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Breslau | Wrocław | Die Stadt der Zwerge

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Sonne am Breslauer Rathaus
Nach diesem kleinen Ausflug geht's weiter Richtung Breslau, der Stadt, die auf polnisch Wrocław heißt. Dreißig Kilometer vor Breslau wird es immer dunkler und schließlich erwischt uns der Platzregen. Kopf einziehen und durch. Ausnahmsweise haben wir ein Zimmer reserviert. Eine gute Entscheidung, denn im Regen stundenlang nach freien Zimmern fragen, kann zur Herausforderung werden. Aber die Suche nach der richtigen Adresse an einer vierspurigen Straße ohne Wendemöglichkeit auch. Das Appartementhaus muss irgendwo hier an einer Magistrale mit Straßenbahnschienen in der Mitte sein. Ich dackele mit Helm auf dem Kopf (es regnet!) zweimal ums Karree, schleiche durch Hinterhöfe und checke Hausnummern. Nichts zu finden, nur ein erstes Zwergenpaar. Wenigstens was. Auf Zwergenpirsch werden wir auf jeden Fall noch gehen.

Breslauer Rathhaus
Wir befinden uns in einem Apartment mitten in der Breslauer Altstadt. Die Straße, an der wir wohnen, dürfte so etwas wie der Altstadtring sein. Gegenüber befindet sich ein leerstehendes, mehrstöckiges Stadthaus, was uns verwundert, weil Breslau doch die „In-Stadt“ Europas ist. Dass da noch Altstadtimmobilien leerstehen? Schräg gegenüber beherbergt ein prutziger Backsteinbau mit Türmchen die Bibliothek der Universität. Wrocław hat eine spannende Geschichte hinter sich. Im 11. Jahrhundert gegründet, im 14. Jahrhundert unter die Herrschaft des tschechischen Königs gelangt, stieg sie schnell zu einer einflussreichen Stadt auf. Eine kurze Zeit nannte sie sich Boroszló, weil ganz Polen von den Ungarn erobert wurde. Doch nicht lange, dann streckten die Habsburger die Finger nach dem begehrten Landstrich aus und nannten die Stadt Breslau. Ab 1741 nahmen die Preußen das Zepter in die Hand und so gehörte Schlesien bis 1945 zu Preußen und zum deutschen Reich.

Wandbild an einer Häuserfront in Breslau
Während unserer Unterkunftssuche ist uns ein Restaurant unweit unseres Standorts aufgefallen. Es ziert ein lauschiger Biergarten und ein uriges Inneres verspricht ein deftiges Geschmackserlebnis. Unsere Vermutung wird bestätigt, als wir abends in diesem Restaurant mit dem Namen „Konspira“ am Salzplatz (Plac Solny) aufschlagen. Es scheint sich einen gewissen politischen Bildungsauftrag verpasst zu haben. Das gestalterische Motto des Restaurants ist der Widerstand in den 80er Jahren und es ist geschmückt mit Ausschnitten aus Zeitungen, witzigen Wandzeichnungen, Karikaturen und Plakaten, leider alles in polnisch. Im „Konspira“ wird die Rolle Breslaus während der Solidaritätsbewegung verdeutlicht. Währenddessen hören wir aus den Lautsprechern polnische Lieder. Die jungen Bedienungen sind sehr aufmerksam, es werden uns riesige Portionen serviert, die es beim besten Willen verbieten, eine Vorspeise oder einen Nachtisch zu bestellen. Wobei die Preise gemäßigt sind, das muss man schon sagen. Hier macht's wahrscheinlich die Menge. Mit unserer zufälligen Wahl hochzufrieden, beschließen wir, dass dies unser abendliches Stammlokal wird.

Hauptplatz von Breslau
Wie wohl die meisten Besucher Breslaus streben wir als erstes auf den weitläufigen Rynek (auf Deutsch Ring, damit ist in Polen der Hauptplatz gemeint) und dort zum spätgotischem Rathaus. Sein 67 Meter hoher Turm beherbergt eine 650 Jahre alte Turmuhr. Rund um das Rathaus reihen sich prachtvolle Stadthäuser mit toll gestalteten Fassaden, mit unzähligen Gaststätten, Cafés und Geschäften. In den Kellern des Rathauses befand sich die „Piwnica Świdnicka“ – eine Bierwirtschaft mit dem Namen „Schwiednitzer Keller“ – eines der ältesten Restaurants in Europa, wohl so 500 Jahre dauerte sein Betrieb. Um so betrüblicher ist es, dass das Restaurant auf unbestimmte Zeit geschlossen wurde. Die Gründe sind uns nicht bekannt.

Hauptplatz von Breslau
Das „Haus des Kurfürsten“ sticht durch seine außergewöhnliche Bemalung aus dem Jahre 1672 ins Auge. Ein Teil der Häuser am Ring wurde von Bombenangriffen verschont, ein anderer Teil aufwändig restauriert und wiederhergestellt worden. Das lässt sich an verglasten Bildern an einigen Häusern feststellen, die den Istzustand mit dem ehemaligen Zustand aus Zeiten vor oder während des Krieges vergleichen.

Zwergenpirsch!

Einer von gaaaanz vielen Zwergen in Breslau. Man muss manchmal schon genau hinsehen um sie zu finden.
Die ersten Zwerge hatten wir ja schon ganz zufällig während unserer Suche nach unserem Appartementhaus gefunden. Da saß einer ganz entspannt in einer Seitenstraße auf einem Betonsims. Nun begeben wir uns ganz bewusst auf die Suche nach den Zwergen. Denn ganz Breslau steht im Zeichen von kleinen bronzenen Kobolden, die die Gassen und Plätze bevölkern. Einer Sage nach halfen die Zwerge einst den ersten Siedlern bei der Stadtgründung, in dem sie einen bösartigen Oberkobold in einen Kerker im Eulengebirge warfen. Aus Dankbarkeit für die Hilfe boten die Menschen den Zwergen an, mit ihnen zusammen in Breslau zu leben.

Die Zwei haben auch mächtig was zu tun.
Wie die Zwerge zu den Ehren kamen, die ihnen heute entgegengebracht wird, dafür müssen wir zu den 1980er Jahren zurückgehen. In die Zeiten des Umbruchs, als der Kommunismus zu bröckeln begann. Der Künstler und Schriftsteller Waldemar Fydrych Major wollte mit gewaltfreien Happenings auf die großen Mißstände im System aufmerksam machen. Und was ist die beste Waffe? Ein Waffe, dessen Munition sich noch dazu in Windeseile verbreitet? Humor! Seine Aktion nannte er die „Orangene Alternative“ (polnisch: Pomarańczowa Alternatywa). An Hauswände malten bzw. sprühten er und Gleichgesinnte witzige Zwerge. Bevorzugt an Hauswände, wo aufständlerische Parolen vorher vom Regime mit Farbe überkleistert wurden.

Jeder Zwerg hat hier eine andere Aussage. Hier der Fotografen-Zwerg.
Ein Autolackierer „organisierte“ die Spraydosen. Nicht nur die Beschaffung der polnischen Mangelware war eine Herausforderung für die Akteure. Sie mussten ja auch ständig auf der Hut sein, nicht erwischt und verhaftet zu werden. Irgendwann begann man damit, Protestkundgebungen zu organisieren, bei denen alle Teilnehmer orangene Umhänge und Mützen trugen. Als die Polizei die Teilnehmer festnehmen wollten, erklärten diese spitzbübisch, sie seien keine Menschen, sondern Zwerge und für diese gelte das Versammlungsverbot schließlich nicht! So wurden die Zwerge zu einem augenzwinkernden Symbol für den polnischen Widerstand.

Der hat wohl mächtig zugelangt. Sieht fast aus wie ein Käfer auf dem Rücken.
Er hier behütet die Bibliothek.
Und der Bankomat-Zwerg mit seinem Kumpanen.
Nach der Wende nutzte man die Bekanntheit der Zwerge aus, um sie zum Wahrzeichen Breslaus zu stilisieren. Die ersten etwa 25-30 Zentimeter großen, einfallsreichen Wichtel wurden an diversen Orten der Altstadt aufgestellt. Zunächst finanzierte die Stadt die Skulpturen noch höchstselbst, doch mittlerweile stiften zunehmend Firmen und Geschäfte neue Wichtel.

Die Suche nach den Wichteln ist einfach toll! Man lernt die Stadt kennen und bekommt das Schmunzeln überhaupt nicht mehr aus dem Gesicht. Bei welchen Tätigkeiten man die Zwerge erwischt, ist einfach grandios. Zum Beispiel der Geldautomat, der, mit drei Zwergen bestückt, schräg unter einem realen Geldautomaten zu finden ist. Der Motorradfahrer mit der zum Peace-Zeichen erhobenen Hand (auf unserem Cover zu sehen) wurde auf einer Kirchentreppe aufgestellt. Der auf einem Teller fläzende Zwerg, der sich den dicken, vollgefressenen Bauch hält, finden wir neben einer Pizza-Hut-Filiale.

Breslau veranstaltet jährlich im Oktober ein „Zwergenfestival“, zu dem Zwerge und Freunde der Zwerge aus ganz Polen anreisen. Wer sich nicht ganz auf zufällige Funde verlassen möchte, der kann sich in den Touristeninfos eine Zwergenkarte kaufen, in denen die Standorte eingezeichnet sind. Allerdings sind in dieser Karte vermutlich bei weitem nicht alle kleinwüchsigen Bronzebewohner eingezeichnet. Denn mittlerweile sind es schon mehr als dreihundert Stück.

Breslau ist die letzte Station auf unserer Rundreise durch Polen. Wir versuchten, in drei Wochen möglichst viel mitzunehmen, in jede Region etwas hineinzuschnuppern. Nicht immer würden wir die gleiche Tagestour beim nächsten Mal wieder genauso fahren wie in den vergangenen drei Wochen. Vor allem im Süden des Landes verzipfelten wir uns ziemlich in den Gebieten zwischen Waldkarpaten und Glatzer Bergland auf kleinen bis kleinsten Straßen. Der „Weg ist das Ziel“ ist nicht in jedem Fall wirklich zielführend. Zwischen den Mittelgebirgen wäre es ganz gut gewesen, sich einfach mal auf eine Schnellstraße zu werfen und ein paar Kilometer zu schrubben. So haben wir zwar viel vom Land gesehen, doch auch viel Zeit verbraten. Hinterher ist man eben immer schlauer.

Vor allem die Kaschubei im Norden und die Waldkarpeten im Südosten wurden zu unseren Favoriten. Als Motorradfahrer findet man in diesen ruhigen Gegenden wunderschöne Strecken zum Cruisen. Wer unberührte Natur und Blütenmeere an den Wegesrändern sehen möchte, findet dies in den Waldkarpaten, direkt an der EU-Außengrenze.

Letztendlich ist das Land für eine dreiwöchige Rundtour ganz schön groß. Wir sahen vieles, mussten aber auch vieles auslassen, schließlich ist Polen nur wenig kleiner als Deutschland und besitzt viele Regionen, für die man sich locker mal eine ganze Woche Zeit nehmen könnte, um sie per Motorrad, aber vielleicht auch per pedes zu erkunden, wie die Waldkarpaten oder die Masuren zum Beispiel. Da müssen wir eben noch mal wiederkommen. Doch wie sagt Jochen immer: wir sind ja noch jung ...

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