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Von Târgu Jiu nach Cisnădioara | Michelsberg

Unsere Pannerhelfer Um neun Uhr ruft der ADAC an, dass unser Motorrad fertig ist. Yippeeeeh! Ein Taxi bringt uns in Nullkommanix zum Boschdienst. Da steht sie, unsere Big Turtle, wir bezahlen die Reparaturrechnung von lächerlichen 65 Lei, was umgerechnet nicht mal fünfzehn Euro sind und schon sind wir weg! Ist das herrlich!

Wir haben eine Flasche Wein besorgt und wollen sie unseren Helfern Claudiu und seiner Familie vorbeibringen. Das Gartentor ist geschlossen und gerade schieben wir die Flasche durch die Latten, als Lucie uns entgegenkommt. Wir zögern, als wir zu Kaffee und Kuchen eingeladen werden, denn eigentlich wollen wir gleich weiter. Na gut, für ein winziges Tässchen wird Zeit sein.

Leider ist Claudiu zu den Bienen gefahren, so können wir uns nur bei der Oma Jana, Lucie und Petruska, der Tochter, bedanken. Sie sind neugierig, was wir in der Zwischenzeit in Târgu Jiu alles angeschaut haben. Wir versuchen zu erzählen und merken wieder einmal, wie entscheidend das Wissen um die Aussprache der Vokale ist, vor allem der Vokale mit Akzent und der am Wortende stehenden.

Gastfreundschaft in Rumänien Meine Versuche, die rumänischen Wörter richtig auszusprechen, lösen Heiterkeitsausbrüche aus. Luci fragt dreimal, ob wir Brönkusch gesehen haben... Brönkusch?.... Brönkusch?... Ah ja. Brancusi! Also, falls wir in Târgu Jiu (das übrigens Tirgu Schiu gesprochen wird) nach der Strada Brancusi gefragt hätten (die wir ja wirklich gesucht haben), wäre das wohl in einem Verständigungsdesaster geendet.

In den Fernsehprogrammen – jedes unserer Zimmer hatte bisher einen Fernseher, wenn auch nur mit rumänischen Programmen – wähnen wir uns sprachlich ab und zu in italienischen Kreisen. Rumänisch hat sehr viele Gemeinsamkeiten mit Italienisch und Französisch, sie ist eine romanische Sprache, im Gegensatz zu anderen Sprachen der Ostblockstaaten, die meist slawischen Ursprung haben.

Die Crux mit der fremden Sprache

Strada, Porta, Buna Seara für Guten Abend... Manche Begrifflichkeiten versteht man gesprochen oder auch geschrieben am besten: Cartofi (gesprochen Cartof) für Kartoffel, Snitel für Schnitzel. Nichtsdestotrotz reichen ein paar mühsam gelernte Wörter nicht aus, um ganze Sätze entschlüsseln zu können. Und wenn man dann mal meint, einen perfekten rumänischen Satz sprechen zu können, zum Beispiel um am Kiosk zwei Getränke zu bestellen, erhält man eine englische Gegenfrage: Two?

Vermutlich gibt es Dialekte, die wir aufschnappen und in unseren Sprachgebrauch umzusetzen versuchen, die man aber zweihundert Kilometer weiter nicht mehr versteht. So ergeht es uns mit der Zahl „zwei“ – Doi. Im Banat sprach man es „Doi“, aber irgendwann hörten wir eher ein „Doh“ und passen uns bei unserer nächsten Bestellung an - ohne Erfolg, man versteht uns nicht. Im Nachgang wird mit dem rumänischen Kollegen zu klären sein, an was es lag.

Straße in Rumänien An einer Tankstelle bei Horezu füllen wir unser Spritfass auf. Weil ich es nie schaffe, den Helm auf- und abzusetzen, ohne mir die Brille von der Nase zu reißen, hatte ich mich bisher daran gewöhnt, auf dem Motorrad keine Sehhilfe zu benutzen. Aber da sich die Stärke meiner Nahbereichssehkraft entgegen-gesetzt proportional zu meinem Alter verhält, versuche ich mich heuer daran zu gewöhnen, die Brille während der Fahrt aufzusetzen, um die Straßenkarte lesen zu können. Das bedeutet jedoch, ich muß sie vor dem Helmabsetzen irgendwohin legen. Beim Absteigen bemerke ich mit Entsetzen, Erstaunen und einer zaghaften Portion Humor, dass meine Brille noch auf dem Topcase liegt. Ooops. Wir sind seit dem letzten Stopp vierzig Kilometer gefahren und während dieser kompletten Strecke lag meine teure Gleitsichtbrille in einer Vertiefung des Topcases! Die Straße war ausnahmsweise mal recht gut. Sonst hätte es die Brille schon längst heruntervibriert. Einige hundert Meter nach der Tankstelle biegen wir in eine Schotterstrecke ein – gut, dass wir vorher tanken mussten.

Steffi? Echt? Da rüber?

Schöne Brücke in Rumänien - unser Navi meinte, 
  das wäre unsere Straße! Ehrlich? Da drüber? Unsere „Steffi“ (hier sei nochmals angemerkt, dass dies unser Navi ist) schickt uns über Hinterhöfe, Schotterpisten und Hoppelstrecken zum Kloster Horezu, unser erklärtes nächstes Ziel. Unweit des Klosters lotst uns „Steffi“ vor eine Hängebrücke. Sie überspannt ein Flüsschen von rund 25 Meter Breite.

Steffi? Echt? Da rüber? Die arme Steffi muss uns gründlich satt haben! Die Hängebrücke hat die Breite der BMW mit Koffern, so dass wir gerade so drüberkämen. Einige der querverlegten Holzbretter fehlen. Doch welche Funktion hat der Doppel-T-Träger, der mittendrin aus der schwankenden Fahrbahn ragt? Das ist wohl ein bautechnischer Unfall.

Die Sonne ist gnadenlos. Nur nicht bewegen, so merkt man wenigstens kaum, wie der Schweiß rinnt. Das Kloster Horezu. Schande über uns: wir haben es nicht besucht, weil es uns zu beschwerlich erschien, in der Sonne vom Parkplatz bis zum Kloster zu laufen. Der Parkplatz befindet sich leider nicht direkt am Kloster und bei 35° C in Mohawk-Hosen ... die Hitze macht uns zu Kulturbanausen.

Ampeln mit Countdown

Rumänische Ampeln mit Countdown Eigenartigerweise haben wir nie im Leben mit solchen Temperaturen gerechnet. An jeder Baustellenampel oder jeder normalen Straßenampel mit digitalem Countdown - beginnend mit 30 sec - riskieren wir einen Hitzekollaps.

Von diesen Baustellenampeln scheinen die Rumänen einen übergroßen Restposten aufgekauft zu haben. Im Juli und August wären wir vorbereitet gewesen, aber eigentlich alle Reiseberichte aus den Monaten Mai und Juni waren gespickt mit Wörtern wie "Regen", "Schlamm", "kalt", "saukalt" und "Daunenjacke". Zwei Tage vor Abfahrt hatten wir in Augsburg noch Tagestemperaturen von 8° C. Unser Vorstellungsvermögen reichte für 30° C mehr einfach nicht aus. Schluß mit dem Gejammer, kalt ist nix, heiß ist nix, man kann uns aber auch nix recht machen. Je älter wir werden, desto mehr lernen wir die Kühle zu schätzen.

Unser nächstes Ziel ist das transsilvanische Siebenbürgen. Sibiu und Umgebung. Die Strecke nach Sibiu erscheint auf der Karte reizvoll. Die Straße schlängelt sich am Fluss Olt entlang, der in den Ostkarpaten entspringt, die Karpaten am Pasul Turnu Rosu (Rote-Turm-Pass) auf 400 Meter Höhe durchschneidet und im Süden in die Donau mündet. Die Straße am Olt, begrenzt von bis zu 2000 Meter hohen Felswänden, verläuft durch die Karpaten und nicht über die Karpaten wie die 25 Kilometer weiter westlich gelegene, serpentinenreiche, spektakuläre Transfăgăraşan, die wir uns für später aufheben.

entlang des Olt Am Olt entlang. Der lehmige Olt ist 670 Kilometer lang und nicht schiffbar. Früher verkehrten ausschließlich Flöße darauf, aber die Flößer sind heute auch arbeitslos. Mit viel Glück haben sie einen Job als Floßbaumeister gefunden, der den Touristen zeigt, wie man selbst ein Floß baut. Das Rafting mit einem selbst gebautem Floß ist eines der zaghaft aufkommenden Tourismusunternehmungen in der Region.

Die Strecke am Olt wäre sehr reizvoll und flüssig zu fahren, wenn da nicht zahlreiche LKWs und PKWs die idyllische Fahrt auf der kurvenreichen Strecke behindern würden. So ist es eine einzige Drängelei und gelegentlich eine hektische Überholerei. Ohne diesen Verkehr würden wir es genießen, denn auch der Straßenbelag lässt kaum zu wünschen übrig.

Vorsicht bei Autos mit der front zu uns!

Immer schön die Geschwindigkeitslimits einhalten! Es steht ab und zu ein PKW mit der Schnauze in unsere Richtung. Die wollen unser Geld. Wie in der Türkei installieren die Rumänen die Radarkamera nicht im Heck, sondern auf dem Armaturenbrett. Die Fahrzeuge parken also generell mit der Front zu uns, egal ob am Rand unserer oder der Gegenfahrbahn. Die Ortschaften sollten immer mit 50 km/h durchfahren werden. Oder sogar mit 40 km/h – wenn Schilder in den Ortschaften dieses Limit gebieten.

Es geht auf den Abend zu. Wir steuern für unsere Zimmersuche die kleine Ortschaft Cisnădie/Heltau an. Aber leider sehen wir nirgends Schilder mit den Worten „Pensiunea“ oder „Cazăre“. Und der Laden, in dem uns eine deutschsprachige Inhaberin Auskünfte zu Zimmern geben könnte, ist verschlossen. Wir stellen uns auf einen Schattenplatz neben ein parkendes Auto, das mit einem jungen Mann besetzt ist. Er hat wohl unsere Diskussionen verfolgt, welchen Ort wir als nächstes ansteuern und wie wir dahin kommen. Er beschreibt uns in fast perfektem Deutsch den Weg nach Cisnădioara/Michelsberg und meint, dass dort auch sehr viele Sachsen leben und da könnten wir uns weiter in Deutsch durchfragen.

Karpaten, unweit Michelsberg Wir sind erst mal baff, denn wir hatten nicht damit gerechnet, ein so gut verständliches Deutsch bei den Sachsen hier vorzufinden. Wobei man dazusagen muß, daß die Sachsen keine Sachsen in unserem Sinne sind ...

Die Sachsen nennen sich selbst so, weil die Ungarn alle Menschen deutscher Sprache als Sachsen bezeichneten, und so haben die deutschsprachigen Neubürger einfach diese Bezeichnung übernommen. Der ungarische König Geysa II. rief um 1150 die deutschen Siedler ins Land und versprach ihnen zahlreiche Privilegien, damit sie das bisher dünn besiedelte Land gegen die ständigen Angriffe der Mongolen und Tartaren verteidigen konnten.

Die ersten deutschen Siedler kamen nach Sibiu/Hermannstadt, wo sie mit dem Recht auf freie Märkte und Zollfreiheit ausgestattet wurden. Im Gegenzug mußten sie Kriegsdienst und jährlichen Tribut leisten.

In Cisnadioara Als wir in Cisnădioara/Michelsberg einrollen, ist die erste angesteuerte Pension leider voll belegt, aber die Besitzerin ruft für uns bei anderen Pensionen an. Drei Telefonate später hat sie ein Zimmer für uns. Wir tuckern zu dem gelben Haus. Passt.

Ein Königreich für eine Dusche! Nach dem Duschen sind wir bestrebt, daß frische Gefühl so schnell wie möglich vergessen zu machen: wir kraxeln auf den Michelsberg. Auf diesem siebzig Meter hohen Hügel steht eine romanische Basilika, deren Schlüssel man bei einer Dame im Dorf holen kann. Sie nimmt uns den Umweg ab, indem sie sich direkt an einen Kiosk unweit vom Eingang gesetzt hat. Sie knöpft uns in gutem Deutsch ein paar Lei ab und berichtet, den Schlüssel hätten drei Touristen, die oben wären, und die sollten den Schlüssel einfach an uns weitergeben.

Auf dem ummauerten Gelände liegen zahlreiche zentnerschwere Steinkugeln herum. Diese Kolosse haben früher heiratswillige junge Männer hier heraufgeschafft, um ihre Manneskraft zu beweisen. Die Kolosse wurden von oben auf Feinde heruntergerollt. Durch die Schießscharten der Wehrmauern verteidigten Bogenschützen die 800 Jahre alte Kirche, die wahrscheinlich älteste romanische Basilika auf rumänischem Boden. Die alte Holztür wird mit einem Vorhängeschloß gesichert, den Schlüssel dafür haben wir von den rumänischen Touristen bekommen, als sie das Gelände verließen.

In Cisnadioara In Cisnadioara Wir drehen noch eine Runde durch den Ort. Einige Anwesen sind nett hergerichtet, andere hätten einige Reparaturen nötig. Die Farbe blättert von den Fenstern, das Mauerwerk ist stockfleckig und das große Hoftor hängt fürchterlich schief.

Ein Anwohner begrüßt uns mit "Grüß Gott". Einen Augenblick lang fragen wir uns, ob wir "bayrische Einwohner" auf der Stirn stehen haben. Aber der Michelsberger hat uns wohl einfach nur reden hören.

Die Verständigung mit unserer Pensionswirtin ist etwas mühsam. Wir erwischen in einer deutschen Gemeinde natürlich wieder mal genau die Pension, dessen Besitzer nur rumänisch sprechen. Als wir unser Nächtigung bezahlen, hat die Hausdame scheinbar Probleme, heraus zu geben.

Es fehlen noch fünf Lei, die sie mit dem halben Liter Wasser begründet, den wir, da es außer Kaffee zum Frühstück kein anderes Getränk gab, extra bestellt hatten. In der Minibarliste steht Apa Minerale mit 2,50 Lei. Dumm gelaufen – würden wir die Sprache besser beherrschen, könnten wir uns gegen solche kleinen Nickligkeiten besser wehren. Aber so sind es Marginalien, die wir zur Kenntnis nehmen. Was soll's. Wir lassen uns die gute Laune nicht verderben wegen solcher kleiner Unstimmigkeiten.

Dem Tourverlauf folgen: 
weiter mit Transfăgărășan ...

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