auch nicht ;-)
Weiter geht unsere Fahrt über nette, kleine Straßen. Nicht immer glatt wie ein Babypopo, denn dazu müssten wir auf große Verbindungsstraßen ausweichen. Lieber tuckern wir jedoch durch kleine Dörfer. Polen muss ein Hort der Gasherde sein. Vermutlich wird jeder zweite polnische Küchenherd mit Propangas betrieben. Überall an den Straßen und Häusern werben Schilder, dass hier Propangasflaschen gekauft und getauscht werden können. Die Schilder sehen wir genau so oft wie allerorts große, meist handgepinselte Tafeln in den Wiesengrund gerammt wurden: „Sprzdam!“ und darunter eine Mobilnummer. Verkauft werden Gebäude, sehr viele Grundstücke, auch mal Autos, überall prangt das Wort „Sprzdam“ darauf.

Die Burg von Szczytna.
Über der Kleinstadt Szczytna ragt eine Burg aus der dicht bewaldeten Bergkuppe. Ohne zu wissen, was das da oben für ein Gemäuer ist, tuckern wir eine drei Kilometer lange, schmale Straße durch einen felsengesprenkelten Wald hinauf. Am Ende der Straße lockt ein Punkt Widokowy, ein Aussichtspunkt, mit einem schönen Blick hinunter ins Glatzer Land. Die Burg Waldstein, Zamek Leśna auf polnisch, ist im Besitz eines polnischen Ordens und beherbergt ein Heim für geistig behinderte Menschen. Obwohl die Burg oder das Schloss, das ist Auslegungssache, nicht zugänglich ist, kommen doch einige Menschen hier herauf, um sich umzuschauen. Vielleicht alles Neugierige so wie wir. Einer steht sogar, mit einem Kleinkind auf dem Arm, vor unserem Motorrad und schaut es sich näher an. Das ist das zweite Mal während der dreiwöchigen Tour, das einer wirklich interessiert an der Technik ist. Da es hier oben nichts groß anzuschauen gibt, sind wir relativ schnell wieder auf Achse.

Burg Scharfeneck oder Zamek Sarny

Morgens einige Blicke auf das Regenradar. Könnte klappen, dass wir mit geschickter Tour- sowie Freizeitplanung um den Regenguss herumkommen. Unser Ziel ist heute Breslau (Wrocław), jedoch wollen wir auf dem Weg dorthin noch einiges an Zwischenzielen mitnehmen. Eines davon sind die geheimen Stollen von Hitlers „Projekt Riese“ im Eulengebirge.

Burg Scharfeneck vermittelt einen gewissen Lost-Place-Charme.
Unterwegs lockt uns die Burg Scharfeneck oder Zamek Sarny, wie sie seit 1945 heißt, mit interessantem Lost-Place-Charme von der Straße. Gebäude, die nicht mehr sind als Ruinen, eine alleinstehende Barockfassade mit Giebel. Leere Fensterhöhlen mit alten, bröckelnden, kaputten Fenstern. Doch komischerweise bepflanzte Kästen mit Geranien davor. Ganz oben thront auf einem Nebengebäude ein Storchennest mit fast flüggen Storchenkindern. Das historische Gebäude hat eine wechselvolle Geschichte. Ende des 16. Jahrhunderts erbaut, ging es der Burg vermutlich jahrhundertelang ganz gut. Bis nach Kriegsende der kommunistische Staat kam und eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft einquartierte. In den folgenden 55 Jahren verfiel die Burg immer mehr, bis der Staat die Immobilie an eine Gruppe Enthusiasten verkaufte, die seither langsam aber stetig renovieren. Laut Website richtete man im Torhaus ein Café ein, auf das bei unserem Besuch jedoch nichts hinweist. Das schwere Tor in dem massiven Torbogen ist verschlossen und kein Mensch zu sehen. Schade.

Detailaufname von Burg Scharfeneck
Eine herrliche Gegend ist das hier! Es herrscht nicht viel Verkehr. Wir tanzen einen Kurvenwalzer durch lauschige Alleen. Klar, außer einigen Touristen sehen vermutlich nicht so viele Menschen einen Grund hier entlang zu fahren. Den Mammutanteil des Straßenverkehrs werden wohl Besucher stellen, die an mysteriösen, großteils unterirdischen Bauten aus dem zweiten Weltkrieg interessiert sind.

Dem Tourverlauf folgen:
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