Knochenstampfe Dorfchemnitz

Knochenstampfe Dorfchemnitz - www.bikerdream.deDas mit den Ortsschildern ist im Erzgebirge so eine Sache. Eine andere ist die mit der Sprache. Bayerisch ist es nicht, hochdeutsch ist es keinesfalls, und mit englisch kommt man auch nicht weiter.

Auf der Suche nach unserer Unterkunft müssen wir nach dem Weg fragen. Das kann nur uns passieren: wir geraten an einen Hörgeschädigten, der sich große Mühe gibt, uns zu antworten. Und wir uns große Mühe geben, ihn zu verstehen! Auch ein Hähnchenverkäufer verlässt fluchtartig und überaus hilfsbereit seinen am Parkplatz abgestellten Verkaufswagen, um uns mit Händen und Füßen den Weg zu zeigen.
Wir gelangen schließlich in einen Ort und wissen nicht genau, wo wir uns befinden.

Wir fragen einen Anwohner: "Sagen Sie, in welchem Ort sind wir hier?"
"Nu - in dr Kiehaad..."

Gut, wenn man weiß, daß "die Kiehaad" ins Hochdeutsche übersetzt "die Kühnhaide" heißt ... der Ort heißt also Kühnhaide. Zwei Orte weiter widerum bezeichnet man Kühnheide als Kieheed. Arzgebarg, wie bist du schie ... Namen und Begriffe wie "Rachts, Dulm, Zwäntz sowie Kiehaad" erleichtern das Fortkommen nicht gerade. Selbst wenn - was nahezu ausgeschlossen ist - die Phantasie die Begriffe wie rachts = rechts, Dulm = Thalheim, Zwäntz = Zwönitz, Kiehaad = Kühnhaide erklären würde, ist da immer noch das Problem der womöglich nicht vorhandenen Ortseingangsschilder. Oder haben wir es nur übersehen?

Schon wieder einmal ist ein technisches Denkmal unser Ziel: diesmal ist es die "Knochenstampfe" in Dorfchemnitz. In einem Bauernhof mit fränkischen Rautenfachwerk befindet sich eine betriebsfähige wasserradgetriebene Knochenstampfe.

Erste Frage, die sich wohl jeder stellt: Wozu braucht man zu Pulver gestampfte Knochen? Ganz einfach, das Knochenmehl wurde zum Düngen der Felder verwandt. Jeder, der Knochenabfälle hatte, trocknete sie und konnte sie an den "Mühlenbauern" zu einem geringen Entgelt verkaufen. Die Knochenstampfe wurde im Jahre 1744 eingerichtet, das Gebäude selbst ist aber wesentlich älter. Die senkrechte Anordnung der "Stampfen" (oder wie auch immer das heißt) besteht erst seit der Zeit des 1. Weltkriegs. Bis 1954 wurde die "Knochenstampfe" als solches genutzt.

Dem Gebäude angegliedert ist außerdem ein großer Backofen aus dem Jahre 1585. Dieser Steinbackofen war so dimensioniert, dass darin mindestens 30 Brote gleichzeitig gebacken werden konnten. Wir schätzen, dass der Backraum an die 3 m tief ist, aber nur ca. 40 cm hoch. (Wurde hier das ganze Dorf mit Brot versorgt?)

Man stelle sich das mal vor: Brennholz wurde in den ganzen Backraum gestapelt und angezündet. Der Rauch zog durch den quadratischen, vielleicht 6qm großen Vorraum. Diesen Nebeneffekt nutzte man findigerweise aus: Im wahrscheinlich übelst verqualmten Vorraum wurde gleichzeitig geräuchert! Die Wände jedenfalls sind glänzend schwarz von dieser Mischung aus Ruß und Fett. Nachdem das Holz im Backraum restlos verbrannt war, kratzte man die Asche- und Glutreste heraus und säuberte den Backraum so gut es ging mit einem Reisigbesen.

Die Ziegel hatten jetzt genug Hitze, dass man nach 2 Stunden fertige Brote mit Brotschiebern "ernten" konnte. Nach den Broten reichte die Hitze immer noch, um einige runde Backbleche mit Kuchen oder anderem Backwerk in den Ofen zu schieben.

Ein Quersackindianer - www.bikerdream.deQuersackindianer ?! Quer sack ... was?

So nannte man die im Erzgebirge zahlreich tätigen Strumpfwirker, die das Ergebnis ihrer Arbeit in einem sogenannten Quersack, den sie über die Schulter geworfen hatten, zu ihren Verlegern brachten. Ein Zimmer des Heimatmuseums ist deshalb auch den Strumpfwirkern gewidmet. Wie dieses Handwerk ausgesehen hat, wird durch zahlreiches Strumpfwirker-Werkzeug und alltäglichen Gebrauchsgegenständen in einer Strumpfwirker-Stube demonstriert.

Das Strumpfhandwerk hatte sich schon Anfang des 18.Jahrhunderts etabliert. An den mechanischen Handwirkstühlen arbeiteten Tausende Männer und Frauen in reinen Familienbetrieben. In den Wohnhäusern gab es meist einen Raum, in dem die Strümpfe produziert wurden. Mitte des 19. Jahrhunderts begann jedoch eine neue Ära anzubrechen: englische Cottonmaschinen verdrängten nach und nach die mechanischen Wirkstühle.

Um die Jahrhundertwende 1900 schossen die Strumpffabriken in Thalheim und dem Zwönitztal, Auerbach, Thum und Zschopau wie Pilze aus dem Boden. Thalheim zählte allein im Jahr 1897 schon 40 Fabrikanten. Mit dem Export nach Amerika fuhren die Fabrikanten hohe Gewinne ein, mußten aber auch nach 1906 harte Rückschläge einstecken, als die englische Ware die deutsche vom Markt verdrängte.

Noch heute zeugen in den erwähnten Orten die alten Fabriken von diesem Industriezweig. In einigen Orten (Thalheim, Auerbach, Dorfchemnitz) sind wahre Strumpfpaläste entstanden, die nach 1945 zum "Strumpfkombinat ESDA" zusammengefasst wurden. Nach der Wende arbeitet allerdings nur noch ein Bruchteil der Belegschaft als zu DDR-Zeiten an den erzgebirgischen Strumpfwaren.

Heute meist als öffentliche Gebäude genutzt, zeugen große, prunkvolle Villen vom Reichtum der einstigen Fabrikanten. In Thalheim wird eine einstige Fabrikantenvilla zum Beispiel als Ärztehaus genutzt.

Das "Weihnachtsbergzimmer" beinhaltet ein mechanisches Kleinod der Bastel- und Schnitzkunst der Erzgebirgler: wie schon der Name sagt - einen Weihnachtsberg. Auf einer Fläche von 2,5 x 1,5 m ist eine Landschaft aufgebaut. In dieser wird durch zahlreiche geschnitzte Figuren die Weihnachtsgeschichte dargestellt. Die Figuren sind alle beweglich und stellen in einer zeitlichen Abfolge die Geburt Jesu etc. dar.

Man darf sich den Weihnachtsberg nicht so vorstellen, daß es da an allen Enden rappelt und zappelt, sondern es bewegt sich immer nur eine Figur oder eine Figurengruppe. Dadurch läuft die Weihnachtsgeschichte wie ein Puppentrickfilm vor dem Besucher ab.

Absolut verblüffend ist dabei die Mechanik: Mit Gewichten wie bei einem Uhrwerk wird den Figuren Leben eingehaucht. Das muß man gesehen haben. Aber viele von den historischen Weihnachtsbergen existieren leider nicht mehr.

Scheinbar hatte der jeweilige Bastler eine Freude daran, im Weihnachtsberg ein Detail zu verstecken, daß absolut nicht zu der Geschichte passt - hier waren es diese Zwerge in einer Höhle. (Wir haben noch einen anderen, in Privatbesitz befindlichen Weihnachtsberg in Brünlos besichtigt, bei dem tauchte das artfremde Detail in Gestalt eines Bergwerks auf.) Unter der Grundplatte des Weihnachtsberges versteckt sich die ausgeklügelte Mechanik. Normalerweise ist sie versteckt, aber hier hat man sie aus Demonstrationszwecken nicht verbaut.

Der Weihnachtsberg war wohl früher für einen Bastler so etwas wie die Modelleisenbahn der Neuzeit. Da noch was hingeklebt und da noch ein Männchen geschnitzt - ein Ende war vermutlich nie abzusehen.

Knochenstampfe
Am Anger 1
08297 Zwönitz /
OT Dorfchemnitz

Telefon: 03 77 54- 28 66

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Samstag,
10-12 und 13-17 Uhr

Sonntag 12-17 Uhr

Montag und Dienstag geschlossen

 
   
 
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