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Projekt Riese | Geheimnisvolle Stollen im Eulengebirge

Eingang zu der unterirdischen Welt des Riese-Komplexes

Ein kleiner Größenvergleich. Hier sollte Kriegsmaschinerie gebaut werden. Ohne Probleme passen hier ganze Panzer durch die Gänge.
Wir erreichen Osówka, bis Kriegsende Säuferhöhen genannt, es liegt bei Walim (Wüstewaltersdorf). Hier im Eulengebirge existiert eine Stollenanlage Hitlers, die man mit einer Führung besichtigen kann. Oder zumindest einen Teil davon. Ab 1943 erschufen die Nationalsozialisten an verschiedenen Orten im Eulengebirge ein ausgedehntes, geheimes Stollensystem, vermutlich war es in erster Linie als Produktionsstätte für die Waffenproduktion geplant. Komplex Riese oder Projekt Riese nannte man das Ganze. Die Bauarbeiten wurden von Zwangsarbeitern (Kriegsgefangenen) sowie Häftlingen des KZs Groß-Rosen ausgeführt, man schätzt die Zahl auf 13.000, für die in den umliegenden Orten Lager errichtet wurden.

Eine Deckenhöhe bei den Durchgängen von über zwei Metern ist hier kein Problem.
Die Gegenden, in denen die Anlagen entstanden, waren schon Jahre vorher als militärisches Sperrgebiet für die Allgemeinheit nicht mehr zugänglich. Aber erst in den letzten beiden Kriegsjahren trieb man das Projekt mit großer Eile voran. Die Arbeiten mussten, soweit das bekannt wurde, unter unmenschlichen Bedingungen und mit primitivstem Werkzeug ausgeführt werden. Tausende überlebten die Torturen untertage nicht. Bis August 1945 sollte eine riesige, bombensichere, unterirdische Großanlage entstehen. Auch einige oberirdische Ruinen sind in den Wäldern versteckt, dessen Bestimmung jedoch heute nicht mehr restlos ergründet werden kann. Die Stollenanlagen verschlangen insgesamt mehr Beton, als in ganz Deutschland während des Krieges für die Bunker der Zivilbevölkerung verbaut wurde. Bei Kriegsende waren sie noch nicht fertiggestellt. Die Gebäude, Stollen und unfertigen Anlagen geben viele Rätsel auf. Die Pläne sind verschollen, vermutlich wurden sie bei Kriegsende vernichtet.

Natürlich gibt es auch hier Gerüchte und Vermutungen über gigantische Nazi-Goldschätze, auch das Bernsteinzimmer wird wieder vermutet. Besonders abenteuerlich ist die Story des Nazi-Goldzugs, der in den Wirren der letzten Kriegstage in einem Stollen versteckt worden sein soll. Zwei Abenteurer, ein Pole und ein Deutscher, begannen im Jahr 2015 mit großem Tamtam eine medial groß angekündigte Schatzsuche und belegten den vermuteten Zug mit einer Georadaraufnahme, die ein zugähnliches Gebilde zeigte. Nach erfolglosen Bohrungen mussten sie zugeben, dass die Aufnahme gefälscht war.

Teilweise sind die Hallen zweigeschossig. Wahnsinn über mehrere Etagen.
Um wirklich alle noch zugänglichen Stollen anzuschauen, benötigte man einige Tage, denn die Anlagen sind in neun Standorten über das kleine Gebirge verstreut. Das Führerhauptquartier, als Ersatz für die mehrere hundert Kilometer entfernte Wolfsschanze in Ostpreußen geplant, war vermutlich in den Stollen unter dem Schloss Kziaz (Fürstenstein) vorgesehen. Das Schloss ist das größte Schloss Schlesiens. Wie schon in der Wolfsschanze projektierte auch hier der Architekt Albert Speer die Anlage. Um das Vorhaben durchzuziehen, wurden 1943 einfach die adeligen Besitzer enteignet. So bemächtigte man sich der fünfhundert Räume und buddelte sich auf insgesamt zwei Kilometern Länge eifrig durch den Untergrund.

Extremtour | Das nächste Mal mit Taschenlampe!

Teilweise wurden die Gänge gar nicht mehr fertig gestellt. Trotzdem werden bis heute immer noch neue Stollen gefunden.
In Osowka können ein Teil der Stollen mit einer Führung besichtigt werden. Wir hatten uns am Vorabend auf der Osawka-Website schlau gemacht und erfahren, dass verschiedene Führungen angeboten werden, die sich in Art und Länge unterscheiden. Die längere mit dem Namen „Extrem-Tour“ erscheint uns die interessantere. Unsere Buchung per Email kommt leider zu spät. Denn als am nächsten Morgen die Nachricht eintrifft, dass die Tour schon voll sei, sitzen wir auf dem Motorrad. Aber in die darauffolgende Führung können wir noch reinrutschen. Also wer ebenso eine derartige Führung buchen möchte, sollte sich besser zeitig melden, um längere Wartezeiten zu vermeiden.

Um vierzehn Uhr stehen wir vor einem kleinen Mundloch. Erstmal werden allen Teilnehmern Bauhelme verpasst. Das Innenleben von Jochens Helm passt leider nicht so ganz zu seiner Kopfgröße von 64/65, auch bei den Motorradhelmen hat er da ja immer so seine Einschränkungen. Sieht lustig aus, wie der Helm da oben drauf sitzt. Als sich die Eingangstür öffnet, entströmt dem Stollen ein eisiger Hauch. Bei den sommers wie winters herrschenden Temperaturen von knapp 10°C sind wir froh, Motorradklamotten zu tragen. Einige Besucher sind hart im Nehmen und in leichten Sandalen unterwegs.

Unser Guide spricht polnisch, wir jedoch stehen immer etwas abseits und lauschen unseren geliehenen Audioguides. An einer Stelle erzählt unserer Führer sehr ausführlich und macht viele Witze, Gelächter kommt auf. Keine Ahnung, um was es sich dreht. In den Kopfhörern unserer Audioguides hören wir auf jeden Fall keine witzigen Geschichten. Zumal der Guide einmal auf eine Besucherin mit Stirnlampe deutet, dämmert uns nach der Tour, dass es doch besser gewesen wäre, hätten wir ihn verstanden. Die Guides wechseln, die Besuchergruppen werden wie ein Staffelstab an den Nächsten weitergegeben.

Diverse Exponate an den Wänden geben Auskunft über Bewaffnungen verschiedenster Armeen.
In einem gefluteten Stollen packt man die Besucher in Gruppen zu je acht Personen in ein flaches Landungsboot. Der Guide greift ein Seil, das an der Decke verläuft und zieht so das Boot durch den Stollen. Zweimal entschwindet er so im Dunkel des Stollens – wir stehen ja immer noch ganz hinten – dann bleiben nur noch ein junges polnisches Paar und wir. Am Seil werden wir etwa zwanzig Meter weit durch die kaum beleuchteten Stollen gezogen. Dann schickt uns der Guide auf etwa halbmeterbreite Planken, denen wir nun folgen sollen. Ohne Führer und ohne Licht, denn er macht kehrt und verschwindet hinter uns in entgegengesetzter Richtung im Dunkel des Stollens. Die zwei Gruppen vor uns sind längst weg. Es ist ziemlich dunkel. Muschebubu-Beleuchtung würde ich es nennen. Die Planken hängen an langen Drahtseilen an der Decke und schaukeln dementsprechend. Ein Klettergarten, allerdings nicht in Bäumen, sondern in einem finsteren Stollen!

Keine Taschenlampe, aber wasserdichte Motorradstiefel

Oft wurden die Hallen doppelt so hoch angelegt wie nötig. In der oberen Hälfte sollten später dann die Versorgungsleitungen durch laufen.
Wasser tropft überall von der Decke, die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Irgendwann geht der schwankende Hängesteg in feste Planken über. Die Planken sind nun nur noch zwanzig Zentimeter breit, verlaufen knapp über der Wasseroberfläche und irgendwo über'm Kopf hängt ein dickes Tau. Zur Erhöhung des Schwierigkeitsgrades verlaufen die Planken im Zickzack. Später gibt es plötzlich kein Tau mehr. Und auch kein Licht. Stockdunkel wie in einem Stollen halt. Nicht mal eine Notbeleuchtung erhellt das Dunkel, so paar winzige bläuliche Lichter in Bodennähe, das hätte schon gereicht! Nicht nur, um zu sehen, wo man hintritt, sondern auch wo man sich oben festhalten könnte. Parallel zur Decke verläuft ungefähr jeden Meter eine verrostete, ziemlich nasse, verbogene Stange. Daran hangeln wir uns wie Affen entlang. Weitere Schwierigkeit: nicht immer ist das Ganze mannshoch, manchmal muss man oben den Kopf einziehen, unten die Planken finden und sich gleichzeitig festhalten. Irgendwann gibt’s keine feuchten, verrosteten Stangen mehr, nur noch irgendein komisches Plastikgeflecht, das den Felsen verkleidet.

Der Pole und seine Freundin laufen vor uns, er besitzt ein Handy, hatte in der Schule ein wenig deutsch gelernt und versteht so meine gelegentlichen Ausrufe. Auf mein „Hilfe, ich seh' nix“ leuchtet er immer wieder nicht nur vor sich und die Füße seiner Freundin, sondern auch nach hinten. Ohne ihn wären wir aufgeschmissen. Die Videokamera steckt im Rucksack auf dem Rücken. Da hier unten das Licht sowieso nicht mehr für Filmaufnahmen reicht, hatte ich sie weggepackt. Auf den Gedanken, die Lampe der Kamera als Notbeleuchtung zu nutzen, komme ich nicht. Ich bin viel zu sehr mit dem Obenbleiben auf den rutschigen, von Wasser benetzten Planken beschäftigt, als dass ich in dieser Situation den Rucksack nach vorne holen möchte. Jedoch hätte ich dann nur noch eine Hand zum Festhalten gehabt. Keine gute Idee. Irgendwann flucht Jochen hinter mir: „Das ist mir hier jetzt echt zu doof. Wozu trage ich wasserdichte Motorradstiefel?“ PLATSCH. PLATSCH. Ich höre ihn durchs Wasser waten. Recht hat er. Besser als der Länge nach in voller Montur mit diversem Fotoequipment ins Wasser gekippt. Irgendwann stoßen wir wieder auf den Rest der Truppe und werden zum Ausgang geleitet.

Dem Tourverlauf folgen:
weiter mit Breslau

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