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Motorradtouren Albanien Südalbanien Ksamil

Von Igoumenitsa gen Norden – bis nach Ksamil

Blick von der Pontonfähre von Butrint mit Motorrad auf das gegenüber liegende Ufer

Nach 22stündiger Überfahrt landen wir in Griechenland und verlassen am späten Nachmittag das griechische Igoumenitsa in Richtung Norden. Kaum ein Mensch auf der Straße, vor den Läden keine Autos, kaum Verkehr. Ist Griechenland nicht nur pleite, sondern auch entvölkert? Dabei ist es erst 17:00 Uhr – eigentlich keine Zeit für Siesta ...

„Ihr wollt echt nach Albanien?“
Motorrad mit Beifahrer auf Strasse mit geknickter Straßenlaterne

Nach dreißig Kilometern erreichen wir die albanische Grenze. Dort treffen wir Walter und Jenny. Wir lernten das Pärchen auf der Fähre kennen, sie sind auf einer KTM unterwegs und stehen nun gerade bei der Grenzpolizei. Sie sind die Einzigen, die außer uns Richtung Albanien durchstarten, alle anderen Motorradfahrer auf der Fähre stiegen aus, um die Infektion mit dem Reisebazillus in Griechenland zu bekämpfen.

Was liegt näher, als dass wir kurzerhand beschließen bis Ksamil gemeinsam zu fahren? Der griechische Grenzer fertigt uns ruckzuck ab, er spricht perfekt deutsch und zeigt sich sehr erstaunt: „Ihr wollt echt nach Albanien?“ Die Betonung liegt auf "echt". Sein albanischer Kollege braucht für unsere Abfertigung nur unwesentlich länger, weil er die Pässe erst einscannen und einige Angaben eintippen muss, aber trotzdem sind wir in Nullkommanichts durch.

Blick auf Ablegestation der Fähre bei Butrint

Unser heutiges Tagesziel befindet sich nur sechzig Kilometer von Igoumenitsa entfernt, ungefähr dreiundzwanzig von den sechzig Kilometern liegen in Albanien – die uns gleich mal zeigen, wie es zugeht in diesem Land. Im Ort Shkalle müssen wir laut unserer Karte nach links abbiegen, aber der einzige Abzweig, den wir finden, ist ein fürchterlich zerpflügter, ausgewaschener Schotterweg hinunter auf die Talsohle.

Wir fahren vorbei, aus dem Ort raus. Aber nein, es gibt keinen anderen Abzweig, also retour. Wir hoppeln den mistigen Weg hinunter. Kinder springen uns bettelnd in den Weg, was im abschüssigen, grobschotterigen Terrain mit vollem Gepäck und Sozia nicht ungefährlich ist. Die Kinder sehen arm aus, die Kleider zerschlissen. Erwachsene Männer schauen ihnen grinsend und regungslos zu. Erst in letzter Sekunde springen sie aus dem Weg.

Wir haben uns das erste Mal verfranzt. Shit! Als wir dann nach einigem Herumirren wieder auf dem rechten Weg sind, müssen wir einen Kilometer Piste bewältigen, danach fahren wir auf einer Asphaltstraße, bei der man allerdings auf alles gefasst sein muss. Aber immerhin: Asphalt.

Zusammengeschustert, aber erfüllt ihren Zweck
Motorradfahrer warten auf die Fähre von Butrint.
Motorrad auf der Fähre über den Vivarikanal.

Wir erreichen die Pontonfähre vor Butrint. Die Fähre überbrückt den Vivarikanal, der den Butrintsee, eine 1600 Hektar große Salzwasserlagune, mit der Meerenge zwischen der Insel Korfu und dem albanischen Festland verbindet. Will man Butrint oder das Nachbarörtchen Ksamil erreichen ohne diese Fähre zu benutzen, muss man einen Umweg von mehr als 35 Kilometern akzeptieren. Wegen einem nicht mal hundert Meter breitem Wasserarm!

Auch jedes GPS-Gerät und jeder Routenplaner streikt hier. Keines der Geräte will dem Fahrer zumuten, hundert Meter lang zur Amphibie zu mutieren. Die Pontonfähre ist in keiner Routingsoftware gespeichert: man muss bis zur Anlegestelle auf der einen Seite routen und auf der anderen Seite die zweite Tour mit der anderen Anlegestelle beginnen. Sonst funktioniert die Tourplanung nur „außen herum“.

Motorradfahrer mit Beifahrerin vor Müllcontainer

Die dicken Planken der zusammengeschusterten Fähre sind alt und die ganze Stellage wirkt provisorisch. Eine Seilwinde zieht das Schwimmgefährt von Ufer zu Ufer. Wir fragen nach dem Preis. Zwei Euro pro Motorrad. Das ist für die albanischen Verhältnisse ein göttliches Salär. Garantiert zahlt ein Einheimischer nur einen Bruchteil. Egal, mangels Sprachkenntnissen hat Diskutieren wenig Sinn.

Nach weiteren zwei Kilometern erreichen wir gegen zwanzig Uhr Ksamil. Dieses Dorf wurde erst 1966 für die Arbeiter eines Zitrusfrüchtekombinats angelegt. Die Lage zwischen der Meerenge von Korfu im Westen und der Butrintlagune im Osten machen sie im Hochsommer zu einem beliebten Urlaubsziel der Albaner.

An den Hängen schossen in der Vergangenheit kleinere Hotels und Pensionen wie Pilze aus dem Boden. Eine Baugenehmigung haben viele Gebäude in Albanien nie gesehen, das ist ein großes Problem in allen Landesteilen. In Ksamil sehen wir viele schiefe, unbewohnbare Rohbauten. Da viele der Bauten keinerlei Baugenehmigung hatten (vermutlich sind nicht mal die Eigentumverhältnisse des Baugrunds geklärt) schob die Regierung im Mai 2010 alle Bauten zur Hälfte um, die nach dem Stichtag 31. Dezember 2006 schwarz gebaut wurden. Wie ein gestrandetes Schiffsgerippe ragen einige Rohbauten in die Landschaft. In den nächsten Wochen werden wir noch viele verlassene Rohbauten sehen, nur derartig „umgeschubste“ sind ein Merkmal dieser Region.

Der strom ist wie ein blinker: Geht – geht nicht – geht...
Die Hofeinfahrt vom Hotel Vila Bujari
Abendtlicher Blick vom Hotel Vila Bujari auf das Meer

Unser Navi will uns eine Straße hineinschicken, die gerade im Bau ist und aus knietiefem, grobem Schotter besteht. Wir winken ab und fahren einen Umweg. Dies mit dem Motorrad zu fahren – undenkbar.

Im familiären Hotel Vila Bujari* verständigen wir uns mit Händen und Füßen über unser Unterkommen. In Ordnung, hier bleiben wir. Wir packen ab. Und bemerken: Kein Strom. Müssen wir im Zimmer irgendwo eine Sicherung reindrehen? Nein, müssen wir nicht! Das ist der allabendliche Stromausfall. Der normalerweise bis achtzehn oder neunzehn Uhr dauert, wie uns die einzigen anderen, zufällig auch deutschen Gäste im Hotel erklären. Scheinbar ist heute ein Sonderfall.

Unsere Hausmutter hat versprochen, uns Abendessen zuzubereiten. Wir hungrig und nicht wählerisch. Für jeden von uns einen Teller Spaghetti mit Ketchupsoße und griechischer Salat. Zu einem Spottpreis. Wie es aussieht, hat sie eine Akkulampe und einen Gasherd. Irgendwann kommt der Strom wieder – fast hätten wir im Dunkeln essen müssen.

Es ist eine laue Nacht und wir sitzen draußen auf einer großen Terrasse. Später, als wir dann beim Bier und beim ziemlich sauren Wein sitzen, fressen uns die Mücken fast auf. Das nahe Wasser lässt grüßen. Plötzlich ist es stockdunkel – der Strom ist schon wieder weg! Unser Hausherr springt sofort herbei und bringt eine Akkulampe. Man ist vorbereitet, wie man sieht. Gut, dass wir auch Taschenlampen im Gepäck haben – wir sollten sie nur etwas griffbereiter verpacken ...

Südalbanien | Gjirokastër
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