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Der Tag, als der Damm brach

Die Bombe, die später die Edertalsperre zerstören soll, wird von den Engländern speziell für die Zerstörung von vermeintlich unzerstörbaren Sperrmauern konstruiert.

Wenn man bedenkt, daß die Sperrmauer am Fuß des Bombentrichters eine Dicke von 18 m hat, kann man sich vorstellen, welche Kraft die Sprengung hat. Monatelang tüftelt die Royal Air Force unter strengen Geheimhaltungsauflagen an der todbringenden Bauart der Bombe. Sie soll so konstruiert werden, daß sie nicht sofort beim Aufprall auf die Wasseroberfläche oder auf die Sperrmauer explodiert. Dazu entwickelt man eine Rotationsbombe, auch "Teufelsei" genannt, die während des Anflugs auf das Angriffsziel in Drehungen versetzt wird. Die Bombe hängt quer unter dem Flugzeug, wird in Drehungen versetzt und rollt so, vorausgesetzt, der Anflug ist exakt, an der Sperrmauer nach unten und explodiert erst in der Tiefe am Fuß der Mauer. Ausgelöst durch den Wasserdruck, reagiert ein Tiefenzünder und setzt somit die todbringenden Kräfte frei.

Wichtig bei dieser Technik ist, daß der Tiefenzünder erst ab einer bestimmten Tiefe zündet, damit der Wasserdruck sich zur Explosionskraft addiert und somit die Sperrmauer sprengen kann. Die Edertalsperre gilt als "sichere" Talsperre. Eine Bombardierung hält man für äußerst unwahrscheinlich, da ein Anflug von Bombern durch die den See einrahmenden Berge als unmöglich angesehen wird. So ist es möglich, daß das englische Geschwader keine Gegenwehr vorfindet, als es die Talsperre anfliegt.

Die Wirkung des Angriffs hängt zum großen Teil vom Können der Piloten ab. Sie müssen sich exakt 18 m über der Wasseroberfläche befinden, wenn sie die Bombe ausklinken. Ein Problem besteht auch darin, diese Höhe zu messen: die Messinstrumente verfügen nicht über die nötige Genauigkeit. Schließlich behilft man sich damit, unter dem Flugzeug zwei Scheinwerfer zu befestigen: einen am Bug und einen am Heck.

Wenn sich die Lichtkegel genau auf der Wasseroberfläche treffen, dann erst ist sich der Pilot sicher, daß er sich exakt in 18 m Höhe über dem Wasserspiegel befindet.

Noch nie sind englischen Piloten in dieser Höhe einen Angriff geflogen und sie beurteilen diese Aktion als reines Selbstmordkommando, noch dazu, da diese Aktion nachts stattfinden soll. Die ersten Anflugübungen finden in einer Höhe von 46 m statt, aber dies erweist sich als Irrtum: Die Übungsbombe zerschellt wirkungslos auf der Wasseroberfläche. Ist die Vorschrift von 46 m schon ein risikoreiches Unterfangen, 18 m sind der glatte Wahnsinn.

Die Aktion "Unterholz" (Downwood) läuft weiter und bald stellen sich auch befriedigende Ergebnisse ein. Unverzüglich bekommen mehrere Rüstungsfabriken den Auftrag, solche Bomben herzustellen: mit einem Durchmesser von 3,40 m und einem Gewicht von 3,9 t! Insgesamt 2500 Übungsbomben versenken die Flieger in englischen Gewässern, bis die Treffsicherheit nichts mehr zu wünschen übrig läßt. Und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf ...

Der Angriff auf die edertalsperre

Wir schreiben das Jahr 1943. Die Piloten der englischen Royal Air Force benötigen hunderte Übungsflüge über heimischen Gewässern, bei denen 2500 Übungsbomben versenkt werden, um sich auf den Tag X vorzubereiten.

Tag für Tag bringen Mosquito-Aufklärer Informationen über die großen Talsperren im Sauerland über den Kanal. Die Möhnetalsperre soll ebenso angegriffen werden wie die Sorpetalsperre, wobei die Sorpetalsperre durch ihren Erddamm als schwer zerstörbar gilt und nur als Ablenkungsmanöver herhalten muß, bis die Hauptangriffe auf die Eder- und die Möhnetalsperre geflogen sind.

Das Material der Aufklärer zeigt, daß die Edertalsperre bis zum Rand gefüllt ist, in der Möhnetalsperre fehlen noch ein paar Meter bis zur vollständigen Füllung. Ein wichtiges Kriterium für das Ergebnis der Bombardierung ist der hohe Wasserstand, denn bei einem niedrigen Wasserstand hätte die verstärkende Wirkung des Wassers gefehlt.

Als Angriffstermin wird die Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 festgelegt. Die Menschen an den Talsperren kennen die offizielle Meinung: Die Talsperren gelten für praktisch unangreifbar. Die bekannten Bombentypen sind für einen Angriff auf die Mauer nicht geeignet, die Anflugverhältnisse sind zu schwierig und bei normaler Flughöhe ist die Krone der Mauer kaum zu erkennen. Das sind die Gründe, warum der Flakschutz von der Edertalsperre abgezogen wird. 9 Maschinen des Typs Lancaster sollen die Möhne- und danach die Edertalsperre angreifen, während 5 Maschinen als Ablenkmanöver die Sorpetalsperre angreifen. Als die Staffel die Möhnetalsperre anfliegt, eröffnet die Flak sofort das Feuer auf die 8 Lancasters (eine Maschine ist über dem Ruhrgebiet in Flakfeuer geraten und abgestürzt).

Fünf Anflüge unter ständigem Flakbeschuß sind nötig, bis die fünfte Bombe die Mauer so trifft, daß sie ihre verheerende Wirkung entfalten kann. Eine Lancaster gerät dabei durch einen Flaktreffer in Brand und stürzt ab.

Sofort begibt sich das Fluggeschwader, unter der Leitung von Wing Commander Guy Gibson, auf den Weg zu der unbewachten Edertalsperre, die in 70 km Entfernung im Vollmondlicht liegt.

Trotz fehlendem Flakbeschuß ist die Anflugsituation hier um einiges schwieriger. Eine geschlagene Stunde kreisen die Lancaster-Maschinen über dem See und keine ihrer zerstörerischen Angriffe zeigt die gewünschte Wirkung. Zuletzt bleibt nur noch eine Bombe übrig. Die letzte Lancaster gibt den Befehl zum Ausklinken der Bombe.....

Eine erdbebenartige Erschütterung durchläuft den Talgrund und Sekunden später ist das Edertal ein brodelndes, todbringendes Meer.

Die folgen des bombardements

In den Gemeinden des Edertales, die von der Flutwelle erfaßt werden, spielen sich erschütternde Szenen ab. In zahlreichen Häusern können sich die Bewohner nicht mehr in Sicherheit bringen und werden in den oberen Stockwerken der Häuser eingeschlossen. Hilfe ist keine zu erwarten, denn jedes Boot würde von den reißenden Wassermassen fortgespült.

Besonders stark wird das Dorf Affoldern von der Katastrophe betroffen, der größte Teil der Häuser fällt dem Wasser zum Opfer. Auch in vielen anderen Dörfern werden Häuser fortgespült und Bewohner, die sich nicht rechtzeitig in höhere Lagen retten können, finden den Tod. In dem entfernten Fritzlar schenkt man der telefonischen Warnung nicht die erforderliche Aufmerksamkeit. So kann das Wasser immer noch viel Schaden anrichten. Am Vormittag erreicht die Flut Kassel, wo die Altstadt überflutet wird und ebenso Menschenleben fordert.

Erst allmählich geht das Wasser wieder in sein ursprüngliches, jetzt stark erweitertes Flußbett zurück. Ein Bild des Grauens bietet sich den Anwohnern: Vieh ist in den halb weggespülten Ställen ertrunken, Häuser sind zerstört oder schwer beschädigt, die Felder sind meterhoch mit Steinen verwüstet. Im Edertal finden 47 Menschen den Tod.

Edertalsperre
Die zerstörte Möhnetalsperre / Foto: Flying Officer Jerry Fray RAF [Public domain], via Wikimedia Commons,

Als die Nachricht von der Zerstörung der Talsperren bei den Behörden ankommt, wird die Tragweite heruntergespielt: "Schwache, britische Fliegerkräfte drangen vergangene Nacht in das Reichsgebiet ein und warfen an einigen Orten eine geringe Anzahl von Sprengbomben." Aber kurze Zeit später wird der Nachrichtendienst zugeben, daß bei den Angriffen auf die Talsperren 370 Deutsche um Leben kamen, weiterhin 341 Kriegsgefangene.

Am Morgen nach dem Angriff gehen Fachleute daran, das Ausmaß der Schäden an der Edertalsperre zu beurteilen. Sie stellen fest, daß die Bombe ganze Arbeit geleistet hat: Von 202 Millionen Kubikmetern Wasser haben sich rund 160 Millionen ins Edertal gestürzt - rund 8.500 Kubikmeter in der Sekunde! Ganze 13.000 Kubikmeter Gestein werden aus der Mauer gerissen, die am Fuß der Bombenlücke über 18 m stark ist.

Die Kraftwerke blieben zwar erhalten, aber die Anlagen und Maschinen werden beschädigt. Die Flutwelle bringt etwa neunmal so viel Wasser mit sich als das schlimmste Hochwasser vor dem Bau der Talsperre mit sich führte.

Die Sperrmauer wird in den darauffolgenden Monaten mit großem Arbeitskräfte- und Maschinenaufgebot wieder instand gesetzt, wobei entgegen einiger Widerstände Wert darauf gelegt wird, daß dies nicht mit einer schnelleren Notlösung geschieht, sondern das Mauerwerk mit den vorher schon verwendeten Materialien und Techniken wieder hergestellt wird.

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