Motorradtouren Tschechien Anreise Südmähren

Anreise in die Region der Winzer

Ohne ein wenig böhmische Luft zu schnuppern ist die Anreise nach Mähren zwar möglich, aber es scheint in Böhmen ein Gummiband zu geben, das uns mit unbändiger Macht hinzieht!

Gerade ist der April in den Mai übergegangen. Ganz kurzfristig haben sich zwei Wochen Urlaub in den Kalender geschoben und nun kreisen unsere Gedanken um Ziele, die wir Anfang Mai ansteuern könnten. Anforderungen: Entspannt, ohne große Planungsarbeit, relativ kurze Anreise und noch ein großteils „weißer“ Fleck auf unserer bisherigen Reise-Landkarte.

Auf der Moldaubrücke in Rozmberk ist eine Pause obligatorisch, vielleicht sogar ein Kaffee im angrenzenden Gasthaus.

Mähr dich aus! Wer diesen Ausruf richtig deuten kann, der entstammt wohl meist einer Gegend im thüringischen und sächsischen Sprachraum. Wer gerne herum mährt, äußert sich gerne ausschweifend und kommt nicht auf den Punkt – was wir hingegen recht zügig tun: Mähren wird nicht unsere Lieblingstätigkeit, sondern unser Ziel, speziell Südmähren.

Ich wurde kurz vor der Abreise gefragt, wohin denn die Reise dieses Mal ginge. Ich: „Mähren.“ Stille. Leere Denkblasen. Fragezeichen. „Oh, Mähren – wo liegt das noch einmal bitte?“ Man kann es niemanden verdenken. Kein Mensch kann jede Region Europas kennen. Vermutlich wird der Westen Tschechiens auch nicht in den Pauschalreisen-Werbeprospekten angepriesen. Glauben wir zumindest, denn wir sind keine Leser derselben. Zudem ist Mähren nicht für Spektakuläres bekannt, die einem den Atem rauben. Wobei wir während unserer Reise schon das eine oder andere Mal etwas außer Atem geraten werden.

Ruhe, Natur und tschechische Kleinstädte sind genau unser Geschmack und die Abwesenheit von internationalem Tourismus stellt einen angenehmen Nebeneffekt dar. In Südmähren findet man neben lieblicher Landschaft und geschichtsträchtiger Architektur auch eine urwüchsige Weinkultur, qualitativ durchaus ebenbürtig mit dem deutschen Weinanbau. Wir lieben ja beide Landschaften mit Weinbergen und fahren gerne an die Mosel, nach Franken oder in die Pfalz, zum „Wandern und Weinen“. So erscheint uns Mähren genau richtig, um einen weiteren Landstrich vom vielfältigen Tschechien und natürlich auch den einen oder anderen vergorenen Traubensaft kennenzulernen.

Unser „Jetzt reichts aber!“ reicht nicht lang
Die Moldau bei Rozmberk begeistert uns bei jedem Besuch mit seinem ursprünglichen Flusslauf.

Doch vorerst befinden wir uns noch in Südböhmen. Für uns aus dem Süden Deutschlands liegt Südböhmen geradewegs auf der Anreisestrecke und damit auch die herrliche Region um die Moldau. Auf der Strecke nach Rožmberk nad Vltavou dirigiert uns ein Sperrschild auf eine Nebenstrecke. Vielleicht wird die Moldaubrücke repariert? Die Umleitung zieht sich kurvig über einsame Hügel und ist knapp zweispurig. So knapp, dass der Begegnungsverkehr von zweispurigen Fahrzeugen einige Fahrkünste erfordert. Nach einigen Kilometern lehnt sich ein Reisebus müde in den Straßengraben. Die Feuerwehr ist schon zu Gange, aber das kann dauern. U-Turn. Die Parallelstrecke der Umleitung führt auch zum Ziel. Nur schade, dass wir durch diese Matrjoschka-Umleitung den Kurvenwalzer der Moldau nicht in voller Länge genießen dürfen. Dann gibt’s diese geniale Moldaustrecke eben erst wieder beim nächsten Besuch.

Cesky Krumlov ist auch auf den weniger frequentierten Wegen am Fluss sehenswert. Und bei einem Durstanfall: die Brauerei liegt auf dem Weg.

Auch wenn wir schon elfmal in Český Krumlov im Süden Böhmens waren und wir nach dem letzten Besuch ein gesättigtes „Jetzt reichts aber“ ausstießen, wirft sich das malerische Städtchen angesichts unseres Zieles wieder in den Weg. Wenigstens für eine Nacht. Vielleicht ergattern wir ja für's Abendessen einen Platz in der ältesten Kneipe der Stadt, im „Na louži“?

Ach, so gut wir die Stadt auch schon kennen, so sehr genießen wir dennoch den Rundgang durch die urigen Straßen und Gassen, den Blick von verschiedenen Positionen auf die Moldau und hoch zur dramatisch aufragenden Burg und den beiden Wahrzeichen der Stadt, den Burgturm und die markante Mantelbrücke.

Teiche, Teiche, Teiche!
Inmitten des böhmischen „Karpfen-Paradieses“, an den Teichen von Třeboň.

Nach dieser kurzen Stippvisite geht’s am nächsten Morgen weiter in Richtung Osten. Wir lassen den Berg Kleť links liegen und überqueren die Moldau Richtung České Budějovice (Budweis). Rapsfelder verströmen einen lieblichen Duft, zumindest für glückliche Nicht-Allergiker wie uns. Herrliche Schwünge macht diese Straße! Ein ganz klein bisschen wie bei einer Achterbahn, wenn es nach oben geht und der Blick über die Kuppe noch verwehrt ist. Wir halten uns in Richtung des böhmischen „Karpfen-Paradieses“, den Teichen von Třeboň.

Die Straße führt auf einem mit alten, knorrigen Alleebäumen bewachsenen Damm zwischen zwei Teichen hindurch. Mehr als 500 Weiher und Fischteiche findet man in der Region von Třeboň (Wittingau) und Lomnice nad Lužnicí (Lomnitz) an der Lainsitz, aus denen das ganze Land mit Karpfen versorgt wird. Immerhin 75 dieser Teiche haben eine Fläche von mehr als 15 Hektar, die Bezeichnung Teich ist also zum großen Teil etwas tiefgestapelt.

Ob die Reiher-Scheuche auf den Teichen die gefrässigen Reiher - oder vielleicht auch Kormorane? - erfolgreich abschreckt?

Třeboň. Das ist wieder so ein Ortsname, den man als Deutscher noch nicht mal im Ansatz richtig aussprechen kann. Der Fieslingsbuchstabe „ř“ erlernen nämlich wirklich nur Tschechen richtig auszusprechen und selbst die müssen es im Kindesalter heftig üben. Wir kennen ihn aus Dvořák, da sprechen wir ihn wie „rsch“, das ist nicht falsch, aber der Tscheche wird unsere Aussprache wohl belächeln. Wir intonieren also den Ortnamen dilettantisch Trschebon.

Im Mittelalter begannen die Tschechen zu Weihnachten Karpfen zu essen. Und Karpfen mit Kartoffelsalat ist immer noch DAS Weihnachtsessen schlechthin. Anfang Oktober werden die Teiche jedes Jahr mit Booten, Netzen und ganz viel Manpower abgefischt. Von diesem Spektakel, das jedes Jahr tausende Besucher anzieht, sind wir jetzt im Mai natürlich noch meilenweit entfernt. Alle paar Minuten kommt ein Fahrzeug den Damm entlang. Das war's. Stille. Ein Pirol ruft, auch ein Kuckuck sendet gelegentlich seinen markanten Ruf. Ein Kolkrabe schwingt sich krächzend zu seinem Nest hoch im Baumwipfel. Frösche quaken unüberhörbar irgendwo aus den Uferbereichen und verschwinden im Wasser, sobald wir uns nähern.

Wir laufen auf zwei meterhohe grüne Silos zu. Lange Rohre ragen bis knapp über die Wasseroberfläche. Vermutlich lagern hier Tonnen von Fischfutter, das dann in regelmäßigen Abständen portionsweise in den See geleitet werden?

Weiter geht’s durch Rapsfelder an Jindřichův Hradec vorbei. Der Name Hradec verkündet stolz, dass in diesem Ort mit einer Burg (Hrad) zu rechnen ist.

Weiter geht’s durch Rapsfelder an Jindřichův Hradec vorbei, über Kunžak nach Český Rudolec. Der Name Hradec verkündet stolz, dass in diesem Ort mit einer Burg (Hrad) zu rechnen ist. Wir fahren aber nicht in die Stadt hinein, sondern streben weiterhin unserem mährischen Ziel zu. Die Strecke ist von Motorradfahrern gut frequentiert. Kein Wunder, denn die super in Schuss gehaltenen Straßen führen generell schwungvoll durch saftige Wiesen.

Smažený Sýr schließt den Magen nach wenigen Bissen

Zeit für die Mittagspause. In einer Hospoda im Örtchen Dačice (Datschitz) genehmigen wir uns Smažený Sýr, wörtlich übersetzt geschmolzener Käse. Vorstellen muss man sich das als dicke Edamer-Scheibe, die paniert und gebraten wird. Dazu wird meist Pommes Frites sowie eine Sauce Tartar serviert, was schlichtweg eine Remoulade ist. Das muss jedes Mal sein. Einmal zumindest. In der Hospoda werden uns je drei Käsedreiecke mit Salzkartoffeln serviert. Ich kämpfe schon nach dem ersten Stück mit dem Sättigungsgefühl. Käse schließt den Magen. Die drei Stück auf dem Teller, noch dazu mit den Salzkartoffeln, sind wohl die Portion für den hungrigen Bauarbeiter, die hier an anderen Tischen sitzen.

Ein wuchtiger Turm ragt neben der Hospoda in den Himmel. Wie ein Kirchturm schaut er nicht aus, ist aber wohl trotzdem einer.

Ein wuchtiger Turm ragt neben der Hospoda in den Himmel. Wie ein Kirchturm schaut er nicht aus, ist aber wohl trotzdem einer. Nun werden die Straßen noch schmaler. Kein Verkehr behindert die Fahrt. Heute ist in Tschechien ein Feiertag, der 8. Mai. Tag des Sieges nennen sie ihn, bis vor etwa 20 Jahren war es noch der „Tag der Befreiung“ von den Nationalsozialisten. Bleiben sie heute alle zu Hause? Auf dem Land ist auf jeden Fall nichts los. So gut wie kein Verkehr, nur Rebhühner flitzen oder stolzieren in den schönen Obstbaumalleen vor uns her. Wir sind ausnahmsweise nicht mit dem Motorrad unterwegs, sondern konnten dieses Mal aus diversen Gründen nur mit dem Auto fahren. Nicht fahren war keine Option, also dann zur Not auch mit vier Rädern. Auch wenn das zwei Räder zu viel sind.

Pavlov / Pollauer Berge
detailansicht