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La Seu d'Urgell | Wo sich die Paddler messen

Wir verschieben heute die Ausgangsbasis von Torla nach Osten. Die Pyrenäen haben eine Ausdehnung von mehr als 400 Kilometer. Wir waren bisher in den westlichen Regionen unterwegs, grob gesehen im Dreieck Jaca - Torla - Boltana. Heute wollen wir unsere Ausgangsbasis etwa 250 Kilometer nach Osten verschieben.

Pyrenäen: Embalse de Mediano

Wie immer nehmen wir uns für diese Tour den ganzen Tag Zeit, uns hetzt ja keiner und Abendessen gibt’s sowieso nicht vor 20:30 Uhr. Wo wir übernachten, wissen wir noch nicht, aber es wird sich bestimmt was finden. Unter der Brücke schlafen mussten wir noch nie ...

Auf der Westseite des Stausees Embalse de Mediano führt die A138 entlang, sie ist gut ausgebaut und da wir auch fast allein unterwegs sind, kommen wir schnell voran. Der Stausee wurde in den 60er Jahren angelegt und das Dorf Mediano verschwand in den Fluten. Aber es taucht regelmäßig wieder auf, wenn in heißen Sommern Wassermangel herrscht und der See zu einer öden Schlammwüste vertrocknet.

Pyrenäen: wehrhafte Dörfer
In den Pyrenäen gibt es 160 Geisterdörfer

Manchmal erinnert die Landschaft an das Allgäu, nur die Natursteinhäuser sind so ganz anders als dort. Die wenigen Dörfer wirken düster und verlassen, es sind kaum Menschen zu sehen. Manche Dörfer wirken nicht nur verlassen - sie sind es.

Die Straße begleitet den Rio Ara auf seinem Lauf durch Täler, in dessen Mitte oft dem Verfall preisgegebene Dörfer zu sehen sind. Der Ort Janovas scheint bekannt zu sein, denn einige 4x4-Jeeps stehen am Rande der Ruinen.

Die Geisterdörfer stellen eine Attraktion im Hoch-Aragon dar. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann eine Landflucht, die bis heute anhält und zahlreiche Dörfer (insgesamt sind es 160) zu unbewohnten Ruinendörfern machte.

Andere Dörfer wie Broto und Torla haben ihre Bestimmung im Tourismus gesucht und gefunden.

Congosto de Ventamillo
Nationalstrasse mit WespenTaille
Der Congosto de Ventamillo ist eine enge Schlucht, 
                durch die die Nationalstraße N260 führt.
Der Congosto de Ventamillo ist eine enge Schlucht, 
                durch die die Nationalstraße N260 führt.

Der Congosto de Ventamillo ist eine enge Schlucht, durch die die Nationalstraße N260 führt. Die Beschreibung der Schlucht hatten wir im Internet gefunden und der Autor beschreibt sie als eng, sehr eng, saueng, enger geht’s gar nicht. Er hätte mehrmals negative Energie der anderen Verkehrsteilnehmer gespürt, als er mit dem Motorrad angehalten hätte, um Fotos zu machen. Wir sind gespannt. Wir können es gar nicht glauben - sollte eine Nationalstraße durch so ein Nadelöhr führen?

Aber es stimmt! Das Nadelöhr ist eng, wenn auch nicht so eng, dass man nicht ab und zu stehenbleiben könnte, um Fotos oder Videos zu machen. Landschaftlich ein Genuss, vorausgesetzt es ist nicht zu viel Verkehr. Negative Energie der anderen Verkehrsteilnehmer können wir nicht ausmachen, alles freundliche Urlauber mit guter Laune.

Vor Perves, am Col de Creus de Perves (1350 m) biegen wir von der gut ausgebauten Nationalstraße N260 ab und fahren ein kleine „weiße“ Straße Richtung Adons, einem Weiler mit nur wenigen Häusern. Dort versuchen wir eine Straße zu finden, die sich laut Karte interessant an einem bewaldeten Berghang entlang zieht und eine interessante Fahrt verspricht.

Mitten in den spanischen Pyrenäen

Es mag sein, dass wir auf den schön kurvigen und meist (aber nicht immer) gut ausgebauten Nationalstraßen gut vorankommen, jedoch die winzigen Micky-Maus-Sträßchen locken auch.

Hätte es uns zu denken geben sollen, dass wir mehrmals Weideroste überfahren? Die Straße ist einspurig und schwingt sich durch Täler und über sanfte Anhöhen.

Vor katalanischen Viehsperren
haben bayrische Qe keine Angst

Spätestens als wir von einer eigenartigen Viehsperre mit zwei federnden Metallstäben in Scheinwerferhöhe gebremst werden, kommt uns das ganze spanisch vor. Klar – wird der aufmerksame Leser sagen – wir sind in Spanien! Die Straße ist echt sehr klein, hier muss es freilaufende Rindviecher geben. Also wird das wohl alles seine Richtigkeit haben – reden wir uns ein. Beiden Stäben wurde am Ende ein gelber Tennisball übergestülpt. Ich steige ab, um einen der Stäbe aus der Fahrbahn zu ziehen. Mit spitzen Fingern packe ich den Ball sehr vooorsichtig. Bloß kein Metallteil berühren! Denn vielleicht ist Strom drauf? Und der Ball dient als Isolator??? Okay, Jochen ist durch, ich lasse die Tennisballgerte zurückschnellen.

Elke. In den spanischen Pyrenäen. Irgendwo.

Weit kommen wir jedoch nicht. Auf einer Kuppe mit vier, fünf Häusern endet der Weg. Steffi schickt uns geradeaus – geradeaus ist jedoch nur Wiese und die besagte Häusergruppe. Nicht, dass wir ungern offroad fahren würden – zumindest Jochen ist ganz heiß drauf – aber Wiese ist dann doch ein „No Go“.

Später sehen wir in Google Earth, dass in der Nähe eine Naturbelag-Piste mit dem Namen Pista de Comallonga gewesen wäre. Vielleicht wäre es was gewesen für eine Kuh mit Gepäck und Sozia, vielleicht hätten wir aber auch mörderlich geflucht. Also wieder retour und auf die N260, die echt nicht schlecht ist.

Wenig später, bei Senterada, biegt die N260 grob in Richtung Süden ab. In La Pobla de Segur würde sie dann wieder einen nordwestlichen Umkehrschwung vollziehen. Wir können es nicht lassen und versuchen nochmals eine Abkürzung auf Micky-Maus-Straßen und haben diesmal Glück. Eine Kurve nach der anderen! Eine knapp zweispurige Fahrbahn schwingt sich inmitten roter, zerbröselnder Felsen stetig aufwärts. Weniger glücklich macht uns, dass wir vor lauter Kurven keine Chance haben, den vorausfahrenden mickrigen Kleinbus zu überholen. Aber echt! Peinlich. Erst an dem kleinen See in 1100 Metern Höhe biegt das Gefährt ab. Endlich wieder: Freie Fahrt für freie Bürger.

Jochen. In den spanischen Pyrenäen. In 1700 m Höhe.

In Sort geht es wie gehabt auf der Nationalstraße weiter, die sich mit relativ konstanter Steigung den Berg hinauf zieht. An einer großzügigen U-Schleife schwenkt der Blick über ein grandioses Panorama von verschachtelten Bergketten. Schade nur, dass es so diesig ist. Andererseits: wäre es klar, wären das Vorboten einer Wetteränderung - dann lieber diesig! Ob der Pass überhaupt einen Namen hat oder nur “Straße“ heißt ist vorerst nicht rauszukriegen. Auf jeden Fall windet sich das „Teil“ bis in Höhen von über 1700 Metern. Nach dem Parkplatz mit dem Panoramablick verliert die Straße schnell wieder an Höhe. Schade.

Es wird Abend und Zeit, sich um ein Hotelzimmer zu bemühen. Suchende Schleichfahrt durch Montferrer. Rechts der Straße ist Gewerbe angesiedelt, links der Straße versteckt sich hinter einem langgezogenen Hügel ein kleiner Flugplatz. Da! Ein Hotel, direkt an der Straße; es scheint relativ neu zu sein. Ein einziges Auto steht auf dem Parkplatz unter dem langen Schattendach. Wir stellen die BIGTURTLE dazu und gehen hinein, um nach einem freien Zimmer zu fragen.

Auf unsere erste Frage: „Do you speak english?“ lautet die Antwort „No!“ Whom! Kurz und knapp, mit versteinerter Mine schmettert der schwergewichtige Herr an der Rezeption seine Antwort über die Theke. Wir lassen nicht locker und starten eine weitere Nachfrage mit ein paar Wörtern Spanisch, ob denn ein Zimmer frei sei.

„No!“ Kein Lächeln verlässt seine Lippen. Nur kein Wort zuviel. Nein, es sei alles reserviert. Wer's glaubt, wird selig und wer selig wird, kommt in den Himmel. Aber ob der Himmel soviel Platz hat? Gehn' mer!

La Seu d'Urgell
Lebendiger käse und lebendiges Treiben im wasser
La Seu d'Urgell
La Seu d'Urgell

Nächster Ort. La Seu de Urgell - wie wird das ausgesprochen? Lasö de Urgell? Laseu de Urschel? Wie nehmen die einfachste Sprechweise. Also versuchen wir unser Glück in Urschel. Wir landen schließlich in einem familiengeführten Hotel an der Peripherie von Urschel. Die Zimmer sind in Ordnung, aber das ganze Hotel hätte ein paar Renovierungsarbeiten nötig. Ein Teppich im Flurbereich besitzt die gleichen Eigenschaften wie der Tigerkopf in Freddie Frintons „Dinner for one“. Aber Jochen stolperte erst drüber, nachdem ich ihn vor dem Teppich warnte.

Die Hauptstadt der Region Alt Urgell zählt zu den ältesten Städten Kataloniens und in der Altstadt sind noch einige Läden geöffnet, als wir wenig später noch ein bißchen durch die Stadt schlendern. Wir betreten einen Käseladen mit einer überwältigenden Auswahl. Auch eine luftgetrocknete Schinkenkeule ist in eine Vorrichtung eingespannt, mit der dünne Scheiben abgeschält werden. Es gibt Schafskäse in verschiedenen Reifestufen, Ziegenkäse, Kuhmilchkäsesorten mit normaler Kruste, aber auch mit gewöhnungsbedürftigem grauschwarzem Schimmel.

Die Auswahl fällt nicht leicht, jedoch ein Stück muss mit. Ich hätte ja am liebsten ein Stückchen eines ganz besonderen Käses probiert - da liegt doch tatsächlich ein kleiner Käselaib im Schaufenster, dessen Kruste zerfressen, bröselig und - irgendwie - lebendig aussieht. Die Krümelkruste bewegt sich! Ich bilde es mir nicht ein. Ein Milbenkäse? Oh, eine geschmackliche Herausforderung. Her damit!

Ich bestelle. Käse. „Ich hätte gern 100 g dieses Milben…“ Jochen pfeift mich zurück. Ich nehme den unlebendigen Schafskäse. Wie langweilig!

Kanu-Worldcup in La Seu d'Urgell

Es ist Samstagabend und wir spazieren unter schiefen Holzbalken von Häusern hindurch, dessen erste Stockwerke teilweise auf Stelzen stehen und balkonartig ausladend über die Gassen reichen und so schattige Durchgänge entstehen lassen. Sehr windschief, das Ganze! Aber wenn es schon so lange steht, wird es wohl auch noch weiterhin so schief stehenbleiben. Schief ist englisch und englisch ist modern.

Eine lange Tradition hat in La Seu de Urgell der Kanusport, der seit Jahrzehnten auf den Flüssen Segre und Valira praktiziert wird. Gleich im Anschluss an die Innenstadt erstreckt sich der Parc del Segre und wir kommen gerade richtig, um den Endlauf eines Kanu-Worldcups zu erleben. Die Kanuten kämpfen sich durch das Wildwasser, tauchen in sprudelnden Wirbeln unter und verschwinden über Katarakte nach unten. Es sieht lustig aus, wenn sie eifrig paddeln und dann plötzlich - schwupps - vom Wasser verschluckt werden.

Die Flaniermeile Passeig Joan Brudieu in La Seu d'Urgell
Die Flaniermeile Passeig Joan Brudieu in La Seu d'Urgell

Kurze Zeit später stehen wir unter dem dichten, grünen Dach einer Platanenallee. Die Flaniermeile „Passeig Joan Brudieu“ ist in der sengenden Sonne ein wunderschönes Fleckchen, um auf einer der vielen Bänke eine Pause einzulegen.

Zwei Reihen Platanen spreizen ihre Blätterdach so weit zusammen, dass ein großer grüner Sonnenschirm entsteht. Die Prachtallee ist betoniert, links und rechts führen kleine Straßen vorbei, aber inmitten der Bäume beherrschen die Fußgänger die Szenerie.

Die Bäume stehen wie Perlen aufgereiht in einem kleinen Kanal. Zur Bewässerung der Bäume wird einfach am oberen Punkt die Wasserzufuhr aufgedreht - die Allee ist leicht abschüssig - und das Wasser fließt bis zu den Wurzeln der letzten Platane. Winzige Kioske bieten Erfrischungen und Zeitungen an. Kinder radeln mit Dreirädern unter den Augen der Mütter wild über die Allee. Rentner treffen sich zu einem geruhsamen Schwatz und Teenies zeigen sich in knappen Outfits und flirten mit den Rollerfahrern. Hier kann man es aushalten. Frau auch.

Es ist bald Zeit für das Abendessen, deshalb fahren wir zum Hotel. Aber erst mal müssen wir hier wieder raus finden. Was sich als ein schwerwiegendes Problem entpuppt. Die Worldcup-Verkehrsführung wurde von einem Spitzbuben konzipiert! Die Umleitung einer gesperrten Straße führt uns in eine Einbahnstraße und diese endet auf einem Platz vor einer Kirche. So weit, so gut. Blick nach links: Sperrschild. Blick nach rechts: Sperrschild. Zurück müssen wir nicht schauen - da ist die Einbahnstraße. Und nun? Scottie beam me up? Doch Scottie ist gerade nicht gefechtsbereit. Genüßlich brechen wir die Verkehrsordnung und schlängeln uns an Pollern vorbei, die die Durchfahrt verhindern sollen. Aber so dick sind wir nicht.

Wie verrückt lotst uns denn jetzt „Steffi“ wieder zurück zum Hotel? Während wir bisher auf der N260 in einem Bogen um eine steile Erhebung mit der kleinen Stadt Castellciutat herum fahren, bringt uns „Steffi“ durch kleine Gassen hinauf nach Castellciutat und drüben wieder hinunter. Das hätten wir fast laufen können, so nah ist es. Aber nur fast. Castellciutat, dieses markante Städtchen, war vom 6. bis zum 9. Jahrhundert Bischofssitz und hatte einst große Bedeutung. Ein langgestrecktes, leider ziemlich vernachlässigtes Castell thront auf dem Bergrücken, der Rest ist nur mehr eine relativ vernachlässigte Häusergruppe, die für eine schnelle Abkürzung „über'n Berg“ gut ist.

Katalanische Vorspeise: Oliven und Stachelschnecken 
                (auch Herkuleskeule genannt)

Zum Abendessen gibt es einen leckeren Grillteller mit Wachtel und Kaninchenkeule, wobei letztere entweder ein altes Karnickel war und/oder eine etwas längere Garzeit gut vertragen hätte. Davor werden uns als Tapas Oliven und Busano serviert. Ach Gott, was ist das denn??? Stachelschnecken (auch Herkuleskeule genannt). Ungewöhnlichen Gerichte sind eine Herausforderung und eine willkommene Abwechslung für die Geschmacksknospen. Ich mag das. Im Gegensatz zu Jochen. Interessantes Aussehen. Aber nicht unbedingt richtig lecker. Ein ziemlich muffiges, fischiges, dumpfes Gaumenerlebnis. Zum Glück gibt es eine Knoblauchmayonaise dazu. Ich halte durch. Alle Gehäuse sind am Ende leer.

Derartige Situationen erinnern uns immer an ein Essen in der Slowakei. Wir waren in der Niederen Tatra und gehen unterwegs in einem Lokal am Ortsausgang von Liptov essen. Die Karte ist in Slowakisch mit englischer Übersetzung. Ein Gericht könnte eine Spezialität im Osten sein, aber ich bin mir nicht sicher. Ich frage die Bedienung, was das denn genau sei ...

Daß sie sich wie ein Aal windet und verzweifelt, ja fast verschämt nach passenden Worten sucht, bestätigt meine Ahnung... Das wollte ich schon immer mal probieren. Englisch: Bullglands. Nur im Reise-Wörterbuch habe ich die Bezeichnung nicht gefunden, nicht bei Fleisch und nicht bei Eierspeisen. Übersetzen würde ich Bullglands mit Stierdrüse… Fazit: sehr zu empfehlen, absolut lecker! Und seitdem schaut mich Jochen ziemlich scheel an, sobald ich ein Messer in die Hand nehme. ;-P

Das Restaurant in La Seu d'Urgell ist jeden Abend von Einheimischen gut besucht. Ein Zeichen, dass wir gute katalonische Küche erwarten können. Jeden Abend kommen Polizisten der Guardia Civil und der Guardia Municipal zum Essen, auf einen Kaffee oder ein kaltes Getränk vorbei.

Um 23:00 Uhr, wir sind schon auf dem Zimmer, erklingt draußen eine ziemliche Ballerei. Was ist denn das? Großes Wachtelschießen? Um 23:00 Uhr? Oder ein Feuerwerk? Vermutlich Letzteres, als krönenden Abschluss des Worldcup. Da unser Fenster zur falschen Seite hinausgeht, schleiche ich mich nach unten, um von der Straße aus einen Blick auf das Feuerwerk zu werfen. Aber die Hoteleingangstür ist von innen abgeschlossen und der Schlüssel steckt. Wenn ich jetzt rausgehe und irgendjemand kommt auf den Trichter, zu schauen, ob die Tür wirklich zu ist und schließt wieder ab? Und wenn Jochen bis morgens durchratzt und mich nicht vermisst? (Schuft!) Ich bin feige und schleiche zurück.

Dem Tourverlauf folgen:
weiter mit Tagestour zum Balkon Kataloniens

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