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Gustav Ginzels Misthaus - eine Legende

Gustav Ginzels Misthaus heute
Gustav Ginzels Misthaus heute

Unser abendlicher Ver­dauungs­spazie­rgang führt uns zum Misthaus, das gleich um die Ecke hier in Jizerka liegt. Das legendäre Misthaus des Weltenbummlers Gustav Ginzel, der leider vor einigen Jahren starb. Vor allem im Osten ist dieses Haus sowie sein ehemaliger Bewohner und Weltenbummler Gustav Ginzel vielen Menschen bekannt. Und wer ihn nicht kannte, hatte zumindest schon mal von ihm gehört.

Gustav Ginzel war nicht nur bekannt wie ein bunter Hund – er WAR einer! Und was für einer! Sein Haus bezeichneten viele Freunde als die schönste Rumpelkammer der Welt. Darin lagerten Indianergewänder aus Peru, Lava aus Mexico, eine Büchse Saharasand, mehrere Tuareg-Schrumpfköpfe, Geweihe aus Afrika und geologische Kostbarkeiten. Und dieses Haus stand für jeden, der vorbeikam, offen. Egal, ob Gustav zu Hause oder auf einer seiner wochenlangen Expeditionen war. Heute steht das Haus, bzw. das neue Misthaus (aber dazu später mehr) zwar noch, aber der Geist des Misthauses lebt nur nicht in unseren Erinnerungen. Aber beim Betrachten der alten Fotos wird der Geist wieder ein klein wenig lebendig.

Gustav hatte zu sozialistischen Zeiten eindeutig Kultstatus im Ostblock, seine Vortragsreisen waren immer ausgebucht. Sogar gegen die tschechische Obrigkeit hat er sich per Gerichtsbeschluss durchgesetzt: man durfte ihn demnach nicht „Staatsfeind“ titulieren. Irgendwann in den 90er Jahren saß er in einer westdeutschen Talkshow und während er erzählte – ich weiß nicht mehr, wovon – zupfte er mit einer Pinzette ständig an seinem Kinn herum. Ökologisch rasieren nannte er das – daran erinnere ich mich. Es spare Zeit, Strom und Wasser. Zupfen gehe immer und überall, meinte er.

Vierzehn Euro Kaufpreis
Dachrinne an Gustav Ginzels Misthaus

Wieviele tausend Male wird er wohl die Geschichte des Hauses erzählt haben? 1964 kaufte Gustav Ginzel, ein 32jähriger Sudetendeutscher mit tschechischem und deutschem Pass, ein altes Haus im Isergebirge für 345 Kronen - das sind heute lächerliche 14 Euro.

Nach der jahrelangen Nutzung als Kuhstall stapelte sich darin meterhoch der Kuhmist. Gustav leitete einen Bach hindurch und verkaufte den Mist als Dünger. Er habe damit nicht nur den Kaufpreis wieder reingeholt, berichtete er, sondern sogar noch Gewinn gemacht.

Gustav war ein Globetrotter, der anfangs im eigenen Land die Gebirge erkundete, aber schon bald seine Reisen dank seiner doppelten Staatsbürgerschaft auf ferne Länder ausdehnen konnte: er startete zu Expeditionen nach Sibirien, zu diversen Vulkanen und in die Sahara. Gustav lebte bescheiden, verdiente sein Auskommen durch Publikationen, Vorträge und Tauschgeschäfte mit Besuchern.

Gustav Ginzel, eine Mischung aus Schwejk und Karl Valentin
Das Stereoklo Anfang der 90er Jahre

Er empfing seine Gäste mit einem unbändigen Sinn für Humor, mit dem er auch sein Haus ausstattete. Sehr komfortabel war es nicht, aber die Einrichtung setzte einen unglaublichen Ideenreichtum voraus. Das ging schon los, wenn man das Misthaus erreichte: im Fenster neben der Eingangstür lehnte bei unserem letzten Besuch ein Schild: „Komme gleich wieder. Bin in Australien.“ Das muss um 1993 gewesen sein. Die Haustür war wie immer unverschlossen. Jeder durfte darin übernachten, auch wenn Gustav nicht da war.

Die humorigen Eigenheiten des Hauses blieben jedem Besucher in Erinnerung. An einer Gardinenstange über dem Ofen hing eine Klobrille. Denn das Herzerl-Bretterhüttchen stand draußen neben dem Haus.

Einerseits sah man an der fehlenden Brille immer gleich, ob draußen besetzt war und im Übrigen saß es sich auf einer angewärmten Brille im Kälteloch Böhmens wesentlich angenehmer. Ob es jedoch wirklich Gäste gab, die das Stereo-Klo bestimmungsgemäß benutzten? Es hatte zwei Löcher nebeneinander, ohne Trennwand wohlgemerkt. Der Bach fließt nach wie vor unter dem Haus hindurch. Man öffnete damals eine Klappe im Boden und legt das dreckige Geschirr hinein, es wurde von der Bio-Geschirrspülanlage gereinigt.

„Geschlechtskranke. Geht sofort zum Arzt...“
Schild im Misthaus
Gustavs Ginzels Flur

Ende der 80er Jahre lockte die wachsende Popularität Gustavs wahre Heerschaaren ins Isergebirge. Zweimal im Jahr gab es zusätzlich lockere Welten­bummler­treffen, bei dem jeder seine eigenen Dias mitbrachte. Das ganze Haus war gepflastert mit Schildern. Wohin man sah: Schilder! Aus Plastik, aus Pappe, aus Blech. Mit witzigen Aufschriften, die perfekt zum Misthaus passten.

Gustav hatte nie jemanden darum gebeten, ein Schild mitzubringen, aber die Besucher fanden einfach, dass zum Beispiel das Dresdner Straßenschild „Gustavhain“ besser an die Treppe im Misthaus passt. Hunderte Schilder, wo man hinschaute. Woher wohl dieses angerostete, alte Emailleschild stammte? „Geschlechtskranke. Geht sofort zum Arzt. Nicht zum Kurpfuscher. Ihr macht sonst andere unglücklich. Euch strafbar.“

Verschiedene Stempel aus dem Misthaus

Das Misthaus war zu jeder Zeit ein Privathaus, Gustav Ginzel durfte kein Geld für die Übernachtungen kassieren. Was auch von den Behörden des öfteren kontrolliert wurde. Aber wer wollte es ihm verwehren, dass er Besuch bekam? Das Schlitzohr Gustav kannte jeden seiner Gäste mit dem Namen. Ein Trick, weil schließlich jeder Gast bei Kontrollen als ganz persönlicher Freund vorgestellt werden musste.

Gustav hatte zahlreiche Stempel, einen unter anderem, auf dem er neben seiner Adresse eine kurze Anfahrtsbeschreibung untergebracht hatte. Auch so markige Sprüche wie "Misthäusler aller Länder vereinigt euch" durften nicht fehlen.

Erinnerungen an das Antivergewaltigungsbett
Dreistockbett

Die Gäste reisten meistens mit Schlafsäcken an, hatten nützliche Mitbringsel oder einfach nur die eigene Arbeitskraft im Gepäck und schliefen in Räumen mit Matratzenlagern, die witzige Namen trugen: Wimpelzimmer, Fernsehzimmer oder auch Anti­ver­gewalti­gungs­zimmer. Hier stand ein Dreistockbett und der Abstand der obersten Liegefläche bis zur Decke betrug nur 30 Zentimeter. „Anti­ver­ge­walti­gungs­bett“ stand auf einem Schild, das an das Holz genagelt war. Margot und Erich, Gustavs Katzenpärchen, streiften mäusefangend durch die angrenzenden, hochgewachsenen Bauernwiesen.

Auch Prominente suchten die Nähe des aufmüpfigen, schlagfertigen Kauzes. Um nur einige zu nennen: Vaclav Havel, Karol Wojtyła, der sächsische Innenminister Heinz Eggert, dessen Antrittsbesuch nicht etwa der Prager Staatsregierung galt, sondern Gustav Ginzel.

Treppe im Misthaus

An einem späten Augustabend im Jahr 1995 brach aus unbekannter Ursache ein Brand aus und zerstörte das komplette Haus sowie sein Inventar unwiederbringlich. Bis die durch die anwesenden Gäste alarmierte Feuerwehr aus dem 27 Kilometer entfernten Jablonec nad Nisou (Gablonz) eintraf, war das Haus nicht mehr zu retten. Gustav war zu dieser Zeit in Australien.

Verkohlt waren all die exotischen Mitbringsel, all die Fotos und Erinnerungen, die dieses Haus so einmalig und besonders machte. Durch Spenden der Globetrottergemeinde und des Freundeskreises wurde es zwar wieder aufgebaut, erlangte aber nie wieder den alten Charme. Der Zusammenbruch des sozialistischen Regimes in Tschechien tat ein weiteres.

Gustav Ginzels Misthaus heute

Zurück im Heute. Das Haus sieht fast wie damals aus, aber nur fast. Es ist wesentlich „neuer“. Keine Schilder verzieren die Eingangstür. Die Schindeln des Daches sind nicht vermoost wie auf den Fotos aus den 90ern.

Ein Toiletten­häuschen gibt es auch (wieder?), ebenfalls aus Holz, aber es ist leider nicht das alte .... Man merkt dem Grundstück an, dass es nicht mehr von hunderten Menschen jährlich betreten wird. Irgendwo hier muss ein Bächlein sein, aber im meterhohen Gras ist Vorsicht geboten: man sieht es nicht. Der in großer Hitze zusammengeschmorte Klumpen vor dem Haus, den man noch als Fernseher ausmachen kann, mahnt daran, in den Holzhäusern des Isergebirges vorsichtig mit offenem Feuer umzugehen. Das Gebäude wirkt steril und wird heute nur noch ab und zu als Ferienhaus der Familie Ginzel benutzt. Aber die Erinnerungen sind noch sehr lebendig.

Dem Tourverlauf folgen:
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