VG-Wort

Tipps für Motorradfahrer Sicherheitstraining

Überfahren von Dreck auf Teer in Schräglage

Eine kleine Reise durch das Thema Sicherheitstraining

Wer scheiße schaut, fährt scheiße!

Es gibt sicher den Einen oder Anderen unter euch, der sagen wird: Käse, Sicherheitstraining brauche ich nicht, ich kann fahren. Wenn dem so ist, ist das ok. Dann lese aber hier am besten nicht weiter. Es sei denn, es interessiert Dich ein anderer Standpunkt zu diesem Thema.

Dann fahren wir mal los.

Ein wunderschöner Tag zum Motorradfahren. Temperaturen um die 15 Grad, Sonne pur und die Lust, Dich auf zwei Rädern durch die Welt zu bewegen. Perfektes Motorrad Wetter. Rauf auf die Maschine und los geht’s. Der Winter gerade vorbei, die Straßen salzfrei. Herz, was willst Du mehr?!

Na ja, ein wenig hölzern geht das Fahren schon noch. Wird aber sicher wieder. Du wedelst durch die Kurven. Plötzlich ist da dieser LKW, der Dir in der Kurve zu wenig Platz lässt. Oder warst Du zu weit drüben? Der Blick in die entsetzten Augen des LKW-Fahrers, der jeden Moment mit dem Aufprall rechnet, lässt Dich einfach nicht mehr los. Wohin, was machen, wie sieht die Rettung aus? Wie war das gleich? Maschine drücken oder bremsen oder oder …

Und genau da ist das Problem. Automatismen, welche irgendwann mal verinnerlicht wurden, greifen aus verschiedenen Gründen nicht mehr. Der erste ist, dass diese einfach über einen längeren Zeitraum nicht mehr gebraucht wurden. Zweitens macht sich Panik breit. Panik und Angst sind die schlechtesten Ratgeber in so einer Situation. Sie lassen Muskeln verkrampfen und somit ist auch kein situationsgerechtes Handeln mehr möglich.

Zu diesen Automatismen gehört unter anderen die Blickführung. Der Spruch eines Fahrsicherheitstrainers hat sich mir tief eingeprägt. „Wer scheiße schaut – fährt scheiße“. Gut, ein wenig vulgär ausgedrückt. Aber Recht hat er. Es gibt natürlich auch die etwas sanftere Methode, die da lautet: Die Augen führen das Motorrad. Die Blickführung ist meines Erachtens der zentrale Punkt beim Motorradfahren.

Ein Beispiel für richtige Blickführung. Besser geht nicht!
Je weiter der Blick voraus fällt, desto sicherer die Fahrweise!
Manchmal hilft auch etwas Ansporn von außen ;-)
Selbst im Langsam-Fahrbereich ist ein weiter Blick sehr hilfreich.

Im Grunde wird doch bei einem Sicherheitstraining nicht anderes gemacht als diese Automatismen wieder zu visualisieren, zu trainieren und dann im besten Falle wieder ins Unterbewusstsein absinken zu lassen. Automatismen sind doch Handlungsabläufe, die ohne daran zu denken abrufbar sind. Und genau das brauchen wir, um uns sicher auf zwei Rädern zu bewegen. Dabei ist es völlig Banane, um welche Maschine es sich handelt.

Nicht außer Acht zu lassen sind aber auch die Schräglage und die Kurventechnik. Damit die beiden Faktoren optimal zusammenspielen können, kommt es wiederum auf die richtige Blickführung an.

Spätes Einlenken, Kurven hinterschneiden und ein optimiertes Anbremsen und Beschleunigen führen zu einer optimierten Kurvenlinie oder besser gesagt Sicherheitslinie. Wenn Du diese Linie dann verinnerlicht hast, kann der entgegen kommende Bus gar nicht mehr so breit sein, dass er Dir gefährlich werden kann (s. Video Kurventechnik 2. Besser erklären geht nicht!). Als kleiner Tipp: In Linkskurven immer auf der Spur fahren, auf der Du beim Auto gedanklich den rechten, vorderen Reifen verorten würdest. Bei Rechtskurven läuft das Spiel ein wenig anders. Dazu mehr beim Kurventraining.

Ja klar, jetzt wirst Du bestimmt sagen: „Und was ist mit Bremsen?“. Gut, es gibt so tolle Sprüche wie: „Wer später bremst kommt früher an“ und so einige mehr. Solche Einstellungen halte ich allerdings für dringend zu überdenken, falls sie nicht witzig gemeint sein sollten. Die richtige Bremstechnik ist ebenfalls wichtig. Ich denke aber, dass durch die richtige Blickführung und die richtig angefahrene Kurve die eine oder andere Gefahrenbremsungen nicht mehr von Nöten ist. Außerdem ist das Thema „Bremsen“ ja nicht mehr ganz so einfach wie es früher einmal war. Die meisten von uns haben ja mittlerweile ABS an Bord. Ja mei, was soll da noch passieren. Das Mopped macht doch alles für mich.

So, und da sind wir an einem Punkt angelangt, wo es bei mir zweischneidig wird. Ja, Assistenzsysteme nehmen uns viel ab und reagieren auch wesentlich schneller als unser Gehirn. Aber, ersten braucht man beim ABS auch ein wenig Übung und Erfahrung und zweitens, was passiert, wenn das Teil mal ausfällt oder defekt ist?

Und nun mal ganz ehrlich. Wann hast Du, falls Du ein Mopped mit ABS besitzt, das letzte Mal in den Regelbereich gebremst, so aus 100 km/h? Da macht das Mopped nämlich vermeintlich komische Sachen, die dazu neigen die Bremse wieder zu lösen. Aber gut, Versuch macht klug.

Ja und da ist da auch noch diese komische Schräglage. Links oder rechts herum. Welche Seite geht besser? Jeder von uns Motorradfahrern hat seine Schokoladenseite. Auch bei einem Motorradneuling (um das Wort Anfänger nicht gebrauchen zu müssen) besteht oftmals die Aussage: das geht nicht weiter, ich bin schon am Anschlag. Klar, ist er – aber sein Motorrad noch lange nicht. Ja ja, warum muss man denn auch die maximale Schräglage fahren, die meine Reifen zulassen. Nee, muss man nicht, kann aber im Ernstfall einen Unfall verhindern.

Der Kreidestrich. Bei dieser Übung wird ein Kreidestrich quer von links nach rechts über die Lauffläche des Reifens gemalt. Nach ein paar gefahrenen Kreisen (mal mit dem Uhrzeigersinn, dann einige entgegen) wirst du an der Abnutzung des Kreidestrichs sehen, wie viel Reserve Deine Reifen noch bei der Schräglage haben. Und auch merken, dass vermutlich eine Richtung wesentlich „schräger“ läuft als die andere. Was Du für diese Übung brauchst, sind also etwas Kreide und einen Parkplatz, der dafür geeignet ist.

Warum haben wir denn Respekt davor, Schräglagen jenseits der 20 Grad zu fahren? Ein Danke an die Evolution! Ein rennender (oder jagender) Mensch kommt eben auf genau die 20 Grad, wenn er Kurven läuft. Blöd für uns ist nur, dass die Menschen länger auf der Jagd waren als sie heute Motorrad fahren. Deshalb müssen wir uns a) langsam an die Schräglage gewöhnen und b) die Grenzen des Motorrades kennen. Am besten und somit sehr empfehlenswert ist ein Schräglagentraining mit einem Motorrad, welches Ausleger hat. Umfallen nicht möglich. Bei diesem Training bekommst Du die unfallfreie Chance tatsächlich an die bei den meisten Reifen mögliche 45 Grad Schräglage zu gehen.

Dein angestrebtes Ziel soll es doch sein, die Einheit Mensch und Maschine zu optimieren. Nur flüssige, sofort abrufbare Handlungen im Zusammenspiel mit dem Können, Dein Zweirad sicher an den Rand des Grenzbreiches zu bekommen, garantieren einen souveränen Umgang mit dem Motorrad. Das „Einssein“ mit der Materie ist ein schönes und wohliges Gefühl. Fahren mit Respekt, aber ohne Angst. Zu wissen, wo Deine Grenzen sind. Entscheiden, wie viel Du von Deinen Fähigkeiten gerade benötigst. Selbst zu bestimmen, welche Risiken Du dabei eingehst.

Überfahren von Hindernissen erspart manche Notbremsung.
Schrecken aller Motorradfahrer. Dreck auf der Straße. Mit gezogener Kupplung und überfahren des Bereiches - kein Problem

Und Leute, was beim Motorradfahren in meinen Augen exorbitant wichtig ist, ist das eigene Bauchgefühl. Es gibt einfach diese Tage, wo irgendeine Stimme zu Dir sagt: lass es heute besser. Also meinereiner nimmt solche Stimmen sehr ernst. Eben aus Erfahrung: Der Fahrstil taugt nichts, die Kurvenlinie ist mehr oder minder bescheiden, der Kopf nicht frei. Das sind alles Gründe, es besser für diesen Moment sein zu lassen.

Die Stimmen sagen auch manchmal plötzlich Sachen, die entscheidend sein können. Bei einem unserer Touren in Spanien schießt mir vor einer nicht einsehbaren Rechtskurve auf einer Bergstrecke ein Gedanke in den Kopf – fahr die Kurve nicht wie sonst, sondern ganz rechts innen. Wenige Millisekunden später schießen zwei Rennradfahrer mit hoher Geschwindigkeit auf meiner Fahrbahn auf uns zu. Die entsetzten Schreie der Radler hatte ich noch lange in den Ohren.

Was ich in der Situation gelernt habe ist, schreien bringt leider keine Änderung der Situation. Bin im Schätzen nicht das hellste Licht auf der Kerze, aber mehr als 10 Zentimeter Abstand zwischen Rennradfahrer und meinem Lenker dürften es nicht gewesen sein. Ich könnte noch ein paar Geschichten aus der Praxis erzählen. Wird aber hier zu lang. Ja, klar, kann sich auch um Spinnerei handeln. Ist mir aber ehrlich gesagt egal, Hauptsache es hilft. Der Crash wäre auf jeden Fall nicht ganz so glimpflich abgegangen. Zwei Rennradfahrer gegen eine schwere Reise-Enduro mit einem Treiber jenseits der 100 kg und einer Sozia bei einer geschätzten Geschwindigkeit von 50 km/h. Das rummst ordentlich.

Mal ganz ehrlich. Ist Dir Dein Mopped schon einmal umgefallen. Wie war das? Huch, hoffentlich hat das keiner gesehen? Das geht gar nicht. So oder ähnlich war lange meine Meinung zum Thema. Dank meiner Erfahrung weiß ich mittlerweile, Motorradumfaller sind blöd, aber kein Beinbruch.

Was meistens ein wenig Kopfzerbrechen macht ist doch eher, wie bekomme ich die Kuh vom Eis, bzw. das Motorrad wieder auf die Räder. Im Regelfall sind bestimmt ein paar nette Leute da, die helfen. Was aber wenn nicht? Soll vorkommen. Wie so vieles aus dem Zweiradsektor ist das nur Technik, die Mann/Frau erlernen kann. Auch dazu findet ihr Anleitungen unter dem Punkt „Motorrad aufheben“.

Mensch, mein Kumpel und der Kumpel von ihm haben am Samstag Zeit. Vielleicht bringen die auch noch 10 weitere Freunde mit und wir machen eine Gruppenausfahrt. Prima Sache das Hobby mit mehreren zu teilen. Da haben wir auch so unsere Erlebnisse. In erster Linie sehr, sehr schöne. Vielleicht auch deswegen, weil sich alle Teilnehmer an ein paar grundlegende Regeln hielten. Kein Überholen in der Gruppe, versetzt Fahren mit ausreichendem Sicherheitsabstand und eher defensiv fahren. Öfters mal ein Päuschen für Kaffee oder notfalls auch ein kleines Eis. Das ist doch das Salz in der Motorrad Suppe.

Die Flucht ins Gelände. Oft allerletztes Mittel. Aber auch das will trainiert sein!

Ich bin nun schon seit 1977 auf zwei Rädern unterwegs bei geschätzten 220.000 km Fahrleistung. Ich möchte hier keinesfalls als Besserwisser, Leutebelehrer oder Wissensguru auftreten. Mir ist es einfach wichtig, dieses Thema wieder etwas präsent werden zu lassen.

Zu den Buchtipps möchte ich noch sagen, dass in meinen Augen das Buch „Motorradtraining alle Tage“ von Bernt Spiegel zur Pflichtlektüre eines jeden Motorradfahrers zählen sollte. Lieber Leser, gönne Dir das Buch! Nicht deshalb, weil die Bestellung auf unserer Seite zu einem sogenannten Affiliate-Link führt, durch den wir eine kleine Provision erhalten. Nein, ich bin 100%ig davon überzeugt, dass Du durch die Umsetzung der im Buch beschriebenen Übungen ein sichereren und somit besseren Fahrstil erlernst.

Wer sich dann wirklich eindringlich mit der Theorie zum Thema auseinander setzen will, dem möchte ich das Buch „Die obere Hälfte des Motorrades“ empfehlen. Aber da geht es wirklich um die oben beschriebenen Jäger aus der Steinzeit, welche ihre Beute noch ohne Motorrad jagen mussten. Ziemlich theoretisch und einiges an Lesestoff, der zu bewältigen ist. Beide Bücher sind allererste Sahne.

Die unten aufgeführten Videos bempfehle ich zum Thema. Es lohnt sich.

In diesem Sinne viel Spaß und vielleicht sieht man sich ja mal und denk immer dran: Wer Scheiße schaut, fährt Scheiße!*

Bikerdream empfiehlt
Berndt Spiegel | Die Obere Hälfte des Motorrads | Sicherheitstraining alle Tage

Motorbuchverlag | Bernt Spiegel

Die obere Hälfte des Motorrades

Nur wenn Mensch und Maschine eine Einheit bilden, fährt man schnell, sicher und vor allem gut Motorrad. Doch das, was so spielerisch-leicht aussieht, ist in Wirklichkeit eine höchst komplexe Angelegenheit, die in unglaublich hohes Maß an Koordination, Konzentration und Anpassungsfähigkeit erfordert. Bernt Spiegel zeigt in dieser aktualisierten Auflage, wie man die Einheit von Fahrer und Maschine wirklich erreicht. Diese »ganz andere Fahrschule« beschreibt auch die Grundlagen der Fahrphysik, wie man ein perfektes Fahrertraining aufbaut und seine Fähigkeitenim Sattel realistisch einschätzt. ... weiter lesen

Berndt Spiegel | Motorradtraining alle Tage | Übungsanleitung für jeden Tag

Motorbuchverlag | Bernt Spiegel

Motorradtraining alle Tage

Wenn es im Bereich Motorrad-Fahrtechnik einen Klassiker gibt, so ist es »der Spiegel«. Während die bereits 10. Auflage von »Die obere Hälfte des Motorrads« eher theoretisch ausgerichtet ist, bietet dieser Titel - bereits ebenfalls in 5. Auflage - vor allem praktische Tipps und Tricks für den Motorradalltag. Dass das Konzept bei den Fahrern außerordentlich gut ankommt, zeigen die Reaktion, die in diversen Internetforen nachzulesen sind. Gelobt werden einhellig der Praxisbezug, die leichte Umsetzbarkeit im Alltag und, immer wieder, die beiliegenden Übungskarten, die auch diese überarbeitete Neuauflage auszeichnen. ... weiter lesen

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